MAX BARRY LOGOLAND Roman Aus dem Englischen von Anja Schüneman Für CHARLES THIESEN, der unbedingt wollte, dass ich dieses Buch »Capitalizm« nenne »Mit Geld, sagte Cäsar, wollen wir uns Menschen verschaffen und mit Menschen Geld.« THOMAS JEFFERSON, 1784 »... eine weise und sparsame Regierung, die den Einzelnen zwar hindert, seine Mitmenschen zu schädigen, ihn aber sonst freilässt in der Regelung seiner eigenen Angelegenheiten, Geschäfte und Be strebungen und die dem Arbeitenden das Brot nicht nimmt, das er sich verdient hat. Das sind die Hauptaufgaben einer guten Regie rung ...« THOMAS JEFFERSON, 1801 Vorbemerkung des Autors In diesem Buch kommen viele reale Firmen und Markennamen vor -- meist in Zusammenhängen, wie sie kaum jemals auf den Titelsei ten der Jahresberichte dargestellt würden. Das liegt daran, dass dies ein Roman ist und die Ereignisse darin nicht der Wirklichkeit ent sprechen. Die meisten Leser mögen das für eine Selbstverständlich keit halten, aber manche Leute (nennen wir sie »Juristen«) reagieren äußerst gereizt, wenn jemand beschreibt, wie große Konzerne bei spielsweise einen Mord planen. Um es klar zu sagen: Dies ist ein fiktionaler Text. Die dargestellten Handlungen sind weder real, noch beruhen sie auf tatsächlichen Ereignissen. Jegliche Ähnlichkeit mit wirklichen Personen ist zufällig. Die Nennung authentischer Firmen und Markennamen dient ausschließlich dazu, den Effekt der erfundenen Geschichte zu steigern, und wurde in keiner Weise von den betreffenden Unternehmen gebilligt. Teil1 1. Nike Hack hörte am Wasserspender zum ersten Mal von Jennifer Go vernment. Dass er sich überhaupt dort aufhielt, lag nur daran, dass das Gerät auf seiner Etage leer war. Das Gesetz werde über Natures Springs hereinbrechen wie eine Tonne Scheiße, jede Wette. Hack war Merchandise Distribution Officer. Das hieß im Klartext: Wenn Nike eine neue Serie Plakate oder Kappen oder Strandlaken heraus brachte, hatte Hack dafür zu sorgen, dass sie ihren Bestimmungsort erreichten. Und wenn irgendwo Plakate oder Kappen oder Strand laken fehlten, dann musste Hack sich mit den Beschwerdeanrufen herumschlagen. Auf die Dauer war das nicht besonders spannend. »Eine Katastrophe ist das«, sagte einer der Männer am Wasserspen der. »Nur noch vier Tage, bis wir die Dinger auf den Markt werfen, und ich hab Jennifer Government am Arsch.« »Schöne Scheiße«, sagte der andere. »Und was jetzt?« »Wir müssen uns schnell was einfallen lassen.« Er bemerkte Hack, der gerade seinen Becher füllte. »Hi.« Hack blickte auf. Die Männer lächelten ihn an, als ob sie ihn für ihresgleichen hielten -- was natürlich nur daran lag, dass Hack sich auf einer fremden Etage befand. Sie wussten nicht, dass er nur ein Merc Officer war. »Hi.« »Hab dich hier noch nie gesehen«, sagte der KatastrophenTyp. »Neu?« »Nein, ich arbeite im Merc.« Naserümpfen. »Ach so.« »Bei uns ist das Wasser alle«, erklärte Hack und wollte eilig wieder verschwinden. »He, wart mal«, sagte der Typ im Anzug. »Hast du schon mal was mit Marketing zu tun gehabt?« »Ähm ...« Hack wusste nicht recht, ob das ein Scherz sein sollte. »Nein.« Die Anzugtypen wechselten einen Blick. Der KatastrophenTyp zuckte mit den Schultern. Dann streckten beide Hack die Hände entgegen. »Ich bin John Nike, Guerilla Marketing Operative, Pro duktNeueinführungen.« »John Nike, VicePresident Guerilla Marketing, Produkt Neueinführungen«, sagte der andere. »Hack Nike«, sagte Hack und schlug ein. »Hack, ich bin zu Personalentscheidungen mittlerer Reichweite befugt«, sagte VicePresident John. »Hättest du vielleicht Interesse an einem Job?« »Im ... Marketing?« Hack spürte einen Kloß im Hals. »Natürlich keine Festanstellung, nur auf Honorarbasis«, stellte der andere John klar. Hack brach in Tränen aus. »Hier«, sagte einer der Johns und reichte ihm ein Taschentuch. »Gehts wieder?« Hack nickte beschämt. »Tut mir Leid.« »Schon in Ordnung, kein Problem«, sagte VicePresident John. »Berufliche Veränderungen können sehr belastend wirken. Hab ich mal irgendwo gelesen.« »Hier, lass uns den Papierkram erledigen.« Der andere John drück te ihm einen Stift und einen Stapel Blätter in die Hand. Auf der er sten Seite stand VERTRAG ÜBER ZU ERBRINGENDE LEISTUNGEN, die übrigen Seiten waren unleserlich klein bedruckt. Hack zögerte. »Soll ich das jetzt sofort unterschreiben?« »Keine Sorge -- nur die üblichen Konkurrenzklauseln und Ge heimhaltungsverpflichtungen.« »Na ja, aber ...« Die Unternehmen wurden in letzter Zeit immer heikler mit ihren vertraglichen Bestimmungen. Hack hatte da Ge schichten gehört -- bei Adidas konnte man, wenn man kündigte und der Nachfolger nicht dasselbe leistete, wegen Gewinneinbußen verklagt werden. »Hack, das hier ist was für Kurzentschlossene. Wir brauchen je manden, der aus dem Stand entscheiden kann.« »Einen, der nicht lange rumfackelt, sondern den Stier bei den Hör nern packt.« »Wenn das allerdings nicht dein Ding ist ... vergessen wir das Ganze einfach. Schwamm drüber, dieses Gespräch hat nie stattge funden, und du bleibst eben im Merchandising.« VicePresident John wollte ihm den Vertrag wieder aus der Hand nehmen. »Doch, doch, ich kann sofort unterschreiben«, protestierte Hack und hielt die Papiere fester. »Liegt ganz bei dir«, sagte der andere John und setzte sich auf den Stuhl neben Hack. Er schlug die Beine übereinander, verschränkte die Hände über dem Knie und lächelte. Im Lächeln waren sie beide gut, bemerkte Hack. Wie wahrscheinlich alle diese MarketingFuzzis. Auch ihre Gesichter ähnelten sich auffällig. »Nur eine Unterschrift da unten.« Hack unterschrieb. »Und da noch eine«, sagte der eine John. »Und dann noch auf der nächsten Seite ... und da. Und da.« »Willkommen im Team, Hack.« VicePresident John nahm den Vertrag und ließ ihn in einer Schublade verschwinden. »Und jetzt: Was weißt du über Nike Mercurys?« Hack blinzelte. »Das ist unsere neueste Entwicklung. Ich habe sie noch nicht selbst gesehen, aber ... ich hab gehört, dass sie fantastisch sind.« Die Johns lächelten. »Wir haben vor einem halben Jahr die ersten Mercurys auf den Markt gebracht. Und weißt du, wie viele Paar seitdem abgesetzt wurden?« Hack schüttelte den Kopf. Mercurys kosteten Tausende Dollar pro Paar, aber das hielt die Leute sicher nicht davon ab, sie zu kaufen. Sie waren die heißesten Sneakers der Welt. »Eine Million?« »Zwei hundert.« »Zweihundert Millionen?« »Nein, zweihundert Paar.« »John hatte die bahnbrechende Idee, das Produkt zurückzuhalten, um den Markt anzuheizen. Das steigert die Nachfrage bis zur Eksta se.« »Und jetzt ist es Zeit abzukassieren. Am Freitag werfen wir 400 000 Paar auf den Markt, und zwar zum Preis von jeweils zweieinhalb Riesen.« »Was uns bei Produktionskosten von -- wie viel war das noch mal?« »85.« »... bei Produktionskosten von 85 Cent einen Bruttogewinn von knapp einer Milliarde Dollar einbringt.« Der andere John blickte VicePresident John an. »Genialer Schachzug.« »Im Grunde ein ganz simpler Trick«, sagte der VicePresident. »A ber jetzt kommt der Haken: Wenn die Leute merken, dass es die Mercurys in jeder Mall im ganzen Land gibt, dann ist die Nachfrage, die wir so mühsam aufgebaut haben, mit einem Schlag wieder da hin. Hab ich Recht?« »Klar.« Hack hoffte, dass das überzeugend klänge. Eigentlich verstand er rein gar nichts von Marketing. »Und weißt du, wie wir das verhindern werden?« Er schüttelte den Kopf. »Wir knallen die Leute, die welche kaufen, einfach ab.« Schweigen. »Was?«, fragte Hack ungläubig. »Na ja, natürlich nicht alle«, schränkte der andere John ein. »Wir haben uns überlegt, dass wir nur ... was hatten wir gesagt, wie viele wir kaltmachen? Fünf?« »Zehn«, korrigierte VicePresident John. »Sicher ist sicher.« »Genau. Wir legen zehn Käufer um, lassen es so aussehen, als wä ren es GettoKids gewesen, und schon haben wir Street Credibility bis zum Abwinken. Ich wette, wir werden auf die Art und Weise unse ren gesamten Bestand in 24 Stunden los.« »Ich weiß noch, früher ... da war auf diese kleinen Straßengören echt Verlass. Haben immer irgendwen für die neuesten Nikes abge knallt«, sinnierte VicePresident John. »Heutzutage gehen sie den Leuten schon für Reeboks ans Leder, für Adidas -- und sogar für gottverdammte BilligImitate.« »Kein Modebewusstsein mehr auf der Straße«, seufzte der andere John. »Die würden wahrhaftig jeden Schrott anziehen.« »Es ist eine Schande! Na ja -- Hack, ich denke, du hast kapiert, worum es geht. Wir reden hier von einer bahnbrechenden Kampa gne.« »Das ist mehr als provokant -- es ist der Inbegriff des Provokan ten«, ergänzte der andere John. »Ähm ...« Hack schluckte. »Ist das nicht irgendwie ... illegal?« »Er fragt, ob es illegal ist!«, sagte der eine John belustigt. »Du bist ein echter Witzbold, Hack. Ja, es ist allerdings illegal, Leute ohne deren Zustimmung umzubringen. Das ist sogar ganz verdammt illegal!« VicePresident John ergriff wieder das Wort. »Aber die entschei dende Frage für uns lautet: Was kostet es uns? Selbst wenn man uns auf die Schliche kommt -- dann gehen eben ein paar Millionen für Anwaltskosten drauf, ein paar Millionen für Geldstrafen ... Aber unterm Strich haben wir immer noch einen riesigen Schnitt ge macht.« Eine ganz bestimmte Frage brannte Hack gewaltig auf den Nägeln. »Und dieser Vertrag ... was steht da jetzt drin, was habe ich dabei zu tun?« Der John neben ihm faltete die Hände. »Tja, Hack, wir haben dir unseren Plan erklärt. Was wir von dir wollen, ist ...« »... dass du ihn ausführst«, ergänzte VicePresident John. 2. McDonald's Erst als Hayley vorn an der Tafel stand, fiel ihr zum ersten Mal auf, wie viele ihrer Mitschülerinnen blond waren. Das war der reinste Sandstrand. Sie hatte den Trend verschlafen. Gleich nach der Schule würde sie schnurstracks zum Frisör gehen müssen. »Bitte, du hast das Wort«, sagte der Lehrer. Hayley warf einen Blick auf ihre Notizkärtchen und holte tief Luft. »Warum ich Amerika liebe, von Hayley McDonalds. Amerika ist der großartigste Zusammenschluss von Ländern auf der Welt, weil wir frei sind. In Ländern wie Frankreich, wo die Regierung nicht privatisiert ist, müssen die Menschen noch Steuern zahlen und alles tun, was die Regierung ihnen vorschreibt, was ganz schön ätzend sein muss. Wir in den USALändern respektieren die Rechte des Individuums, und bei uns darf jeder tun, was er will.« Der Lehrer kritzelte etwas auf seinen Notizblock. McDonalds gesponserte Schulen waren wirklich billig ausgestattet. In den Pepsi Schulen hatten alle Notebooks. Deren Schuluniformen waren auch viel cooler. Mit dem Golden ArchesFirmenlogo auf dem Rücken hat te man es wahrhaftig nicht leicht, cool zu sein. »Bevor in den USALändern die Steuern abgeschafft wurden, nahm die Regierung den Menschen, die arbeiteten, Geld weg und gab es denen, die keinen Job hatten. Das heißt, je nutzloser man war, desto mehr Geld bekam man.« Keine Reaktion von den Mitschülern. Selbst der Lehrer verzog keine Miene. Hayley stutzte -- das hätte eigentlich ein Brüller sein sollen. »Aber jetzt haben wir in Amerika die besten Unternehmen und massenhaft Geld, weil alle arbeiten und die Regierung das Geld nicht für Kampagnen, Wahlen, neue Gesetze und solchen Schwach sinn verpulvern kann. Sie sorgt nur dafür, dass keiner stiehlt oder einen anderen verletzt. Den Rest regelt die Privatwirtschaft, die -- wie ja jeder weiß -- sowieso viel effizienter arbeitet.« Hayley warf einen Blick auf ihre Notizen, ja, das war alles. »Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass Amerika der großartigste Zusammen schluss von Ländern auf der Welt ist und dass ich stolz bin, in den Australischen Territorien der USA zu leben!« Spärlicher Applaus. Es war das achte Referat in diesem Kurs. All mählich riss der Kapitalismus offenbar niemanden mehr vom Hok ker, stellte Hayley fest. Sie wollte zu ihrem Platz zurückkehren. »Augenblick noch«, meinte der Lehrer. »Ich habe ein paar Fragen.« »Oh«, sagte Hayley. »Haben Steuern auch positive Aspekte?« So eine billige Frage, dachte Hayley erleichtert. »Manche finden Steuern gut, weil auf diese Art Leute Geld bekommen, die keins haben. Aber wer kein Geld hat, muss doch entweder faul oder dumm sein, und warum soll er dann das Geld von anderen Leuten bekommen? Die Antwort ist also ein klares Nein.« Der Lehrer kniff die Augen zusammen und machte sich eine Notiz. Bestimmt war er schwer beeindruckt von ihrer Antwort. »Und wie steht es mit sozialer Gerechtigkeit?« »Bitte?« »Ist es denn gerecht, dass manche Leute reich sind, während ande re gar nichts haben?« Hayley trat von einem Fuß auf den anderen. Gerade war ihr einge fallen: Dieser Lehrer hatte es mit der Armut. Er ritt ständig darauf herum. »Ähm ... ja, das ist gerecht, weil ... wenn ich zum Beispiel für eine Prüfung ordentlich büffele und die volle Punktzahl bekomme, und Emily tut nichts und fällt durch ...« Die Klasse horchte auf. Emi lys blonde Augenbrauen zuckten in die Höhe. »... dann wäre es doch wohl ungerecht, mir Punkte wegzunehmen und sie ihr zu ge ben, oder etwa nicht?« Der Lehrer runzelte die Stirn. Hayley geriet plötzlich in Panik. »Außerdem -- in den NichtUSALändern sollen alle Leute gleich sein. Wenn man da zum Beispiel eine Schwester hat, die blind zur Welt gekommen ist, wird man auch geblendet -- zum Ausgleich. Ist das nicht furchtbar ungerecht? Ich bin jedenfalls lieber Amerikane rin als EU...Mensch.« Sie strahlte ihre Mitschüler an. Diese klatsch ten jetzt erheblich eifriger als zuvor. »War das alles?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Ja, danke.« Welch Erleiterung! Während sie zu ihrem Platz ging, zwinkerte ein cooler Typ in der dritten Reihe ihr zu. »Übrigens, Hayley«, sagte der Lehrer, »in den NichtUSALändern wird niemand geblendet.« Hayley blieb stehen. »Tja, ist doch irgendwie scheinheilig, nicht?« Die Klasse johlte. Der Lehrer öffnete den Mund, doch dann schloss er ihn wieder. Hayley setzte sich. Astreiner Auftritt, dachte sie. Dem hatte sie es gezeigt. 3. Die Polizei Hack steckte im Berufsverkehr fest. Er kaute an den Nägeln -- der Tag war nicht gut gelaufen. Allmählich kam er zu der Überzeugung, dass es der Fehler seines Lebens gewesen war, sich auf der Marke tingEtage einen Becher Wasser zu holen. Hack bog in eine Seitenstraße ein und parkte seinen Toyota. Das Auto knatterte wütend und stieß eine schwarze Rauchwolke aus. Hack brauchte dringend ein neues. Wenn sich dieser Job auszahlte, würde er vielleicht aus St. Kilda wegziehen und sich eine etwas ge räumigere Wohnung mieten können, vielleicht mit mehr Tages licht ... Er schüttelte wütend seinen Kopf. Was waren das bloß für Gedan ken? Er würde niemanden erschießen. Noch nicht mal für eine besse re Wohnung. Er stieg die Treppe zur zweiten Etage hoch und schloss die Tür auf. Im Wohnzimmer hockte Violet im Schneidersitz auf dem Boden, ihr Notebook auf dem Schoß. Violet war seine Freundin. Außer ihr kannte er niemanden, der keine Anstellung hatte -- abgesehen von den Obdachlosen, die manchmal versuchten, von ihm Geld zu schnorren. Violet war selbstständige Unternehmerin. Eines Tages würde sie bestimmt reich sein -- klug und energisch wie sie war. Manchmal wusste Hack nicht recht, warum sie eigentlich zusam men waren. Er ließ die Aktentasche fallen und wand sich aus seiner Jacke. Der Tisch war übersät mit Rechnungen. Hack hatte sich bei seiner letz ten Gehaltsverhandlung nicht besonders geschickt angestellt, was ihn jetzt ziemlich wurmte. »Violet?« »Hmm?« »Kann ich mal mit dir reden?« Ohne aufzublicken, fragte sie: »Ist es was Wichtiges?« »Ja.« Sie runzelte die Stirn. Hack wartete. Violet ließ sich nicht gern bei der Arbeit stören. Violet ließ sich überhaupt nicht gern stören. Sie war klein und zierlich und wirkte mit ihrem langen, braunen Haar viel zerbrechlicher, als sie tatsächlich war. »Was gibts?« Er setzte sich auf die Couch. »Ich habe eine Dummheit gemacht.« »Oh nein, Hack, nicht schon wieder!« Hack hatte in letzter Zeit mehrmals auf dem Heimweg die richtige Abzweigung verpasst. Am vergangenen Dienstag war er auf eine PremiumStraße geraten und hatte elf Dollar an Gebühren verpul vert, ehe eine Abfahrt kam. »Nein, ich meine eine richtig große Dummheit.« »Was ist passiert?« »Tja, also man hat mir einen Job angeboten ... im Marketing ...« »Ist doch spitze! Wir können das Geld gut gebrauchen.« »... und ich habe einen Vertrag unterschrieben, ohne ihn vorher zu lesen.« Pause. »Oh«, sagte Violet dann. »Na ja, vielleicht ist ja gar nichts dabei ...« »Da steht drin, dass ich Leute umbringen muss.« »Dass du was?« »Das Ganze ist so eine Art PromotionKampagne. Ich muss ... ahm ... zehn Leute umbringen.« Einen Moment lang sagte sie gar nichts. Hack hoffte nur, dass sie ihn nicht anschreien würde. »Ich glaube, ich sehe mir diesen Vertrag lieber mal an.« Er ließ den Kopf hängen. »Du hast keine Kopie davon?« »Nein.« »O Hack!« »Tut mir Leid.« Violet biss sich auf die Lippe. »Also, du kannst das auf keinen Fall durchziehen. Diese Regierungsleute sind nicht solche Weicheier, wie alle meinen. Die würden dich garantiert schnappen. Andererseits weißt du aber nicht, was für Strafklauseln in dem Vertrag stehen ... Ich finde, du solltest zur Polizei gehen.« »Meinst du wirklich?« »An der Chapel Street ist eine Wache. Wann sollst du ... es ma chen?« »Freitag.« »Geh zur Polizei. Jetzt sofort.« »Okay. Du hast Recht.« Hack griff nach seiner Jacke. »Danke, Vio let.« »Warum passieren solche Sachen immer ausgerechnet dir, Hack?« »Ich weiß es nicht«, sagte er. Ihm war zum Heulen zu Mute. Be hutsam zog er die Tür hinter sich zu. Die Polizeiwache war nur ein paar Häuserblocks entfernt. Beim Anblick des Gebäudes schöpfte Hack gleich neue Zuversicht. An der neonblau angestrahlten Fassade stand unter einem blinkenden Blau licht in riesigen Buchstaben das Wort POLIZEI. Wenn es jemanden gab, der ihm aus diesem Schlamassel heraushelfen konnte, dann müsste dieser Jemand in einem solchen Gebäude zu finden sein, dachte Hack. Die Automatiktür glitt auf, und Hack ging zum Empfangsschalter. Eine Frau in Uniform -- Hack wusste nicht, ob sie eine echte Polizi stin war oder eine stilecht gekleidete Empfangsdame -- lächelte. Aus einem Lautsprecher ertönte der Song aus der Fernsehwerbung der Polizei, Every Step You Take. »Guten Abend, was kann ich für Sie tun?« »Ich habe da ein Problem, das ich gern mit einem Officer bespre chen würde, bitte.« »Darf ich fragen, worum es geht?« »Ähm, tja ... man hat mich beauftragt, jemanden umzubringen«, erklärte Hack. »Genauer gesagt, mehrere Leute.« Die Augenbrauen der Empfangsdame zuckten einen Millimeter nach oben und kehrten gleich darauf in ihre Ausgangsposition zu rück. Hack atmete erleichtert auf. Eine Strafpredigt von der Emp fangsdame hätte ihm gerade noch gefehlt. »Nehmen Sie bitte einen Moment Platz, Sir. Ein Officer wird gleich bei Ihnen sein.« Hack ließ sich in einen weichen, blauen Sessel sinken und blätterte in einer Zeitschrift herum. Nach ein paar Minuten kam ein Polizist auf ihn zu. Hack erhob sich. »Ich bin Senior Sergeant Pearson Police«, stellte der Mann sich vor und begrüßte Hack mit einem festen Händedruck. Er trug einen schmalen, kurz geschnittenen Schnurrbart, machte aber im Übrigen einen ganz kompetenten Eindruck. »Bitte hier entlang.« Hack folgte ihm durch einen Gang, der mit flauschigem Teppich ausgelegt war, in ein kleines, geschäftsmäßig wirkendes Bespre chungszimmer. Die Bilder an der Wand zeigten Polizisten, die gera de Verbrecher aus Häusern abführten, vor Gerichtsgebäuden stan den oder Demonstranten vor einem Firmengebäude die Schädel einschlugen. Als Pearson sich setzte, erhaschte Hack einen kurzen Blick auf die Handschellen und die Pistole an seinem Gürtel. Seine Zuversicht wuchs. »Nun, was haben Sie für ein Problem?« Der Polizist schlug ein No tizbuch auf. Hack erzählte ihm die ganze Geschichte. Als er fertig war, schwieg Pearson lange. Schließlich hielt es Hack nicht mehr aus. »Was mei nen Sie?« Pearson legte die Fingerspitzen aneinander. »Zunächst einmal ist es gut, dass Sie hergekommen sind. Sie haben sich völlig richtig ver halten. Und jetzt lassen Sie uns mal überlegen, welche Möglichkei ten Sie haben.« Er klappte das Notizbuch zu und schob es beiseite. »Erstens: Sie können diesen Vertrag mit Nike erfüllen. Ein paar Leu te erschießen. In dem Fall würden wir gegen Sie ermitteln -- sofern wir von der Regierung oder von den Hinterbliebenen der Opfer ei nen entsprechenden Auftrag bekämen.« »Ja.« »Und wir würden Sie kriegen, Hack. Unsere Erfolgsquote liegt bei 86 Prozent. Jemanden wie Sie -- unerfahren, ohne Rückhalt -- hät ten wir binnen Stunden gefasst. Ich rate Ihnen also dringend davon ab, den Vertrag zu erfüllen.« »Ich weiß ja, ich hätte ihn erst lesen sollen«, sagte Hack, »aber ...« »Zweitens: Sie können die Ausführung verweigern. Damit setzen Sie sich den vertraglich angedrohten Strafen aus. Und die sind ge linde gesagt meist nicht von Pappe. Das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erzählen.« Hack nickte. Er hoffte inständig, Pearson möge noch eine andere Lösung in petto haben. »Und nun zu einer weiteren Alternative.« Pearson beugte sich vor. »Sie schließen mit uns einen Untervertrag. Wir führen die Morde für Sie aus, und zwar zu äußerst günstigen Konditionen. Wie Sie sicher aus unserer Werbung wissen, bleibt Ihre Identität streng geheim. Wenn die Regierung gegen uns vorgeht, ist das nicht Ihr Problem.« »Ist das tatsächlich die einzige Alternative?«, fragte Hack. »Nun, wenn Sie eine Kopie des Vertrags hätten, würde ich Ihnen raten, mit unserer Rechtsabteilung zu sprechen. Aber Sie haben wohl keine?« »Ähm ... nein.« Hack zögerte. »Wie viel würde es kosten, wenn ...?« Pearson blies die Backen auf. »Kommt ganz drauf an. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie nicht auf bestimmte Personen fest gelegt? Die Opfer müssen nur Leute sein, die diese MercurySchuhe gekauft haben?« »Genau.« »Also, das gibt schon mal einen Preisnachlass. Wir können gezielt Personen aussuchen, die nicht die Mittel haben ... na ja, Sie wissen schon, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Und insgesamt müssen zehn ausgeschaltet werden, das gibt Mengenrabatt. In dem Fall könnten wir es für ... sagen wir ... für 150 machen.« »150 was?« »Riesen«, sagte Pearson. »150 Riesen, Hack, was halten Sie da von?« Hack war verzweifelt. »Ich bin bloß Merchandise Officer, ich ver diene 33 im Jahr ...« »Kommen Sie mir jetzt bitte nicht auf die Tour«, unterbrach Pear son und verzog gequält das Gesicht. »Entschuldigung.« Hack stieg das Wasser in die Augen. Zum zweiten Mal an einem Tag! Er war wirklich mit den Nerven am En de. »Also meinetwegen: 130. Das ist mein letztes Wort. Sie können ja mal bei der NRA, der amerikanischen Waffenlobby, anfragen, aber ich garantiere Ihnen, da kommen Sie auch nicht günstiger weg. Was ist nun -- kommen wir ins Geschäft?« »Ja.« Hack wischte sich zornig über das Gesicht, während Pearson sich daran machte, den Vertrag aufzusetzen. 4. Mitsui Aus dem Radiowecker war zu hören: »... und Gerüchte über hohe Gewinne. Microsoft ist auf 22 abgerutscht, nachdem das Unterneh men bekannt gab, dass aufgrund verzögerter Lieferungen ...« Buy bekam keine Luft. Seine Brust schmerzte. Ein Herzinfarkt!, dachte er. Dann fiel es ihm wieder ein. Nein. Kein Herzinfarkt. Er wankte ins Bad und blickte in den Spiegel. Sein Gesicht starrte ihm teilnahmslos entgegen. Er sagte: »Ich bin ein großartiger Mensch. Heute ist ein großartiger Tag.« An einer Ecke des Spiegels war mit Klebeband ein Zettel befestigt, auf dem stand: ICH BIN EIN GROSSARTIGER MENSCH HEUTE IST EIN GROSSARTIGER TAG JEDES HINDERNIS IST EINE CHANCE Es war Montag, der 27. Oktober -- also der fünftletzte Arbeitstag im Geschäftsjahr der Mitsui Corporation. Buy war Kundenberater bei der Competitive Accounts Group, Region Süd, was so viel hieß wie Börsenmakler, was so viel hieß wie Verkäufer. Seine Quote lag bei 4,2 Millionen Dollar. Nach einem hervorragenden ersten Quartal und einem ganz ordentlichen zweiten schien das völlig in Ordnung zu sein, doch in Q3 hatte es Umstrukturierungen gegeben, bei denen ihm die Zuständigkeit für einige seiner Kunden entzogen wurde, und Q4 war katastrophal verlaufen, ein einziges Fiasko. Buy hatte noch fünf Tage Zeit, eine halbe Million Dollar aufzutreiben. Er duschte und schlurfte dann ins Wohnzimmer. Von seinem Fen ster aus sah man über die ExxonMobil Botanic Gardens hinweg die Innenstadt von Melbourne, USA (Australien). Es war kurz nach sechs, und die Bürotürme glühten orange in der Morgendämme rung. Der Himmel war eine tiefblaue Weite. Buy hatte in Q3 aufge hört, ihn wahrzunehmen. Er kaute etwas Toast, den er mit Saft hinunterspülte. Dann zog er sich an und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo sein Jeep auf ihn wartete. Jeeps zählten zu den sichersten Fahrzeugen im Straßen verkehr, wie Buy gelesen hatte -- jedenfalls was die Sicherheit der jenigen betraf, die im Jeep saßen. Er ließ den Motor aufheulen. Die billigen Straßen waren selbst um halb sieben schon völlig dicht, aber er befand sich nur vier Blocks von einem Bechtel Premium Freeway entfernt -- einer achtspurigen Autobahn ohne Geschwin digkeitsbegrenzung, die zwei Dollar pro Meile kostete. Während Buy an Bürogebäuden und Fabriken vorbeiraste, stand die Tacho nadel auf 95 Meilen pro Stunde. Er stellte seinen Wagen auf dem Parkdeck von Mitsui ab und fuhr mit dem Aufzug zum Großraumbüro auf der sechsten Etage. Die Broker hatten keine eigenen Büros, sondern nur knapp schulterhohe Trennwände rings um ihren Arbeitsplatz -- jedenfalls bei Competi tive Accounts. Buy war in seinem ersten Jahr dort froh darüber ge wesen, denn auf diese Weise konnte man sich schnell mal bei einem Kollegen Rat holen. Inzwischen nervte es ihn aus demselben Grund. Hamish, der an Buys Arbeitsplatz die Nachtschicht besetzte, nahm die Kopfhörer ab. »Morgen, Buy.« »Morgen.« Hamish wirkte heiter und gelassen. Buy fühlte Neid in sich aufsteigen. »Was macht der Markt?« »Reagiert noch nervöser als du«, erwiderte Hamish. »Nur die Ruhe, Buy. Du schaffst das schon.« »Klar doch.« Buy bemühte sich, zuversichtlich zu klingen. Hamish klopfte ihm auf den Rücken und ging. Bestimmt würde er den Tag ganz entspannt auf der Couch verbringen und sich im Fernsehen Football anschauen oder sonstwie den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Hamish hatte die Quote schon vor sechs Wochen erfüllt. Es fiel Buy von Tag zu Tag schwerer, ihn nicht zu hassen. Buy ließ sich auf seinem Platz nieder, stöpselte sein Telefon Headset ein und wählte. Im ersten Quartal hatte er an der Trenn wand über seinem Schreibtisch einen Zettel angebracht: ERFOLG = 500 ANRUFE PRO TAG Er starrte darauf, während bei seinem Kunden das Telefon klingelte. Allmählich beschlich ihn der Verdacht, dass Erfolg bloß ein großes Würfelspiel war. In Frankreich wäre er nicht in solch eine Lage geraten. Allerdings hätte er es in Frankreich auch niemals auf sein Vorjahresgehalt von 347 000 Dollar gebracht. Genau deshalb war er letztendlich gegan gen: Die EU war ein sozialistischer Sumpf. Steuern, Arbeitslosigkeit, und wohin man auch sah -- alles staatlich und öffentlich. Bis vor kurzem hatte Buy seine Entscheidung, in die USA auszuwandern, für die beste seines Lebens gehalten -- neben der, den Namen Jean Paul abzulegen. »Dies ist der Anschluss von Michael Microsoft, Projektmanager, Abtei lung Business Solutions. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe zurück.« Buy redete wild drauflos über Marktindikatoren und schneller werdende Kursschwankungen, während er gleichzeitig seine E Mails durchklickte. Dabei stieß er auf eine Nachricht von einem Freund, der mittlerweile bei USAlliance, einem der großen Kun denTreueprogramme, arbeitete: Hallo Buy, Stehen ein Pfarrer und ein Broker zusammen vor dem Himmelstor. Petrus gibt dem Broker eine goldene Harfe und seidene Gewänder und lässt ihn in den Himmel ein. Dann gibt er dem Pfarrer eine ver rostete Trompete und ein paar alte Lumpen. Der Pfarrer beschwert sich: »He, warum kriegt denn der Broker die Harfe und die feinen Gewänder?« Sagt Petrus: »Bei deinen Predigten sind die Leute ein geschlafen. Aber seine Kunden -- die haben gebetet.« Sami R S.: Der Kundenstamm von USAlliance hat gerade die 200 MillionenMarke überschritten, und wir stehen kurz davor, die NRA mit ins Boot zu nehmen (noch strengstens geheim). Aber das ist be stimmt nicht so spannend wie die PeanutsGeschäfte bei Mitsui, wie? Buy warf einen Blick auf die Uhr. In Los Angeles war es gerade Mit tag. Er hörte auf, Michael Microsofts Anrufbeantworter zuzutexten, und wählte neu. »Sami UA.« »Ist das dein Ernst, das mit der NRA?« »Buy! Wie gehts?« »Frag besser nicht.« »Ja, das ist mein voller Ernst. Du hast ja keine Ahnung, was hier abgeht!« »Wenn die NRA bei USAlliance einsteigt -- weißt du, was das für deren Aktienkurs bedeutet?« »Keine Ahnung, Buy. Ich bin kein Broker mehr.« Buy hätte ihn umarmen mögen. »Vielen Dank, Sami.« »Moment mal! Du darfst das nicht an die große Glocke hängen. Das ist Betriebsgeheimnis.« Buy stutzte. »Soll das heißen ...« »Komm schon -- du weißt doch, ich muss das sagen«, beruhigte ihn Sami. »Das letzte Jahr ist für dich nicht so rosig gelaufen, wie? Vielleicht gehts ja demnächst mal wieder bergauf.« Er legte auf. Buy war im ersten Moment wie gelähmt. Es gab einfach zu viele Dinge auf einmal zu erledigen. Früher hätte man so etwas als In sidergeschäfte bezeichnet, aber davon war schon seit zehn oder 20 Jahren nicht mehr die Rede. Zu viele Broker machten es -- man konnte sie ja nicht gut alle einsperren. Heutzutage nannte man es Smart Trading. Buy drückte SPEED DIAL 1 und begann gleichzeitig, eine EMail zu tippen. »Jason Mutual Unity.« Buy legte los: »Ich rufe Sie an, weil Sie mein bester Kunde sind. Ich habe eine Information, die einer Menge Leute eine Menge Geld ein bringen wird, und ich will, dass Sie dazugehören.« Zugleich tippte er: WENN SIE AN EINEM BRANDHEISSEN TIPP INTERESSIERT SIND, RUFEN SIE MICH SOFORT AN! Er kopierte seine sämtlichen Kundenadressen in das Adressfeld und klickte auf SEND. »Buy, ich war gerade unter der Dusche.« »Sagen Sie mir, dass Sie liquide sind.« »Wofür halten Sie mich -- für einen Daytrader? Um welches Un ternehmen geht es überhaupt?« »National Rifle Association.« »Die NRA? Ist die überhaupt an der Börse?« »Alle sind an der Börse, Jason«, erwiderte Buy. »Ich weiß nicht recht ... Ich müsste dafür eine andere Option ab stoßen. Wissen Sie was -- lassen Sie mich die Sache erst einmal ...« »Dafür ist keine Zeit. Sie wissen doch, wie das läuft. Sobald der Erste angebissen hat, sind die Haie los.« »Tut mir Leid, Buy, aber das ist nicht unsere Art, Geschäfte zu ma chen.« Buy hörte sich selbst sagen: »Ich setze meine Courtage aufs Spiel.« »Wie bitte?« »Wenn der Kurs nicht steigt, lasse ich die Courtage sausen.« Er schluckte. Dazu war er nicht befugt, so viel war klar. Und noch et was war klar: Wenn die NRAAktien fielen, dann würde Mitsui ihn erstens feuern und zweitens verklagen. »Geben Sie mir mindestens 20 Millionen, und Sie zahlen mir nur dann Courtage, wenn Sie tat sächlich Gewinn machen.« »Ist das Ihr Ernst?« Bei 20 Millionen Dollar betrug die Courtage 400 000. Buys Gedan ken kreisten um das Datum. 27. Oktober ... 21. Oktober ... »Mein voller Ernst.« »Verdammt noch mal -- also dann: Das Geschäft ist gebongt.« Buy schloss die Augen. »Danke.« Er fühlte immer noch diesen Schmerz in der Brust. 5. Wal-Mart »Ich fand eure Leistungen durchweg enttäuschend«, sagte der Leh rer. Er lehnte mit verschränkten Armen am Pult. Jedes Mal, wenn er den Kopf drehte, blitzten die Lichtreflexe von seinen Brillengläsern Hayley an -- als ob er ihr seine Missbilligung entgegenfunkeln woll te. »Ich möchte euch allen dringend empfehlen, euch um ein etwas höheres Maß an kritischem Denken zu bemühen.« Er ging durch die Reihen und ließ die Aufsätze auf die Pulte fallen. Hayley sah ein D, ein F. Ein Kleiner mit Brille bekam ein C. Sie seufzte. Das sah gar nicht gut aus. Sie hörte hinter sich Getuschel und drehte sich um. Drei Mädchen steckten die Köpfe zusammen. Als sie Hayleys Blick bemerkten, rückten sie noch dichter zusammen. Ein Bogen landete auf ihrem Pult. Er war voller roter Korrekturen und Kommentare wie oberflächlich. Darunter stand: F. Hayley meldete sich. »Warum bekomme ich ein F dafür, dass ich gesagt habe, der Kapitalismus ist gut, wenn alle anderen das auch sagen? Das ist unfair.« »Unfair ist etwas ganz anderes, Hayley. Dass in unserer Gesell schaft der Egoismus belohnt wird, das ist unfair.« Geh doch nach China, dachte Hayley. »Ihnen dürfte ja wohl klar sein, dass ich diese Note anfechten werde.« Der McDonalds Schulausschuss würde solchen Mist nicht durchgehen lassen, darauf konnte er seinen Arsch verwetten. »Ich finde das auch unfair«, stellte ein Junge links von Hayley fest. »Meine Eltern sagen, wenn man es zu was bringen will, muss man verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert. Dass Eigeninteresse etwas Gutes ist. Und Sie sollen uns hier doch schließlich auf das rich tige Leben vorbereiten.« »Mercurys«, flüsterte eins der tuschelnden Mädchen. Hayley fuhr herum. »Was sagst du da von Mercurys?« Die drei blickten sie misstrauisch an. »Der Nike Town in der Mall kriegt Mercurys rein.« Hayley klappte die Kinnlade herunter. »Im Ernst?« »Dem Prinzip des Eigeninteresses ist es zu verdanken, dass Men schen auf der Straße verhungern, während andere im Mercedes vorbeifahren«, sagte der Lehrer. »Das ist legal. Aber ist es gerecht?« »Fünf Paar, haben wir gehört.« »Ich glaubs nicht! Wann?« Hayley umklammerte die Tischkante. »Wann kriegen sie die Mercurys rein?« »Heute Abend. Halb sieben.« Das Mädchen wechselte einen ra schen Blick mit seinen Freundinnen. »Willst du mitkommen?« »Klar! O Mann!« Hayley wurde es plötzlich ganz flau. Die Mercu rys sollten zweieinhalbtausend Dollar kosten. So viel besaß sie nicht, aber sie konnte ja einen Kredit aufnehmen. In der Mall gab es Bank automaten. Es würde sich auf jeden Fall lohnen. Mercurys waren nicht einfach nur coole Schuhe -- sie waren eine Investition. Sie würde sie am nächsten Tag für das Doppelte verkaufen können, vielleicht sogar für mehr. Und was, wenn sie ... wenn sie zwei Paar ergatterte? »Es ist wirklich schade«, fuhr der Lehrer fort, »dass ihr nichts ande res im Kopf habt als plattes Konsumdenken. Zutiefst enttäuschend.« Mercurys, dachte Hayley. O mein Gott. 6. NRA Billy Bechtel baute Panzer. Große Panzer. Mit Raupenantrieb, Gra natwerfern und drehbaren Maschinengewehren. Verdammt ein drucksvolle Dinger, wahrhaftig. Wenn Billy nach seinem Beruf ge fragt wurde, antwortete er: »Kennst du die BechtelMilitärfabrik bei Abilene? Da arbeite ich.« Und dann beobachtete er genüsslich, wie sein Gegenüber die Augen aufriss. Allmählich wünschte Billy, sein Job wäre wirklich so cool. Billys Job bestand darin, Stahlplatten auf Unregelmäßigkeiten hin zu überprüfen. Und das ging so: Ein Gabelstapler kam angefahren, stellte ihm einen Stapel Platten hin, Billy prüfte mit einer Metall schiene, ob sie gerade waren, und dann kam ein anderer Gabelstap ler und karrte die Platten wieder weg. Wenn Billy verbogene Platten fand, kamen die auf einen Extrastapel, und wenn er am nächsten Morgen wieder zur Arbeit erschien, waren sie verschwunden. Die meisten Leute bei Bechtel arbeiteten in Teams, doch Billy war allein. Es war zum Verrücktwerden. Nach den ersten paar Monaten ließ er einmal eine Platte durchge hen, die am Rand eine Kerbe hatte -- einfach nur um zu sehen, was passierte. Es passierte überhaupt nichts. Wahrscheinlich fuhr jetzt irgendwer mit einem Panzer durch die Gegend, in den es reinregne te. Als Nächstes ließ Billy eine Platte durchgehen, die völlig krumm gebogen war. Daraufhin erschien einer von den Schweißern und schnauzte ihn zusammen. Er fing das Rauchen an, um wenigstens ab und zu unter Kollegen zu kommen. Bei dieser Gelegenheit lernte er die Sportschützen ken nen. Es waren zehn oder zwölf, die sich dreimal wöchentlich nach der Tagschicht trafen. »Komm doch mal mit«, forderte einer von ihnen Billy auf, während er ihn von oben bis unten musterte. Billy war jung, blond und durchtrainiert. »Macht dir bestimmt Spaß.« Also ging Billy mit, und es machte ihm tatsächlich Spaß. Er stellte sogar fest, dass er ein richtig guter Schütze war. Er hatte als Kind auf dem Land ein bisschen jagen gelernt, doch dann war sein Vater gestorben, und die Mutter war mit Billy nach Dallas gezogen. Seit dem hatte er nicht mehr viel Gelegenheit zum Schießen gehabt. Doch von nun an traf sich Billy regelmäßig mit seinen Kollegen hin ten auf dem Werksgelände der BechtelMilitärfabrik bei Abilene und verschaffte sich Achtung und Bewunderung, indem er die Pappkameraden aus größerer Entfernung erledigte als irgendwer sonst. Das gab ihm Auftrieb. Sogar die Gabelstaplerfahrer hielten neuerdings manchmal an, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Dann kam die Hiobsbotschaft. Der Vorarbeiter ließ alle in Hangar eins zwischen Gerüsten und halb fertig montierten Panzern antreten, und irgendein Wichtigtuer von der Geschäftsleitung begann: »Lei der sehen wir uns aufgrund der angespannten Finanzlage gezwun gen ...« Es folgte eine Menge Geschwafel über Konkurrenzdruck, Rationalisierungsmaßnahmen und wie sehr die Firmenleitung be dauere, derart einschneidende Maßnahmen ergreifen zu müssen. Aber worauf es im Grunde hinauslief, darüber waren sich die Arbei ter anschließend einig: Ihr könnt euch allesamt zum Teufel scheren, und zwar sofort. Billy war seinen Job los. Die gefeuerten Arbeiter versammelten sich draußen vor der Halle und standen unschlüssig herum. Sie schimpften auf die Firmenlei tung und beratschlagten, wie es weitergehen sollte. Manche spra chen erbittert über die Zeiten, als es noch Gewerkschaften gab und man sich solche Sauereien nicht gefallen ließ. Einer der Schützen schlug Billy auf die Schulter und fragte: »Und was ist mit dir, Kum pel? Was machst du jetzt?« »Ich glaub, ich fahr erst mal weg«, hörte sich Billy zu seinem eige nen Erstaunen sagen. Er hatte tatsächlich genug gespart, um für eine Weile nicht arbeiten zu müssen, und er hatte auch schon immer mal aus Texas rauskommen wollen, aber das war bloß Zukunftsmusik gewesen -- er hatte nie ernsthaft daran geglaubt, seinen Traum einmal verwirklichen zu können. Der Erfolg beim Schießen hatte seinem Selbstvertrauen anscheinend gut getan. »Weißt du, ich woll te schon immer mal Ski laufen. Vielleicht fahr ich irgendwohin und lerne Ski laufen.« Der Mann lachte dröhnend. »He, hört euch das mal an! Billy the Kid geht Ski laufen!« Schallendes Gelächter ertönte ringsum. Hände schlugen ihm auf den Rücken. Jemand sagte: »Spitzenidee, Billy!«, und ein anderer: »Verdammt, warum gehn wir nich alle in Skiurlaub?« Offenbar fanden sie die Idee grandios. Billy begriff: Sie meinten, dass er es den BechtelBossen auf diese Art mal so richtig zeigte. Für einen Arbeiter aus Abilene, Texas, gab es kaum etwas Exotischeres als einen Skiurlaub. Er hätte auch gleich nach Disneyland fahren kön nen. »Gut so, Billy the Kid«, sagte der Kollege. »Lern du mal Ski lau fen.« Er hatte an Schweden gedacht -- wegen der Skihäschen. Er sah sich im Geiste schon am Tag über steile, weiße Hänge gleiten und abends über sanfte, weiße Rundungen. Doch im Reisebüro erfuhr er, dass er dort nicht arbeiten könne -- Schweden sei ein NichtUS Land. Billy konnte es kaum glauben. Er hatte nicht gedacht, dass solche Länder überhaupt noch existierten. »Aber sicher«, sagte die Frau im Reisebüro. Billy kannte sie noch von der High School. Da mals war er mal mit ihr gegangen. Sie kaute noch immer ständig Kaugummi. »Es gibt sogar eine ganze Menge NichtUSLänder. Na türlich hauptsächlich welche, wo es eh keinen hinzieht.« »Und wo kann ich stattdessen hin?« »Wie wärs mit Singapur? Singapur is wirklich schön. Ich kann dir nen astreinen Preis machen für ...« »Singapur kommt nicht in Frage«, widersprach Billy. Offenbar hatte dieses Reisebüro einen Deal mit Singapur und versuchte, je dem Kunden eine Reise dorthin aufzuschwatzen. »Ich brauch was mit Bergen. Ich will Ski laufen.« »Ski laufen?« Sie machte große Augen. »Jup.« »Wow. Na, dann ...« Sie tippte etwas in den Computer. »Also dann hätten wir da Alaska, ganz oben im Norden. Und natürlich Kana da.« Billy hätte es lieber etwas exotischer gehabt. »Und weiter weg?« »Hm, mal sehn.« Billy wartete, während die Frau auf ihrer Tasta tur herumtippte. »Willste vielleicht nach Neuseeland?« »Wohin?«, fragte Billy. Aber dann gefiel ihm Neuseeland richtig gut. Er war zunächst skeptisch gewesen. Es war so weit weg -- buchstäblich am Arsch der Welt --, ein Klecks auf der Landkarte, der aussah wie von Au stralien ausgespuckt. Doch als er in Auckland aus dem Flugzeug stieg, sprachen die Leute Amerikanisch, und es gab an jeder Ecke McDonalds und Starbucks. Billy atmete auf -- offenbar doch ein USALand. Im Hotel erkundigte er sich als Erstes eifrig nach den besten Skigebieten. Daraufhin konnte sich der Kerl am Empfang vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten. Er ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen und japste: »Skigebiete? Die Skisaison ist längst vorbei. Wir haben Frühling.« »Was reden Sie da?« »Also bitte -- Sie werden doch wissen, dass die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel entgegengesetzt sind«, sagte der Empfangschef. »Sie wollen mich wohl verscheißern«, brummte Billy, aber wie sich herausstellte, war das nicht der Fall. Es stimmte tatsächlich. Nicht zu fassen. Frühling im November! Wer hätte das gedacht? In der Hoffnung, doch noch die letzten Reste Schnee zu erwischen, fuhr Billy mit der Fähre auf die Südinsel Neuseelands und mit dem Bus runter nach Christchurch, wo es angeblich ganzjährig Frost gab. Im Bus lernte er ein paar Rucksacktouristen aus Massachusetts ken nen -- einen Typen und zwei Mädels. Sie waren auf der Suche nach etwas Exotischem, wie sie Billy erzählten, nach etwas völlig ande rem. »Wir waren schon in Laos, in Thailand, überall«, sagte eins der Mädchen. »Und was sehen wir als Erstes, als wir auf Ko Phangan vom Schiff steigen? Ein Starbucks!« Sie verzog angewidert das Ge sicht. »Alles amerikanisiert. Da hätten wir auch gleich zu Hause bleiben können.« »Aber echt«, sagte Billy, obwohl er nicht begriff, was so schlimm daran war, wenn man in Thailand anständigen Kaffee bekam. Doch das Mädchen gefiel ihm. »Ich will hier Skiurlaub machen. Vielleicht gibts ein Gruppenangebot, dann könnten wir zusammen ...« »Skilaufen? Nein, danke. Viel zu viel Zivilisation«, warf die andere ein. Sie gefiel Billy nicht so gut. Er stieg in Christchurch allein aus dem Bus und wanderte die Hauptstraße entlang. Eigentlich suchte er ein billiges Hotel, doch stattdessen stieß er auf eine NRANiederlassung -- ein flaches, nüchtern aussehendes Gebäude, an dem in schwarzer Reliefschrift auf grauem Hintergrund National Rifle Association Ltd stand. Billy betrachtete es eine Weile. Dann ging er hinein. Als er am schwarzen Brett nach Schießständen suchte, sprach ihn die Empfangsdame an: »Möchten Sie vielleicht dem Ortsverband beitreten, Sir?« Billy musterte sie. Sie war jung und blond und trug einen blauen Pullover, der ihr ausgezeichnet stand. »Falls Sie beabsichtigen, in der Stadt zu bleiben ...« Sie lächelte. Auf dem Tisch neben ihr lag zusammengeknüllt ihr Skiparka. »Ich beabsichtige zu bleiben«, sagte Billy. Er stand auf dem NRASchießstand östlich von Christchurch, als sie auf ihn zukamen. Sie waren zu zweit, beide in blauen Anzügen. Waffen schienen sie nicht zu tragen. Billy nickte ihnen zu, während er sein Gewehr lud. Er hatte es zum MitgliederVorzugspreis ge kauft -- ein Colt M4A1 Karabiner, schwer und glänzend, 30 Schuss pro Magazin. »Guter Schuss«, sagte einer der Männer lächelnd. Er hatte einen auffallenden Akzent, was selten war -- die meisten Neuseeländer hörten sich nicht anders an als die Leute in Kalifornien. Sein Haar war glatt zurückgekämmt. Beide Männer trugen Sonnenbrillen. »Danke.« Billy lud nach. »Und Sie -- schießen Sie auch?« Der Mann warf seinem Begleiter einen Blick zu. »Kann man so sagen, ja. Sie sind Billy Bechtel, nicht wahr? Neu hier?« »Jup.« Billy drückte ab. Hundert Meter entfernt flog einer ausge stopften Puppe eine Wolke Federn aus dem Kopf. »Komisch, ich wusste gar nicht, dass wir hier unten auch Bechtel haben.« Billy sah ihn an. In Wirklichkeit war er natürlich gar nicht mehr Billy Bechtel -- er war nur noch Billy, ein arbeitsloser Herumtreiber. Aber sich ohne Nachnamen vorzustellen, war zu peinlich. Die Leute hielten einen dann für einen Landstreicher. »Ich mache Urlaub.« »Ach so. Bisschen die Gegend ansehen, wie? Ein paar Einheimi sche kennen lernen?« Billy fragte sich, ob die beiden wohl von seinem Date mit der NRAEmpfangsdame wussten. Letzte Nacht war es in ihrem Auto ein bisschen heiß hergegangen. Womöglich war einer von diesen Typen ihr Vater. Billy packte sein Gewehr fester. »Wissen Sie was, Billy -- wir würden Sie gern anheuern.« »Aha. Und wer sind wir?« »Die NRA«, antwortete der Mann und grinste breit. Er war Billy etwas unheimlich. »Sie würden staunen, was wir heutzutage alles machen, Billy -- wirklich staunen. Die NRA stellt längst mehr dar als nur Faltblättchen und Gun Shows.« »Wir brauchen Männer wie Sie«, sagte der andere. »Genau solche wie Sie. Und wir zahlen gut.« Billys Geld ging gerade zur Neige. »Wofür?« Der Mann wandte sich ab und blickte in die Richtung, in die Billy geschossen hatte. Billy sah, wie die Puppe sich in seinen Brillenglä sern spiegelte. »Guter Schuss, das muss man sagen. Ein wirklich guter Schuss.« 7. Mercedes-Benz »Hoppla!« Eine Brokerin ließ den Champagner spritzen und begoss dabei seinen Ärmel. »Shit! Entschuldige, Buy.« »Schon gut.« »Komm, mach dich locker.« Sie hakte sich bei ihm ein. »Die wer den deine Geschäfte schon absegnen. Ganz bestimmt.« Buy saß mit gelockerter Krawatte auf einem der Schreibtische. Er hatte in den vergangenen fünf Nächten durchschnittlich vier Stun den geschlafen. Um ihn herum tranken und lachten die Broker und schüttelten sich die Hände. Es war Freitag, der 31. Oktober, Viertel nach sechs abends. Das Geschäftsjahr war offiziell zu Ende. »Ich bin locker.« »Lass ihn«, sagte Cameron und legte Buy eine Hand auf die Schul ter. Cameron war der Manager der Brokerabteilung, und Buy hatte den Verdacht, dass er ihm in wenigen Minuten eröffnen würde, er sei gefeuert. »Der Bursche hat eine heroische Woche hinter sich.« »Diese verdammte Warterei bringt mich noch um«, erklärte die Kollegin. »Wann erfahren wir nun, ob sie ihn rausschmeißen?« »Ich rechne ...« »Sagen Sie nicht, Sie rechnen jede Minute mit dem Anruf.« »Lisa -- sobald ich etwas weiß, werde ich es weitergeben«, ver sprach Cameron. »Also, ich fand das jedenfalls richtig, was du getan hast, Buy. Zu sagen, wenn der Kurs fällt, lass ich die Courtage sausen. Dazu ge hört Mumm.« Sie schob ihren Arm unter seinen. »Wir gehen heute Abend mit ein paar Leuten auf die Piste. Komm doch mit! Tut dir bestimmt gut.« »Ich will bloß noch ins Bett. Trotzdem danke.« »Okay.« Sie zog ihren Arm weg. »Dann bis Montag -- hoffentlich.« Als sie gegangen war, fragte Buy: »Und werde ich jetzt gefeuert?« Cameron zögerte. »Kommt drauf an, was denen wichtiger ist -- an Ihnen ein Exempel zu statuieren oder Ihre fünf Millionen zu kassie ren.« »Vielleicht lassen sie nur das Geschäft mit Mutual Unity nicht gel ten«, sagte Buy. »Das würde reichen, um mich unter die Quote zu drücken.« »Buy, wir schmeißen hier nicht gleich jeden raus, der die Quote nicht erfüllt.« »Wer hat denn schon mal die Quote nicht erfüllt, ohne dafür ge feuert zu werden?« »Ich meine, theoretisch«, sagte Cameron. »Das heißt, es ist nicht automatisch die Folge.« »Aha«, sagte Buy. »Cameron? Telefon. Anruf von der Geschäftsleitung.« Sämtliche Gespräche verstummten. »Danke«, sagte Cameron. Er stieg die paar Stufen zu seinem Büro hinauf, das gläserne Wände hatte und etwas erhöht lag, sodass er die ganze Etage überblicken konnte. Alle folgten ihm mit den Blicken. »Tja, war nett, mit euch zu arbeiten«, sagte Buy. Ihm war flau. Als er ein Klopfen an der Glasscheibe hörte, blickte er auf. Came ron hatte den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter einge klemmt und streckte beide Daumen in die Höhe. Buy wurde noch flauer. Leute umringten ihn, klopften ihm auf den Rücken und redeten aufgeregt durcheinander. Er hörte den Fels brocken förmlich von seiner Seele fallen, und dann konnte er auf einmal nicht mehr aufhören zu lachen. Er wollte nur noch schlafen. Aber auf dem Weg nach Hause lockte ihn plötzlich der Chadstone WalMart. An einem solchen Abend sollte er sich zur Feier des Tages etwas gönnen -- etwas richtig Teu res. Das hatte er sich wirklich verdient. Buy bog von der Straße ab. In der Mall standen im Erdgeschoss eine Reihe Bankautomaten, die zu den Galerien der oberen Etagen emporzustarren schienen. In der Mitte leitete ein MercedesBenzHändler eine Verlosungsaktion. Buy betrachtete die Wagen interessiert. Er besaß zwar schon zwei Autos, aber der Saab war nicht mehr das neueste Modell. Vielleicht sollte er sich ein neues Auto gönnen. Eine dunkelhaarige Schülerin vor ihm war schon seit Ewigkeiten an dem Bankautomaten zugange. Buy spähte ihr über die Schulter. Sie wollte einen Kredit aufnehmen. Er seufzte. Sie warf ihm einen Blick zu. »Es klappt nicht.« Erschrocken sah Buy, wie die Augen des Mädchens sich mit Tränen füllten. »Ich wollte ... ich brauche unbedingt ...« »Vielleicht solltest du es mal an einem anderen Gerät versuchen.« »Die wollen mir alle keinen Kredit geben!« »Wie viel brauchst du denn?« »5000 Dollar.« »Oh.« Er lächelte mitfühlend. Sie verharrte für einen Moment. Buy dachte schon, sie würde gleich losschreien. Dann ging sie davon. Er trat an den Automaten und schob seine Karte in den Schlitz. Sein Konto stand bei etwas über 100000. Aus einem Impuls heraus blickte er dem Mädchen nach, das sich durch die Käuferscharen zum Ausgang drängte. Er zog 5000 Dollar in 50 Hundertdollarscheinen. Dann lief er dem Mädchen nach. »He!« Sie drehte sich nicht um, bis er ihr die Hand auf die Schulter legte. »He, warte mal! Hier.« »Was?« »Schenk ich dir.« Sie starrte auf das Geld, und ihre Augen weiteten sich. Buy fühlte sich in Hochstimmung wie schon seit Monaten nicht mehr. »Na los, nimm es und kauf dir was Schönes.« Zögernd streckte sie die Hand aus und schloss sie um die Scheine. »Warum ... warum tun Sie das?« »Ich habe was zu feiern.« »Vielen Dank. O mein Gott -- vielen, vielen Dank!« »Wie heißt du?« »Hayley. Hayley McDonalds.« »Ich bin Buy«, sagte er. »Viel Spaß noch.« 8. Violet, Unternehmerin Hack war an diesem Abend höllisch aufgekratzt und brachte Violet damit zur Raserei. Sie arbeitete 16 Stunden täglich, um ihr Pro gramm fertig zu stellen, und hatte jetzt, zwei Tage vor der Deadline, wahrhaftig keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Es stand eine Men ge auf dem Spiel -- diese Sache sollte für Violet der große Sprung werden. Drei Monate Programmierarbeit, und dahinter steckten die Recherchen eines Jahres sowie eine Idee, die so brillant war, dass Violet deshalb eines Tages wie vom Blitz getroffen auf der Straße stehen geblieben war. Sie konnte unmöglich all das über Bord wer fen, nur um sich mit Hacks neuestem Drama herumzuschlagen. Hack zappelte mit den Füßen und stieß dabei gegen ihren Laptop. »Hack -- bitte!« »Entschuldige.« Er sah sie kläglich an. »Es ist nicht dein Problem, Hack.« »Ich bringe jemanden um«, flüsterte er. »Tust du nicht. Du hast nur einen Auftrag weitergegeben. Das hat überhaupt nichts mit dir zu tun.« Er begann wieder mit dem Fuß zu wippen. »Mach dir doch einen Drink«, sagte sie. »Oder geh zum Super markt rüber und hol dir was zur Beruhigung.« »Ich mag nicht.« »Dann tu sonst was! Ich habe keine Zeit für dieses Theater!« Hack warf einen Blick auf ihr Display. Violet widerstand dem Drang, das Notebook zuzuklappen. »Arbeitest du an deinem Pro gramm?« »Ja. An der Sicherheitssoftware.« Streng genommen traf das nicht ganz zu, aber es war weniger kompliziert als die Wahrheit, die lau tete: an dem Virus. Leute, die nichts von Technik verstanden, konn ten Violets Idee nicht ohne weiteres nachvollziehen. »Kann ich dir helfen?« »Nein.« Sie zwang sich »danke« hinzuzufügen. »Na gut.« Er trat ans Fenster und betrachtete den Himmel. Violet machte sich erneut ans Programmieren. Sie war schon wieder halb in ihre Arbeit versunken, als er sagte: »Hoffentlich ist es niemand Nettes.« »Ganz bestimmt nicht«, erwiderte sie mechanisch. 9. Die Regierung Sie trug einen langen Mantel, damit man nicht sah, was sich darun ter befand. Ihr Haar war unter einem Tuch verborgen. Die dunkle Brille konnte die StrichcodeTätowierung unter ihrem linken Auge nicht ganz verdecken, aber das störte sie nicht -- es trug zu ihrer Tarnung bei. Der Chadstone WalMart war ein sechsstöckiges Einkaufszentrum mit rundum verlaufenden Ladengalerien, von denen man freien Blick bis ins Erdgeschoss hatte. Nike Town befand sich auf der vier ten Etage. Während sie die Rolltreppe verließ, warf sie einen Blick über das Geländer. Unten drängten sich Scharen von Kauflustigen um zwei glänzende MercedesLimousinen. Nike Town war schon von rund vier Dutzend Teenagern belagert, von denen die meisten Schuluniformen trugen. Das Gitter vor dem Laden war geschlossen. Dahinter stand ein glatzköpfiger Mann mit Anzug, der durch die Metallstäbe auf die Menge einredete und auf geregt gestikulierte. Daraufhin rüttelten die Kids am Gitter. Sie be merkte, dass die Ladentüren Metallgriffe in Form des NikeSwoosh hatten, die am Ende spitz zuliefen und ziemlich gefährlich aussahen. Sie hoffte nur, dass keiner von diesen Teenagern sich daran aufspie ßen würde. Ein paar Geschäfte weiter befand sich eine Barnes & Noble Buchhandlung mit spiegelnden Schaufensterscheiben. Sie postierte sich davor und beobachtete das Szenario. 20 Minuten lang bemerkte sie niemanden, der als Zielperson infrage kam. Einmal ertappte sie sich dabei, wie sie die Texte auf den Buchumschlägen im Schaufen ster las. Sofort riss sie ihren Blick davon los. Das Buch des Jahres, hat te auf einem Umschlag gestanden, was sie jedoch für unwahrschein lich hielt. Bestsellerautoren führte Barnes & Noble auf einer anderen Etage. Nach 45 Minuten entdeckte sie einen jungen Mann mit Tarnhose. Er lehnte auf der anderen Seite der Galerie am Geländer. Gerade steckte er sich eine Zigarette an. Eine Beule in seiner Jacke verriet ihr, dass er eine Waffe im Holster trug. Zwischen ihm und Nike Town gegenüber lagen knapp zehn Meter leerer Raum, sodass er vor der Menge in Sicherheit war, und direkt hinter ihm befand sich ein Not ausgang. Kein Zweifel -- das war die Zielperson. Die Kids riefen schon seit fünf Minuten im Chor AUFMACHEN, AUFMACHEN, AUFMACHEN, doch jetzt steigerten sie sich in ein geradezu hysterisches Schreien und Kreischen hinein. Mädchen hüpften vor Aufregung auf und ab und schwenkten mit Geldschei nen. Endlich hob sich ratternd das Gitter. Aus dem Sprechchor wurde ein chaotisches Getöse, und unter den Teenagern brach eine regelrechte Panik aus. Sie sah, wie ein Junge schreiend zu Boden ging. Sie wandte sich um und ging ruhig auf das Geschäft zu, wobei sie die Zielperson verstohlen im Blick behielt. Der Mann richtete sich auf und schnippte seine Zigarette beiseite. In der Nike Town kreischten vier Mädchen in McDonalds Schuluniformen vor Begeisterung -- sie hatten eine Schachtel Mer curys ergattert. Nein, nicht eine -- vier Schachteln. Und es gab noch mehr davon. Die Regale waren voll. Ihre Information war falsch gewesen. Dieses Geschäft hatte mehr als fünf Paar. Es hatte Dutzen de. Die Mädchen redeten aufgeregt aufeinander ein, während sie sich einen Weg aus dem Laden bahnten. Die Zielperson fuhr sich mit einer Hand unter die Jacke. »Ich fass es nicht! Ich kann noch gar nicht glauben, dass wir alle ein Paar erwischt haben!« »Lasst uns doch noch mehr holen! Kommt, wir gehen noch mal rein ...« Die Mädchen drängten sich an ihr vorbei. Sie blieb reglos stehen -- sie konnte nicht eingreifen, ehe die Zielperson aktiv wurde. Das hinterste Mädchen, das dunkelhaarige, ging dicht an ihr vorüber. Sie roch sein Parfüm. Ein Mann aus der Menge drückte dem Mädchen eine Pistole ins Genick. Ihre spontane Reaktion -- der erste Impuls, der von ihrem Be wusstsein Besitz ergriff -- war Enttäuschung. Es war der Falsche -- ich habe den Falschen beschattet. Dann ertönte der Schuss, scharf und laut. Das Mädchen brach zusammen. Die Menge schrie auf und wich zurück wie ein einziges großes Tier. Der Täter, ein muskulöser, junger Mann mit schwarzem TShirt, stand nur anderthalb Meter von ihr entfernt. Ihre Blicke trafen sich. »Die erschießen Leute wegen Mercurys!«, schrie jemand, und die Masse geriet erneut in Panik. Der Attentäter rannte in Richtung Bar nes & Noble. Sie warf den Mantel ab und ergriff das Maschinengewehr, das darunter verborgen war -- eine Vektor SS77, schwer und unhand lich, dafür aber mit bis zu 900 Schuss pro Minute. Mit vier Schritten nach rechts war sie aus der Menge heraus. Sie ließ sich auf ein Knie fallen und drückte den Abzug. Er schlug einen Haken, als ob er damit gerechnet hätte. Die Kugeln zertrümmerten das Schaufenster von Barnes & Noble und rissen die Bücher in Fetzen. Sie bemühte sich, ihn im Visier zu behalten, so gut es mit der hämmernden Vektor an der Schulter ging. Die Geschosse schlugen dicke Brocken aus dem Estrich. Der Attentäter warf sich durch das Schaufenster von Toys R Us. Sie ließ die Vektor fallen und zog ihre zwei 45er. Der Mann ver suchte, inmitten lebensgroßer Barbiepuppen wieder auf die Beine zu kommen -- anscheinend hatte er ihr nicht den Gefallen getan, sich an den Glassplittern die Kehle aufzuschlitzen. Sie drückte die Ab züge und ließ die Pistolen vollautomatisch feuern. Der Arm einer DoktorBarbie explodierte, eine Prom QueenBarbie wurde in Stücke gerissen. Der Attentäter flüchtete mit einer Schulterrolle in das Ge schäft. Sie riss sich die Sonnenbrille und das Kopftuch herunter und rann te los. Die Chancen standen allerdings schlecht -- mit ihrer schwe ren Montur würde sie einen muskulösen, jungen Mann im TShirt kaum einholen können. Sie rannte trotzdem. Als sie in das Geschäft kam, schlug neben ihr in der Wand aus Marmorimitat eine Kugel ein. Der Attentäter hatte die Rolltreppe im Ladeninneren erreicht. Ü berall standen Kunden herum und starrten sie an. »Aus dem Weg!«, schrie sie. »In Deckung!« Die Leute flohen nach allen Seiten. Sie machte einen Hechtsprung in Richtung Rolltreppe, landete auf dem Bauch und rutschte weiter, die 45er vorgestreckt. Von unten blickte ein Mann zu ihr auf. Sie hätte beinahe auf ihn geschossen, ehe ihr klar wurde, dass er nicht der Attentäter war. Sie rappelte sich wieder hoch und blickte sich um. Toys R Us war das reinste Kegelcenter -- nichts als endlose, gerade Gänge. »In welche Richtung ist er gelaufen? Wohin?« Der Mann deutete in den nächsten Gang. Sie rannte los, aber es war niemand zu sehen. Reihen von Star WarsFiguren standen stumm in den neonbeleuchteten Regalen. Sie lief zum nächsten Gang, dann zum übernächsten. Völlige Stille. Kein Keuchen, kein Rennen, keine Aufschreie er schrockener Kunden. Der Attentäter verhielt sich also unauffällig und versuchte, in der Menge unterzutauchen. Sie rannte zum Aus gang. Ein Junge an der Kasse sah ihre Waffen und schlug Alarm. Sie ü bersprang die Sperre und rannte weiter. Am Geländer der Galerie hatte sich eine Menschenmenge versammelt und starrte zur Nike Town in der vierten Etage empor. Und ein Mann ging eilig auf die Hauptrolltreppe zu -- ein gut gebauter, junger Mann in schwarzem TShirt. Sie kämpfte sich durch die Menge und kletterte auf das Geländer. Als sie ihn gut im Blick hatte, verschaffte sie sich ein stabiles Gleich gewicht und rief: »Halt! Stehen bleiben!« Ihre Stimme hallte durch die Mall. »Hier spricht die Regierung!« Er dreht sich um. Es war der Attentäter. Nicht einmal einen Meter vor ihm lief die Rolltreppe. Er sah kurz dorthin, dann blickte er sie an. »Keine Bewegung!« Er hob die Hände. Gott sei Dank, dachte sie. Auf ihren Wink hin entfernte er sich von der Rolltreppe. Sie vergewisserte sich mit einem Blick, dass unten alles frei war, damit sie vom Geländer hinunterspringen konnte. Eigentlich hätte sie es wissen müssen. Sie hatte ihn von Anfang an erkannt, gleich als sie sein Spiegelbild im Schaufenster von Barnes & Noble gesehen hatte. Es hätte ihr klar sein müssen, dass sie zu zweit waren. Er stand vielleicht sechs Meter entfernt und hielt eine Pistole auf sie gerichtet. Sie konnte nichts tun. Er drückte ab. Es war, als würde sie von einem Auto angefahren. Ihre Beine glitten unter ihr weg. Im Fallen sah sie über sich die Ne onlichter wirbeln und kreisen. Sie hatte gerade noch Zeit zu denken: Die Lichter sehen aus wie Engel. Dann prallte sie mit dem Rücken auf das Dach eines Mercedes. Die Windschutzscheibe zerbarst. Der gan ze Wagen bebte und schaukelte. Sie blinzelte. Blinzeln konnte sie noch. Nach einiger Zeit tauchten über ihr Gesichter auf. »Holt sie da run ter!«, sagte jemand, aber jemand anders widersprach: »Nein, nicht bewegen!« »Hören Sie mich? Ich hole Hilfe«, sagte eine Frau. »Wie heißen Sie?« »Government.« Ihre Zunge fühlte sich an wie eine aufgequollene, geplatzte Wurst. Blutgeschmack füllte ihren Mund. »Jennifer Go vernment.« 10. American Express Buy hatte sich eigentlich nicht länger aufhalten wollen. Er war mit sich und der Welt zufrieden --jetzt würde er nach Hause gehen und schlafen. Doch dann blieb er bei einem der Mercedes stehen. Der Verkäufer wurde auf ihn aufmerksam und verwickelte ihn in ein Gespräch. So kam es, dass Buy noch da war, als oben die Schüsse fielen. Er duckte sich instinktiv und bemerkte, dass die Leute in seiner Umgebung dasselbe taten. Dann reckte er den Hals, um herauszu finden, was dort oben los war. Wieder fielen Schüsse -- diesmal aus einer Automatikwaffe. Er hörte Schreie und das Geräusch von split terndem Glas. Buy und der Verkäufer krochen auf die Autos zu, um dahinter in Deckung zu gehen. Plötzlich war es totenstill in der Mall -- ange sichts der Menschenmassen geradezu unheimlich still. Nach etwa einer Minute kamen die Ersten wieder aus ihrer Deckung hervor. Auch Buy stand auf. Der Händler fuchtelte mit den Händen. »Das ist ja wohl der Hammer!« »Mal sehen, ob ich helfen kann«, sagte Buy. »Überlassen Sie das lieber der Security«, wandte der Händler ein. »Ich kann erste Hilfe.« Es gab nicht mehr viele Leute, die erste Hil fe leisteten -- das Risiko, anschließend verklagt zu werden, war den meisten zu groß. Buy fuhr mit der Rolltreppe nach oben. Auf der vierten Etage standen Scharen von Teenagern herum. Sie machten einen benommenen Eindruck. Manche hockten zusammengekauert in den umliegenden Läden. Vor Barnes & Noble glitzerten Glassplit ter, und eine Reihe Einschusslöcher zog sich von dort bis zu Toys R Us. Auf dem Boden vor Nike Town lag ein Mädchen, das stark blu tete. »Hayley?«, entfuhr es Buy entsetzt. Er entdeckte die Wunde an ihrem Nacken, stürzte zu ihr, riss sich die Jacke herunter und versuchte, damit die Blutung zu stillen. Sie verdrehte die Augen. »Einen Krankenwagen!«,brüllte er. »Hat irgendwer ein ...« »Ich habe ein Handy«, sagte ein Junge und gab es ihm. Buy wählte 911 und klemmte sich das Telefon unters Ohr. Hayley blickte ihn an. Er ahnte, dass er ihre Hand halten sollte. Er drückte sie fest. »Hier Notruf 911. Was kann ich für Sie tun?« »Ich brauche einen Krankenwagen! Schnell! In der Chadstone Wal Mart Mall ist ein Mädchen angeschossen worden!« »Gewiss, Sir. Können Sie mir den Namen des Mädchens sagen?« »Hayley ... Hayley sowieso. Bitte, kommen Sie sofort.« »Sir, ich muss wissen, ob das Opfer bei uns registriert ist«, sagte die Telefonistin. »Wenn sie zu unseren Kunden gehört, sind wir in wenigen Minuten dort. Anderenfalls empfehle ich Ihnen gern ...« »Ich brauche einen Krankenwagen!«, schrie er. Erst als ein Tropfen auf seine Hand fiel, wurde ihm klar, dass er weinte. »Ich bezahle auch dafür, ganz egal, Hauptsache, Sie kommen!« »Haben Sie eine Kreditkarte, Sir?« »Ja! Nun schicken Sie doch endlich jemanden!« »Sobald ich Ihre Zahlungsfähigkeit überprüft habe, Sir. Es dauert nur ein paar Sekunden.« Buy blickte in die Gesichter ringsum. »Jemand muss mir helfen. Nun helft doch!« Der Junge, der Buy sein Handy gegeben hatte, kniete nieder und drückte die Jacke auf die Wunde. Ein Mädchen begann, Hayley über das Haar zu streichen. Buy zerrte seine Briefta sche aus der Hose und kramte seine Kreditkarte heraus. Hayleys Blick war starr auf ihn gerichtet. Verlass dich auf mich, sagte er inner lich zu ihr. Verlass dich auf mich. »Ich habe eine American Express ...« »Ausgezeichnet, Sir. Würden Sie mir bitte ihre Kartennummer durchgeben?« »Neun sieben eins vier, null drei ...« Irgendwo unten, nicht weit entfernt, ertönten erneut zwei Schüsse. Die Leute um ihn herum ergriffen kreischend die Flucht. Nur der Junge blieb und duckte sich tiefer. »... sechs sechs ...« Menschen schrien. Etwas schlug mit einem markerschütternden Rums auf dem Boden auf-- oder war es auf einem der Mercedes? »Sir? Sind Sie noch dran? Ich habe die Nummer nicht verstanden, Sir.« »Neun sieben ...« Der Junge legte seine Hand auf Buys. »Mister ... Ich glaube, das bringt nichts mehr.« Hayley blickte ihn nicht mehr an. Ihre Augen waren nach oben gerichtet -- auf das NikeTownSchild, die Neonlichter. Ihr Gesicht war weiß. »Oh, nein«, sagte Buy. »Oh, bitte, nein ...« »Sir?«, ertönte es aus dem Telefon. »Würden Sie Ihre Kreditkar tennummer bitte wiederholen? Sir? Sind Sie noch dran? Hallo? Hal lo?« Teil2 11. Hack Sie kamen am nächsten Abend um elf. Hack saß gerade vor dem Fernseher. Er hatte AOL Time Warner, 182 Kanäle. Auf vieren da von, unter anderem auf CNNA, wurde nonstop über die Mercury Morde berichtet. Hack saß in eine Decke gewickelt auf dem Boden und schaltete ständig zwischen den Kanälen hin und her. Das tat er seit nunmehr 30 Stunden. Das ist eine Theorie, Mary. Eins ist jedenfalls sicher: Es gibt nach offizi ellen Angaben 14 Tote, und niemand hat ... Einige NikeTownGeschäfte wurden inzwischen geschlossen, andere bleiben jedoch trotz des Risikos geöffnet. Die fieberhafte Nachfrage nach Mercurys ... Die Worte prallten an ihm ab. Das Einzige, was in sein Bewusst sein drang, war die Zahl 14. Als jemand an der Haustür klingelte, zuckte er zusammen. Dann rappelte er sich auf und ging an die Sprechanlage. »Hallo?« »John hier. Kann ich raufkommen?« » Wer ist da?« Er hörte Gelächter. »Er fragt: >Wer ist da?<«, wiederholte John. »Komm schon, Hack, treib keine Spielchen mit uns. ne beschissene Gegend ist das hier.« Hack erstarrte. »John Nike?« »Du hast den Job delegiert, stimmts, Hack? Du hast das nicht selbst gemacht. Ich schätze, wir haben uns nicht klar genug ausge drückt. Das war wohl ein Fehler von uns. Ich mache mir echt Vor würfe deswegen, und John ist völlig geknickt. Stimmts, John?« Eine zweite Stimme. »Lass uns drüber reden, Hack. Mach sofort die Tür auf!« »Das ist gerade etwas ungünstig.« Pause. Dann, erheblich lauter und deutlicher: »Hack, du kleiner Scheißer, mach sofort die Tür auf!« Er drückte den Türöffner und hörte, wie es unten summte. Er trat einen Schritt zurück und starrte auf die Sprechanlage. Hoffentlich war das nicht schon wieder ein großer Fehler. Als die Johns an seine Wohnungstür klopften, schloss er mit zit ternden Fingern auf. Die Tür wurde mit voller Wucht aufgestoßen. Die plötzliche Helligkeit aus dem Hausflur verwirrte ihn. Er hielt schützend die Hand vor die Augen, dabei entglitt ihm die Decke. »Oh, Gott«, sagte VicePresident John, während er sich an ihm vorbeidrängte. »Was ist das denn -- DisneyBoxershorts? Und du willst Merchandising Officer sein?« »Du siehst beschissen aus«, bemerkte der andere John. Beide tru gen dunkle Anzüge. Ihre schwarzen Schuhe glänzten frisch poliert. »Hack -- und dein Mundgeruch!« John war schon ins Wohnzimmer vorgedrungen. Hack bemerkte, dass die Schlafzimmertür einen Spalt offen stand. Violet schlief noch. »Komm her, Hack. Wir wollen dir was zeigen.« Hack zog im Vorbeigehen die Schlafzimmertür zu. Die Johns schienen es nicht zu bemerken. Hack setzte sich auf die Couch und zog die Decke um sich. Der andere John bemächtigte sich der Fernbedienung und zappte durch die Programme. Plötzlich prangte das Bild von VicePresident John auf der Mattscheibe. »Mist, jetzt haben wir den Anfang ver passt. Das ist deine Schuld, Hack. Du hast uns so lange warten las sen.« Auf dem Bildschirm sagte John gerade: »Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass dies eine furchtbare Tragödie ist. Unsere Produkte haben bei der Kundschaft einen hohen Stellenwert -- die NikeAirSerie, unser ErfolgsLabel Nike Jordan und natürlich die revolutionären neuen Nike Mercurys. Aber dafür zu töten ist falsch, und Nike wird das nicht hinneh men.« »Ich finde immer noch, du hättest an der Stelle aufs Rednerpult schlagen sollen«, kommentierte der andere John. »Um der Sache Nachdruck zu verleihen.« »Understatement heißt das Zauberwort«, erwiderte John. »Wir werden die Mörder verfolgen und dafür sorgen, dass sie zur Re chenschaft gezogen werden. Das garantieren wir. Es ist wie eine Geld zurückGarantie von Nike.« »Drängte sich geradezu auf, das Wortspiel«, sagte John. Dann wandte er sich an Hack. »Was denkst du?« »Ihr wollt mich an die Regierung ausliefern.« Es war aussichtslos, durch die Tür entkommen zu wollen. Vielleicht durchs Fenster? Hacks Hände krampften sich zu Fäusten. Die Johns brachen in Gelächter aus. »Mensch, Hack, du kommst vielleicht auf Ideen!«, rief der andere John. »Du bist und bleibst halt ein Merc Officer«, sagte VicePresident John und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Manchmal verges sen wir, dass nicht jeder so viel von Marketing versteht wie wir. Was du gerade gesehen hast, Hack, war eine Presseerklärung. In Wirklichkeit denken wir nicht im Traum daran, die Verantwortli chen zur Rechenschaft zu ziehen -- die Verantwortlichen sind schließlich wir selbst. Klar?« Hack nickte. »Die Sache ist nur -- das Ganze hätte unser kleines Geheimnis bleiben sollen. Ist es aber nicht, stimmts? Du konntest den Mund nicht halten.« »Ich meine -- sieh mal, Hack: Wenn wir für den Auftrag einen Außenstehenden hätten engagieren wollen, dann hätten wir ver dammt noch mal selbst zum Telefon greifen können, klar?« »Das wusste ich nicht«, sagte Hack. »Ihr habt nie was davon ge sagt ...« »Pass auf -- es hat keinen Zweck, lange darüber zu diskutieren, wessen Schuld es ist«, unterbrach VicePresident John. »Genau ge nommen ist es natürlich deine, Hack. Wir können jetzt nur versu chen, den Schaden in Grenzen zu halten. Also, erste Frage: Mit wem hast du den Untervertrag geschlossen?« »Ich ... mit der Polizei.« John nickte. »Okay. Wenigstens eine professionelle Organisation. Kennst du ihre Werbung, John?« »Klar. 86 Prozent Erfolgsqoute.« »Genau. Echt beeindruckende Zahl«, sagte John. Er sah Hack an. »Ich nehme an, du hast ihnen gesagt, von wem der Auftrag kommt.« »Ähm ...« »Nun zier dich nicht so, Hack. Wir wissen doch, dass die darauf bestehen, zu erfahren, wer der Auftraggeber ist.« »Hm -- na gut. Ja, ich habs ihnen gesagt.« »Scheiße!«, fluchte der andere John. »Hack, du elender Vollidiot!« »Psst -- ist schon okay, Hack«, beruhigte VicePresident John ihn. »Langsam kommen wir weiter. Ich meine, im Großen und Ganzen ist das natürlich alles nicht so toll. Genau genommen ist es sogar hochgradige Scheiße, wenn eine solch vertrauliche Angelegenheit derart ausposaunt wird. Aber persönlich weiß ich deine Aufrichtig keit sehr zu schätzen, Hack.« Er beugte sich vor, bis sein Gesicht das von Hack beinahe berührte. Seine Haut war so straff, dass es wirkte, als wäre sie ihm zu eng, und die Wangenknochen standen unnatür lich vor. »Und wo wir schon im Vertrauen reden, verrate ich dir auch ein Geheimnis. Die Leute, die da geschossen haben, waren nicht von der Polizei. Willst du wissen, wer es war?« »Mhm«, murmelte Hack. »Die NRA. Wir haben uns zu sechs Vorfällen nähere Informatio nen verschafft, und das Ganze riecht von vorne bis hinten nach die sen NationalRifleFritzen. Für die heißt undercover immer Jungs mit schwarzem TShirt und Tarnhose. Und was schließen wir dar aus, Hack?« Hack zuckte die Achseln. »Das heißt, die Polizei hat ebenfalls einen Untervertrag geschlos sen.« John seufzte. »Die haben heutzutage alle nur noch Outsour cing im Kopf. Keiner hat mehr Sinn für Kernkompetenzen. Aber Nike hat einen guten Draht zur NRA, Hack -- schließlich sind wir beide im USAllianceProgramm. Wenn wir die Sache nicht lieber intern geregelt hätten, dann hätten wir selbst die NRA beauftragt. Wenn der Auftrag also von dir an die Polizei und von da direkt wei ter an die NRA gegangen ist, haben wir nur ein zusätzliches unsi cheres Glied in der Kette -- kein Grund zur Begeisterung, aber auch keine Katastrophe. Was allerdings eine Katastrophe wäre: Wenn es noch weitere Zwischenglieder gäbe, von denen wir nichts wissen. Kannst du mir folgen?« »Ihr wollt ... rausfinden, ob die Polizei den Job direkt an die NRA weitergegeben hat?« »Brillant, Einstein«, sagte der andere John, der im Fernsehen gera de Aufnahmen aus einer Nike Town in Sydney verfolgte. Rund 200 Teenager stürmten das Geschäft, und jeder versuchte, die anderen zurückzudrängen. Die Schaufensterscheibe ging dabei zu Bruch. John kicherte in sich hinein. »Genau das sollst du für mich erledigen«, sagte VicePresident John lächelnd zu Hack. »Und zwar jetzt gleich.« »Jetzt?« »Ich komme mit. John wartet solange hier.« »Hast du vielleicht was zu knabbern da?«, fragte der andere John. »Ähm ...« Hack dachte an Violet. »Ihr ... warum kommt ihr nicht beide mit? Oder ich gehe hin und rede mit denen und nachher rufe ich euch an ...« Der andere John blickte auf. »Komm nicht auf die Idee, uns Vor schriften zu machen, Hack. Schlag dir das mal ganz schnell wieder aus dem Kopf.« »Ich finde, wir sollten jetzt gehen«, sagte VicePresident John. Er lächelte nicht mehr. »Ganz im Ernst. Wir gehen jetzt.« 12. Jennifer »Hey, Jen«, sagte jemand. »Hallo.« Sie schlug die Augen auf. Dann schloss sie sie wieder. Lichter wie Engel, ging es ihr durch den Kopf. Gott ist ein Neonlicht. »Komm, wach auf.« »Ahh«, stöhnte sie. »Gutes Mädchen. Komm schon!« Sie öffnete mühsam die Augen. Calvin, ihr Partner, saß an einem Bett. Sie selbst lag in diesem Bett. Und das Bett war offenbar ein Krankenhausbett. »Der MercedesHändler verklagt uns auf Schadenersatz für das Auto, auf das du gefallen bist -- kannst du dir das vorstellen? 48000 Piepen!« »Sind sie ... entkommen?« Er seufzte. »Ich fürchte, ja. In der Nike Town in der City haben sie uns auch aufs Kreuz gelegt. Und in Sydney ...« Calvin rieb sich die Nase. »Naja, Ben ist nichts passiert. In dem Laden, den er aufs Korn genommen hatte, sind überhaupt keine bösen Jungs aufgetaucht. Er hat den ganzen Abend lang zugesehen, wie 13Jährige Turnschuhe kauften. Aber Taylor ... Taylor hat einen von den Kerlen zur Strecke gebracht. Wir nehmen an, dass sein Komplize sie daraufhin erledigt hat.« »O Gott.« Sie wollte die Hände vor das Gesicht schlagen. Schmerz durchfuhr ihre Schulter. »Ah!« »Stillhalten«, sagte Calvin. »Du kriegst eine Schlinge oder so etwas Ähnliches. Jedenfalls sind wir alle froh, dass wir dich an einem Stück zurückhaben, okay? Offenbar sind wir schlecht informiert an die Sache rangegangen.« »Meine Informantin ist zuverlässig. Das weiß ich genau.« »Ich will ja nicht drauf rumreiten, aber diese Geschäfte hatten alle samt mehr als fünf Paar Mercurys«, wandte er ein. »Ich vertraue meiner Informantin«, beharrte sie. Sie hatte Durst. Ihr ganzer Körper schmerzte. Sie musste zur Toilette, aber nach der Anzahl der Schläuche zu urteilen, die in ihrem Arm steckten, würde sie einen Ständer voller Infusionsflaschen und Beutel mitnehmen müssen. »Egal, das können wir später ausdiskutieren. Sie hat übrigens ge stern Abend angerufen. Hat auch einen Namen genannt. Hack Ni ke.« »Wer soll das sein?« »Du hast doch bei Nike rumgeschnüffelt -- hast du dabei nie was von einem Hack gehört?« »Nein.« »Naja, vielleicht ist er ja nur ein kleines Licht«, sagte Calvin. »Ich sage ja -- unsere Informationen waren bislang nicht gerade berau schend.« Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrie ren. »Weißt du was, ich glaube, ich komme später noch mal wieder.« Calvin stand auf. »Du brauchst jetzt erst mal Ruhe. Ich kümmere mich um ...« »Warte. Wie ... wie viele ...« Er setzte sich wieder. »14 Tote. Mindestens acht davon waren Auf tragsmorde, alles Kids aus einfachen Verhältnissen. Es sieht ganz so aus, als wären die Opfer nach niedrigem Einkommen auswählt worden. Ich sags ungern, aber es wird schwierig werden, für diese Angelegenheit irgendwelche Mittel aufzutreiben.« »Gibt es Anhaltspunkte?« »Zwei. Da ist einmal der Typ, den Taylor erledigt hat. Wir checken gerade sein Umfeld ab. Und zweitens so ein Börsenmakler, der am Tatort mit einem der Opfer zusammen war. Er behauptet, er hätte nichts gesehen, aber wir haben ihn noch nicht in die Mangel ge nommen.« »Und was ist mit diesem Hack Nike?« »Tja, nachdem deine Informantin sich als nicht so wahnsinnig zu verlässig erwiesen hat, habe ich mich um den noch nicht weiter ge kümmert«, sagte Calvin. »Knöpf ihn dir vor.« »Klar -- wenn wir die Mittel kriegen, werde ich ...« »Nein, sofort«, sagte sie. »Knöpf ihn dir vor.« »Bevor die Mittel bewilligt sind? Ist das dein Ernst?« »Seh ich aus, als ob ich scherze?« »Du siehst furchtbar aus«, sagte Calvin und lachte. 13. Billy Billy hatte ja schon eine Menge mitgemacht, aber das hier toppte alles. Die NRA hatte ihnen Tierbezeichnungen als Codenamen ver passt, sodass man nicht mal mehr jemanden begrüßen konnte, ohne sich völlig bescheuert vorzukommen. Ein paar Typen fuhren sofort darauf ab und sagten ständig: »n Abend, Pferd« oder »Mensch, Schakal, lass den Scheiß«. Billy fand das Ganze albern. Billy hieß »Maus«. Seit drei Tagen kroch er nun schon durch den Busch und schlief in Gräben. Er trug eine Tarnhose und über dem schwarzen TShirt eine schwere Jacke. Außerdem hatte er eine Öljacke im Gepäck. In der vergangenen Nacht hatte er sie als Kopfkissen benutzt -- auch als es anfing zu regnen. Am Morgen waren seine Zigaretten so feucht, dass sie nicht mehr brannten, und seine Arme so steif, dass er sie kaum bewegen konnte. Die NRA bezeichnete das Ganze als Manöver, mit dem sie angeb lich seine Fähigkeiten auf die Probe stellen wollten. Bislang war al lerdings nur eins auf die Probe gestellt worden: seine Geduld. Das Ganze war alles andere als ein Skiurlaub. »Hier in der Nähe muss die Fahne sein«, sagte Bär. »Ganz in der Nähe, bestimmt.« »Wir müssen sie unbedingt kriegen«, sagte Kalb. Billy war noch nie einer Frau begegnet, die so Furcht einflößend aussah. »Ich brau che diesen Job.« »Was soll das heißen?«, fragte Billy. »Wir sind doch schon ange worben, oder etwa nicht? Ich dachte, das hier ist bloß Training!« »Klar«, antwortete Kalb. »Aber die Sorte Training, wo es dich dei nen Job kostet, wenn du was vermasselst.« »Achso«, sagte Billy. »O Mann.« »Klappe halten!«, kommandierte Fink, der sich zu ihnen umge dreht hatte und rückwärts weiterging. »Und dicht aufschließen!« Billys Miene verdüsterte sich. Er hatte mittlerweile gründlich die Schnauze voll von diesem Fink, ihrem Truppenführer. Wenn der noch einmal das Wort »Kommandokette« in den Mund nahm, wür de Billy die Brocken hinschmeißen. Sie marschierten. Der Busch wurde zusehends dichter, beinahe ein Urwald. Billy wusste, dass es hier draußen die gruseligsten Viecher geben musste -- Tiere, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihm schauderte bei der bloßen Vorstellung. Links von ihnen regte sich etwas im Unterholz. Der Trupp warf sich auf den Boden. Billy hob sein Farbgewehr. Damit konnte man angriffslustige Bären oder Nashörner -- oder was zum Teufel sich hier rumtrieb -- vielleicht nicht erlegen, aber wenn man auf die Au gen zielte ... »Nee, lass mich mal. So musst du das laden.« Stimmen. Fink gab das Zeichen zum Ausschwärmen. Billy hielt das für keine sonderlich geniale Idee -- jemand könnte auf einen Zweig treten und sie verraten. Er warf Fink einen verständnislosen Blick zu. »Los«, zischte Fink. Billy seufzte. Er und Erpel übernahmen die eine Flanke, Bär und Kalb die andere. Sie waren knapp zehn Meter weit gekommen, als einer von beiden -- Grisli oder Kalb -- auf einen Zweig trat und fluchte: »Oh, Scheiße!« »Vorwärts! Vorwärts!«, brüllte Fink. »Angriff!« Welch großartige Idee, den Feind mit lautem Geschrei vorzuwar nen, dachte Billy, während er losrannte. Er sprang über einen umge stürzten Baum. Erpel lief keuchend hinter ihm her. Sie stürmten auf eine Lichtung, auf der eine rote Fahne wehte. Dort wurden sie von einer Schar NRATypen mit roten Armbinden empfangen, und plötzlich flogen die Farbkugeln aus allen Richtun gen. Eine zerplatzte auf Erpels Brust, und er setzte sich auf den Bo den. Billy machte einen Hechtsprung, rollte sich ab und ging hinter einem Baum in Deckung. Er schoss und lud nach, schoss und lud nach, bis er vier Feinde mit Farbkugeln zur Strecke gebracht hatte. Dann betraten Grisli und Kalb von der anderen Seite die Lichtung. »Die ist für dich, du Arsch!«, rief Bär und ballerte eine Farbsalve auf einen Mann, der bereits auf dem Boden saß. »Hinter dir!«, schrie Billy -- zu spät. Bär bekam einen Treffer aufs Hinterteil. »Verdammter Hurensohn!«, grollte er. »Setz dich hin, du Blödmann«, sagte der tote Feind. Kalb rannte auf eine Baumgruppe zu, in der der letzte rote Soldat Deckung gesucht hatte. Sie feuerte einen Schuss ab und ergriff dann die Flucht. Kalb war wirklich zum Fürchten. Billy verpasste dem letzten Gegner eine Farbkugel und trat dann auf die Lichtung hin aus. Kalb kam ihm entgegen. »Gute Arbeit, Maus. Du hast ein scharfes Auge.« »Danke.« Er beäugte ihre Hose. »Hey, Kalb ... ich glaub, dich hats erwischt.« »Was? Oh, Shit!« »Sehr schön, sehr schön!«, sagte Fink, der gerade dazukam. »Ein guter Tag für das blaue Team!« Er trat an den Fahnenmast und machte sich an den Seilen zu schaffen. »Alle Blauen haben ihren Posten bei der NRA sicher.« »Deine Leute sind samt und sonders abgeknallt worden -- bis auf mich!«, protestierte Billy. Fink blickte sich um. »Na, dann wohl doch nicht alle.« »Du Arsch! Du hast sie vorgewarnt!«, schimpfte Kalb. »Hab ich nicht«, gab Fink zurück. »Das war allein eure Schuld, von wegen auf Zweige treten und so.« »Klar hast du, Mann«, mischte sich einer der Gegner ein. »Ich hab doch gehört, wie jemand geschrien hat: >Vorwärts, Angriff!<« »Herzlichen Dank, Fink! Du hast mich wahrscheinlich um meinen Job gebracht!« »Wenn ihr im Gefecht versagt, ist das nicht meine Schuld«, gab Fink zurück. Er begann, die Fahne zusammenzufalten, indem er sich eine Kante unter das Kinn klemmte. Billy platzte heraus: »Hältst du dich etwa für einen Truppenführer? Das hier ist ne Übung! Du bildest dir doch wohl nicht ein, dass sie dir bei einem richtigen Einsatz jemals das Kommando übertragen würden?« Alles verstummte. Fink hob das Farbgewehr. »Halt die Klappe, Maus.« Billy hätte ihn beinahe ausgelacht. »Was hast du vor? Willst du mich vielleicht erschießen?« »Halt dich zurück, sag ich!« »Gib mir die Fahne. Du hast sie nicht verdient.« Billy griff danach. Fink drückte ab. Billy fühlte, wie etwas Hartes gegen seine Brust prallte. Er blickte an sich hinunter und sah einen Klatschen blauer Farbe auf seiner Jacke. Er hob den Kopf. Fink wurde nervös. »Hör mal, Maus ...« -- aber da landete Billys Faust schon in seinem Ge sicht. Fink ging zu Boden. Arme griffen nach Billy. Er schlug wild um sich und traf etwas Weiches. Jemand schrie auf: »Verflucht, meine Nase!« Dann lag Billy auf dem Boden, eine Schar wütender Leute hielt ihn fest. »Was ist denn in dich gefahren?« »Mach, dass du wegkommst«, sagte einer. »Schläger wie dich kann die NRA nicht gebrauchen.« »Die NRA wird alles erfahren, Maus«, drohte Fink mit über schnappender Stimme. »Den Job kannst du vergessen!« Billy wandte sich Hilfe suchend an Kalb. Sie wich seinem Blick aus. »Du solltest wohl besser die Kurve kratzen, Maus.« »Auch gut!« Er rappelte sich auf, riss sich die blaue Armbinde her unter und schmiss sie auf den Boden, was aber niemanden sonder lich zu beeindrucken schien. Am liebsten hätte er gebrüllt: Ich scheiß auf euch alle! Aber er biss sich auf die Zunge, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte los. Die NRA war für ihn gestorben. 20 Minuten später wurde ihm klar, dass sein Orientierungssinn nicht so untrüglich war, wie er geglaubt hatte. Der Busch sah überall gleich aus. Stellenweise war er so dicht, dass Billy über umgestürzte Baumstämme klettern und sich durchs Gestrüpp schlagen musste. Die blaue Farbe an seiner Jacke trocknete zu einer harten Kruste ein, die ihm die Haut wund scheuerte. Er zog die Jacke aus und schleu derte sie in einen Baum. Als zehn Minuten später die Moskitos gna denlos über seine Arme herfielen, machte er kehrt, um die Jacke wiederzuholen. Aber das war gar nicht so einfach. Billy merkte bald, dass er sich gründlich verirrt hatte. Eine halbe Stunde lang kämpfte er sich durchs Unterholz. Er war wütend auf sich selbst, die NRA und die Drosseln, die ihn irreführten. Er bereute vor allem, dass er auf dem Schießplatz überhaupt diese NRATypen getroffen hatte. Wenn er aus diesem Schlamassel heraus war, würde er auf der Stelle seine Mitgliedschaft kündigen. Etwa drei Stunden später stieß er auf eine unbefestigte Straße. Vor Erleichterung fiel er auf die Knie. Er war erschöpft, völlig verdreckt, und seine Kehle war so ausgetrocknet, dass beim Schlucken ein knackendes Geräusch zu hören war. Außerdem verspürte er einen entsetzlichen Drang, eine Zigarette zu rauchen, aber er wagte nicht sich vorzustellen, wie viel schlimmer sein Durst davon werden würde. Er stellte sich auf die Straße und hielt nach beiden Richtun gen Ausschau. Keine sah besonders viel versprechend aus. Schließ lich wanderte er so los, dass er die Nachmittagssonne im Rücken hatte. Er ging Ewigkeiten, ohne dass ein einziges Auto vorbeikam. Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, wurde die Luft frostig. Billy bereute inzwischen sehr, dass er die Jacke weggeworfen hatte. Ihm dämmerte allmählich, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Er begann sich zu fragen, ob er lebend davonkommen wür de. Kurz darauf warf er einen Blick nach rechts und bemerkte den Jeep. Ein kaum erkennbarer Fahrweg ging von der Straße ab -- eigentlich nicht mehr als eine schmale Schneise zwischen den Bäumen --, und ein paar Hundert Meter weiter leuchteten rot zwei Bremslichter. Billy blieb stehen und starrte sie an. Dann rannte er darauf zu. Es war ein NRAFahrzeug, das erkannte er trotz der Dämmerung, und es saßen mehrere uniformierte NRALeute darauf. Einer der Männer blickte in seine Richtung. »He!«, schrie Billy und winkte mit den Armen. »Hallo, hallo!« Der Mann hob sein Gewehr. Billy blieb stehen. Plötzlich strahlte ihm ein Scheinwerfer ins Gesicht. Er hob geblendet einen Arm vor die Augen. »Identifizieren Sie sich.« »Ich bin Billy! Billy NRA!« Schweigen. Seine Knie begannen zu zittern. Er hatte das schreckli che Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Dann hörte er, wie jemand vom Wagen sprang und auf ihn zukam. Das Unterholz knackte unter seinen Stiefeln. Ein Mann trat ins Scheinwerferlicht. Er war klein, ungefähr 50 Jahre alt, und trug eine Uniform mit reich lich Lametta. Das alles förderte nicht gerade Billys Wohlbefinden. »Sie sind Bill NRA?« »Ja.« Der Mann holte tief Luft. »Herrgott! Wir dachten schon, Sie kom men nicht mehr. Ich bin Yallam.« »Ich bin ... sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, Sir.« Billys Knie woll ten einfach nicht aufhören zu zittern. »Alles in Ordnung mit Ihnen?« »Mir gehts gut, Sir.« »Wir haben von den Schwierigkeiten in Sydney gehört. Das mit Damon tut uns Leid.« »Ich ...«, begann Billy, doch dann begriff er, dass hier nur eine Antwort am Platz war. »Ja, Sir.« Yallam drehte sich um. »Frank! Mach den Scheinwerfer aus!« Das Licht erlosch. Billy blinzelte in die plötzliche Dunkelheit. »Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen. Haben Sie Ihren Wagen gut entsorgt?« »Meinen ... --ja, Sir.« »Guter Mann.« Yallam klopfte ihm auf den Rücken und schob ihn auf den Jeep zu. Billy war ganz und gar nicht danach zu Mute ein zusteigen. »Die NRA ist stolz auf Sie, mein Junge. Glauben Sie nicht, dass wir Ihnen nicht hoch anrechnen, was Sie in der vergangenen Woche geleistet haben.« »Vielen Dank, Sir«, sagte Billy. Ein Soldat öffnete ihm die Beifah rertür, und er kletterte hinein. Er hatte noch nie in seinem Leben solche Angst gehabt. 14. Jennifer Der Psychologe sagte: »Jetzt werden Sie mir sicher gleich erzählen, dass Sie hier eigentlich gar nichts zu suchen haben.« »Wow, Sie sind ja richtig gut«, entgegnete Jennifer. Der Plastik stuhl war unbequem, das Büro klein und dunkel und das Fenster bot keine Aussicht. Man wollte sie aufs Abstellgleis schieben -- so kam es ihr jedenfalls vor. Die Regierung bestand darauf, dass im Krankenhaus ein abschließendes psychologisches Gutachten erstellt wurde. Jennifer wollte einfach nur nach Hause. »Gefahr gehört zu Ihrem Job, nicht wahr? Statt hier Ihre Zeit zu vergeuden, würden Sie lieber da draußen die Schuldigen verfol gen.« »Ich bin beeindruckt«, kommentierte sie. »Mir scheint, Sie kämen hier eigentlich auch ganz gut ohne mich zurecht.« Der Therapeut stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. Jennifer sah eine aufgeschlagene Akte -- wahrscheinlich ihre. »Jennifer, ich werde Sie nicht nach Ihrer Kindheit, Ihren sexuellen Gepflogenhei ten oder nach der Form von Tintenklecksen befragen. Ich will Ihnen nur helfen, Ihr Trauma zu verarbeiten.« »Mein einziges Trauma ist, dass ich so dumm war. Ich hatte einen Auftrag, und den hab ich vermasselt. Ich habe es geradezu verdient, angeschossen zu werden.« »Denken Sie das wirklich?« »Nein«, sagte sie. »Das Mädchen hätte es verdient, dass ich sie ge rettet hätte, und diese beiden schießwütigen Arschlöcher hätten es verdient, an ihrer Stelle zu sterben. Aber man kann eben nicht alles haben.« Der Seelenklempner schwieg -- ein bewusstes Schweigen, arg wöhnte Jennifer. Er wollte ihr wohl Zeit geben, ihre Antwort zu ü berdenken und zu korrigieren. Sie sagte kein Wort. »Wissen Sie«, begann er von Neuem, »manche Leute fixieren sich bei der Verarbeitung eines Traumas völlig auf die Schuldigen. Ihr ganzes Leben dreht sich nur noch um den Gegner. Ihre Gedanken kreisen darum, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.« »Scheinen mir ganz vernünftige Leute zu sein.« »Sie ziehen sich von ihren Freunden und ihrer Familie zurück. Neben dem Trauma verliert alles andere seine Bedeutung. Es kann vorkommen, dass sie gegenüber der Gewalt abstumpfen oder sogar selbst aggressiv werden. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?« »Wissen Sie, ich könnte mich noch stundenlang mit Ihnen unter halten«, sagte sie und stand auf, »aber ich habe noch einiges zu erle digen ...« »Setzen Sie sich.« Sie setzte sich. »Wissen Sie, eigentlich geht es bei dieser ganzen Sache gar nicht um mich. Es geht darum, dass irgendein Arschloch bei Nike glaubt, mit toten Teenagern seine Karriere ankurbeln zu können. Sie haben ja keine Ahnung, was das für Leute sind! Die schrecken vor nichts zurück, solange man sie machen lässt.« »Ich bin über Ihre Vergangenheit in der Wirtschaft im Bilde«, sagte der Seelenklempner. Sein Blick wanderte zu Jennifers Strichcode Tätowierung. »Sie haben da noch eine Rechnung offen, wie?« »Hören Sie, das hat damit überhaupt nichts zu tun!«, protestierte sie. »Nicht ich kann das nicht vergessen, sondern Leute wie Sie.« »Arbeiten Sie für die Regierung, um eine Sache aus Ihrer Vergan genheit zu begleichen?« »Klar«, sagte sie. »Ich bin ne echte Idealistin.« »>Von der Hingabe und Einseitigkeit des Idealisten zum Fanatis mus ist oft nur ein einziger Schritt.< Hat F.A. Hayek geschrieben. Und: >Es ist nur ein Schritt vom Fanatismus zur Barbarei.< Das ist von Denis Diderot.« »Jemand sollte mal Sie anschießen und drei Stockwerke in die Tiefe stürzen«, sagte sie. »Dann könnten Sie nen Aufsatz verfassen.« Er seufzte und schrieb einen Vermerk in die Akte. Bestimmt kei nen positiven, dachte sie. »Sie empfehlen meine Suspendierung -- hab ich Recht?« »Jennifer, es täte Ihnen sicherlich ganz gut, etwas zur Ruhe zu kommen, bevor Sie in den aktiven Dienst zurückkehren.« »Ich brauche keine Ruhe!« Er blickte auf. »Ich habe gehört, dass es in Ihrem Leben keinen Mann gibt -- ist das richtig?« »Ich dachte, wir reden hier nicht über mein Sexualleben.« »Im Hinblick auf Ihre Perspektivlosigkeit ist das durchaus rele vant.« »Ich gehe.« Sie stand auf. Etwas zu hastig -- ihr Stuhl fiel schep pernd um. »Warten Sie! Jennifer!« »Sie können mich mal!« Sie knallte die Tür hinter sich zu. Die Leu te auf dem Flur drehten sich nach ihr um. Sie starrte zurück. Drau ßen war es dunkel, und vor dem Krankenhaus standen keine Taxis bereit. Jennifer stellte sich an den Straßenrand und wartete. Erst als ihr Kiefer schmerzte, bemerkte sie, dass sie die Zähne zusammen biss. Das Taxi setzte sie an der Peckville Street ab. An der Haustür be merkte Jennifer, wie schwierig es sein konnte, in sein eigenes Haus hineinzukommen, wenn man einen Arm in der Schlinge trug. Schließlich klingelte sie. Sie besaß ein Reihenhaus in North Melbourne, einem kleinen, city nahen Wohnviertel, das bisher weitgehend von der Invasion der Mietskasernen verschont geblieben war. Jennifer war vor acht Jah ren aus Los Angeles nach Melbourne gezogen. Sie hatte einen Tape tenwechsel dringend nötig gehabt, die Aufnahme Australiens in die Vereinigten Staaten hatte damals gerade kurz vor dem Abschluss gestanden, und in der Fernsehwerbung war das Land als neues Ka lifornien angepriesen worden. »Melbourne ist wie L. A. ohne den Smog«, hatte ein Immobilienmakler zu ihr gesagt. Das mochte stimmen -- aber auch ohne den kulturellen Reiz. Jennifer war ent setzt darüber gewesen, wie klein die Stadt war. Inzwischen hatte sich das natürlich geändert. Seit damals war so viel gebaut worden, dass man Melbourne kaum wieder erkannte. Die Außenbeleuchtung ging an. Ein Auge erschien am Türspion. Ein Schlüssel drehte sich, die Tür ging auf, und Jennifer trat ein. »Ich habe mich schon gefragt, ob Sie heute Abend noch nach Hause kommen.« »Ich ... Entschuldigung, ich hätte anrufen sollen.« »Kein Problem«, erwiderte das Mädchen. »Ich habe solange ge lernt.« Es griff nach seiner Tasche. »Ich mach mich dann mal auf die Socken -- oder brauchen Sie noch was?« »Äh -- nein, danke«, sagte Jennifer. »Rufen Sie mich an, wenn Sie mich wieder brauchen.« Das Mäd chen ging zur Haustür hinaus. Jennifer ließ ihre Tasche auf die Couch fallen. Im Flur brannte noch Licht, aber in Kates Zimmer war es dunkel. Sie schlüpfte leise hinein und blieb kurz stehen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. »Mommy?« »Hallo, Schatz.« Sie kniete neben dem Bett nieder. »Deine Haare sehen komisch aus.« »Die mussten sie abschneiden. Und da bin ich genäht worden, guck mal.« Kate berührte Jennifers Haar. »Ich fands vorher schöner.« »Ich finde, es sieht toll aus«, entgegnete sie. »Warst du auch artig?« »Ja.« »Braves Mädchen.« Sie streichelte Kate über die Wange. »Trinkst du noch ein Glas Milch mit mir?« »Es ist schon ganz spät, Mommy.« »Ich weiß.« »Na gut.« Sie krabbelte unter der Decke hervor. Jennifer nahm sie an der Hand, und die beiden gingen zusammen in die Küche. »Ist dein Arm verletzt?« »Ja, ein bisschen.« »Wird das wieder gut?« »Sicher«, sagte Jennifer. »Alles wird wieder gut.« 15. Violet Als Violet erwachte, saß ein Mann auf ihrem Bett. »Hi«, sagte er. Sie rückte hastig von ihm ab und zog die Decke um sich. »Wer sind Sie?« »Ein Freund von Hack. Er hat mir gar nichts von dir erzählt. Bist du seine Freundin?« Der Mann rückte näher. »Hübsche Schultern hast du.« »Wo ist Hack?« »Der macht gerade einen Spaziergang.« Der Mann war jung, hatte ein glattes Gesicht und trug einen dunklen Anzug. »Wird ein Weil chen dauern, bis er zurückkommt.« »Bitte gehen Sie.« »Aber Hack hat mich aufgefordert zu bleiben. Wie heißt du?« »Ich möchte, dass Sie gehen.« »Ich bin John Nike.« Er lächelte, wobei seine Zähne im Schummer licht schwach glänzten. »Und wer bist du?« »Violet.« »Violet -- und weiter?« Er rückte noch ein Stückchen näher. »Oder bist du arbeitslos? Das ist schon in Ordnung -- so was kann passie ren. Weißt du was, arbeitslose Violet? Ich gebe dir hundert Dollar für einen Kuss.« »Verschwinden Sie. Sofort.« Er zog die Augenbrauen hoch. »Das ist ein großzügiges Angebot! Schließlich bist du nicht gerade in der günstigsten Position, um zu verhandeln.« Er legte ihr die Hand auf den Oberschenkel. »Fassen Sie mich nicht an!« »Wenn man es zu was bringen will, muss man geschäftstüchtig sein, Violet. Man muss Gelegenheiten beim Schopf packen.« Er griff fester zu. Sie wollte ihn abwehren. Er packte ihre Handgelenke und drückte sie gegen die Wand. Die Decke rutschte herunter. »Oho«, sagte er mit gierigem Blick. »Was für hübsche Möpse.« Sie biss ihn mit aller Kraft ins Ohr. »Aah! Verdammt!« Violet war mit einem Satz aus dem Bett. Sie landete auf allen vie ren, rappelte sich auf und rannte los. Sie wollte gerade die Woh nungstür aufschließen, als ihr klar wurde, dass es keine gute Idee war, in dieser Gegend abends unbekleidet auf die Straße zu laufen. Sie rannte in die Küche und durchsuchte die Schubladen. John war ihr gefolgt. »Du kleines Luder«, zischte er. »Wenn ich jetzt nen Schönheitschirurgen brauche, kannst du blechen.« Sie fand ein Messer. Ein langes. »Bleiben Sie mir vom Leib!« »Ich denk nicht dran, arbeitslose Violet.« Er behielt das Messer fest im Blick, während er langsam näher kam. »Und du solltest dir gut überlegen, ob du dir noch mehr Ärger einhandeln willst.« »Sie haben mich angegriffen ...«, begann sie, aber da hatte er schon ihr Handgelenk gepackt und auf die Arbeitsplatte geknallt. Sie schrie auf. Das Messer fiel klirrend zu Boden. Auf der Arbeitsplatte stand ein CrumpetToaster -- ein schweres, glänzendes Gerät, das Hack ihr zu ihrem letzten Geburtstag ge schenkt hatte. Er hatte verschieden große Schlitze für unterschiedli che Brotsorten und war mit einer automatischen Bräunungsgrad kontrolle ausgestattet, sodass nichts ankohlte. Violet packte ihn mit beiden Händen und schmetterte ihn John ins Gesicht. Er tönte wie eine Glocke. John ging zu Boden. Dort blieb er reglos liegen. Violet beäugte ihn. Er schien nicht mehr zu atmen. Nach kurzem Zögern stieß sie ihn mit dem Fuß an. »Sind Sie ...« Er packte ihren Fußknöchel. Sie verlor das Gleichgewicht und schlug rücklings mit dem Hinterkopf gegen den Herd. Johns Hände umklammerten ihre Schenkel. Sie kreischte, ergriff erneut den Toas ter und schlug damit wild um sich. Sie hieb mit dem Gerät auf seine Fingerknöchel ein, bis sie ihr eigenes Knie traf. Sie schmetterte ihm den Toaster auf die Hände, auf den Kopf, ins Gesicht, bis ihr be wusst wurde, dass er sich nicht mehr rührte. Schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Violet kroch schwer atmend unter Johns schlaffem Körper hervor. Sie betrachtete ungläubig den Toaster. Es waren Blutflecken daran. Sie ließ das Gerät fallen, ging um den leblosen Körper herum aus der Küche und schloss die Tür hinter sich. Im Schlafzimmer zog sie sich ein TShirt und eine Hose an und setzte sich aufs Bett. Nach einer Weile begann sie an ihren Fingernägeln herumzukauen. Es dämmerte ihr, dass sie gerade etwas Furchtbares getan hatte. 16. Hack »Bist du sicher, dass wir nicht lieber mit dem Auto fahren sollten?«, fragte John. Auf der anderen Straßenseite standen ein paar Teenager und hörten laute Musik. »Es ist gleich da drüben«, sagte Hack. »Warum wohnst du überhaupt hier? Wie viel verdienst du bei Ni ke?« »Ähm ... so um die 33.« »Herrgott!«, rief John aus. »Was ist bloß los mit dir?« »Ich ... ich bin halt nicht so gut in Gehaltsverhandlungen.« Hack war in Gehaltsverhandlungen sogar eine absolute Niete. Einmal im Jahr zitierte sein Chef ihn ins Büro und redete lang und breit über Konkurrenzdruck und Budgetkürzungen. Wenn er dann am Ende eine Zahl nannte, nahm Hack sie hin und war dankbar, dass er ü berhaupt noch einen Job hatte. »Für so was gibt es Kurse. Selbstbehauptungstraining. Solltest du dir mal ansehen. Ist es hier?« Hack blickte auf. Das POLIZEISchild, das blinkende Blaulicht. »Ja.« John rückte seine Krawatte gerade. »Also, du machst jetzt Folgen des: Du gehst da rein und fragst nach demjenigen, mit dem du letz tes Mal gesprochen hast. Du klärst genau, wie viele Zwischenglieder es noch gibt. Sonst nichts. Anschließend gehst du wieder.« »Okay«, sagte Hack. Sie traten ein. Es spielte wieder dieselbe Mu sik, Every StepYou Take. Auf Dauer musste das ganz schön nerven, dachte Hack. »Kann ich bitte mit Sergeant Pearson sprechen?« »Gewiss, Sir.« Die Empfangsdame -- dieselbe wie beim letzten Mal -- schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Wie ist bitte Ihr Name?« »Hack Nike.« Sie sah John an. »Und ...?« »Ein Freund«, sagte John. Die Empfangsdame strafte ihn mit einem abschätzigen Blick. Hack wurde klar, dass man es sich besser nicht mit ihr verdarb. »Nehmen Sie Platz.« Sie setzten sich. »Du hast deinen richtigen Namen angegeben?«, flüsterte John. Hack schwieg. Er dachte an Violet, die zu Hause mit dem anderen John allein war. Pearson ließ sie nicht lange warten -- binnen einer Minute er schien er in der Eingangshalle. Eine echte Autorität, dieser Pearson, dachte Hack. »Schön, Sie zu sehen, Hack. Hier entlang, bitte.« Er führte sie wieder in dasselbe Besprechungszimmer. »Was kann ich für Sie tun?« Hack sagte: »Ich wollte mit Ihnen über den Auftrag reden.« »Soso.« Pearson warf einen fragenden Blick in Richtung John. »Ich weiß Bescheid«, sagte John. »Äh, ja, genau«, stammelte Hack. »Ich wollte Sie nur fragen ... ahm -- an wen Sie den Auftrag weitergegeben haben.« Pearson schwieg. Schließlich fragte er: »Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden, Hack?« »Zufrieden?« Hack hätte beinahe losgelacht. »Ich ... also ... logisch, ich meine ...« »Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber im Klaren sind, was für eine außerordentlich komplexe Aufgabe das war. Und dabei haben wir Ihnen wirklich einen extrem günstigen Preis gemacht.« »Ähm ... ja, schon. Ich will nur über diesen Untervertrag Bescheid wissen.« »Verstehe«, sagte Pearson. »Ihnen ist sicher bewusst, dass wir uns das Recht dazu vorbehalten hatten?« »Ja, also ... ich schätze, schon. Ich meine, es geht mir auch gar nicht darum, ob es am Ende die NRA gemacht hat. Ich will nur wissen ...« Pearsons Augenbrauen zuckten in die Höhe. »Wie kommen Sie darauf, dass es die NRA war?« »Ach ... äh ...« Hack warf einen raschen Seitenblick auf John, der verächtlich das Gesicht verzog. »Das war ... nur so ein Gedanke.« »Tatsächlich?«, unterbrach ihn Pearson. »Nun, das ist ein hochin teressanter Gedanke, Hack. Denn wie ich bereits betont habe, be handeln wir unsere geschäftlichen Verbindungen streng vertraulich. Strengstens vertraulich.« »Darum geht es mir ja gerade. Ich will wissen, ob es außer der NRA noch weitere -- ähm -- geschäftliche Verbindungen gegeben hat.« Pearson faltete bedächtig die Hände. »In unserer Branche ist Dis kretion das A und O, Hack. Ich muss mich wirklich wundern, dass Ihnen das noch nicht klar ist. Habe ich Ihnen unsere Broschüre denn nicht mitgegeben?« »Ähm ...« »Dann bekommen Sie gleich eine. Wir haben Vorkehrungen getrof fen, damit die Anonymität unserer Kunden optimal gewahrt bleibt. Und diese Vorkehrungen werden strikt eingehalten.« »Verstehe«, sagte Hack. »Aber wie ich sehe, verspüren Sie den Wunsch nach zusätzlicher Sicherheit -- was ich in diesem besonderen Fall durchaus verstehen kann«, fuhr Pearson fort. »Also gut. Ich kann Ihnen versichern, dass wir den Auftrag unmittelbar an die ausführende Partei weitergege ben haben. Darüber hinaus war niemand beteiligt.« »Gut«, sagte Hack erleichtert. »Also dann, vielen Dank ...« »Ich hoffe, Sie wissen es zu schätzen, was für eine außerordentli che Leistung wir hier erbracht haben, Hack. Sie werden daran den ken, wenn Sie Ihre monatlichen Zahlungen leisten.« »Ja, Sergeant Pearson«, sagte Hack. »Senior Sergeant Pearson«, korrigierte Pearson. Auf dem Rückweg zu Hacks Wohnung war John geradezu eupho risch. »Auf alle Fälle ist der Laden bestens organisiert, da hatte John absolut Recht.« »Mhm«, machte Hack. Er dachte wieder an Violet. John warf einen Blick in die Broschüre. »Jeder Fall ist einem einzi gen Ansprechpartner zugeordnet. Alles wird verschlüsselt, sodass kein Mitarbeiter weiß, woran die Kollegen arbeiten. Sogar die Vor gesetzten können nur auf Auftragsnummern zugreifen, nicht auf Namen. Und es ist weltweit das größte Unternehmen mit Hauptsitz in Australien! Wusstest du das?« »Nein.« »Willst du wissen, warum die Amerikaner die Welt beherrschen, Hack? Weil sie Respekt vor Leistung haben. Bevor Australien zu den USA gehörte, war der Idealtyp in diesem Land der Arbeiter, der sich mit irgendeinem gottverdammten Job so gerade über Wasser hält. Wenn die Australier an der Weltherrschaft wären, würde jeder nur einen Tag in der Woche arbeiten und dabei ständig über die Bezahlung meckern.« John schüttelte den Kopf. »Und dann die Briten -- für die war Geldverdienen schon immer irgendwie verwerflich. Kein Wunder, dass sie am Ende ihrer frühe ren Kolonie die Stiefel lecken durften. Die Japaner denken, der Gip fel des Erfolgs wäre ein Posten in der Regierung. Die Chinesen sind Kommunisten, die Deutschen Sozialisten, die Russen sind sowieso völlig am Ende ... wer bleibt da noch übrig?« »Kanada?« »Amerika«, sagte John. »Die verdammten Vereinigten Staaten von Amerika -- das Land, das auf den Grundfesten des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft aufgebaut ist. Ich sage dir, diese Gründerväter wussten verflucht gut, was sie taten.« Hack schwieg. »Und hier haben wir nun also ein australisches Unternehmen«, fuhr John fort und wedelte mit der Broschüre, »ein Unternehmen, das das Einzige tut, worin die Australier noch immer einen Wettbe werbsvorteil haben: die Klappe halten. Wenigstens macht das die Sache für uns leichter.« »Ja?« »Klar. Wir brauchen nur Pearson umzulegen.« »Oh.« »Das heißt, wenn ich >wir< sage ...« Hack ließ den Kopf hängen. »Das steht in deinem Vertrag«, sagte John. »Auf Seite acht. Die Klausel heißt >Folgeverpflichtungen<.« Hack schüttelte verzweifelt den Kopf. »Nein, ich kann das nicht noch mal. Bitte -- ich kanns nicht.« John seufzte. »Herrgott, Hack, du bist verdammt noch mal wirk lich der mieseste Killer, von dem ich je gehört habe! Wir wollten nichts weiter als einen hübschen kleinen Amoklauf. Wenn die Re gierung uns jemals auf die Schliche gekommen wäre, hätten wir das Ganze auf einen einzigen durchgeknallten Angestellten schieben können. Saubere Sache. Aber nein -- du konntest es dir ja nicht ver kneifen, den Auftrag weiterzugeben.« Er seufzte. »Gute Leute zie hen so einen Job durch -- komme, was wolle. Merk dir das, Hack. Ist das hier deine Wohnung?« »Ja.« Hack blieb auf dem Treppenabsatz stehen und kramte nach seinem Wohnungsschlüssel. John hielt ihn zurück. »Klopf erst mal an. Wir wollen John doch nicht nervös machen.« »Okay.« Hack hoffte, dass John nicht dazu neigte, nervös zu wer den. Vor allem hoffte er, dass John sich nicht in der Wohnung um gesehen hatte. Ein Auge spähte durch den Türspion. »Hack?« Das war Violets Stimme. Er hörte, wie sie sich an der Tür zu schaffen machte. »Hack, hier drin ist ein Mann ...« »Violet! Schon gut, hier bei mir ist auch einer. Alles okay.« Stille. »Hallo?« »Wer ist das?«, fragte John und fingerte am Türknopf herum. »Das ist doch nicht John!« »Meine Freundin, Violet.« »Gib mir die Schlüssel«, verlangte John. Er machte sich an der Tür zu schaffen. Schließlich sprang sie auf. Drinnen war es stockdunkel. »John? Bist du da?« »Violet?« »Du gehst vor«, kommandierte John und versetzte Hack einen Stoß. Hack tastete sich mit ausgestreckten Armen vorwärts. Er konnte sich nicht erklären, warum kein Licht brannte. Und warum Violet von der Tür fortge... »Argh!«, machte John. Hack fuhr herum. John stand zwei Schritte hinter ihm, und Violet hielt ihm ein langes Messer an die Kehle. Sie musste sich hinter der Tür versteckt haben. »Violet! Das ist John Nike! Lass ihn los!« »Lass mich los, Mädchen, und zwar plötzlich -- in deinem eigenen Interesse«, keuchte John. »Pack uns was zum Anziehen ein, Hack. Wir gehen«, befahl Violet. Sie sah ihn an. »Mach schon!« Hack erwachte aus seiner Erstarrung, lief ins Schlafzimmer und fing an, Schubladen herauszuziehen. Er warf Kleidungsstücke in eine Tasche und zeigte sie dann Violet. »Was ist mit Schuhen? Hack! Und nimm meinen Laptop mit!« Er zerrte die nächstbesten Schuhe aus dem Schlafzimmerschrank und holte den Laptop. Als er wiederkam, klopfte Violet gerade Johns Taschen ab. »Violet, ich glaube wirklich, du machst da einen Fehler«, sagte Hack. »Los, raus hier«, kommandierte sie. Sie zog eine Pistole aus Johns Jacke. »Die trag ich aus Nostalgie«, behauptete John. Violet stieß ihn ins Wohnzimmer. Er starrte sie aus der Dunkelheit an. »Violet -- so heißt du doch? Dies ist deine letzte Chance. Wenn du das tust, wirst du es bereuen. Das garantiere ich dir.« Er streckte die Hand aus. »Gib mir die Pistole.« Sie knallte die Tür zu. Hack folgte ihr die Treppe hinunter und zum Wagen. »Was ist denn los? Wo willst du hin?« »Ich glaub, ich hab einen umgebracht«, sagte sie. »Oh.« Hack verstummte ehrfürchtig. »Und jetzt sieh zu, dass wir hier wegkommen«, befahl sie, und er stieg ein. 17. Buy Buy hätte nicht sagen können, welche Farbe die Wände hatten. Der Lärm der Menge um ihn herum klang dumpf und verzerrt, und er merkte immer wieder erst im letzten Moment, dass sein Kopf im Begriff war, auf dem Tresen aufzuschlagen. Buy war gründlich be trunken. Er war sozusagen sternhagelvoll. Buy war seit einer knappen Woche nicht zur Arbeit gegangen. Er hatte den Urlaub schon einen Monat im Voraus beantragt, weil ihm klar gewesen war, dass er nach der letzten Woche des Geschäftsjah res völlig ausgepowert und mit den Nerven am Ende sein würde. Natürlich hatte er nicht ahnen können, wie sehr sich das bewahrhei ten würde. Jetzt war es Mittwochabend, und am nächsten Morgen sollte Buy wieder bei Mitsui antreten -- mit der Last eines toten Mädchens auf der Seele. Er war absolut nicht in der Verfassung da zu. Eine Frau an der Bar starrte ihn an. Als er sie mit zusammenge kniffenen Augen fixierte, stand sie auf und kam auf ihn zu. Er ver suchte, sich auf seinem Hocker etwas aufzurichten. »Hi.« »Hi«, antwortete Buy. Als sie nichts weiter sagte, fügte er hinzu: »Kann ich dir einen Drink spendieren?« »Einen Manhattan, bitte.« Er bestellte. »Ich bin Buy Mitsui.« »Sandy John Hancock. Hast du eine Lebensversicherung?« Sie lachte. »War n Scherz. Bist du Börsenmakler?« »Ja«, bestätigte Buy. Er erkannte gerade noch, dass sie einen schwarzen Rock und ein enges, grünes Top trug. »Ich wollte auch mal Börsenmaklerin werden. Aber ich konnte Mathe nicht leiden. Brauchst du Mathe dafür?« »Manchmal«, sagte er. Dabei lautete die Antwort eigentlich: nein, nicht wirklich. »Danke.« Er begriff, dass das nicht an ihn gerichtet war. Der Bar keeper blickte ihn auffordernd an. Buy fummelte eine Karte aus sei ner Brieftasche und ließ sie auf den Tresen fallen. »Bonuskarte?« »Nein.« Buy besaß eine, glaubte aber nicht, dass er sie finden wür de. »Solltest du aber haben«, sagte Sandy. »Ich hab mir letztes Jahr eine zugelegt, als USAlliance gegründet wurde. Und bei Team Ad vantage bin ich auch. Da kommt ganz schön was an Gratisprämien zusammen.« »Ich brauch nix gratis.« »Du bist bestimmt reich, hab ich Recht?« Sie lachte. »War n Scherz.« »Ich hab ne AmEx ohne Abhebungslimit. Aber da muss man ... die Nummer aufsagen können ... wenn man die benutzen will.« Er merkte, dass sein Kopf schon wieder auf den Tresen zusteuerte. »Ohne Limit? Wow! Da kannst du ja ... ich sag mal, eine ganze Wohnung mit einem Stück Plastik kaufen!« Buy erwiderte nichts. Er hielt sein Glas an den Mund, doch es kam nichts mehr heraus. So behutsam er konnte, stellte er es wieder ab. »Lebensversicherung -- davon wird das Leben doch gar nicht wirklich sicherer, oder?«, bemerkte er dann. »Man kriegt nur Geld dafür.« »Na ja, die Versicherung ist ja auch für die Angehörigen«, sagte Sandy. »Sofern du welche hast.« Buy begriff, dass sie eine Antwort erwartete. »Ich hab keine.« »Kaum zu glauben.« Er betrachtete ihre Zähne. »Hmm ...«, setzte er dann an. Die Bar schwankte. »Hast du viel leicht Lust, dir meine Wohnung anzusehen?« »Gibts da eine schöne Aussicht?« »Äh --ja, man ...«, begann er. »War n Scherz«, unterbrach sie. »Gehen wir.« Auf der Straße fragte er sie: »Warst du schon mal spendabel? Ein fach nur so?« »Klar. Ist doch jeder mal.« »Ich hab mal einem Mädchen 5000 Dollar geschenkt.« »Einfach so?« »Sie wollte sie so gerne haben.« »Weißt du, ich würde auch gerne 5000 Dollar haben.« Sandy lachte. Buy schwieg. »Und was hat sie dann gemacht?« »Sie ist gestorben.« »Gestorben? Was -- etwa, weil du ihr das Geld gegeben hast?« »Ich glaub schon.« »Soll das heißen, das einzige Mal, als du einfach so zu jemandem spendabel warst, ist derjenige gestorben?« Buy schwankte. Sie fasste ihn am Arm. »Komm, ich stütz dich«, sagte Sandy. »Nein, lass«, protestierte er stammelnd, aber sie tat es trotzdem. 18. Jennifer Es war kaum zu glauben, wo Kate überall den Inhalt einer einzigen Schultasche verstreuen konnte. »Kate!«, schrie Jennifer. »Wo hast du deine Trinkflasche hingetan?« »Die steht auf dem Fernseher.« »Was hat sie denn auf dem Fernseher verloren?« Eigentlich wollte Jennifer es gar nicht wissen. Sie hatte sich 20 Minuten lang abge müht, mit einem Arm in der Schlinge Pausenbrote zu schmieren, und als sie sie dann hochhob, fiel der Käse wieder heraus. Dies war ihr erster Arbeitstag nach dem Unfall, und sie bekleckerte sich hier mit Brotaufstrich. Kate schleppte ihre Schultasche in die Küche. »Davon wird der Empfang besser.« »Aha -- dann hol sie mal bitte her. Wir sind spät dran.« Kate verschwand wieder. Jennifer wickelte die Pausenbrote ein und steckte sie in die Schultasche. Dabei entdeckte sie ein paar wüst hineingestopfte Blätter und zog sie hervor. Lose Blätter in der Schul tasche waren meist etwas, das sie unterschreiben musste, damit die Schule sie nicht mit irgendwelchen Tricks zu Finanzierungskam pagnen einspannte. Im vergangenen Jahr hatten sie ihr eine Kiste Barbiepuppen zum Weiterverkaufen angedreht. Die Kiste stand immer noch in der Rumpelkammer. Mattel mochte ja gute Schulen haben, das Merchandising war dafür tödlich. Diese Papiere hatten allerdings nichts mit einer Geldsammlung zu tun. Es handelte sich offenbar um eine Schularbeit von Kate -- einen Aufsatz über Pinguine mit Zeichnungen, Text und Ausdrucken von Bildern aus dem Internet. Jennifer war schwer beeindruckt. »Kate?« Kate erschien wieder in der Küche. »Ich hab sie.« »Was ist das hier?« »Was denn? Ach so -- ein Projekt. Muss ich heute abgeben.« »Das sieht ja toll aus. Wirklich toll.« »Ich mag halt Pinguine.« »Willst du einen Hefter dafür haben? Die Blätter verknicken doch, wenn du sie so mitnimmst.« »Haben wir denn Hefter?« Jennifer warf einen Blick auf die Uhr. »Für dich doch immer.« Sie nahm Kate mit ins Arbeitszimmer und durchforstete ihre Schreib tischschubladen. In einer fand sie einen grauen Hefter mit einem amtlichen Bericht über innerstädtische Kriminalität. Sie nahm den Bericht heraus. »Wie wärs damit?« »Klasse!« »Weißt du was, am besten stecken wir die Blätter noch in Klar sichthüllen«, schlug Jennifer vor. »Das sieht super edel aus.« »Du hast doch gesagt, wir sind spät dran.« »So eine schöne Projektarbeit hat Klarsichthüllen verdient«, sagte Jennifer. »Okay!« Kate rannte aufgeregt los, um ihren Aufsatz zu holen. Sie erschien mit so viel Verspätung zur Arbeit, dass sie ihre eigene Begrüßungsfeier verpasste, aber das war ihr ganz recht. Seit ihrer Verwundung hatte ihr Anrufbeantworter 14 Genesungswünsche von Kollegen aufgezeichnet. Eigentlich ging es weniger um sie, das war ihr klar -- es ging um Taylor, die am Freitagmorgen zum Dienst erschienen war und dann in einer Mall ihr Leben gelassen hatte. Jennifers einzige Leistung war, dass sie überlebt hatte. Für eine Agentin bedeutete das allerdings schon einiges, denn diese Be rufsgruppe lag in der Statistik der tödlichen Unfälle an zweiter Stel le hinter den Maschinenarbeitern. In ihrer Mailbox wartete schon eine EMail von der Rechtsabteilung wegen der Klage des Mercedes BenzHändlers, auf dessen Auto sie geprallt war. Die Nachricht lau tete: Field Agent Jennifer, bitte erläutern Sie, warum die Beschädigung fremden Eigentums (hier: 1 x MERDEDESBENZ E420 LIMOUSINE) im Rahmen Ihres Dienstgeschäftes unvermeidlich war. Insbesondere legen Sie bitte dar, (1) ob Sie alternative Vorgehensweisen in Erwägung gezogen haben, durch die die Beschädigung des fremden Eigentums hätte vermie den werden können; (2) falls ja, warum Sie diese alternativen Vorgehensweisen nicht rea lisiert haben; (3) wie Sie Ihre geistige Verfassung zum fraglichen Zeitpunkt ein schätzen. Jennifer hatte reichlich Erfahrung darin, Anfragen der Rechtsabtei lung in ihrer Eingangspost verschimmeln zu lassen. Diesmal fand sie allerdings, dass eine Antwort fällig sei. Sie tippte: Ich habe folgende alternativen Vorgehensweisen in Erwägung ge zogen: (1) mich unter einen vorbeifahrenden Bus zu werfen; (2) mir selbst in beide Beine zu schießen; (3) mir ein paar von den elenden Arschlöchern aus der Rechtsabtei lung zu schnappen und sie aus der dritten Etage zu werfen. Die ersten beiden Vorgehensweisen habe ich nicht realisiert, weil ich mir dadurch nicht so erheblichen Schaden hätte zufügen können, wie es durch meinen Sturz auf den Mercedes der Fall war. Dass ich die dritte Vorgehensweise nicht realisiert habe, kann nur daran liegen, dass meine geistige Verfassung zum fraglichen Zeit punkt schwer beeinträchtigt war. »Mein Gott, da bist du ja«, sagte Calvin beim Eintreten. »Wie gehts deiner Schulter?« Sie wandte sich zu ihm um. »Hast du dir diesen Hack Nike vorge knöpft?« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Komm schon, Jen, wir sind hier nicht in Europa. Ich kann mir nicht einfach so mir nichts dir nichts jemanden vorknöpfen. Wir haben keine Beweise. Und wir haben keine Mittel.« »Ich hab dich darum gebeten.« »Und ich dachte, du fantasierst«, entgegnete Calvin. »Außerdem hab ich die ganze Zeit mit Angehörigen der Opfer gesprochen und versucht, Geld aufzutreiben. Bislang totale Fehlanzeige. Und ich hab nur noch ein einziges Paar auf der Liste. Sie warten draußen.« »Wer ist es?« Er rückte seinen Stuhl an den Schreibtisch und blätterte in den Un terlagen herum. »Jim GE und Mary Shell. Die Eltern von Hayley McDonalds, getötet in...«Er blickte auf. »Chadstone?« »Vielleicht solltest du dich da besser raushalten.« »Hör auf, mich wie ein kleines Kind zu behandeln«, protestierte sie. »Ich bin bereit, dieses Gespräch mit ihnen zu führen.« Es klopfte. Ein Mann stand in der Tür. Sein Anzug war so billig, dass er glänzte. »Jennifer Government«, begann er, »Sie kommen sich wohl besonders witzig vor! Mir scheint, Sie halten diese ganze Angelegenheit für einen Scherz.« »Wer sind Sie?«, fragte Calvin. »Ich tipp mal auf die Rechtsabteilung«, sagte Jennifer. »Stimmts?« »Meine Abteilung hat eine Aufgabe, Jennifer. Wir kämpfen um Ihre Mittel. Und dabei können wir auf Ihre Beleidigungen wirklich ver zichten.« »Sie fragen mich, warum ich mir erlaubt habe, auf ein Auto zu stürzen, und dann reden Sie Scheißkerl auch noch von Beleidigung! Falls es Ihnen entgangen ist: Ich trage den Arm in einer Schlinge.« Er lief rot an. »Trotzdem -- wir brauchen diese Informationen nun mal. Es mag Ihnen vielleicht wurscht sein, aber solch eine Summe schütteln wir schließlich nicht aus dem Ärmel.« Sie konnte es sich nicht verkneifen, einen Blick auf die zu kurzen Ärmel seines Jacketts zu werfen. »Ich sehe schon -- Sie halten das für ungeheuer komisch«, ereiferte sich der Jurist. »Kommen Sie -- Sie sollen Ihre Informationen ja kriegen. Aber jetzt müssen wir erst mal eine Vernehmung führen. Ist das geneh migt?« »Bitte sehr«, sagte der Jurist und verschwand. »Was hast du dem denn getan?« »Gar nichts«, sagte sie. »Ruf Hayleys Eltern rein.« Calvin ging hinaus. Jennifer wollte sich das Haar zurückstreichen, aber da war nichts mehr zum Zurückstreichen -- nur noch ein struppiger, dunkler Schopf. Die langen Haare waren Vergangenheit. Calvin führte Hayleys Eltern herein und bot ihnen Stühle an. Die beiden umklammerten verschüchtert ihre StyroporKaffeebecher. Jennifer starrte sie an. Sie hatte Mühe, den Gedanken daran zu ver drängen, dass sie den Mord an ihrer Tochter mit angesehen hatte. Calvin räusperte sich. Sie gab sich einen Ruck. »Ich bin Field Agent Jennifer Government. Mein herzliches Beileid. Ich weiß nicht, inwieweit Sie mit dem offi ziellen Prozedere in solchen Fällen vertraut sind ...« Mary blickte hilflos drein. Jim sagte: »Sie wollen Geld.« Jennifer faltete die Hände auf der Schreibtischplatte. »Um gegen die Schuldigen vorgehen zu können, brauchen wir Geld, das ist richtig. Die Regierung finanziert nur die Verhütung von Verbrechen, nicht die Strafverfolgung. Wir können nur dann gegen die Schuldigen ermitteln, wenn uns jemand die nötigen Mittel zur Verfügung stellt.« Sie ließ den beiden einen Moment Zeit. »Entschuldigen Sie die Frage, aber ... können Sie einen Beitrag leisten?« Mary rutschte auf ihrem Stuhl herum. Jim sagte: »Ich ... das letzte Vierteljahr ist bei mir ziemlich schlecht gelaufen. Ich habe meinen Job verloren ...« Schweigen. Calvin verschränkte die Arme. »Sie hat Hockey ge spielt«, sagte Mary. Dann biss sie sich auf die Lippe. »Da waren doch Bundesagenten in der Mall«, sagte Jim. Seine Oh ren waren rot angelaufen. »Wenn Sie diese Leute rechtzeitig auf gehalten hätten, wäre Hayley nicht ... dann säßen wir jetzt nicht hier.« »Wir haben alle Informationen genutzt, die uns zur Verfügung standen, und unser Möglichstes getan«, sagte Calvin. »Es tut uns Leid, Jim. Auch eine unserer Agentinnen ist bei dieser Geschichte ums Leben gekommen.« Jennifer beugte sich vor. »Ich war dort. In Chadstone. Wenn je mand das hätte verhindern müssen, dann ich.« Jim warf einen verstohlenen Blick auf ihre Schlinge. »Und jetzt brauchen Sie Geld.« »Ja.« Schweigen. »Das war nicht bloß irgendeine Straßenschießerei.« »Nein. Wir denken, dass es geplant war.« »Dann werden die Täter schwer zu kriegen sein.« »Richtig.« Jim nickte. Er warf Mary einen Blick zu, dann schlug er die Augen nieder und betrachtete seine Hände. Schließlich sah er Jennifer an. »Werden Sie es versuchen?« »Wenn ich die Mittel habe, dann kriege ich sie. Das verspreche ich Ihnen.« »Also gut«, sagte er. »Dann verkaufe ich mein Haus.« Ihre Erleichterung war geradezu beängstigend. »Ich danke Ihnen, Jim.« »Das war aber wirklich keine Glanzleistung, Jen«, sagte Calvin, während er die Tür schloss. »Man soll keine Versprechungen ma chen, das weißt du doch. Es gibt keine hundertprozentige Erfolgsga rantie.« »Wir kriegen die Mittel!« Sie konnte sich gar nicht mehr einkriegen. »Und grins nicht so blöd«, sagte er. »Was ist denn bloß los mit dir? Du treibst mich noch zum Wahnsinn.« »Komm, wir holen Hack«, sagte sie. 19. Billy Jemand schüttelte ihn. »Lass das«, knurrte Billy müde. »Lass das.« »Aufstehen«, sagte der Jemand. »Es geht los.« Billy setzte sich auf. Es war einer von diesen NRAKlonen. Schwarzes TShirt, Tarnhose, Bürstenfrisur, zu viel Fitnessstudio -- er konnte diese Typen einfach nicht auseinander halten. »Wohin gehts los?« »Briefing in der Kantine. Anziehen und in ner Viertelstunde antre ten.« »Ja, Sir!«, sagte Billy. Er hatte festgestellt, dass alle gleich viel um gänglicher wurden, wenn man sie mit Sir anredete. Er trödelte eine Weile lang unter der Dusche herum. Anschließend ging er zu seiner Pritsche zurück und zog sich die frischen Sachen an, die für ihn bereitlagen -- Hose und TShirt. Das TShirt war schwarz, und auf der Brust prangte ein großes NRALogo: eine AK 47 über Kreuz mit einem muskulösen Arm. Darunter stand: Freiheit ist ein Sturmgewehr. Ganz schön einfallsreicher Slogan, fand Billy. Die NRA ist echt auf der Höhe der Zeit. Der Junge, der vor der Baracke Wache schob, stand stramm. Billy versuchte einen militärischen Gruß, während er in die Morgensonne blinzelte. »Guten Morgen, Sir!«, grüßte der Junge. Sein Haar war so gnaden los rasiert, dass es aussah, als hätte man ihm den Schädel ab geschrappt. »Nach meinen Informationen möchten Sie wahrschein lich zum Briefing ins Besprechungszelt 4A, Sir!« »Richtig.« »Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Sir!« Billy folgte ihm. Das Ge lände wirkte wie ein mutiertes Pfadfinderlager -- lauter grüne Zelte, Fahrzeuge und Vorratsfässer mitten in der Wildnis. Er sah einen Trupp Soldaten auf einem Feld exerzieren. Sie erinnerten ihn an HighSchoolFootballspieler, nur dass sie Gewehre trugen. Dann rollte ein Panzer vorbei. »Meine Fresse -- was ist das denn?« »Das ist ein Abrams MIA Kampfpanzer, Sir!« Billy sah sich mit neuem Respekt um. Jetzt verstand er, warum die NRA so hohe Mitgliedsbeiträge erhob. Der Junge führte ihn zu einem Zelt im vorderen Bereich des Camps, etwas abseits von einer staubigen Straße. Er hielt Billy den Zelteingang auf. Ein Dutzend Männer blickten auf, als er eintrat. »Machen Sie die verdammte Klappe zu«, befahl der ältere Mann am Kopfende des Tisches. Es war derselbe, dem Billy draußen im Busch begegnet war. Yallam hieß er. »Hier wimmelt es von Moski tos.« »Ja, Sir!« Billy quetschte sich auf das Ende einer Bank. »Da wir jetzt vollzählig sind: Wir verlassen das Camp in exakt sechs Minuten«, begann Yallam. »Unser Einsatzort ist Melbourne, die Zielperson ein Mitarbeiter der Polizei, ein gewisser Senior Ser geant Pearson. Wir werden die Zielperson rasch und ohne Aufsehen liquidieren und schnellstmöglich zur Basis zurückkehren. Noch Fragen?« Ein Mann weiter vorn hob die Hand. »Waffen?« »Werden während des Fluges ausgegeben. Sonst noch was?« Während des Fluges?, dachte Billy. »Ja«, meldete sich ein anderer Soldat. »Was ist mit dem Neuen?« »Bill ist ein guter Mann«, sagte Yallam. »Er ist nach einer geheimen Mission hierher versetzt worden.« »Okay«, sagte der Typ und nickte Billy zu. Billy grüßte zurück, indem er die Augenbrauen hochzog. »Weitere Fragen?« Billy bemerkte draußen ein brummendes Geräusch. Er sah sich um. »Also dann -- Ihnen allen ein scharfes Auge, eine ruhige Hand und viel Glück.« Die Männer verließen nacheinander das Zelt. Billy überlegte, ob jetzt die richtige Gelegenheit war, sich davonzustehlen. Die letzten paar Tage hatte er sich unauffällig verhalten, aber jetzt schien die NRA von ihm zu erwarten, dass er kämpfte! Nicht um alles in der Welt würde er ... Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Sie fragen sich sicher, warum Sie schon so schnell wieder eingesetzt werden«, sagte Yal lam. »Ehrlich gesagt: Wir wussten bis heute früh selbst nichts von diesem Einsatz. Der Generalstab meint, es könnte Verdacht erregen, wenn wir Sie gleich wieder versetzen.« Er blickte Billy fest in die Augen. »Vielleicht ist es so das Beste. Immer am Ball bleiben.« Das Brummen war zu einem Dröhnen angeschwollen. »Hm, ver stehe.« »Es ist wichtig, dass Sie sich ins Team einfügen wie jeder andere NRASoldat, Bill. Der Feind sucht nach Ihnen. Und jetzt gehen Sie zu Ihrer Truppe.« »Ja, Sir!«, sagte Billy. Während er aus dem Zelt schlüpfte, dachte er: Lauter Irre! Ich bin umzingelt! Dann blieb er abrupt stehen. Auf der schmalen Straße stand ein grünes Militär Transportflugzeug. An den Seiten prangte fett das NRALogo. Die Motoren machten einen Höllenlärm. Die NRATruppe marschierte über eine Rampe in den Bauch der Maschine. »Bill!«, schrie einer der Soldaten. »Komm schon, beweg deinen Arsch!« Das hier ist wirklich kein Skiurlaub, dachte Billy. Dann setzte er sich in Trab. 2O. Hack Hack erwachte, als Violet im Schlafzimmer ihre Kleidung zusam mensuchte. Er setzte sich auf und rieb sich die Augen. »Was ...« »Ich muss los.« Sie zog einen kurzen, schwarzen Rock an. Darüber trug sie ein cremefarbenes Hemd. »Ich präsentiere heute meine Software das weißt du doch, Hack.« Hack wusste es sehr wohl. »Aber ... gehen wir nicht zur Polizei? Oder zur Regierung?« Sie atmete tief durch. »Du hast mir nur eine Unterhose eingepackt. Und ...« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit, zur Regierung zu gehen. Geh du.« Er biss sich auf die Lippe. »Willst du wirklich nicht mitkommen? Ich meine, du hast den Kerl doch umgebracht ...« »Verlangst du im Ernst, dass ich mich mit 200 Dollar gegen eine Mordanklage verteidige?« »Aber es war doch Notwehr. Da geht es nicht darum, wie viel Geld ...« »Sei nicht so naiv«, unterbrach Violet ihn. »Pass auf. Wenn meine Präsentation gut läuft, habe ich anschließend genug Geld. Dann kann ich mit der Regierung reden.« Sie schnappte sich ihren Laptop. »Drück mir die Daumen.« »Viel Glück. Und ... pass auf dich auf, ja?« »Mach ich«, sagte sie. »Und weck meine Schwester nicht auf.« Hack schlurfte im Morgenmantel in die Küche und machte sich eine Schale Müsli. Da kein Zucker aufzutreiben war, nahm er einen sonderbaren Honig, auf dem kein Markenname stand. Er setzte sich an den Tisch und gab sich Mühe, leise zu essen. Violets Schwester besaß eine Menge Bücher. Sie füllten drei Schränke und trugen so skurrile Titel wie leichheit in der Gesellschaft und Die sozialistische Idee. Hack fragte sich, worum es darin gehen mochte. Um zehn Uhr fuhr er mit dem Taxi in die Innenstadt. Die Dienst stelle der Regierung nahm einige Etagen eines heruntergekomme nen Gebäudes ein, das aussah, als wäre es seit 1980 nicht mehr ge reinigt worden. In der riesigen Eingangshalle wimmelte es von Leu ten in schäbigen Anzügen, von denen Hack nur vermuten konnte, dass es sich um Bundesagenten handelte. Er spürte ihre Blicke, als er an die Rezeption trat, und ihm brach der Schweiß aus. Hier ging es anders zu als bei der Polizei, wo Zeitschriften auslagen und man von attraktiven Frauen in Polizeiuniformen empfangen wurde. Der Agent an der Rezeption war mit seinem Computer beschäftigt. Hack wartete geduldig. Nach einer Weile räusperte er sich. »Sekunde noch«, sagte der Agent. »Entschuldigung.« Er wartete. »So.« Der Agent musterte ihn von oben bis unten. »Zu wem möch ten Sie?« »Ähm -- ich weiß nicht. Ich bin gekommen, weil ich ... ich meine, meine Freundin ... hat jemanden umgebracht. Das heißt, vielleicht.« »Sie haben keinen Termin?« »Nein«, sagte Hack. »Also, das ist so: Bei mir in der Küche, da liegt nämlich eine Leiche ...« »Sie müssen vorher telefonisch einen Termin vereinbaren«, sagte der Angestellte. »Wir können hier schließlich nicht einfach alles ste hen und liegen lassen, nur weil Sie gerade hereinspaziert kommen.« »Oh. Tut mir Leid.« Der Agent tippte wieder ein Weilchen auf seiner Tastatur herum. Hack überlegte gerade, ob er sich noch einmal räuspern sollte, da fragte der Agent: »Sind Sie sicher, dass der Kerl tot ist?« »Meine Freundin hat gesagt, sie meinte, er wärs.« »Ihre Freundin?« »Mhm. Sie war sich nicht sicher, aber ...« »Warum hat sie dann keinen Termin gemacht?« »Ähm ... ich weiß nicht«, stammelte Hack. »Ich wollte bloß mel den ...« »Ja, ja. Schon gut, dann setzen Sie sich mal«, sagte der Agent. »Ich schau mal, ob ich jemanden auftreiben kann, der sich mit Ihnen über Ihre angebliche Leiche unterhält.« »Vielleicht komme ich besser später noch einmal wieder«, schlug Hack vor. »Setzen Sie sich einfach da hin«, zischte der Agent. Hack saß 50 Minuten lang auf einer harten Holzbank. Dann er schien ein Agent und sprach mit dem Kollegen am Empfang. Der wies auf Hack, und der andere Agent kam auf ihn zu, wobei er sich die Stoppeln kratzte. »Hack Nike?« »Ja.« »Sie haben einen Toten gefunden?« »Hm, nicht direkt -- also, das war so ...«, begann Hack. »Schon gut. Kommen Sie mit.« Der Agent führte Hack durch ein Gewirr von Gängen in einen Raum, der bis auf einen Tisch und zwei Stühle völlig leer war. Hack sah durch die gläsernen Wände, wie die Agenten aus den umliegenden Büros ab und zu einen Blick zu ihm hineinwarfen. »Wollen Sie einen Kaffee?« »Nein, danke.« »Aber ich brauch einen. Augenblick.« Der Agent verschwand. Hack wippte nervös mit dem Bein. Im Büro gegenüber standen auch zwei Agenten. Die Frau hatte einen sonderbaren Fleck unter dem linken Auge -- wie eine rechteckige Schramme. Nein -- eine Täto wierung, eine StrichcodeTätowierung. Merkwürdig, dachte Hack. Die Regierung sollte doch eigentlich gegen dieses ganze Konsum zeug sein. Der Agent kam zurück. »Also gut -- was ist jetzt mit dieser Lei che?« Er gähnte. »Also, der Kerl hat meine Freundin angegriffen«, begann Hack. »Ich war gerade unterwegs, und da ... da wollte er sich an meine Freundin ranmachen. Sie hat sich gewehrt und mit einem Crumpet Toaster auf ihn eingeschlagen. Sie glaubt, sie hat ihn getötet.« »Mit einem CrumpetToaster?« »Genau.« »Was ist das denn?« »Na ja, das ist ... so eine Art elektrischer Toaster, wissen Sie. Man kann Crumpets drin aufbacken. Schmeckt besser, als wenn man sie im Ofen heiß macht.« »Aha. Kann man damit auch Bagels toasten?«, erkundigte sich der Agent. »Ähm ... nein, Bagels passen nicht in die Schlitze«, sagte Hack. »A ber ich schätze, es gibt auch extra BagelToaster.« »Schau an«, staunte der Agent. »Wusste ich gar nicht.« »Also, jedenfalls ...«, setzte Hack erneut an. Die Agentin mit dem Strichcode und ihr Kollege standen jetzt auf dem Flur und redeten mit jemandem. Die Frau sah auf und begegnete Hacks Blick. Er wandte sich hastig ab. »... das war Notwehr und so, aber ich dachte trotzdem, ich melde es besser ... für alle Fälle.« Der Agent rieb sich das Kinn. »Das muss Ihre Freundin schon mit den Anwälten des Verstorbenen ausmachen. Kontaktieren Sie die und handeln Sie eine Entschädigung aus. Die Regierung mischt sich da nicht ein, es sei denn, Sie finden keine Einigung.« »Ach«, sagte Hack erleichtert. »Klar, mach ich.« Die Tür ging auf. Die Frau mit der StrichcodeTätowierung und ihr Kollege standen im Rahmen. »Hack Nike?«, fragte die Frau. Er zuckte zusammen. »Ja.« »Was gibts, Jen?«, fragte der Agent. »Raus«, befahl sie. »Sofort.« Sie ließ Hack nicht aus den Augen. Hack begriff: Es war geschehen. Er hatte wieder einmal einen gro ßen Fehler gemacht. Nachdem der erste Agent gegangen war, sprach niemand ein Wort. Die Frau setzte sich Hack gegenüber an den Tisch, ihr Partner lehnte mit verschränkten Armen an der Wand. Schließlich sagte Hack: »Ich bin nur vorbeigekommen, um zu melden ...« »Hack Nike, ich bin Field Agent Jennifer Government. Das hier ist Field Agent Calvin Government. Unseren Informationen zufolge sind Sie für die widerrechtliche Gewaltanwendung mit Todesfolge gegen bis zu 14 Personen in mehreren NikeTownLäden verant wortlich. Ist Ihnen klar, was das bedeutet?« »Äh ...« Hacks Kehle schnürte sich zusammen. »Nein, nein ...« »Doch, doch«, verbesserte ihn Jennifer. »Sie haben die NRA veran lasst, Kids mit Nike Mercurys zu erschießen. Sollte wohl so eine Art Werbegag sein, wie? Wer mit seinen neuen Schuhen lebend davon kommt, kann eine Reise für zwei Personen gewinnen?« Hack wurde mulmig zumute. »Warten Sie mal, ich ... ich will mei ne Freundin anrufen.« »Ist die Anwältin?«, fragte Calvin. »Nein, sie ist...«Er konnte sich nicht überwinden, arbeitslos zu sa gen. »Sie weiß bestimmt Rat.« »Tut mir Leid -- Freundinnen können wir hier nicht gebrauchen«, sagte Calvin. »Übrigens, dieses Gespräch wird auf Tonband aufgenommen«, sagte Jennifer. »Aber das hat Ihnen der Kollege ja sicher schon ge sagt.« »Machen wirs kurz«, sagte Calvin. »Wir wissen, dass Sie Mer chandising Officer sind. Wir wissen, dass Sie darauf aus sind, wei terzukommen.« »Das hörte sich am Anfang bestimmt alles ganz toll an, wie?«, bohrte Jennifer weiter. »Ein paar Teenies umbringen, ein paar Dollar einstreichen und sich von den Kollegen auf die Schulter klopfen lassen.« »Und natürlich eine Gehaltszulage -- vielleicht abhängig von der Umsatzsteigerung? 10000? 50000? Mehr?« »Plus Beförderung, versteht sich. Raus aus dem Vertrieb und end lich mal was Kreatives machen. So ein BüroHilfsarbeiterjob ödet ganz schön an, nicht wahr, Hack? Kann einen auf Dauer echt zum Wahnsinn treiben ...« »Moment mal! Meine Idee war das nicht! Ich hab nur Befehle aus geführt!« »Wessen Befehle?«, hakte Jennifer nach. Sie beugte sich vor. »Na los, Hack -- wer steckt dahinter?« »Da waren so zwei Typen ... die haben mich ...« » Wer?« Er schluckte. »Ich glaube, das sag ich Ihnen besser nicht.« Jennifer lehnte sich zurück und warf Calvin einen Blick zu. »Die bringen mich vielleicht um, wenn ich sie verrate«, flüsterte Hack. »Ach was, machen Sie sich darüber mal keine Sorgen -- wir pas sen schon auf Sie auf«, versprach Calvin. »Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als uns die Namen zu nen nen, Hack«, sagte Jennifer. »Ich kann nicht! Die ... die haben mich gezwungen, einen Vertrag ungelesen zu unterschreiben.« »Gezwungen? Haben sie Gewalt angewendet?« Hack schwieg. »Also nein«, sagte Jennifer. »Keine Gewaltanwendung. Sie haben also freiwillig einen Vertrag unterschrieben, ohne ihn zu lesen.« »Ich weiß ja, dass das ein Fehler war ...« »Ein Fehler!«, wiederholte sie verächtlich. »Sie dämlicher Scheißer, was glauben Sie wohl, warum jemand will, dass Sie einen Vertrag unterschreiben, ohne ihn zu lesen? Weil an dem Vertrag etwas faul ist, Hack, darum!« »Wir brauchen eine Kopie von diesem Vertrag«, sagte Calvin. Hack schlug die Augen nieder. »Ich hab keine.« Schweigen. Als er aufblickte, starrten die beiden ihn an. »Sie verstehen das nicht. Die haben mir einen Job angeboten, einen Job im Marketing!« Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er ver stummte. »Hack!« Jennifer beugte sich vor. »Sie müssen sich jetzt entschei den. Entweder Sie helfen uns, die Leute zur Strecke zu bringen, die für die NikeMorde verantwortlich sind ...« »Was natürlich zur Folge hätte, dass Sie es mit den Strafklauseln in diesem Vertrag zu tun kriegen«, unterbrach Calvin. »Und ich kann mir denken, dass es da um etwas mehr geht als darum, zur nächsten Betriebsfeier die Tassen mitzubringen -- wenn Sie verstehen, was ich meine.« »... oder Sie schweigen«, fuhr Jennifer fort, »was zur Folge hätte, dass Sie es mit uns zu tun kriegen.« »Ich würde äußerst ungern jemandem 14 Tötungsdelikte anhängen, der eigentlich gar nicht dafür verantwortlich ist -- wirklich äußerst ungern. Das gibt ...« -- Calvin sah Jennifer an -- «... mit ziemlicher Sicherheit lebenslänglich, hab ich Recht?« »Absolut. Und was die Geldstrafen betrifft ... na ja, vielleicht kön nen Sie ja was aushandeln, dass Sie die monatlich mit zehn Prozent Ihres Gehalts abstottern oder so. Viele Verbrecher machen das so. Wenn Sie sich ordentlich ins Zeug legen, haben Sie Ihre Schulden in 20, 30 Jahren abgearbeitet.« »Ich weiß nicht, Jen«, warf Calvin ein. »Die Kosten für eine Ge fängnisunterbringung sind in letzter Zeit rapide gestiegen. Da kann es einem glatt passieren, dass man, wenn man nach 15 Jahren Zwangsarbeit rauskommt, auch noch was für Kost und Logis schul dig ist.« »Aber das sind in Ihrem Fall wohl hypothetische Fragen«, sagte Jennifer zu Hack. »Sie kämen sowieso nie mehr raus.« Sie beugte sich vor. »Denken Sie mal nach, Hack. Ein Bursche wie Sie mit ver nünftiger Ausbildung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt -- und plötzlich schaufeln Sie für den Rest Ihres Lebens in Utah Teer. Und Sie wissen ja, wie es bei Zwangsarbeitern mit der Sicherheit steht. Erst letzten Monat sind diese acht Burschen in ... wo noch gleich?« »Wichita Falls«, sagte Calvin. »Texas. Obwohl -- ich meine, einer von denen wäre durchgekommen. Ist zwar völlig entstellt von den Verbrennungen, aber soweit ich weiß, hat ers überlebt.« »Die Freiheit kommt einem immer so selbstverständlich vor, Hack«, sagte Jennifer. »Aber wenn man dann in so einer Zelle hockt und nicht mal mehr scheißen gehen kann, ohne um Erlaubnis zu fragen ... Na?« »MarketingLeute waren das«, flüsterte Hack. »John und John, Guerilla Marketing.« Jennifer beugte sich vor. »John Nike? Der VicePresident?« Er nickte stumm. »Braune Augen, dunkles Haar, flaches Gesicht -- John Nike?« »Ja.« »Guter Junge, Hack«, sagte Calvin. »Das werden Sie nicht bereu en.« Jennifer rückte mit ihrem Stuhl näher. »Und jetzt fangen wir mal ganz von vorn an.« Sie lächelte. Es war das erste Mal, dass Hack sie lächeln sah. Sie wirkte beinahe sanft. »Erzählen Sie mir alles.« 21. Violet Als Violet im ExxonMobilGebäude eintraf, bekam sie ein Namens schildchen, auf dem »Besucher« stand. Sie steckte es sich an den Jackenaufschlag. Der Junge, der sie eskortierte, trug ein kurzärmeli ges weißes Hemd und eine Hose aus so billigem Stoff, dass die Knie durchschimmerten. Violet war enttäuscht. Bürodeppen kleideten sich nicht mehr so -- vor allem erfolgreiche Bürodeppen. Selbst Vio let wusste, dass es sich lohnte, in Textilien zu investieren, mit denen man Eindruck schinden konnte. »Ich hab gehört, was Sie machen«, sagte der Junge im Aufzug. »Hört sich ja echt cool an. Aber das klappt nie im Leben. Vor acht Monaten, da hätten Sie vielleicht noch ne Chance gehabt. Wir hatten eine ganze Menge Angriffe -- DenialofServiceAttacken, Mail bomben, HackerPhreaking, die ganze Palette. Daraufhin hat die Geschäftsleitung einen Haufen Geld locker gemacht, damit wir alles auf den neuesten Stand bringen konnten.« Er führte Violet einen Flur entlang und öffnete eine Tür. Violet trat ein. Drinnen war alles voller Computer, Kabelgewirr und irgendwelchem Zubehör. Vier Männer saßen an einem Tisch, an dem ein ganzer Firmenvorstand Platz gehabt hätte. Alle hatten Tastaturen vor sich. Nur einer nicht, der folglich das Sagen hatte. Er war ziemlich korpulent und lächelte nicht. »Hallo, Violet.« Er streckte die Hand aus. »Ich bin Rendell Exxon Mobil. Dies ist mein Team: James, Peter, Saqlain, Hunter.« Sie nickte in die Runde. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, kommen wir gleich zur Sache. In 15 Minuten kommt der nächste Bewerber.« Violet setzte sich an den wuchtigen Tisch und klappte ihren Lap top auf. Die Computernerds rückten ihre Stühle dichter heran und gingen in Gefechtsstellung. Violet fuhr ihren Laptop hoch und steck te ein Netzwerkkabel ein. »Bekomme ich ein Login, oder wollen Sie es auf die harte Tour?« Rendell bückte Hunter an, der so dünn war, dass es aussah, als würde Rendell ihm alles wegessen. »Ein normales Mitarbeiterpass wort?« »Ja.« »Können Sie haben.« »Ich kann es auch knacken, wenn Ihnen das lieber ist.« »Kinkerlitzchen.« »Deshalb frage ich.« »Username >bewerber8<, Passwort ebenfalls«, sagte Hunter gön nerhaft. Diverse Anwendungen wurden auf Violets Laptop übertragen, sodass er zu einem standardisierten, zentral verwalteten ExxonMo bilPC wurde. Während sie wartete, warf sie einen Blick auf die bei gefarbene Kiste, die hinter ihr summte. Sie hatte die Maße und das Design eines Kühlschranks -- eine HewlettPackardUnixMaschine. »Ist das da Ihr Server?« »Ganz recht.« »Und wir sind nicht mit dem Firmennetzwerk verbunden?« »Wir haben uns schon abgesichert.« Sie runzelte die Stirn. »Ich rate Ihnen dringend, die Kabelverbin dung von diesem Raum zum übrigen Netzwerk zu trennen.« Finstere Blicke schossen ihr entgegen. Violet musste an sich halten, um sich einen Seufzer zu verkneifen. Sie hatte wirklich keine Lust, sich mit diesen dürren Computernerds herumzuschlagen. »Zieh den Stecker raus«, sagte Rendell. Der Junge, James, kroch unter den Tisch. »Okay, hab ich.« »Anschnallen«, sagte Violet beim Einloggen. Sie klickte ein kleines Icon auf ihrem Desktop an, eine Limonadendose mit der Unter schrift Fizz. Bing! machte ihr Rechner, und ein Fenster ging auf: McAfee Anti Virus: WARNUNG! McAfee hat einen möglichen Virus auf Ihrem Com puter gefunden. Virentyp: unbekannt. Infizierte Datei(en): Fizz.exe. Lö schen -- Säubern -- Ignorieren. »Das wars dann wohl«, sagte Hunter über den Tisch hinweg und schob seinen Stuhl zurück. »Tut mir Leid, Violet, aber Sie sind erle digt. Danke fürs Mitspielen.« »Sie hätten ihn nicht das Image aufspielen lassen dürfen«, kom mentierte James. Er sah ihr über die Schulter. »Er hat unseren Viren scanner rüberkopiert.« Sie blickte noch eine Weile lang auf ihr Display. Als keine Netz werkaktivität mehr angezeigt wurde, klappte sie den Laptop zu und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. »Wir haben Ihren Virus nicht nur gekillt«, sagte Hunter, »wir ha ben auch seine Signatur, sodass wir ihn identifizieren können, falls er jemals wieder auftauchen sollte. Sie sind tot und begraben.« Violet warf einen Blick auf den Hub -- einen flachen Plastikkasten, über den die PCs mit dem Server verbunden waren. Grüne Lämpchen blinkten. »So, und jetzt wird mein Virus auf Ih ren Server übertragen.« »Nein, nicht Ihr Virus. Seine Signatur. Das ist etwas völlig ande res.« Der Hub blinkte immer hektischer. Die Nerds beäugten ihn. Blink blinkblinkblink, gingen die Lämpchen. Violet sagte: »Dann überträgt Ihr Server meinen Virus auf die Virenscanner auf allen PCs, stimmts?« »Nein, nein, nein.« Hunter warf einen raschen Blick auf den Hub. »Virenscanner speichern nicht den eigentlichen Virus. Sie speichern das Muster.« »Mein Virenscanner aktualisiert sich«, verkündete einer der ande ren Nerds. »Meiner auch.« »So soll es ja auch sein! Immer cool bleiben, Jungs«, beruhigte sie Hunter. »Wir werden jetzt immunisiert.« »Sie haben ja reichlich Vertrauen in Ihren Virenscanner«, sagte Violet, »für ein Produkt mit Sicherheitslücken durch Pufferüber lauf.« Hunter riss die Augen auf. »Letzte Chance«, sagte sie. Es war nur ein ganz leises Geräusch, für NichtTechnikfreaks kaum wahrnehmbar. Von jedem PC machte es Tschiktschiktschik tschiktschik ... »Scheiße!«, sagte Saqlain. »Zugriff auf die Festplatte ...« »Bei mir auch ...« Sämtliche Rechner stürzten zugleich ab. Die Nerds starrten auf schwarze Bildschirme. Alle Computer piepten simultan beim Neu start. Violet wusste, was jetzt auf ihren Bildschirmen zu lesen war: BOOT DISK FAILURE: INSERT SYSTEM DISK. Das bedeutete ent weder, dass jemand sämtliche Computer aufgeschraubt und die Festplatten ausgebaut hatte, oder dass die Platten so gründlich hin über waren, dass die Rechner sie nicht einmal mehr als Festplatten erkannten. »Herrgott, sie hat den Master Boot Record gelöscht!« »Sind Sie über den Virenscanner gegangen?«, fragte Saqlain ver blüfft. »Haben Sie einen Wurm über den Virenscanner geschickt?« Violet drehte sich mit ihrem Drehstuhl um und beobachtete, wie die Lämpchen an dem HPServer erloschen. Dann wandte sie sich Rendell zu. »Interesse?« Rendell sah seinen Server an, dann die toten PCs. »Das hätte auch Ihr gesamtes Unternehmen erwischen können, nicht nur diesen Raum«, sagte Violet. »Und jetzt frage ich Sie: Wol len Sie so angreifbar bleiben?« Hunter lachte künstlich auf. »Hören Sie, ich will ja kein Spielver derber sein, aber wir brauchen Ihnen überhaupt nichts abzukaufen. Ich finde dieses Ding schon. Zwei Sekunden Zugriff auf die Fest platte -- irgendwo muss es ja stecken.« »Bitte sehr -- wenn Sie meinen, Sie könnten auf diesen Festplatten noch irgendwas finden, dann viel Spaß«, setzte Violet nach. Schweigen. Rendell hob das Kinn. »James? Schick bitte die übrigen Bewerber nach Hause.« 22. Buy Als Buy aufwachte, hatte er das Gefühl, jemand hätte in seinen Ein geweiden gewütet. Er wankte ins Bad. Auf dem Spiegel stand mit rotem Lippenstift: HOFFE, DIR GEHTS BESSER, SCHLAFMÜTZE! RUF MICH AN! SANDY Buy ließ sich auf die kühlen Kacheln sinken. Er glaubte nicht, dass er Sandy John Hancock anrufen sollte. Stattdessen kroch er unter die Dusche. Das versprach kein guter Tag zu werden. Er kam reichlich spät bei Mitsui an, was für einen Broker nicht nur unpassend, sondern geradezu unanständig war. Die Börsen handel ten bereits seit Jahren rund um die Uhr, und Hamish wartete be stimmt schon wutschnaubend auf die Ablösung. Die Aufzugtüren öffneten sich und Buy eilte durch das Großraum büro zu seinem Arbeitsplatz. Hamish sprang auf und ließ seine Ak tentasche zuschnappen. »Entschuldige, Hamish, ich ...« »Schon in Ordnung.« Er blickte Buy auf eine merkwürdige Art an. Sein Benehmen war überhaupt merkwürdig. »Ich habe gehört, was passiert ist. Du hättest auch ganz zu Hause bleiben können, wir können eine Vertret...« »Nein, lass nur, mir gehts gut.« »Bestimmt?« »Klar.« »Okay. Also dann, viel Erfolg.« Buy sah Hamish nach, dann setzte er sich. Als er spürte, dass ihn jemand beobachtete, blickte er sich um. Mit einem Mal fixierten Dutzende Broker stirnrunzelnd ihre Monitore oder schnippten sich Fusseln von der Hose. Buy wandte sich wieder seinem Bildschirm zu. Er starrte lange darauf. Etwas stimmte nicht, aber ihm war nicht klar, was. Er klickte sich durch ein paar Seiten Börsenberichte der vergangenen Nacht, konnte sich aber nicht richtig darauf konzen trieren. Sein Blick schweifte immer wieder ab, und seine Gedanken wanderten zum Freitagabend zurück. Als sein Telefon klingelte, zuckte er zusammen und starrte es erschrocken an. Er konnte sich nicht überwinden abzuheben. Buy spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Es kam manchmal vor, dass ein Broker einen Burnout hatte. Jeder kannte einen, dem das passiert war. Es war eine entsetzliche Vorstellung, dass man so völlig den Antrieb verlieren konnte. Dass alles, was man war und was einen aufrecht hielt, plötzlich in der Bedeutungs losigkeit versank. Eine Stunde später spürte Buy eine Hand auf seiner Schulter. Er saß da und starrte vor sich hin. Es war Cameron. »Wir sollten uns mal unterhalten.« Er war erst ein paar Mal in Camerons AquariumBüro gewesen. Alle konnten einen von draußen sehen, und man wusste, dass sie darüber spekulierten, was da gerade vor sich ging. Kein Arbeits platz für jemanden mit Verfolgungswahn, fand Buy. »Sie brauchten heute nicht zu arbeiten«, sagte Cameron. »Das wis sen Sie doch, oder?« »Wenn ich nicht komme, verdiene ich kein Geld.« Cameron zuckte die Schultern. »Trotzdem.« »Mir gehts gut«, behauptete Buy. »Wie viele Abschlüsse haben Sie heute schon gemacht?« Buy war ziemlich sicher, dass Camerons Computer diese Frage beantworten konnte. Er war sich auch ziemlich sicher, dass das schon geschehen war. »Keinen.« »Hören Sie, ich will Ihnen helfen, okay?«, sagte Cameron. »Ich hab da so was läuten hören, dass ExxonMobil eine Übernahme droht.« »ExMo?« »Es heißt, Shell hebäugelt mit ExMo und würde dafür bis 47 ge hen.« Buy überlegte kurz. »Aber Shell ist ... nur halb so groß wie ExMo. Das kann nicht wahr sein.« »Ich denke, doch.« Buys Gehirn fing an zu arbeiten. Dieser Tipp war gigantisch -- noch viel wertvoller als Samis Information über die NRA. So viel er wusste, wurde ExMo um 31 herum gehandelt. Was Cameron ihm da anbot, war 16 Dollar pro Aktie wert. »Wenn das so ist -- vielen Dank.« »Danken Sie mir, indem Sie Abschlüsse machen. Sie sind ein guter Broker, Buy. Lassen Sie sich jetzt nicht aus der Bahn werfen.« »Keine Sorge.« »Gut. Und jetzt gehen Sie da raus und machen Sie Geschäfte.« Buy verließ das Büro. Während er die Stufen hinunterstieg, ver suchte er, die Blicke der Kollegen zu ignorieren. Er setzte sich wie der an seinen Platz und rief den aktuellen Kurs der ExMoAktien ab. Sie standen sogar noch niedriger, als Buy gedacht hatte: nur knapp über 30. Er griff zum Telefon. Das Freizeichen tutete in sein Ohr. Seine Hand zitterte. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er versuchte, sich zu sammenzureißen und sich auf das Wichtige zu konzentrieren. 17 Dollar pro Aktie. 17 Dollar pro Aktie. Nach einer Weile legte er wieder auf. Seine Finger fühlten sich wie Eiszapfen an. Das Gefühl in seinem Bauch sagte ihm: Das wars. Burnout. Buy war am Ende. 23. Jennifer Sie beantragte sofort einen Haftbefehl, aber das war völlig illuso risch. Während sie und Calvin im Auto unterwegs waren, rief Elise, ihre Vorgesetzte, sie über Funk. »Was soll dieser Antrag? Wollen Sie hier einen Papierkrieg veranstalten?« »Nein, Elise«, entgegnete Jennifer. »Wir haben Grund zu der An nahme, dass John Nike ...« »Weil ein Verdächtiger es behauptet? Da brauchen Sie schon mehr Beweise.« »Schon, aber wir wollen gerade diesen Polizisten befragen. Wenn der uns erst einmal bestätigt hat, dass er Kontakt zu John Nike hatte, können wir ...« »Dann melden Sie sich anschließend wieder bei mir, okay?« »Okay«, sagte Jennifer und hängte das Funkgerät ein. »Scheiße.« »Einen Versuch wars immerhin wert«, sagte Calvin. »Weißt du eigentlich, wer hier in der Gegend arbeitet? Dieser MitsuiBroker. Sollten wir nicht mal mit dem reden?« »Gute Idee, Calvin.« Er wechselte die Spur. »Woher kennst du eigentlich diesen John Nike?« Sie blinzelte. »Wie, bitte?« »Vorhin bei der Vernehmung, da hatte ich den Eindruck, du kennst ihn.« »Ach -- das ist nur, weil ... na ja, ich hatte halt schon mal mit ihm zu tun.« »Wann denn?« »Gegenfrage -- offenbar hat jemand diesem Seelenklempner im Krankenhaus erzählt, ich würde mich nicht mehr für Männer inter essieren. Wer könnte das wohl gewesen sein?« »Ähm ... na ja, ich hab vielleicht so was in der Art gesagt ... dass du schon ne Weile nichts mehr mit nem Mann hattest ...« Calvin warf ihr einen Blick zu. »Ich habs doch nur gut gemeint.« »Ich interessiere mich durchaus für Männer«, sagte sie. »Okay, schon gut.« »Wirklich«, beharrte sie. »Ich sag ja gar nichts.« »Ich hatte einfach nur viel zu tun in letzter Zeit.« Aus dem Funkgerät kam eine Meldung: »Einheit 339, bitte kom men.« Jennifer griff zum Mikro. »Hier 339.« »Gary hier. Wir sind in der Wohnung, die wir überprüfen sollten -- bei diesem Hack Nike. Hier ist keine Leiche.« Jennifer sah Calvin an. Er zuckte die Schultern. »Sind Sie sicher?« »Sollen wir die Einrichtung auseinander nehmen?« »Nein.« Sie hatte nicht die Mittel dafür, Schäden an der Einrich tung zu ersetzen. »Irgendwelche Hinweise auf einen Kampf?« »Das Bett ist nicht gemacht.« »In der Küche. Der Tote sollte in der Küche liegen.« »Die Küche ist picobello. Ist der sauberste Raum in der ganzen Wohnung.« »Okay. Danke.« Jennifer hängte das Funkgerät ein. Calvin fragte: »Glaubst du, dass Hack uns belogen hat?« »Der hat ja nie behauptet, er hätte die Leiche gesehen. Er sagte nur, seine Freundin hätte ihm davon erzählt. Diese Violet.« »Das heißt, entweder lügt Hack, oder diese Violet ...« »Oder John Nike hat die Spuren beseitigt.« »Ich tippe mal auf Nummer drei«, sagte Calvin. »Verdammt!«, schnaubte sie los. »Dieses Arschloch!« Calvin blickte sie an. »Was ist?« »Was hattest du noch gesagt, woher du John Nike kennst?« »Was hat das denn damit zu tun?« »Ich versuche nur dahinter zu kommen, warum dir dieser Fall so wichtig ist. Warum du nicht ein bisschen Urlaub nimmst ...« »Er hat 14 Menschen ermordet! Reicht das nicht?« »Als Erklärung für den Blick, den du plötzlich drauf hast? Nein.« »Ich hab überhaupt keinen Blick drauf!« »Was bist du denn so gereizt«, stellte Calvin fest. »Könnte es sein, dass du mal mit ihm zusammengearbeitet hast? Bevor du Agentin geworden bist. Ich glaube, deine mysteriöse Quelle ist auch jemand aus deinem früheren Job.« Jennifer presste die Finger an ihre Schläfen. »Ich habe nie für Nike gearbeitet. Klar? Und jetzt Schluss damit.« »Deine Tätowierung hast du dir jedenfalls nicht bei der Regierung machen lassen.« Es dauerte eine ganze Weile, bis Buy Mitsui herunterkam. Jennifer vertrieb sich die Zeit damit, die Aushänge an der Wand zu lesen. Da hingen Fallstudien mit Fotos von händeschüttelnden Anzugtypen unter Überschriften wie Mitsui & Reebok: Einstiegskurs um 118% ge stiegen! Jennifer musste an Plakate in Spielkasinos denken -- ältere Paare vor Spielautomaten, deren Anzeigen die unglaublichsten Ge winne verhießen. Jackpot! »Ich bin Buy«, sagte ein Mann. Sie wandte sich um. Überrascht stellte sie fest, dass er groß und gut aussehend war. Sie hatte sich tatsächlich eine ganze Weile lang nicht mehr für Männer interessiert. »Jennifer Government. Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.« »Ich dachte, ich hätte das hinter mir. Die Sache in der Mall. Ich weiß nicht, warum ...« »Können wir irgendwo ungestört reden?«, unterbrach Calvin ihn. Buy ließ die Schultern hängen. »Hier entlang.« Sie folgten ihm. Der Konferenzraum war groß, geschmackvoll be leuchtet und mit schweren Holzsesseln ausgestattet. So etwas gab es bei der Regierung nicht. »Hübsche Einrichtung.« »In unserer Branche wird ausschließlich mit Sachen gehandelt, die nicht greifbar sind«, sagte Buy und nahm ihr gegenüber Platz. »Nichts zum Anfassen. Deshalb geben wir uns nach außen gern be sonders ...«Er klopfte auf den Tisch. »Reich?« »Solide.« Er lächelte, aber es war ein seltsam verlorenes Lächeln. Es beunruhigte Jennifer ein wenig -- sie hatte den Verdacht, dass Buy Mitsui etwas neben der Spur war. Calvin öffnete sein Notizbuch. »Sie waren letzten Freitag im Chad stone WalMart?« »Ja.« »Aber Sie haben nichts gesehen.« »Ich kam zu spät. Das Mädchen ... sie ...« »Lassen Sie sich Zeit«, sagte Jennifer. »Es tut mir Leid. Ich bin nicht... Das Mädchen ist gestorben. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich habe es versucht.« »Sie haben nicht gesehen, wer auf sie geschossen hat?« »Ich habe überhaupt nichts gesehen. Das habe ich Ihren Kollegen doch letzten Freitag schon gesagt.« »Gut«, sagte Calvin und blätterte ein wenig in seinen Notizen. »Sie haben dem Mädchen also Geld gegeben -- warum?« »Mir war danach.« »Aber Sie kannten sie doch vorher überhaupt nicht?« »Nein.« Calvin legte eine Pause ein. Offenbar erwartete er, dass Jennifer ihm half, Buy in die Zange zu nehmen. Stattdessen sagte sie: »Ich war an dem Abend dort.« Buy zog die Augenbrauen hoch. »In Chadstone?« »Man hat mich anschließend vom Dach eines Mercedes abge kratzt.« Er starrte sie an. Dann lachte er. »Entschuldigung. Ich habe Sie gar nicht wieder erkannt. Sie sehen ... deutlich besser aus.« Leicht irritiert schlug sie die Augen nieder. »Sie haben also Hayley das Geld für die Schuhe gegeben, wegen denen sie dann umge bracht wurde -- komischer Zufall, finden Sie nicht?« Sie bereute ihre Worte sofort. Buy stand die Betroffenheit ins Ge sicht geschrieben. »Ich wünschte nichts mehr, als dass ich ihr nie begegnet wäre.« Calvin ergriff wieder das Wort. »Haben Sie an dem Abend einen der Täter gesehen?« »Nein.« »Niemanden, der irgendwie verdächtig aussah -- überhaupt nichts?« »Nein.« Schweigen. »Das heißt also, der einzige Verdächtige, den Sie an dem Abend bemerkt haben, waren Sie selbst. Ist das richtig?« »Das kann man wohl so sagen.« Calvin warf Jennifer einen Blick zu. Sie nickte. »Also gut«, sagte er. »Das wars dann -- für diesmal.« Sie stand auf. Buy starrte auf die Tischplatte. Aus einem Impuls heraus setzte sie sich wieder hin. »Hey.« Er blickte auf. »Ich weiß, wie Sie sich fühlen.« Er schwieg. Sie schob ihm über den Tisch ihre Karte zu. »Wenn irgendwas ist, rufen Sie mich an. In Ordnung?« Er nickte wortlos, den Blick auf die Karte gesenkt. Sie legte über den Tisch hinweg kurz ihre Hand auf seine. Dann gingen sie und Calvin zurück durch die Eingangshalle und traten in den hellen Sonnenschein hinaus. Die automatische Tür glitt hinter ihnen zu. »Schau einer an«, sagte Calvin schließlich. »Jennifer Government -- ich glaube, bei dir ist doch noch nicht Hopfen und Malz verlo ren.« »Ach, halt die Klappe«, fuhr sie ihn an. »Reden wir lieber mit Pear son.« 24. Billy Billys Plan war denkbar einfach: Er würde die erstbeste Gelegenheit zur Flucht abwarten und dann rennen wie der Teufel. Je länger die se Farce andauerte, desto tiefer steckte er in der Scheiße. Im Inneren des Flugzeugs gab es keine Sitze, sondern nur Bänke und Haltegurte, und als sie in der Luft waren, wurden statt Erdnüs sen oder einer Coke mit zu viel Eis Vektor R4 Sturmgewehre verteilt. Billy hatte noch nie solch eine schwere Waffe in der Hand gehalten. Er hatte schon vor Angst die Hose voll, wenn er sich nur vorstellte, dass jemand glaubte, er würde dieses Ding brauchen. Sie landeten irgendwo auf dem Land und stiegen aus dem Flug zeug in zwei RyderMietlastwagen um. Auch hier gab es wieder nur Bänke und Haltegurte. Billy schnappte ein paar Gesprächsfetzen auf, aus denen er aber nicht recht klug wurde, und so starrte er nur auf seine schwarzen Stiefel. Allmählich kam er zu der Überzeugung, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, weiter durch den Busch zu irren. Der Laster blieb noch zwei Stunden lang stehen und fuhr dann so ruckartig an, dass Billy gegen seinen Sitznachbarn geschleudert wurde, »tschuldigung«, sagte Billy, worauf der andere antwortete: »Schon okay, Kumpel.« Aber für Billy war nichts okay. Ganz und gar nichts. Der Truppenführer zog sich an einem Gurt hoch. »Wir sind jetzt bei T minus zwei Minuten! Unsere Hauptaufgabe wird es sein, den Einsatzort weiträumig abzusichern, während Team B in Aktion tritt! Alles klar?« »Ja, Sir!«, riefen die Männer. Billy rief nicht mit. Aber bei dem Wort »weiträumig« wurde er hellhörig. Der Lastwagen verlangsamte seine Fahrt und blieb schließlich ste hen. Der Truppenführer öffnete die Türen einen Spalt weit und spähte hinaus, während alle Übrigen angespannt dasaßen und an ihren Vektors herumfingerten. Billy dämmerte es allmählich, dass hier eine große Sache im Gange war. »Los, los, los!«, rief der Anführer und stieß die Türen auf. Billy erkannte auf den ersten Blick zweierlei: erstens, dass sie sich auf einer ruhigen Seitenstraße in einer einigermaßen städtischen Ge gend befanden, und zweitens, dass gleich jemand einen ziemlich üblen Verkehrsunfall haben würde. Es handelte sich um einen Ford neueren Modells, den der zweite Ryder gerade von hinten mit voller Kraft rammte. Der Ford drehte sich mit qualmenden Reifen zweimal um die eigene Achse und wickelte sich dann um einen Telegrafen mast. »Bewegung!«, brüllte jemand. Billy ertappte sich dabei, wie er wie angewurzelt dastand und wie ein Vollidiot gaffte. Ein paar der NRASoldaten rannten geduckt auf das Autowrack zu, als ob sie damit rechneten, dass der Fahrer jeden Moment herausspringen und das Feuer eröffnen könnte. Zwei weitere Soldaten schleppten etwas aus dem zweiten RyderLaster herbei, das wie ein Rettungsspreizer aussah. Der größte Trupp zerrte Absperrgitter quer über das südli che Ende der Straße. Billy setzte sich in Richtung Norden in Trab. »He, du da! Nach Süden, nach Süden!« »Ich übernehm die Nordseite!«, schrie er zurück. »Nur zur Sicher heit!« Er hörte Schritte hinter sich und versuchte einen Sprint, aber mit der schweren Vektor kam er sich vor, als wollte er mit einem Motor rad am Hals rennen. Ein Soldat packte ihn am Arm. Es war ein jun ger Bursche, wie Billy, nur nicht so verängstigt. »Was ist denn los mit dir, Mann? Die Südseite!« »Ich muss weg, Kumpel, wirklich«, sagte Billy. »Nimms mir nicht übel, aber ...« Hinter ihm kreischte der Spreizer. Billy fuhr zusammen. Die NRA Typen machten sich damit an dem Ford zu schaffen -- beziehungsweise an dessen Überresten. Billy bemerkte jetzt erst das Polizeiwappen auf der Wagentür. Drinnen bewegte sich jemand. »Wenn das Yallam zu hören bekommt! Und jetzt beweg deinen Arsch zur Absperrung!« »Hör mal, das ist alles ein gewaltiger Irrtum«, versuchte er zu er klären. Da ertönten Schüsse, und Billy legte sich flach auf den As phalt. Als er gleich darauf den Kopf hob, blickte der junge Soldat verächtlich auf ihn nieder. Die NRALeute ließen von dem zer trümmerten Ford ab. Im Laufen steckten sie die Pistolen in ihre Hol ster. Billy begriff, dass sie soeben ihre Mission beendet hatten. Ihm war übel. »Feind in Sicht! Feind von Süden!« »Komm schon! Die brauchen uns!« Der junge Soldat rannte zurück an die Absperrung. »Nein, danke«, murmelte Billy und rappelte sich auf. »Bis später, Kumpel.« Er war kaum ein paar Meter weit gekommen, als über der Hügel kuppe drei dunkelblaue Wagen auftauchten -- schnelle, flache Fahrzeuge, in deren Motorhaube eine Art drehbares Geschütz einge lassen war. Billy erinnerte sich vage, so etwas in der Fernsehwer bung der Polizei gesehen zu haben. Die NRASoldaten eröffneten das Feuer. Dann ratterten die Geschütze der Polizeiautos, und plötz lich flogen die Kugeln aus allen Richtungen. Sie prallten von den Wagen ab, rissen die Straße auf und flogen entschieden dichter an Billy vorbei, als ihm lieb war. »Verdammte Scheiße!«, schrie einer von der SpreizerTruppe. Er rannte auf den zweiten Ryder zu, was auch Billy spontan für eine gute Idee hielt. Gemeinsam mit dem SpreizerTypen und zwei wei teren verschwitzten NRASoldaten sprang er hinten in den Lastwa gen. Die Geschosse prasselten wie ein Hagelsturm gegen die Sei tenwände des Lasters und hinterließen beängstigende Dellen. Vorn ließ jemand den Motor aufheulen, und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. »Team A, Rückzug, Team A, Rückzug«, sagte der SpreizerTyp in sein Funkgerät. »Team A ist hin, Mann«, sagte ein Soldat. »Diese Bullenautos -- die haben uns alle gemacht!« »Die kommen nicht durch die Absperrung«, sagte der Spreizer Typ. »Sie müssen außen rum fahren, einen ganzen Block weiter. Uns bleiben vielleicht 90 Sekunden, um sie abzuhängen.« Billy beschloss, sich an den SpreizerTypen zu halten. Dieser Bur sche wusste offenbar, was er tat. Der Laster holperte und neigte sich zur Seite. Billy klammerte sich an seinen Haltegurt. Doch dann merkte er, dass sie langsamer wurden. Der SpreizerTyp fragte: »Was ist los?« »Frag mich doch nicht«, sagte Billy, aber der Mann hatte gar nicht ihn gemeint, sondern in sein Funkgerät gesprochen. Die Antwort klang etwa wie: Kchrrschawfss ssawnt. Der SpreizerTyp blickte in die Runde. »Okay. Schätze, jetzt haben wir ein Problem.« 25. Jennifer »Das lohnt sich wirklich«, sagte Calvin, während er einen Chrysler überholte. »Insgesamt gebe ich dabei ja gar nicht mehr aus. Ich kau fe nur, was ich sowieso gekauft hätte -- bloß eben von USAlliance Firmen.« »Mhm«, brummelte Jennifer undeutlich. »Du kaufst deinen Computer von IBM, tankst bei Shell, telefonierst über AT&T ... und schon hast du Bonuspunkte im Wert von, sagen wir, 50 Piepen gesammelt. Und wenn du ein Auto kaufst ...« »Ich hab was gegen diese Treueprogramme.« »Naja, du kannst natürlich auch zu Team Advantage gehen«, sagte Calvin. »Aber USAlliance hat doppelt so viele Unternehmen, die in ihrer Branche Marktführer sind.« »Du redest wie ein Werbeprospekt.« Aus dem Autofunk tönte es: »Field Agents Jennifer und Calvin, bitte geben Sie Ihre Position durch.« Jennifer griff zum Mikro. »Innenstadt, King Street, Höhe Flinders.« »Fahren Sie weiter nach St. Kilda, Chapel Street Ecke Inkerman Street. Dort ist ein Überfall im Gange. Äußerste Vorsicht geboten.« »Dahin sind wir gerade unterwegs. Wie ist die Lage?« »Notruf von der Polizei. Ein Anschlag auf einen gewissen Senior Sergeant Pearson Police. Möglicherweise von der NRA ausgehend.« »Mist!« Jennifer ließ das Mikro fallen. »Gib Gas!« Calvin brachte den Motor auf Hochtouren und schlängelte sich durch den Verkehr. Jennifer schaltete die Sirene ein, und sie rasten mit Geheul die St. Kilda Road entlang. »Wenn wir nur nicht diesen Zwischenstopp gemacht hätten, um mit diesem Broker zu reden!« »Inkerman Street -- ist das nicht ...« »Noch zwei Blocks«, sagte sie. »Hast du gesehen, wo der Ryder Laster da vorn gerade rausgekommen ist?« »Ja.« Calvin bremste ab und schaltete die Sirene aus. Der Lastwagen kam ihnen entgegen. Jennifer bemerkte, dass sein Kühlergitter völlig verbeult war. Sie runzelte die Stirn. »Mach kehrt!« »Was?« »Wir halten den Laster an.« »Warum -- bloß weil er einen Unfall hatte?« »Frag nicht -- mach schon.« Er riss das Lenkrad herum. Jennifer biss sich auf die Lippe. Der Lastwagen hatte mehr als nur einen Verkehrsunfall hinter sich -- die Seitenwand war gesprenkelt und voller Dellen. »Funktioniert unser Signal?« »Ja.« »Und warum hält der dann nicht an?« »Keine Ahnung. Ich überhol ihn mal und schneide ihm den Weg ab.« »Okay«, sagte sie. Da öffnete sich die Heckklappe des Lastwagens. »Vorsicht«, rief Calvin. Jennifer sah Männer in Tarnhosen und schwarzen TShirts. Calvin riss das Steuer nach links. Kugeln schlugen in das Auto ein. Jennifer hörte, wie ein Reifen platzte. Das Lenkrad sprang Calvin aus den Händen. Weiße Zaunlatten prallten von der Windschutzscheibe ab, und dann sah sie gerade noch einen dicken Baum. Nach einer Weile wurde ihr bewusst, dass Calvin in das Funkgerät sprach. Sie fummelte an ihrem Anschnallgurt herum. »Jen. Alles okay?« Sie bekam das Gurtschloss zu fassen, öffnete es und stieg taumelnd aus dem Wagen. Ihr Kopf fühlte sich an wie Blei. Sie blickte sich um. Der Baum ragte mitten aus der Motorhaube ihres Autos. Mit unsi cheren Schritten ging sie auf die Straße zu. »Verstärkung ist unterwegs! Jen! Wir warten hier!« Sie blieb mitten auf der Straße stehen. Calvin holte sie ein. »Jen, komm, setz dich hin. Du blutest ja!« Sie griff sich an die Stirn. Als sie die Hand wieder wegnahm, wa ren ihre Finger rot und klebrig. Offenbar war das Blut schon geron nen. »Meinst du, sie haben Pearson erwischt?« »Ich fürchte, ja.« Ein weißer Commodore tauchte über der Hügelkuppe auf. Jennifer hielt ihre Dienstmarke hoch, bis der Wagen anhielt. Der Fahrer, ein junger, unrasierter Mann, blickte sich nervös um. »Ja?« »Ich möchte Ihr Fahrzeug im Namen der Regierung für Dienstge schäfte requirieren. Wir zahlen 300 Dollar pro Stunde für die Nut zung, plus eventuelle Reparaturkosten. Darüber hinaus sollte es Ihnen eine Genugtuung sein zu wissen, dass Sie auf diese Weise mithelfen, im Interesse der Öffentlichkeit ein Verbrechen zu verhin dern.« »300 im Voraus?« »Leider nein«, sagte Jennifer. »Ich trage nicht ständig solche Sum men in bar mit mir herum für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich ein Fahrzeug requirieren muss.« »Jen, bitte -- lass uns nicht für so was unser Budget verpulvern«, wandte Calvin ein. »Warten Sie«, sagte der Bursche und stieg aus dem Wagen. »Also gut -- 300 pro Stunde, ja?« »Genau«, bestätigte sie. »Calvin, nimmst du bitte die Personalien auf?« »Jen! Du kannst doch gar nicht fahren!« Damit hatte er Recht -- sie war tatsächlich kaum in der Lage zu fahren. Aber der Wagen hatte Automatik, und sie konnte mit dem verletzten Arm das Lenkrad wenigstens festhalten, wenn auch nicht einschlagen. Sie trat energisch aufs Gas. Jennifer ging davon aus, dass die NRA sich schnellstmöglich vom Tatort entfernen, dabei aber die Freeways meiden würde, weil diese häufig verstopft waren. Folglich blieb ihnen kaum ein anderer Weg als über die Dandenong Road. Außerdem war Jennifer ziemlich si cher, dass der Fluchtwagen nicht in Richtung Zentrum fahren, son dern sich von der Innenstadt entfernen würde. Sie beschleunigte und schlängelte sich durch den Verkehr. Binnen einer Minute entdeckte sie den Laster. Sie holte auf und wartete ab, bis sie sich auf einem Straßenabschnitt ohne Kurven be fanden. Dann ließ sie das Fenster herunter, hielt das Steuer mit den Knien fest und beugte sich mit ihrer 45er hinaus. Der Fahrer musste sie bemerkt haben, denn noch bevor sie ab drücken konnte, fuhr er plötzlich einen Schlenker. Hätte er gebremst, wäre Jennifer erledigt gewesen -- sie wäre geradewegs in den La ster hineingerast. Doch stattdessen versuchte der Fahrer, sie mit Zickzackmanövern abzuschütteln, und da RyderLaster nicht gerade zu den wendigsten Fahrzeugen der Welt zählen, gelang es Jennifer, nacheinander drei Reifen zu zerschießen. Der Lastwagen schleuder te, geriet auf den Gehweg und brach durch ein Schaufenster. Jennifer raste vorbei. Sie versuchte eine 180GradWende, was sich mit ihrer verletzten Schulter allerdings als höchst schwierig gestalte te. Bis sie gewendet hatte, strömten schon NRAKerle aus dem La ster. Jennifer machte eine Vollbremsung und duckte sich. Die Wind schutzscheibe zerbarst. Geschosse zersiebten den Fahrersitz und erfüllten das Wageninnere mit einem wahren Schneegestöber aus gelbem Schaumstoff. Sie riss den Rückspiegel herunter und presste ihn schwer atmend gegen die Brust. Alles blieb ruhig. Sie hielt den Spiegel hoch und drehte ihn nach allen Seiten. Drei NRAKerle standen beim Lastwagen ... und einer rannte geduckt auf ihr Auto zu. Sie ließ den Spiegel fallen, griff zur Pistole und feuerte drei Schüsse ab. Ein Mann schrie auf. Sie zog die Augenbrauen hoch. Wieder ein Blick in den Spiegel -- ein NRATyp auf dem Rückzug, kriechend und sein Bein umklammernd. »Haar scharf«, sagte sie. Sie eröffneten erneut das Feuer, dass die Geschosse nur so auf Jen nifers Auto einprasselten. Sie bekam das Funkgerät zu fassen und forderte Verstärkung an. Anschließend verwickelte sie die Soldaten in einen anhaltenden Schusswechsel, um sie auf Trab zu halten. Wenn sie nur häufig genug feuerte, kamen sie hoffentlich nicht auf die Idee, etwas übermäßig Taktisches zu unternehmen -- etwa ei nen Vorstoß gegen sie. Als Jennifer Autos kommen hörte, hielt sie erneut den Spiegel hoch. Eine Reihe schwarzer Militärfahrzeuge bremste bei dem demolier ten RyderLaster. Türen öffneten sich und wurden wieder zuge schlagen. »Wo bleibt meine Verstärkung?«, schrie sie in das Funkge rät. »Die hauen ab!« »Geschätzte Ankunft in vier Minuten, Field Agent.« Jennifer warf wütend das Mikro hin. Als sie die Wagen abfahren hörte, stieß sie die Tür auf und ließ sich auf die Straße fallen. Zu spät. Sie nahm die Reifen des hintersten Fahrzeugs ins Visier und schoss wieder und wieder. Zwei Kugeln gingen in den Straßen belag, eine zertrümmerte die Heckscheibe, und eine ließ die Koffer raumklappe aufspringen -- ein wirklich bemerkenswerter Schuss, wenn sie es darauf angelegt hätte. Aber das hatte sie nicht. Dann nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und fuhr herum. Rechts von ihr sprintete ein Mann in eine Seitenstraße. Jennifer registrierte eine Tarnhose und ein schweres Gewehr. »Halt! Keine Bewegung! Hier spricht die Regierung!« Er rannte weiter. Sie zielte über seinen Kopf und gab zwei Schüsse ab. Er stürzte so heftig auf den Asphalt, dass sie schon dachte, sie hät te ihn versehentlich umgenietet. Aber als sie bei ihm ankam, stellte sich heraus, dass er noch lebte. Er hielt die Arme schützend über den Kopf. »Bitte nicht schießen!« Sie packte seinen Arm und führte kunstgerecht einen Griff aus, der damit endete, dass ihre Knie sich in seinen Rücken bohrten und ihre Pistole auf seinen Kopf gerichtet war. »Hast du letzten Freitag viel leicht ein paar Mädchen umgebracht? Dich bei einer Nike Town rumgetrieben? Bist du am Ende ein Freund von John Nike?« »Ich gehör gar nicht zu denen! Ich schwörs, ich gehör nicht dazu!« »Das werden wir ja sehen«, sagte sie. Teil3 26. Freiheit Hack sog gierig die frische Luft ein. Es war ein herrliches Gefühl, wieder draußen zu sein! Jennifer Government hatte ja so Recht ge habt -- man wusste die Freiheit erst richtig zu schätzen, wenn es zu spät war. Solch eine Erfahrung rückte die Dinge in ein völlig ande res Licht. Plötzlich wurde einem klar, worauf es im Leben eigentlich ankam. Er brachte es nicht fertig, sich niedergeschlagen zu fühlen, auch wenn er wusste, dass er sehr wahrscheinlich bald seinen Job los sein würde, und ihm nicht klar war, wie er jemals seine Schulden bei der Polizei abzahlen sollte. Hack war froh, überhaupt am Leben zu sein. Er wollte mit dem Taxi zum Haus von Violets Schwester fahren, überlegte es sich aber unterwegs anders und ließ sich stattdessen bei Sears in Fitzroy absetzen. Er beschloss, Violet ein Geschenk zu kau fen -- als Zeichen dafür, was er für sie empfand. Diese Erfahrung hat uns beide einander näher gebracht, dachte er. Bei Sears gab es eine Schmuckabteilung. Hack blieb stehen. Edel steine und Ringe funkelten ihm aus Reihen von Glasvitrinen entge gen. Nach kurzem Zögern trat er ein. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine junge Verkäuferin mit roten Locken. »Ähm ... ja ...«, stammelte Hack, »haben Sie vielleicht ...« »Lassen Sie mich raten«, unterbrach sie ihn. »Verlobungsringe?« »Woher wissen Sie das?« »Sie sehen nervös aus«, sagte das Mädchen und lächelte. Hack hielt sein Päckchen umklammert und stellte sich an der Kas se hinter einer korpulenten Frau an, die ein Dreirad kaufen wollte. »Aber sicher können Sie das als Geschenk einpacken«, sagte die Frau zu dem Jungen an der Kasse. »Sie bieten hier doch einen Ein packservice an! Und ich möchte es eben eingepackt haben.« »Ich kann hier nur kleinere Artikel verpacken«, erklärte der Junge geduldig. »Mit so etwas Großem müssen Sie zum Einpacktisch auf Ebene drei gehen.« »Davon war aber in der Werbung nicht die Rede.« »Tut mir schrecklich Leid«, sagte der Junge. Die Frau drängte sich an Hack vorbei und bohrte ihm dabei ein Ende des Lenkers in den Arm. Hack drückte sein Päckchen schützend an sich. Der Junge scannte Hacks Kästchen. Auf dem orangefarbenen Dis play erschien der Preis: $ 649.95. »Haben Sie eine Kundenkarte von USAlliance?« »Ja.« Hack reichte sie dem Kassierer. »Haben Sie auch eine Karte von Team Advantage?« »Wie?« Der Junge deutete auf ein leuchtend blaues Schild, das auf seiner Brust prangte. Darauf stand: T.A.KARTE WEGWERFEN UND SPAREN! WIE? FRAGEN SIE MICH. »Wenn Sie aus dem Team AdvantageProgramm austreten, bekommen Sie zwei Monate lang in allen Geschäften, die an USAlliance angeschlossen sind, 15 Pro zent Rabatt. Haben Sie eine T.A.Karte?« »Nein. Ich arbeite bei Nike.« »Auch gut. Sie können auch Punkte sammeln, wenn Sie bei US Alliance bleiben und sich keine T.A.Karte zulegen.« Hack blinzelte. Das klang nicht schlecht. »Und wie geht das?« »So«, sagte der Junge und drückte auf eine Taste. Die Kasse spuck te ein paar zusätzliche Zeilen auf Hacks Bon aus. »Sears bedankt sich für Ihren Einkauf und wünscht Ihnen noch einen schönen Tag.« »Danke«, sagte Hack. Er nahm sein Päckchen und ging. Bevor er das Kaufhaus verließ, sah er sich unwillkürlich noch einmal um. 30 oder 40 Kassen standen da in einer Reihe wie Mauerzinnen, sämt lich mit adretten Mädchen und Jungen in SearsUniformen besetzt. Ihre blauen Schilder leuchteten ihm nach. Violets Schwester Claire saß vor dem Fernseher, als Hack eintraf. Hack hatte eigentlich zuerst Claire kennen gelernt und über sie dann Violet. Claire war groß, hatte langes Haar, braune Augen und ein hübsches Lächeln. Sie war zurückhaltender als Violet -- mehr so wie er. Eine Zeit lang hatte er geglaubt, in sie verliebt zu sein. Aber dann war Violet auf den Plan getreten. Und Violet wusste, was sie wollte. »Hallo.« »Hallo, Hack. Wo warst du?« »Ich musste zur Regierung.« Claires Augen weiteten sich. »Bist du in Schwierigkeiten?« »Nein. Nicht wirklich. Ist Violet da?« Claire schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ihr wärt zusammen weg.« »Sie hatte heute früh einen geschäftlichen Termin. Wenn sie noch nicht zurück ist ... vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen.« Hack sah auf die Uhr. Es war wirklich schon ziemlich spät. »Hast du gegessen? Ich kann was kochen, wenn du magst.« »Nein, danke.« Es war ihm peinlich -- Claire wollte dauernd ir gendwas für ihn tun. »Kann ich mal bei mir zu Hause anrufen? Viel leicht ist Violet da.« »Natürlich.« »Danke.« Er ging in die Küche und wählte seine Nummer. Es klin gelte und klingelte. 27. Ortswechsel Violet war noch nie zuvor geflogen, was Rendell, den fetten Mana ger von ExxonMobil, köstlich amüsierte. »Noch nicht mal intersta te?«, erkundigte er sich und schüttelte ungläubig den Kopf. Rendell hatte zwei Millionen Meilen auf seinem Vielfliegerkonto. Sie wäre entschieden lieber ohne Rendell geflogen, der seinen ex trabreiten BusinessclassSitz vollständig ausfüllte und sich auf Tuch fühlung zu ihr herüberbeugte, wann immer er mit ihr reden wollte -- was eigentlich ständig der Fall war. Violet hatte sich aus dem Taschenbuchsortiment, mit dem die Flugbegleiterin herumgegangen war, einen Roman ausgesucht, aber Rendell sorgte dafür, dass sie nicht zum Lesen kam. Nach 14 Stunden hatte sie nun nur noch einen Wunsch: Rendell möge an einer der Erdnüsse, die während des Flu ges verteilt wurden, ersticken. Er beugte sich abermals zu ihr herüber. »Wissen Sie eigentlich, dass Sie von hier aus sogar ins Internet können? In der Armlehne ist ein Anschluss.« Violet sah nach. Tatsächlich. »Obwohl -- mit Ihrem Virus ... ich meine, Sie haben das Ding doch hoffentlich gut unter Verschluss? Trotzdem -- vielleicht sollten Sie Ihr Notebook lieber nicht anschließen.« »Ich glaube kaum, dass der Netzanschluss für die Passagiere mit dem Bordcomputer verbunden ist«, bemerkte Violet. »Trotzdem.« Rendell lächelte nervös. »Na schön.« Sie hatte ohnehin keine Lust, eine EMail zu schreiben, während er ihr über die Schulter sah. Sie wollte sich wieder ihrem Roman zuwenden. Sein Arm presste sich gegen ihren. »Es gibt aber auch Telefone -- wenn Sie möchten.« Sie sah ihn an. »Falls Sie jemandem Bescheid sagen müssen, dass Sie auf dem Weg nach Texas sind. Machen Sie sich wegen der Gebühren keine Gedanken -- das geht schon in Ordnung.« »Es gibt niemanden, den ich benachrichtigen müsste«, sagte Violet. Solange er daneben saß, hatte sie auch keine Lust, zu Hause anzuru fen. Sie war überrascht, wie hässlich Dallas war. Selbst vor dem Hin tergrund der aufgehenden Sonne wirkte die Stadt, als wäre sie zu dem Zweck erbaut worden, einem Luftangriff standzuhalten. Violet hatte noch nie so viel Beton auf einem Haufen gesehen. »Na, was sagen Sie jetzt?«, fragte Rendell im Taxi. »Hübsch, wie?« »Wo sind denn hier Bäume?« »Es gibt ein paar Parks.« Er reckte den Hals. »Ich glaube, da drü ben ist einer zu sehen ...« Ein Schwerlaster dröhnte neben ihnen her. Im Taxi wurde es dunkel, als ob sie in einen Tunnel geraten wären. Violet hielt sich die Ohren zu. »Da, hinter dem Verkehrsunfall.« Sie hielt Ausschau. An einem unübersichtlichen Knotenpunkt vor ihnen zerrten Abschleppwagen ein demoliertes Auto und einen Lie ferwagen auseinander. Violet konnte keinen Park entdecken. »Gesehen?« »Ja«, sagte sie. »Und welches ist das ExxonMobilGebäude?« »ExMo ist außerhalb, in Irving. Etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit.« »Ach.« »Sie werden mich noch gründlich leid haben, bis Sie das alles hin ter sich haben«, sagte er grinsend. Sie zwang sich zurückzulächeln. »Ich dachte mir, Sie wollen bestimmt was von Dallas sehen. Wo doch hier der Präsident ermordet wurde.« Violet blickte ihn überrascht an. »Der Präsident von ExxonMobil?« »Nein. Der Präsident der Vereinigten Staaten. Kennedy.« »Oh.« Sie wandte sich wieder dem Fenster zu. »Sie sind wohl zu jung, um mal was von ihm gehört zu haben«, sagte Rendell. Sie biss sich auf die Lippe. Bei ExxonMobil empfing sie ein großer Mann mit strahlend blauen Augen. Er stand auf und streckte Violet die Hand entgegen. Sein Mund lächelte, aber seine Augen verrieten keine Gemütsregung. Sie lächelten durchaus nicht. »Violet -- bitte, nehmen Sie Platz.« Sie setzte sich ihm gegenüber in einen der prunkvollen Sessel. Rendell ließ sich direkt neben ihr nieder. Ihm war einfach nicht zu entkommen. »Ich bin Nathaniel ExxonMobil, CEO.« Auf der Mattglasscheibe hinter ihm war der ExMoTiger eingraviert, das Firmenlogo. »Es freut mich, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten.« »Kein Problem.« Violet war durstig. »Wir werden uns gleich ein wenig unterhalten. Aber zuerst möchte ich, dass Sie sich über ein paar Grundregeln im Klaren sind.« »Ich bin selbstverständlich gern bereit, eine Geheimhaltungsver einbarung zu unterschreiben.« »Sie sollen mir nichts unterschreiben.« Er lächelte. »Ich ziehe es vor, so etwas mündlich zu regeln.« »Aha.« Violet wurde unsicher. Bereits das widersprach dem weni gen, was sie über die Geschäftswelt wusste ... »Verträge zwingen Menschen bloß zu etwas, Violet, und aus Zwang entsteht niemals etwas Gutes. Menschen können Großes leisten, wenn sie freiwillig zum beiderseitigen Vorteil zusammenar beiten. Ich verlasse mich darauf, dass Sie über unsere Unterredung Stillschweigen bewahren, weil es ebenso in Ihrem eigenen Interesse liegt wie in meinem. Kommt Ihnen das nicht auch vernünftig vor?« »Sicher«, sagte sie, aber sie spürte, dass sie auf dünnem Eis stand. Sie hörte es förmlich unter ihren Füßen knacken. Geheimhaltungs vereinbarungen waren normalerweise Standard. Überall wurde ver langt, dass man etwas unterschrieb. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Nathaniel darauf verzichtet hätte, wenn er nicht über wirksamere Methoden verfügt hätte, sich ihre Verschwiegenheit zu sichern. Er faltete die Hände auf der Tischplatte. »Sie verfügen also über eine Software, die das gesamte Computernetzwerk eines Unterneh mens lahm legen kann -- ist das richtig?« »Ja.« »Das Netzwerk jedes beliebigen Unternehmens?« »So ziemlich.« »Wenn Sie mein Netzwerk an einem ganz bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit zusammenbrechen lassen wollten -- könnten Sie das?« »Äh ... nein. Die Software kann sich nur verbreiten, wenn der Client ein Update vom Server anfordert. Das kann sofort geschehen, es kann aber auch eine Woche dauern.« Rendell beugte sich vor. »Aber in Melbourne ging es so schnell ...« »Ihre Jungs waren eben ultraparanoid -- die Virenscanner waren so eingestellt, dass sie sich laufend aktualisierten. Je aktiver der Vi renscanner ist, desto schneller kann sich mein Programm verbrei ten.« »Aha«, sagte Nathaniel. »Das war mir nicht klar«, verteidigte sich Rendell. »Tut mir Leid, Nathaniel, aber ich war davon ausgegangen ...« Nathaniel beachtete ihn gar nicht. »Violet, wenn diese Software mir nutzen soll, dann muss ich den Zeitpunkt steuern können, zu dem sie aktiv wird.« »Aber wenn Sie einen Angriff simulieren wollen, können Sie ...« »Gehen wir einfach mal davon aus, ich muss den Zeitpunkt steu ern können«, unterbrach Nathaniel. »Einverstanden?« Schlagartig wurde Violet klar, dass es Nathaniel ExxonMobil gar nicht darum ging, irgendetwas zu simulieren. Er wollte ihre Soft ware nicht zu Abwehrzwecken. Er war nicht darauf aus, sein eige nes Netzwerk abzusichern. Angst kroch ihr mit leichtem Kribbeln den Rücken hoch. »Was wäre, wenn wir auf den SchlüsselServer zugreifen könn ten?«, fragte Nathaniel weiter. »Könnten Sie dann den Zeitpunkt steuern?« »Dann ... ja, dann könnte man das Programm auf den Server laden und ihn so einstellen, dass er automatisch ein Update vornimmt. Aber wenn Sie Zugriff auf einen Server haben -- warum sollten Sie sich dann die Mühe machen ...« »Wir könnten uns vorübergehend Zugang verschaffen. Sofern das erforderlich ist.« Violet holte tief Luft. »Also, wenn das möglich wäre, dann könnte man das Timing steu ern.« Stille. Schließlich fragte Rendell: »Was halten Sie davon, Mitarbeiterin bei ExxonMobil zu werden, Violet?« Sie fuhr hoch. »Ich bin nicht hier, um irgendwessen Mitarbeiterin zu werden. Ich will einen Lizenzvertrag für meine Software, nichts weiter.« »Wir kaufen Ihnen die Lizenz ab«, sagte Nathaniel. »Und wir zah len gut dafür. Aber ich will, dass Sie uns auch helfen, das Programm anzuwenden.« Ihr Magen krampfte sich zusammen. »In welcher Weise anzuwen den?« »Wir verschaffen Ihnen Zugang zu dem Server, Sie laden Ihre Software darauf und sorgen dafür, dass sie sich im Netzwerk ver breitet.« »Sie meinen von außerhalb?«, fragte Violet. Aber im Grunde war ihr klar, dass er das nicht meinte. »Das ist mir zu riskant«, entgegnete Nathaniel. »Es muss vor Ort passieren.« »Aber -- vor Ort ... wie soll ...« »Unser Sicherheitspersonal wird in das Zielgebäude eindringen und die nötigen Schritte unternehmen, um Ihnen Zugang zum Ser ver zu verschaffen«, erklärte er. Sie umklammerte die Sitzkante. »Ich dachte, Sie glauben nicht dar an, dass mit Gewalt etwas zu erreichen ist.« »Ha, ha, ha!«, rief Nathaniel belustigt. »Sie haben mich durch schaut, Violet ExxonMobil.« 28. Ermittlungen Billy NRA bereitete Jennifer Kopfschmerzen. Sie rieb sich die Stirn. »Sie behaupten also, diese NRATypen hätten einfach angenom men ...?« »Sie waren bewaffnet. Ich konnte ihnen nicht einfach sagen, dass das Ganze ein Irrtum war. Und dann haben sie mich in dieses Flug zeug gesteckt, bevor ich Gelegenheit hatte, mich abzusetzen.« Er sah erst Jennifer an, dann Calvin. »Sie müssen mir glauben.« »So einen Schwachsinn habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört«, antwortete sie. »Sie haben doch gesagt, die NRA hätte sie angeheuert, weil Sie so ein guter Schütze sind«, sagte Calvin. »Einfach nur ein guter Schütze? Nicht vielleicht ein Heckenschütze? Wen sollten Sie umbringen?« »Ist doch klar -- Pearson Police«, sagte Jennifer. »Nein!«, protestierte Billy. »Das waren die anderen NRATypen! Diese haben mich mit jemandem verwechselt -- mit einem Bill!« »Und wo steckt dann der echte Bill?«, fragte Calvin. »Woher soll ich das wissen?« »Und Sie haben nie gehört, dass ein John Nike erwähnt wurde?« »Zum letzten Mal: Nein, verdammt, ich hab den Namen noch nie gehört! Man hat mich in ein Flugzeug gesteckt und hierher verfrach tet, und dann tauchen da auf einmal Autos mit Maschinengewehren auf der Motorhaube auf und schießen alles kurz und klein ...« »Ruhe jetzt!«, unterbrach ihn Jennifer. »Calvin?« Er rückte seinen Stuhl heran. Billy vergrub sein Gesicht in den Händen. »Kann ich vielleicht ne Zigarette haben? Ich ...« »Halt die Klappe.« Jennifer beugte sich zu Calvin hinüber und fragte ihn leise: »Was ist mit dem NRATypen, den Taylor erledigt hat?« »Der hieß nicht Bill.« »Vielleicht eins von den Opfern?« »Es gibt keine toten Bills.« »Dann erzählt uns der Kerl hier nichts als Scheiße. Der versucht, was zu vertuschen.« Calvin zuckte die Schultern. »Vielleicht hat der echte Bill sich ab gesetzt, nachdem er eine Agentin umgelegt hatte.« »Oder vielleicht ist dieser Kerl hier der echte Bill, und er hat Taylor auf dem Gewissen.« Beide sahen ihn an. »Ich könnte jetzt echt ne Zigarette brauchen«, sagte Billy. »Echt.« »Weißt du, was die Polizei mit einem wie dir macht?«, fragte Jenni fer. »Hast du überhaupt eine Ahnung? Du solltest wissen, dass die eigene Gefängnisse haben.« »Hey, hey ...« Es klopfte an der Tür. Jennifer wandte sich um. Es war Ihre Chefin Elise Government. »Hi, Elise«, sagte Jennifer. »Kann ich Sie kurz sprechen?« »Sicher.« Jennifer zog die Tür hinter sich zu. »Raten Sie mal, was ich gerade bekommen habe«, sagte Elise. »Ein psychologisches Gutachten.« Jennifer hatte es eigentlich kommen sehen. »Na ja, wissen Sie, Elise, ich hab mir mit diesem Seelenklempner ein paar Scherze erlaubt. Ich konnte ja nicht wissen, dass er das gleich so ernst nimmt. Unter uns -- der Kerl könnte mal ein paar Tage Urlaub gebrauchen.« »Sie nehmen jetzt Urlaub«, sagte Elise. »Und zwar sofort. Gehen Sie nach Hause.« »Nein, nein, warten Sie doch, Elise! Ich stehe gerade vor einem entscheidenden Durchbruch. Ich habe einen Mörder auf frischer Tat ertappt. Wir können ihn über John Nike ausquetschen ...« »Von wegen Durchbruch! Das Labor hat die Waffe Ihres Verdäch tigen bereits überprüft. Daraus wurde kein Schuss abgegeben.« Jennifer blinzelte ungläubig. »Kein einziger?« »Und jetzt hören Sie mir gut zu. Sie brauchen mal eine Pause. Die ser Fall wird auch ohne Sie gelöst werden. Sie sind nicht meine ein zige Agentin.« Jennifer zögerte. »Geben Sie mir den Haftbefehl für John Nike, dann gehe ich nach Hause.« »Nein.« »Elise! John hat heute einen der wenigen Zeugen umgebracht, die ihn mit den NikeTownMorden in Verbindung bringen könnten. Wenn wir ihn nicht einbuchten, ist Hack als Nächster dran. John räumt auf!« »Ich kann Ihnen nicht aufgrund einer einzigen Zeugenaussage einen Haftbefehl ausstellen.« »Ich ... ich bin kurz davor, Ihnen weitere Beweise beizubringen«, behauptete Jennifer. »Etwas Hieb und Stichfestes?« »Ja.« Sie biss sich auf die Zunge. »Bald?« »Ja.« »Sie würden mich doch nicht belügen, Jennifer?« »Elise!« Elise musterte sie. »Also gut, ich mache Ihnen ein Angebot: Ich unterschreibe den Haftbefehl unter der Bedingung, dass jemand anderes ihn vollstreckt. Sie gehen nach Hause, setzen sich vor den Fernseher und rufen hier nicht alle fünf Minuten an. Wir kümmern uns schon um John Nike. In Ordnung?« »Okay«, stimmte Jennifer zu. Bestimmt würde es eine Möglichkeit geben, sich bei Johns Verhaftung einzuklinken, ohne dass Elise da von erfuhr. »Abgemacht.« »Und lassen Sie sich einen anständigen Haarschnitt verpassen«, sagte Elise. »Womit haben die Sie bearbeitet -- mit der Heckensche re?« »Ha, ha.« Jennifer ging wieder hinein. Calvin hatte dem NRA Typen eine Zigarette gegeben. Sie setzte sich und musterte ihn eine Weile lang. »Was ist?«, fragte Billy. »Sie haben Ihr Gewehr nicht benutzt. Es ist nicht ein einziger Schuss daraus abgegeben worden.« »Genau das versuche ich Ihnen ja gerade begreiflich zu machen«, sagte er. »Das sag ich doch die ganze Zeit!« Jennifer blieb bis nach Feierabend im Büro und heckte einen Plan aus. Als sie ging, wusste sie genau, was sie mit Billy NRA anfangen würde. Am Ende konnte er sich doch noch als nützlich erweisen. Allerdings würde sie dafür am nächsten Tag noch einmal zur Arbeit gehen müssen, aber das war schon okay. Elises Anweisung, nach Hause zu gehen, war wohl ohnehin eher eine Empfehlung als ein Befehl gewesen. Als sie zu Hause ankam, saß Kate am Kaffeetisch und kritzelte auf einem Zeichenblock herum. »Hallo«, begrüßte Jennifer sie. »Hi, Mom! Wie war dein Tag?« »Prima! Ich habe einen Bösewicht erwischt.« »Klasse!« »Ja, endlich mal was Positives, das tut gut«, sagte sie. »Und wie liefs bei dir?« »Alles bestens.« Kate kramte in ihrer Schultasche und brachte ei nen grauen Hefter zum Vorschein. »Was ist das denn für eine Behördenakte?«, fragte Jennifer. Sie nahm den Hefter und schlug ihn auf. Auf der ersten Seite stand: PINGUINE! und in der Ecke, von Kates Lehrerin geschrieben: Eine hervorragende Arbeit, Kate! Man sieht, dass du viel Zeit und Mühe hin eingesteckt hast. 10/10. »Kate! Das ist ja fantastisch!« »Mhm.« »Wow! Komm mal her!« Sie kniete nieder und breitete die Arme aus. Kate warf sich hinein. Jennifer gab ihr einen Kuss. »Du bist wirklich schlau.« »Als Nächstes schreib ich eine Arbeit über Dalmatiner. Das ist eine Hunderasse.« »Davon hab ich schon mal gehört«, sagte Jennifer. »Was ist das nur mit dir und den Tieren?« »Ich mag sie einfach, Mommy. Wenn ich erwachsen bin, will ich Tierärztin werden.« »Ich weiß«, sagte Jennifer. »Ich hab dich lieb. Du wirst die beste Tierärztin der Welt.« Kate drückte sie an sich. »Weißt du -- eigent lich ist es ein Jammer, dass ...« »Was denn?« »Na ja -- wenn du so eine weltberühmte Tierärztin wirst, dann ist es doch eine Schande, dass du nichts zum Üben hast.« Kate machte sich von ihr los. »Was meinst du damit?« »Ich muss meine AntiHaustierPolitik wohl noch mal überden ken«, sagte Jennifer. »In Anbetracht dieser tollen PinguinArbeit ...« »Mom! Im Ernst?« »Wie wars mit einem Hund? Wir könnten einen aus dem Tierheim retten.« »Ja! Ja! Können wir dieses Wochenende hingehen?« »Abgemacht -- dieses Wochenende.« Kate quietschte vor Begeisterung und schlang Jennifer die Arme um den Hals. »Ich hab dich lieb, ich hab dich so lieb!« »Ich hab dich auch lieb«, sagte Jennifer und drückte sie ganz fest an sich. 29. Christliche Nächstenliebe Der Mann in Bett 18C klingelte schon wieder nach ihr. Allmählich war Georgia mit ihrer Geduld am Ende. Sie ignorierte den Klingel ton, so gut sie konnte, während sie einem jungen Mädchen beistand, das sich in einen Eimer übergab. Das Mädchen spuckte und stöhnte. Georgia strich ihr über das Haar. »Shhhhh.« »Ich glaub, ich halt das nicht ...« Sie krümmte sich wieder und er brach einen Strom gelber Galle in den Eimer. »Ich will hier raus!« »Nein, das willst du nicht«, sagte Georgia. »Es gibt schließlich eine Warteliste für dein Bett.« »Das ist alles so furchtbar ...« »Ich hol dir eine frische Decke.« Georgia zog den Vorhang rings um das Bett des Mädchens zu -- keine großartige Privatsphäre, aber immerhin besser als im vorigen Jahr, als sie noch nicht einmal Vor hänge gehabt hatten --, und ging in Zimmer 18. »So, Sie sind also wach.« »Wo zum Teufel bin ich hier?« »Im Gemeindekrankenhaus der Church of Latter Day Saints, Kings Cross.« »Was?!« »Das ist ein Krankenhaus in Sydney. Wissen Sie, welches Jahr wir haben?« »Natürlich weiß ich das ...« Er fingerte an den Schläuchen, die aus ihm herauskamen. »Was soll der ganze Mist hier?« »Man fand Sie bewusstlos auf der Straße, mit Schussverletzungen. Da Sie keine Papiere bei sich trugen, haben wir Sie aufgenommen. Unsere Chirurgen haben Sie vor zwei Tagen operiert, und ...« »Ihre Chirurgen?« »Sir, beruhigen Sie sich bitte.« »Den Teufel werd ich tun! Ich bin versichert, ich habs nicht nötig, dass irgendein beschissener Kirchendoktor an mir rumschnippelt!« »Die Verwaltung wird sich freuen zu hören, dass Sie versichert sind«, sagte Georgia geduldig. Sie tat diese Arbeit seit nunmehr fast drei Jahren. »Dann können wir Ihrer Versicherung ja die Kosten dafür in Rechnung stellen, dass wir Ihnen das Leben gerettet ha ben.« Der Mann versuchte sich aufzurappeln. »Ich gehe!« Sein Gesicht wurde weiß. »Sie gehen nirgendwo hin. Sie sind noch nicht kräftig genug um aufzustehen. Bleiben Sie liegen, ich werde den Ärzten Bescheid sa gen, dass Sie wach sind.« »Nein! Warten Sie. Wenn ich Ihnen meinen Namen sage, benach richtigen Sie dann meinen Arbeitgeber für mich?« »Wenn Ihre Krankenversicherung über Ihren Arbeitgeber läuft, ja.« »Und meine Angaben werden doch vertraulich behandelt, nicht wahr?« »Sicher«, sagte sie. Sie hatte keine Lust auf Diskussionen. Die Wahrheit war, dass sein Briefkasten in Zukunft von Kirchenwer bung überquellen würde. »Gut. Okay. Also, ich heiße Bill NRA. Und jetzt sagen Sie denen, sie sollen mich aus diesem elenden Loch rausholen.« 30. Aufstieg Die Wände des Krankenhauses waren hellblau, was John gefiel. Der einzige Grund dafür, dass Krankenhäuser normalerweise weiße Wände hatten, war der, dass die Leute Weiß mit Sauberkeit assozi ierten. Im Endeffekt war das nichts weiter als Marketing, und an Marketingleute war Marketing nun mal verloren. Wenn es nach John gegangen wäre, hätte das Krankenhaus schwarz gestrichen gehört. Die Tür zu 412 stand offen. Es war ein hübsches Zimmer mit Aus blick auf die Skyline der Stadt. Er setzte sich auf einen Stuhl am Bett und sah nach, ob John wach war. Bei all den Verbänden war das gar nicht so leicht festzustellen. Diese Violet hatte wirklich ganze Arbeit geleistet -- die Ärzte konn ten immer noch nicht mit Sicherheit sagen, ob ein Hirnschaden zu rückbleiben würde. John persönlich hielt die Sache mit dem Gesicht für das größere Problem. Er hoffte, dass die Schwellungen von selbst wieder verschwinden würden. Ein Mann, der so aussah, war im Marketing nicht zu gebrauchen. Die Mercurys waren weggegangen wie warme Semmel, aber für John hatte die ganze Kampagne einen bitteren Beigeschmack hinter lassen. Schuld daran war bloß dieser Hack, der nicht gewillt war, brav den Sündenbock zu spielen. Jetzt waren er und seine psychoti sche Freundin verschwunden, und John zweifelte nicht daran, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Jennifer Government auf der Mat te stände. Sie hatte schon vor der Kampagne herumgeschnüffelt und kürzlich beinahe das NRATeam abgefangen, als es diesen Polizeiof ficer aus dem Weg räumen sollte. John steckte in Schwierigkeiten. Er beschloss, John einen Zettel zu schreiben -- Siehst blendend aus! Die Kollegen bei Nike vermissen dich gewaltig --, als sein Handy klin gelte. Er zog es aus der Jackentasche und trat ans Fenster für den Fall, dass die Signale Johns Geräte störten. John hatte wahrhaftig schon genug Probleme. »Ja?« »John Nike«, sagte eine Stimme. »Wie kommen Sie eigentlich dazu, sich einzubilden, Sie könnten von Australien aus eine solche Kam pagne aufziehen?« »Wer spricht da?« »Gregory Nike,VicePresident Global Sales.« John erstarrte. Er warf einen Blick auf das Display seines Handys für den Fall, dass sich jemand einen Scherz erlaubte. Nach der Nummer zu urteilen war das nicht der Fall. »Sir! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für eine Freude es für mich ist, mit Ihnen zu spre chen.« »Dachten Sie vielleicht, Sie verteilen da Baseballkappen? Ich hoffe für Sie, dass Sie eine verdammt gute Erklärung dafür haben, das Unternehmen derart in die Schlagzeilen zu bringen.« Im Bett stöhnte und brabbelte der andere John etwas vor sich hin. »Nun, Sir, ich möchte meinem Bericht ja nicht vorgreifen, aber ich denke, die Umsatzzahlen sprechen für sich. Wir haben in drei Tagen 400 000 Paar verkauft. In Dollar umgerechnet heißt das ...« »Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, und Sie halten die Klappe und hören zu. Ist das klar?« »Ja, Sir.« »Ihre Umsatzzahlen interessieren mich keinen feuchten Dreck. Wir haben strategische Schritte eingeleitet, gegen die Ihre 400000 Paar ein trockener Furz ist. Und es kotzt mich an, John, wenn unsere Pla nungen dadurch gefährdet werden, dass ein blöder Vollidiot wie Sie glaubt, er könne die weltweite Unternehmenspolitik an sich reißen.« »Die Art und Weise war ziemlich radikal, das gebe ich zu«, sagte John. »Und vielleicht hätte ich Rücksprache ...« »Ich gehe davon aus, dass sich selbst die australische Niederlas sung darüber im Klaren ist, was das USAllianceProgramm für uns bedeutet. Und trotzdem gehen Sie hin und beziehen ein Team AdvantageUnternehmen in eine ... eine solch riskante Kampagne ein.« John begriff schlagartig, worauf Gregory eigentlich hinauswollte. »Die Polizei -- also, das entzog sich meiner Kontrolle, Sir. Es ...«Er biss sich auf die Zunge. Was tat er da? »Aber ich will mich gar nicht rausreden. Ich habe einen Fehler gemacht. Es wird Sie jedoch freuen zu hören, dass ich in dieser Angelegenheit Maßnahmen eingeleitet habe. Um die Zwischeninstanz außerhalb von USAlliance kümmert man sich bereits.« »Wie?« »Diese Frage beantworte ich besser nicht über eine ungesicherte Telefonleitung.« Heftige Atemgeräusche, ausgehend von Portland, Oregon. Via Satellit nach Melbourne, Australische Territorien, übermittelt, durch AT&T wieder in Schallwellen umgewandelt und an Johns linkes Ohr weitergeleitet. »Wenn Sie uns da in die Scheiße geritten haben, John, dann sind Sie Ihren Job los. Das ist Ihnen hoffentlich klar.« »Sir, vielleicht sollten wir uns diesbezüglich einmal unter vier Au gen treffen. Dann können wir über die Maßnahmen sprechen, die ich eingeleitet habe, und Sie können mich ausführlicher über die Situation bezüglich USAlliance ins Bild setzen. Ich denke, ich habe bewiesen, dass ich in der Lage bin, neue Wege zu beschreiten und flexibel und entschlossen zu handeln. Auf einer höheren Führungs ebene könnten Ihnen meine Fähigkeiten womöglich noch besser nutzen.« »Herrgott, Sie haben vielleicht Nerven!«, sagte Gregory. John wartete. »Setzen Sie sich ins Flugzeug. Ich bin morgen in L. A. Wir treffen uns dort.« »Ja, Sir!« Gregory legte auf. John stand am Fenster und genoss das Hochge fühl seines Erfolgs. Was für ein Telefonat! So viel zum Thema »Ent schlossen handeln«! Er hob seine Aktentasche auf und wählte die Nummer seiner Se kretärin. Im Gehen warf er noch einen Blick auf John. Nun hatte er die Nachricht doch nicht geschrieben. »Tut mir Leid, Kumpel«, sagte er und rückte seine Krawatte gera de. »Aber es werden gerade strategische Schritte eingeleitet.« Er schloss die Tür hinter sich. 31. Abstieg Buy war eine Leiche. Er saß an seinem Arbeitsplatz in dem Groß raumbüro bei Mitsui und verpestete den ganzen Raum. Die Kolle gen machten einen Bogen um ihn, als wäre er ansteckend. Er war ein Toter in Schlips und Kragen. Am Dienstag sagte Cameron: »Buy -- es reicht.« Buy blickte auf. Ihm war schon seit einiger Zeit klar, dass man ihn feuern würde. Jetzt war er irgendwie enttäuscht. Er hatte es sich dramatischer vorgestellt. »In mein Büro«, befahl Cameron. Buy folgte ihm in das Aquarium. Cameron wartete, bis sie beide Platz genommen hatten, und schwieg auch dann noch eine Weile lang. Buy wartete geduldig. »Ich habe Ihnen vorgeschlagen, sich eine Auszeit zu nehmen -- das wissen Sie doch noch?« »Ja.« Seine Stimme versagte. Er gebrauchte sie in letzter Zeit nicht viel. »Ich wiederhole mein Angebot. Ich möchte, dass Sie es sich dies mal gründlich überlegen. Es könnte Ihre Rettung sein.« Buy hätte am liebsten losgelacht. Eine komische Vorstellung, dass eine Woche vor dem Fernseher ihn wieder zu einem glücklichen Menschen machen sollte! »Nein. Danke.« Cameron seufzte. »Wollen Sie vielleicht, dass ich Sie rauswerfe? Ist es das? Also wissen Sie, so großartig sieht Ihre Abfindung auch nicht aus.« »Ich weiß.« »Also gut. Ich gebe Ihnen eine letzte Chance. Eine Versetzung.« »Wie?« »Als Broker sind Sie am Ende. Aber es gibt noch einen Rettungs anker, wenn Sie wollen. Mitsuis Verbindungsmann bei USAlliance braucht einen Assistenten in Australien. Das könnten Sie werden.« »Mitsuis was?« »Mitsui ist in das KundenTreueprogramm von USAlliance einge bunden. Wir haben einen Verbindungsmann, der dort unsere Inter essen vertritt. Sie könnten sein Assistent werden.« »Aha«, sagte Buy. »Okay.« »Das ist gar nicht so ein schlechter Job«, sagte Cameron. »Wer weiß -- vielleicht ist das sogar ein echter Wachstumsbereich.« »Danke.« Buy gab sich Mühe, Dankbarkeit zu empfinden, aber er fühlte nichts als Müdigkeit. Er streckte die Hand aus. Cameron zögerte einen Moment lang, dann schüttelte er sie. »Sie sind dann in einem neuen Büro, auf der achten Etage. Die Beschaf fungsstelle wird Sie mit allem Nötigen versorgen. Sie sollten Ihren hiesigen Arbeitsplatz räumen.« »Wann?« »Am besten gleich -- so etwas soll man nicht auf die lange Bank schieben.« »In Ordnung«, sagte Buy. Wahrscheinlich wollten sie den Gestank loswerden. Auf der achten Etage ließ er sich sein neues Büro zeigen. Es war klein, hatte aber ein großes Fenster mit Ausblick über die Stadt. Er wusste nicht recht, ob das gut war. Er hatte in letzter Zeit viel über die Stadt nachgedacht. Darüber, wie sie einen auffressen konnte. Er fuhr mit dem Aufzug zurück zur BrokerEtage und machte sich daran, seine persönlichen Habseligkeiten einzusammeln: einen Kaf feebecher, ein Foto von einem Hund, der ihm mal gehört hatte, und ein paar Stifte. Das war es auch schon. »He, ich hab von deinem neuen Job gehört«, sagte Lisa. Buy sah auf. Sie lächelte, aber ihre Augen blickten scharf und wachsam, als ob sie insgeheim damit rechnete, dass er sie anfallen würde. »Klingt, als wäre es genau das Richtige für dich, Buy. Herzlichen Glück wunsch.« »Danke.« Ihr Blick wurde weicher. »Wir sind alle auf deiner Seite, Buy. Ver giss das nicht.« »Vielen Dank, Lisa«, sagte er. Inzwischen stand für ihn ziemlich fest, dass er sich umbringen würde. 32. Spionage Der Mann in der Zelle war Jesus Christus --jedenfalls erzählte er das Billy pausenlos. Das war schon von Anfang an nicht besonders witzig gewesen und im Laufe der folgenden drei Stunden wurde es noch schlimmer. Billy hockte mit angezogenen Knien auf der Prit sche in einer Ecke der Zelle. »Flamme der Gerechtigkeit!«, rief Jesus. »Verdammnis über euch alle, ihr Schwanzlutscher!« Billy schloss die Augen. Er überlegte, ob er wohl auf Notwehr plä dieren könnte, wenn er Jesus Kopf an der Zellenwand zerschmetter te. Draußen klapperten Schlüssel. Billy richtete sich hastig auf. Die Tür öffnete sich. Es war die Frau von vorhin Jennifer. Sie war allein. »Hi«, sagte sie. »Zeit zum Nachdenken gehabt?« »Ich bin das Lamm Gottes!«, sagte Jesus. »Das Lamm, das Lamm!« »Billy, haben Sie über mein Angebot nachgedacht?« »Sie können mich hier nicht festhalten.« Billy gab sich Mühe, ruhig zu sprechen, aber er fühlte, wie seine Hände zitterten. Er brauchte dringend eine Zigarette. »Ich bin USBürger. Neuseeland kann mich nicht einsperren, nur weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ich will mit jemandem von der amerikanischen Regierung oder von der NRA sprechen.« Jennifer starrte ihn an. »Was ist?« »Sie befinden sich hier in den Australischen Territorien, Billy, nicht in Neuseeland. Wissen Sie etwa nicht mal, in welchem Land Sie sich befinden?« »Ich ... die haben mich mit dem Flugzeug ... -- also, dann eben Australien.« »Und ich bin die amerikanische Regierung! Dies ist ein USALand. Wenn Ihnen nichts Besseres einfällt, lasse ich Sie über Nacht hier.« »Ähm ...« »Ich komme dann später wieder.« »Stopp! Moment! Also gut, reden wir darüber!« »Genug geredet. Ich habe Ihnen ein Geschäft vorgeschlagen, und Sie sagen jetzt ja oder nein.« »Wichser!«, schrie Jesus. »Diese beschissenen hmmmmmmmm ...« »Ruhe!«, befahl Jennifer. »Also gut.« Billy fühlte sämtliche Hoffnung schwinden. »Holen Sie mich hier raus.« Sie hielt die Tür auf. Als er aus der Zelle trat, hatte er das Gefühl, tiefer und tiefer zu sinken. »Ich bin froh, dass Sie die richtige Entscheidung getroffen haben, Billy«, sagte sie. »Wir werden bestimmt gut zusammenarbeiten.« »Das hier trägst du ständig bei dir«, erklärte Jennifer, die plötzlich in einem merklich anderen Tonfall sprach. »Lass es nicht herumlie gen, und sorg dafür, dass es niemand anderes in die Finger be kommt.« »Eine Schachtel Zigaretten?« »Da ist eine Wanze drin. Und wenn du an die kleine Buchse da unten Ohrhörer anschließt, kannst du mich auch hören. Wenn das Ding vibriert, heißt das, dass ich mit dir reden will. Rauchst du Marlboro?« »Klar.« »Diese hier rauchst du besser nicht.« Er starrte auf die Zigaretten. »Ist da was drin?« »Nein, das sind ganz normale Zigaretten. Aber wenn du sie auf rauchst, hast du keinen Grund mehr, die Schachtel mit dir rumzu tragen. Und ich wäre nicht begeistert, wenn das Ding irgendwo im Müll landet.« »In Ordnung«, sagte er und leckte sich die Lippen. Er überlegte, ob er sich wohl gleich mal eine davon genehmigen konnte. Jennifer musterte ihn skeptisch. »Vielleicht bist du für so was doch nicht geeignet.« »Doch, bin ich, keine Sorge. Es ist nur ...« Billy griff nach der Schachtel. Jennifer warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Du bist wohl ein echter NikotinJunkie, was?« »Ich halt mich ja schon zurück.« Er steckte sich mit zitternden Händen eine an. Der erste Zug glich einer Erlösung. »Gehts jetzt besser?« »Oooh ...« Mit einer Kippe sah alles schon viel rosiger aus. Selbst Jennifer Government war auf ihre Weise plötzlich irgendwie attrak tiv. »So, und jetzt wollen wir eins klarstellen. Du gehst da rein, be sorgst mir ein paar OTöne von Leuten, die über John Nike und NRAJobs reden, kommst wieder raus und bist aus dem Schneider. Aber wenn du dieses Gerät wegschmeißt und zurück nach Missis sippi flüchtest, oder wo auch immer du herkommst, dann kriegst du es mit mir zu tun. Ich bin die Regierung, Billy. Du kannst mir nicht entkommen. Kapiert?« »Ja.« Jennifer schwieg für einen Moment, während Billy an seiner Ziga rette zog. »Er hat 14 Kinder umgebracht. Durchdacht, geplant, umgesetzt. Das lasse ich nicht durchgehen. Hast du das verstanden?« »Ja.« Sie nickte. »Dein Flieger nach Invercargrill, Neuseeland, geht in zwei Stunden. Vermassel es nicht.« »Sie können sich auf mich verlassen.« Billys ganzer Körper zuckte nervös. In diesem Augenblick glaubte er wirklich, was er sagte. 33. Illusionen So sehr sie sich auch beeilte -- sie fingen sie trotzdem noch vor dem Büro ab. »Jennifer!« Sie sah sich um. Elise und Calvin standen am Wasserspender. »Oh, hallo, Elise.« »Würden Sie mir bitte erklären, was Sie in diesem Gebäude zu suchen haben?« »Ich wollte nur ein paar Sachen holen ...« »Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass man Ihren Kopf wieder zusammengeflickt hat. Und jetzt verschwinden Sie aus meiner Ab teilung!« »Ach, wissen Sie, ich habe mich schon bestens erholt«, behauptete Jennifer. »Außerdem war ich kürzlich noch mal bei diesem Seelen klempner, und der sagte, ich hätte echte Fortschritte gemacht -- ich hätte angefangen, die negative Erfahrung zu verarbeiten und mei nen Anteil daran anzunehmen.« Elise warf Calvin einen Blick zu. »War sie wirklich noch mal da?« »Ah ...«, machte Calvin. »Raus hier«, befahl Elise. »Und damit das klar ist -- kommen Sie nicht auf die Idee anzurufen.« »Es rührt mich, dass Sie so um mich besorgt sind, aber ...« »Habe ich Sie um Ihre Meinung gefragt?« Jennifer unterdrückte einen Seufzer. »Nein.« »Also ab nach Hause.« »Schon gut.« Sie wandte sich um. »Was wollen Sie denn jetzt noch im Büro?« »Meine Jacke holen!«, rief sie. »Ist das genehmigt?« »Ich fahr dich nach Hause«, sagte Calvin. »Also«, begann sie, als sie im Auto saßen. »Jetzt, wo wir den Haft befehl haben ...« »Frag erst gar nicht.« »Was denn?« »Du kommst nicht mit, Jen.« »Davon rede ich doch nicht«, entgegnete sie beleidigt. »Daran habe ich nicht mal gedacht.« »Na dann«, sagte Calvin. »Umso besser.« Sie schwiegen. »Wie viele Leute nimmst du mit?« »Kommt drauf an, wer verfügbar ist.« »Sagst du mir hinterher Bescheid, wie es gelaufen ist?« Calvin hielt an einer Ampel und wandte sich ihr zu. »Ich halte dich auf dem Laufenden, okay?« »Gut. Danke dir.« »Hör mal, so eine Pause tut dir vielleicht wirklich ganz gut. Gönn dir mal ein bisschen Zeit, um Abstand zu gewinnen, das Ganze ge lassener zu sehen und wieder eine Perspektive zu entwickeln. Un ternimm mal was mit Kate.« »Ich habe eine Perspektive, verdammt noch mal«, sagte Jennifer. »Ich habe massenhaft Perspektiven. Gerade deshalb will ich nicht zu Hause rumsitzen, solange John Nike noch auf freiem Fuß ist. Ich will ihn im Knast sehen. Wenn Kate in die Stadt geht, will ich mir keine Sorgen machen müssen, dass sie in irgendeinem Geschäft ab geknallt werden könnte! Das ist meine Perspektive.« »Schon gut, schon gut«, lenkte Calvin ein. »Ich habs begriffen.« »Wenn du ihn entkommen lässt, werd ich wirklich stinkig.« »Jen, ich bin ein kompetentes menschliches Wesen.« »Weiß ich ja. Entschuldige.« Sie rieb sich das Gesicht. Sie fühlte sich ausgelaugt. »Fahr nicht über die Church Street.« Kate wartete am Schultor auf den Bus. »Mommy!« »Hallo, du«, begrüßte Jennifer sie. »Was hast du denn da im Ge sicht?« »Einen Sticker. Guck mal, da ist ein Stern drauf.« »Hey, klasse.« »Warum bist du denn schon so früh da?« »Ich habe Urlaub.« »Echt, das ist ja super!« »Ich dachte, wir könnten vielleicht in den Park gehen, ein bisschen Ball spielen. Hast du Lust?« »Und gehen wir danach ins Tierheim?« »Für heute ist es schon ein bisschen spät, mein Schatz. Komm mit, Calvin fährt uns nach Hause.« Sie nahm Kate bei der Hand. »Der Hund von Alex wälzt sich immer auf dem Rücken, wenn jemand kommt«, erzählte Kate. »Ganz schön verrückt.« »Wir bekommen einen viel cooleren Hund«, sagte Jennifer. »Gehen wir morgen zum Tierheim?« »Morgen oder am Wochenende«, versprach Jennifer. Die Zugangs codes zu Billys Wanze steckten in ihrer Tasche. »Ich habe vorher noch ein paar wichtige Sachen zu erledigen, Schatz.« 34. Wettbewerb John Nike las einen Roman mit dem Titel Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute. Es handelte sich um eine Neuauflage. In der Fast Company hatte er eine Rezension gelesen, in der das Buch als »visio när und höchst amüsant« bezeichnet wurde, was John nicht recht nachvollziehen konnte. Diese alten ScienceFictionSchinken waren doch alle gleich: Die Leute hatten sich vorgestellt, dass die Welt der Zukunft von irgendeiner knallharten, skrupellosen Regierung be herrscht würde. In den 50erJahren mochte so etwas ja noch plausi bel gewesen sein -- damals hatte man tatsächlich befürchtet, dass die Kommunisten sich die Weltherrschaft unter den Nagel reißen würden. Aber heutzutage galt das ganz bestimmt nicht mehr. In Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute beherrschten zwei Werbeagenturen die Welt, was der Wahrheit schon recht nahe kam. Aber an wie viele Gesetze die sich noch halten mussten! John fragte sich: Wenn diese Typen alles Geld der Welt hatten -- wer sollte sie dann noch hindern, zu tun, was immer sie wollten? »Wir beginnen gleich mit dem Landeanflug, Sir«, verkündete eine Flugbegleiterin. John warf einen Blick auf ihre Oberweite. »Kann ich noch etwas für Sie tun?« Mir einen runterholen, dachte John, beließ es aber beim Denken. Schließlich saß er nicht in einem AmericanAirlinesFlieger, sondern in einem von United. »Nein.« Er wollte das Buch gerade in seiner Aktentasche packen, steckte es dann aber in die Rückenlehne vor ihm. Allmählich wurde ihm die unterschwellige Kritik an der freien Marktwirtschaft zu viel -- Iro nie irritierte ihn. Ironie hatte im Marketing nichts zu suchen. Sie brachte die Menschen auf die Idee, nach einem tieferen Sinn zu fra gen, und der hatte im Marketing erst recht nichts zu suchen. Keine zehn Minuten nach der Landung saß John im Taxi. Er war schon ein paar Mal in die Staaten gereist, bevor die letzten Barrieren gegen den freien Handel gefallen waren. Damals musste man sich noch mit Einfuhrbestimmungen und Steuern herumschlagen, Geld umtauschen und sich über den Inhalt seines Koffers ausfragen las sen -- einfach lächerlich. Und wenn man das alles endlich hinter sich gebracht hatte, fand man sich plötzlich in einer völlig fremden Kultur wieder, in der man nicht mal mehr wusste, wie man sich ordentlich ein Bier bestellte. Jetzt war alles viel einfacher. Das Einzi ge, woran man merkte, dass man sich in Los Angeles befand und nicht in Sydney, war die elend schlechte Luft. Die NikeNiederlassung in L. A. bestand aus einer einzigen Etage in einem unscheinbaren Gebäude am Santa Monica Boulevard. Los Angeles war für Nike keine große Nummer -- Nike war in Portland, Oregon, geboren und nie wirklich von zu Hause weggegangen. John fragte sich, warum Gregory ihn ausgerechnet hier treffen wollte. Er bezahlte das Taxi und betrat schwungvoll das Gebäude. Die Empfangsdame schickte ihn zur achten Etage hoch, wo eine Frau ihm mitteilte, Gregory werde in ein paar Minuten für ihn da sein. Das war ein gutes Zeichen -- »in ein paar Minuten« bedeutete, dass Gregory tatsächlich die Absicht hatte, ihn zu empfangen. John hatte sich schon auf die Nachricht gefasst gemacht, sein Gesprächspartner habe »unerwartet andere Termine wahrnehmen müssen«. Jetzt ärgerte er sich darüber, dass er diesen Roman im Flieger ge lassen hatte. Es hätte einen guten Eindruck gemacht, wenn man ihn mit dieser Lektüre gesehen hätte -- eng am Thema, aber linksgerich tet, ein Zeichen von Initiative und kreativen Problemlösungsansät zen. Stattdessen blätterte John in den ausliegenden Zeitschriften herum, fand aber nichts Vernünftigeres als die Sportillustrierte. Er seufzte. 20 Minuten später trat Gregory durch eine Seitentür ein. »John,VP Guerilla Marketing, Australische Territorien?« John erhob sich. »Gregory! Es ist mir ein Vergnügen ...« »Entschuldigen Sie meine Verspätung.« »Aber Sie sind keineswegs zu spät«, log John. »Ich bin gerade erst angekommen.« Gregory warf ihm einen versteinerten Blick zu. Vielleicht war das etwas übertrieben gewesen. »Kommen Sie, hier entlang.« Gregory führte ihn durch ein kleines, schäbiges Großraumbüro, in dem offenbar niederrangige Manager arbeiteten -- womöglich sogar Merchandising Officers. Vielleicht wollte er ihn demütigen. »Sie müssen die Örtlichkeit entschuldigen«, sagte Gregory, wäh rend er ihm die Tür zu seinem Büro aufhielt. »Ich bin nur wegen eines Treffens mit USAlliance hier.« John setzte sich. Kaffee schien es nicht zu geben. »USAlliance ist in L. A. ansässig?« »Richtig.« Gregory ließ sich hinter dem Schreibtisch nieder und beugte sich vor. Es handelte sich um einen billigen Schreibtisch, aber John fand, dass Gregory den Eindruck wettmachte: Er brauchte kei ne großartige Kulisse, um imposant zu wirken. »Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase, weshalb Ihre Mätzchen gerade jetzt auf wenig Gegenliebe stoßen.« John fragte sich, ob dies ein günstiger Zeitpunkt wäre, seinen Be richt über die Umsatzsteigerung vorzulegen. »Ich möchte mich nochmals entschuldigen, Sir. Ich brenne darauf, Näheres darüber zu erfahren, welche Vision Nike verfolgt.« Gregory faltete die Hände. »Was ich Ihnen jetzt erzählen werde, ist streng vertraulich. Es fällt unter die Klausel >Geschäftsgeheimnisse< in Ihrem Arbeitsvertrag.« »Verstehe.« »Das will ich Ihnen auch geraten haben. Bei Verstößen gegen Ge heimhaltungsverpflichtungen verstehen wir keinen Spaß.« John hatte seinerzeit selbst ein paar ExMitarbeiter fertig gemacht. »Ich verstehe vollkommen, Sir.« »Also gut. Ihnen ist bekannt, dass Nike an das Kunden Treueprogramm von USAlliance angeschlossen ist. Wie denken Sie darüber?« John überlegte. Er hielt Treueprogramme für nutzlos, insbesondere bei Imagezentrierten Konsumgüterproduzenten wie Nike. Aber das war offensichtlich nicht die Antwort, die Gregory hören wollte. »Ich glaube, dass derartige Programme von großem Wert sein können, wenn man sie geschickt nutzt.« »Treueprogramme sind für uns keinen Pfifferling wert«, erwiderte Gregory. John fluchte innerlich. Reingefallen! »Denken Sie etwa, irgendwer kauft Nike, weil er dafür Vielfliegermeilen kriegt? Ich bitte Sie!« John versuchte verzweifelt gegenzusteuern. »Sir, ich sehe das ge nauso. Preisnachlässe und BonusAktionen schwächen nur das An sehen unserer Marke. Es ist vielmehr umgekehrt: Je höher der Preis, desto mehr verkaufen wir.« »Und dennoch hält Nike den Beitritt zum USAlliance Treueprogramm für den wichtigsten strategischen Schritt, den der Konzern in den letzten 20 Jahren unternommen hat. Warum wohl?« Diesmal hielt John lieber den Mund. »Wissen Sie, womit USAlliance angefangen hat, John?« »Mit ... BonusFlugmeilen?« »Genau. Wer seine Tankfüllung mit American Express bezahlte, bekam Bonusmeilen bei American Airlines. Wer noch keine AmEx hatte, der kam dadurch natürlich ziemlich schnell auf den Trichter, sich eine zu besorgen. Und genau das war der Punkt, an dem sich die Wettbewerbslandschaft von Grund auf veränderte. Plötzlich standen sich nämlich Kreditkartenanbieter und Fluggesellschaften als Konkurrenten gegenüber.« »Genau.« »Also geht Visa hin und schließt auch einen Deal über Bonus Flugmeilen ab. Als Nächstes fragen die sich dann: >Was können wir eigentlich noch unternehmen, um unser Programm attraktiver zu gestalten?< Und ihnen wird klar ...« »Sie brauchen mehr Möglichkeiten, Punkte zu sammeln. Mehr Dienstleistungen. Mehr Unternehmen.« »Und zehn Jahre später haben wir USAlliance und Team Advan tage, und es gibt auf der ganzen Welt nicht mehr als fünf führende Unternehmen, die nicht in eins der beiden Programme eingebunden sind. Je mehr Unternehmen beitreten, desto mehr Kunden nutzen das Angebot, und das zieht wiederum mehr Unternehmen an. Ende letzten Monats hatte USAlliance 500 Millionen Kunden. T. A. hat 290 Millionen.« »500 Millionen ... das war mir nicht bewusst.« »Glauben Sie es. USAlliance nimmt nur ein Unternehmen aus je der Branche auf, aber wir haben die größten und die besten. General Motors, IBM, AT&T, Boeing ... sind alle mit an Bord.« John stutzte. »Boeing? Aber was bringt das -- die bieten doch gar nichts für Privatkunden an.« »Die Fronten stehen. Jeder AllianceKonzern ist Konkurrent jedes TeamAdvantageKonzerns. Jeder Kunde, der mit einer T.A. Fluggesellschaft fliegt, kauft auch seinen Computer von Compaq statt von IBM. Wenn Boeing nicht zu uns gehörte, würde United Airlines keine Boeings kaufen.« »Und die Polizei ...« »... gehört nicht zu uns«, sagte Gregory. »Die sind bei Team Ad vantage.« »Ich möchte übrigens betonen, dass dieses Problem inzwischen aus der Welt ist ...«, erklärte John. »Gut. Wir haben nämlich andere Sorgen. Vor einer Woche haben die USAllianceUnternehmen -- also unter anderem auch wir -- damit begonnen, Prämien für Kunden auszusetzen, die ihre Team AdvantageKarten wegwerfen. Wir zwingen die Leute, die in beiden Programmen sind, sich für eine Seite zu entscheiden.« John lehnte sich zurück. »Wirklich beeindruckend. Mir war nicht bewusst, dass Initiativen von solcher ... Tragweite ... im Gange sind.« »Wir führen Krieg«, erklärte Gregory. »Das kann man ohne Über treibung sagen. Bisher hat es erst ein paar kleinere Scharmützel ge geben, aber der Krieg hat begonnen. Und wir können niemanden gebrauchen, der mit dem Feind Geschäfte macht. Haben Sie mich verstanden?« »Absolut.« »Ich bin sehr zufrieden mit unserer Unterredung«, sagte Gregory. »Sie haben die Situation offenbar schnell erfasst.« »Sagen Sie mir nur, was ich zu tun habe«, sagte John. »Genau«, erwiderte Gregory befriedigt. »Genau das meine ich.« 35. Fügung Eine Horde CollegeStudenten war auf die Idee gekommen, vor ei nem Starbucks in der Innenstadt zu protestieren, sodass Calvin für die Aktion bei Nike keine Verstärkung bekam. Starbucks war ein wichtiger Kunde der Regierung, und wenn es dort Ärger gab, ließen die Agenten alles andere stehen und liegen. »Sie können ja warten«, schlug Elise vor. »Johan und Emma werden gegen drei wieder einsatzbereit sein ...« »Machen Sie sich keine Gedanken«, wehrte Calvin ab. Er wusste, dass Jennifer einen Tobsuchtsanfall bekäme, wenn sie das heraus fände. Calvin fuhr zu Nike und stellte seinen Wagen auf einem Be sucherparkplatz ab. Die Eingangstür glitt auf, und er betrat den kli matisierten Raum. Am Empfang begrüßte ihn eine attraktive Frau, die aussah, als ob sie in ihrer Freizeit Langstreckenlauf trainierte. »Willkommen bei Nike. Was kann ich für Sie tun?« »Ich habe einen Termin mit VicePresident John, Guerilla Marke ting.« »Ihr Name, Sir?« »Calvin McDonalds.« Er lächelte. Hausfriedensbruch verletzte das Recht auf Privateigentum und war folglich ein Verbrechen, aber Betrug war in Ordnung. Betrug zählte gewissermaßen zu den Grundrechten, so wie freie Meinungsäußerung. »Einen Augenblick, Sir.« Sie sprach leise in ein Mikrofon. »Es tut mir Leid, aber Johns Sekretärin weiß nichts von Ihrer Verabredung. Sind Sie sicher, dass Sie einen Termin haben?« »Absolut sicher. Was ist denn da bloß los, verdammt?« »Ich weiß es nicht, Sir, das werden Sie sie selbst fragen müssen.« »Das werde ich allerdings.« Er schnappte sich das Besucherbuch. »Muss ich mich hier eintragen? Und auf welcher Etage sitzt sie?« »Ah ... auf der 14.« »Wie heißt sie?« »Georgia.« Calvin nahm sich ein Besucherschildchen aus der Schachtel. Im Aufzug dröhnte Popmusik auf ihn ein. Er summte mit. Auf der 14. Etage stieß er schwungvoll eine Glastür auf und trat in ein großes, geschmackvoll eingerichtetes Empfangszimmer. Die Wände waren mit deckenhohen Bildern von Sportlern bedeckt, die Calvin aus Werbespots für Mineralwasser kannte. Eine Frau Ende zwanzig stand auf. »Calvin McDonalds?« »Wo zum Teufel ist John Nike? Ich habe einen Termin.« »VicePresident John befindet sich auf einer Geschäftsreise in Ü bersee. Er hat hier zurzeit gar keine Termine.« »Übersee!«, wiederholte Calvin. Davon würde Jennifer gar nicht begeistert sein. »Wo denn?« »Sir, ich wüsste nicht, dass Sie einen Termin mit John haben.« »Vielleicht habe ich was durcheinander gebracht. Gibt es bei Gue rilla Marketing noch einen anderen John?« »Es gibt Operative John, aber der liegt im Krankenhaus. Wenn Sie einen Termin mit ihm gehabt hätten, wären Sie benachrichtigt wor den.« »Im Krankenhaus? Hoffentlich nichts Ernstes. Was fehlt ihm denn?« »Sir, ich fürchte, ich muss Sie bitten zu gehen.« Mit Betrug erreicht man eben auch nicht alles, dachte Calvin. Er zog seine Dienstmarke hervor. »Okay, ich bin nicht wirklich von McDonalds.« Georgia schnappte nach Luft. Calvin blinzelte überrascht -- nor malerweise hatte das Stück Plastik nicht so eine Wirkung. »Sie sol len doch nicht herkommen! Sie sollen nicht ... tun Sie das weg!« Plötzlich dämmerte ihm etwas. »Oh, verdammt«, murmelte er. »Sie sind Jens Informantin.« »Ich ...« Sie erstarrte, als jemand auf dem Flur vorbeiging. Dann zischte sie: »Das ist gegen die Abmachung!« Calvin ließ seine Dienstmarke hastig verschwinden. »Ich bin Jenni fer Governments Partner. Wo ist John Nike?« »In Los Angeles. Er ist heute Morgen abgereist.« »Mist! Welches Hotel?« Sie sprach so leise, dass sie kaum noch zu verstehen war. »Ich kann hier nicht reden. Rufen Sie mich nachher von einer Telefonzelle aus an.« »Okay, mache ich.« Calvin wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. »Ach, sagen Sie, woher kennen Sie Jen nifer eigentlich?« »Ich habe bei Maher für sie gearbeitet. Bitte, gehen Sie jetzt.« »Maher?« Georgia starrte ihn an. »Die größte Werbeagentur der Welt. Sie hieß Jennifer Maher. Wussten Sie das nicht?« »Jennifer Maher ...« Der Name klang vage vertraut. »Sie war eine der Besten. Sie hat Kampagnen für Coke gemacht, für Apple, für Mattel ... Sie konnte einfach alles vermarkten. Was meinen Sie, woher sie ihre Tätowierung hat?« »Tja, das habe ich mich auch schon gefragt«, sagte er. »Wenn Sie vor acht Jahren in der amerikanischen Wirtschaft gear beitet hätten, wüssten Sie es. Die Leute reden heute noch von ihr.« »Und warum hat sie da aufgehört? Was ist passiert?« »John Nike ist passiert«, erwiderte Georgia. »Hören Sie, Sie müs sen jetzt gehen. Wenn jemand erfährt, dass Sie hier sind ...« »Was soll das heißen --John ist passiert?« »Bitte -- Sie müssen gehen«, drängte sie. »Bitte.« »Okay. Danke für Ihre Hilfe, Georgia.« »SaintsNike«, korrigierte sie. »Ich arbeite Teilzeit für die Church of Latter Day Saints.« »Als was?« »Was so anfällt.« »Werden Sie dafür bezahlt?« »Nein. Trotzdem: SaintsNike.« »Okay«, sagte Calvin. »Bis dann, Georgia SaintsNike.« 36. Umbruch Hack war fest davon überzeugt, dass Violet tot war. Es gab keine andere Erklärung. Sie war nach ihrem Geschäftstermin einfach nicht nach Hause gekommen. Irgendwelche NRASchweine mussten sie gefunden und ausgeschaltet haben. Oder John Nike hatte sie selbst aufgespürt. Wie auch immer -- Violet war verschwunden. Hack hatte einen Fehler zu viel begangen und das war ihr Ende gewesen. Er hatte immer noch den Ring. Ironie des Schicksals! Jedes Mal, wenn Hack daran dachte, kamen ihm die Tränen. Er hatte das Käst chen in seiner Nachttischschublade verwahrt, aber jetzt holte er es immer wieder heraus und drehte den Ring zwischen den Fingern. So fand Claire ihn vor: ein schluchzendes Häufchen Elend, das auf dem Bett hockte. Sie blieb zögernd im Türrahmen stehen, noch im mer in ihre SearsUniform gekleidet. »Alles in Ordnung mit dir?« Hack hielt ihr den Ring entgegen. »Sie ist weg!« »Violet?« »Ich hab sie umgebracht!« Das macht insgesamt 15, schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte in dieser Woche 15 Menschen auf dem Gewissen. Er war ein Serienmörder. »Hast du was von ihr gehört?« Er schüttelte den Kopf. Claire setzte sich zu ihm aufs Bett. »Hack ... solange wir nichts Ge naues wissen, solltest du dich nicht verrückt machen. Violet ist ... Violet denkt eben manchmal nicht an andere. Vielleicht ist sie ein fach nur im Stress.« »Nein, nein!« Er wollte nichts von Violets Fehlern hören. Violet war gutherzig und rücksichtsvoll gewesen. »Ach, komm ...« Claire legte ihre Arme um ihm und drückte ihn fest an sich. Eine Sekunde lang verlor Hack sich in dem Duft ihres Haares -- aber das lag selbstverständlich nur daran, dass Claire ihn an sie erinnerte. »Ich glaube ganz bestimmt, dass sie gesund zurück kommt. Du bist ein feiner Kerl, Hack. Du machst dir einfach zu viele Gedanken.« Er erwiderte nichts. Seine Nase stieß an ihr Namensschildchen. CLAIRE SEARS stand darauf. Sie strich ihm über das Haar. Er schloss die Augen. Dann musste er etwas weggedriftet sein, denn auf einmal sagte sie: »Ich muss jetzt gehen«, und erst dadurch be merkte er, dass einige Zeit vergangen war. Er richtete sich auf. »Tut mir Leid«, sagte Claire. »Aber wenn ich 30 Minuten zu spät zur Ar beit komme, kriege ich das vom Gehalt abgezogen.« »Ist schon in Ordnung.« »Ich würde bleiben, wenn ich könnte.« Sie zog ihren Arm weg. »Ich weiß.« »Halt die Ohren steif«, sagte sie, stupste ihn auf die Nase und ging. Er sah ihr nach. Claire war so gut zu ihm. Er konnte nicht verstehen, warum sie keinen Freund hatte. Jeder halbwegs vernünftige Mann müsste auf Claire fliegen und sie nicht mehr gehen lassen, dachte Hack. Als er den Blick senkte, bemerkte er, dass er immer noch den Ring in der Hand hielt, und schon kamen ihm wieder die Tränen. »Ach. Violet«, sagte er in den leeren Raum hinein. Niemand antwortete. Er brachte anderthalb Stunden damit zu, sich in seinem Elend zu suhlen. Dann bekam er Hunger und machte sich etwas zu Essen. Während er aß, dachte er daran, was die Leute bei Nike wohl dazu sagen würden, dass er schon den zweiten Tag nicht zur Arbeit er schien. Er erwartete eine Lieferung Plakate für ein Geschäft in Syd ney. Hack fragte sich, ob sich wohl jemand darum gekümmert hatte, dass sie zugestellt wurden. Dann fiel ihm plötzlich ein, dass ihm bei Nike eigentlich gar nichts passieren konnte. Laut seinem Arbeitsvertrag war das Unternehmen verpflichtet, seine Sicherheit am Arbeitsplatz zu gewährleisten. John würde es bestimmt nicht riskieren, dagegen zu verstoßen. Was be deutete, dass Hack John eigentlich völlig gefahrlos gegenübertreten konnte. Er konnte Gerechtigkeit fordern. Hack biss sich auf die Lip pe. Ein kühner Gedanke. Er begann sich anzuziehen. Als er bei Nike aus dem Taxi stieg, zitterten ihm die Knie. Seine Kehle war ausgetrocknet. Er beschloss, zuerst an seinen Schreibtisch zu gehen und einen Schluck Wasser zu trinken. Danach wollte er die Konfrontation mit John wagen. Sein Vorgesetzter, der Local Merchandising Manager, erwischte ihn am Wasserspender. Es war dasselbe Gerät, das seinerzeit leer gewesen war, weshalb Hack zur MarketingEtage hatte gehen müs sen. Inzwischen war es wieder aufgefüllt. »Hack! Waren Sie gestern krank?« »Ähm ... ja.« »Sie hätten anrufen und Bescheid geben müssen, Hack! Sie können nicht einfach wegbleiben. Solange Sie sich nicht krankmelden, be kommen Sie auch kein Gehalt.« »Ja, ich weiß. Tut mir Leid.« »Ich kann Ihnen für den Tag kein Krankengeld zahlen. So steht es nun mal im Vertrag. Lassen Sie sich das für das nächste Mal eine Lehre sein.« Hack setzte sich an seinen Schreibtisch. Sein Eingangskorb war voll, aber er ignorierte den Stapel. Er nippte an seinem Wasser. Dann rief er die Zentrale an und ließ sich mit Johns Sekretärin ver binden. »Georgia SaintsNike, guten Morgen.« »Morgen, Georgia.« Er holte tief Luft. »Hier spricht Hack vom Merchandising. Ich muss mit John reden.« Pause. »Ach, Hack ... tut mir Leid, aber John ist in Übersee.« »Oh. Danke.« Hack legte auf und starrte auf seinen Schreibtisch. So viel zum Thema Konfrontation. So viel zum Thema John. Er war erleichtert und schämte sich doch vor sich selbst. »He, Hack.« Sein Vorgesetzter blieb an seinem Schreibtisch stehen. »Wissen Sie was über Plakate für eine Nike Town in Sydney? Die bombardieren uns mit Anrufen.« »Ich kümmere mich darum«, versicherte er. »Guter Mann«, sagte sein Vorgesetzter. Vor Claires Haus parkten etliche Autos. Hack durchfuhr ein eisi ger Schreck -- womöglich ließ John ihn beobachten. Womöglich hatte die NRA ihn hier aufgespürt! Doch selbst im Laternenschein erkannte er, dass es sich um kleine, rostige Autos handelte, auf de nen Sticker mit Sprüchen wie DIE WELT GIBTS NICHT IM AUSVERKAUF klebten. Hack konnte sich nicht vorstellen, dass je mand von der NRA so welche fuhr. Am Zaun war ein Fahrrad an gekettet. Hack ging hinein. Im Flur begegnete er Claire, die gerade mit ein paar Kaffeetassen aus der Küche kam. Aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen -- laute, energische Stimmen. »Hallo, Hack! Wie gehts dir?«, begrüßte ihn Claire. »Prima. Hat Violet ...« »Nichts gehört.« »Das ist genau die Einstellung, die überhaupt erst dazu geführt hat, dass die Konzerne die ganze Gesellschaft beherrschen!«, ereiferte sich jemand im Wohnzimmer. Claire zögerte. »Ich habe Gäste. Vielleicht kommst du lieber nicht ins Wohnzimmer.« »Was für Gäste?« »Ach, so eine Gruppe ... wir reden über den Kapitalismus, über unsere Gesellschaft und so.« »Aha.« Hack beschloss, sich tatsächlich lieber aus dem Wohnzim mer fern zu halten. »Ich meine, wenn du magst, kannst du natürlich gern dazukom men.« Beinahe hätte er eingewilligt -- einfach nur, weil er Claire nichts abschlagen wollte. Doch dann antwortete er: »Nein, schon gut. Dan ke.« »Ist in Ordnung. Du kannst ja nachkommen, wenn du Lust hast.« Er ging in die Küche und holte sich Saft aus dem Kühlschrank. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt, sodass er mitbekam, worüber Claires Freunde sprachen. »Darauf setzen die ja gerade«, sagte eine junge Frau. »Die wissen, dass niemand Scherereien riskieren will. Aber solange man ihnen nicht Paroli bietet, gehen sie immer weiter bis zum Äußersten. Nike ist das beste Beispiel.« Hack zuckte zusammen. Im ersten Moment dachte er, sie sprächen von ihm. Dann begriff er, dass dem nicht so war. Und dann begriff er, dass es doch so war. Er trat mit seinem Saftglas an die Tür. Sie waren zu fünft. »Hi«, grüßte er. »Entschuldigt bitte ... stört es euch, wenn ich mich dazu setze?« »Komm ruhig her.« Claire klopfte einladend neben sich auf die Couch. Hack fand ihr Lächeln wunderschön. 37. Einfalt Beinahe hätte es Billy mit seiner Wanze nicht einmal bis ins Flug zeug geschafft. Diese Marlboros waren nicht so stark wie die Marke, die er sonst rauchte, und so steckte er sich eine nach der anderen an. Als die Schachtel leer war, verstaute er sie gewissenhaft in seiner Jackentasche, aber dann, als das Taxi ihn am Flughafen absetzte, fischte er sie heraus und warf sie achtlos auf den Boden. Erst im Terminal wurde ihm bewusst, was er getan hatte. Er sprintete wie der nach draußen. Die Schachtel lag noch auf dem Asphalt. Billy hob sie hastig auf und steckte sie wieder in die Tasche, wo seine nervösen Finger sie immer wieder zerdrücken wollten. Am Schalter war ein Ticket auf den Namen Billy NRA hinterlegt, genau wie Jennifer gesagt hatte. Er warf einen Blick auf die ABFLUGAnzeige. Unter seinem Flug nach Invercargill war einer nach Dallas, Texas angezeigt. »Stimmt etwas mit Ihrem Ticket nicht, Sir?« Billy zögerte. »Was würde es kosten, wenn ich stattdessen einen Flug nach Dallas nehme?« Das Mädchen hinter dem Schalter tippte etwas in den Computer ein. »Ich könnte Sie für 312 Dollar Aufpreis auf diesen Flug umbu chen, Sir.« »Aha«, sagte er ernüchtert. »Vergessen Sies.« Er schleppte seine Tasche in die Wartehalle und starrte auf den Fernseher. Es vergingen ungefähr zehn Minuten, ehe ihm einfiel, dass Jennifer Government jedes Wort mithören konnte. In Invercargill irrte er auf dem Flughafengelände umher, bis er eine Bushaltestelle fand, an der eine Verbindung nach Christchurch an geschlagen war. Außer ihm stand nur noch ein Fahrgast da -- ein unrasierter, abstoßend aussehender Mann, der eine Segeltuchtasche bewachte. Billy lehnte sich an die Mauer und steckte sich eine Camel aus dem Päckchen an, das er auf dem Flug gekauft hatte. »He, Mann«, sagte der Mann. Billy drehte sich misstrauisch um. »Hast du auch eine für mich?« »Aber sicher.« Billy fummelte eine Zigarette heraus und gab dem anderen Feuer. »Danke, Mann.« Der Fremde streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Bill NRA.« Billy war verblüfft. »Du machst wohl Witze.« »Hä?« »Ich bin Billy NRA!« Er lachte. »Hey, Bruder! Korrekt -- noch einer von der Truppe. In Christchurch stationiert?« »Genau!« »Bin selbst gerade aus Sydney zurück.« Er beugte sich zu Billy hinüber. »Und du -- warst du im Dienst oder auf Urlaub?« »Im Dienst«, antwortete Billy. Der Mann grinste. »Kenn ich. Kenn ich bestens.« »Warst du schon öfter im Einsatz?« Der Mann zog sein Hemd hoch. An der Seite hatte er eine lange, rote, hässliche Narbe, die noch ziemlich frisch aussah. »Das nenn ich Einsatz.« »Wow, aber echt.« Im Stillen dachte Billy: Das hätte mir auch passie ren können. Wenn eins von diesen Polizeiautos ihn ins Visier ge nommen hätte ... »Du warst doch nicht bei der Sache mit der Polizei dabei, oder? Kann mich nicht erinnern, dass ich dich ...« Bill schüttelte den Kopf. »Nein, Kumpel. Das war ne andere Ge schichte.« Er zwinkerte. »Cool.« Billy fragte sich, ob Jennifer Government das alles mithörte. Es klang, als wäre es genau das, worauf sie aus war. »Hey, nehmen wir uns zu zweit ein Taxi zur Basis? Wir können uns doch zusammen zurückmelden.« »Klar, super Idee!« »Pass auf, am Ende landen wir noch im selben Team. Wär doch geil, was?« »Das war der Hammer«, bekräftigte Billy. »Scheiße, Mann, ist das komisch, dass wir den gleichen Namen haben!« »Aber echt«, sagte Bill. »Die würden bekloppt werden, weil sie uns nicht auseinanderhalten können.« Billy lachte. Plötzlich begann die MarlboroSchachtel in seiner Hemdtasche zu vibrieren. Er schob sie zur Seite. Jennifer wollte ihn bestimmt dafür zusammenscheißen, dass er daran gedacht hatte, sich nach Dallas abzusetzen. Na, die konnte verflucht noch mal war ten. »Stimmt, Mann, echt komisch«, sagte er zu Bill. 38. Brüche Vom Fenster seines neuen Büros aus konnte Buy ein Waffengeschäft sehen. Es gehörte zur NRA, was er irgendwie passend fand oder ironisch oder wie auch immer. Buy hatte sich entschieden: Nach Feierabend wollte er in dieses Waffengeschäft gehen, eine Pistole kaufen und sich erschießen. Die Leute würden sagen, er sei unter der Last der traumatischen Ereignisse zusammengebrochen. Aber das stimmte nicht. Die Wahrheit war viel simpler: Diesem Mädchen, Hayley, das Leben zu retten, hätte mehr bedeutet als alles, was er jemals erreichen würde. Er konnte nicht einfach zusehen, wie ein junges Mädchen verblutete, und in der nächsten Woche wieder hingehen, Börsengeschäfte ma chen und seine 3 Prozent kassieren. Die Vorstellung machte ihn fer tig. Also war Buy als produktives Mitglied der Gesellschaft am Ende -- es sei denn, es gelänge ihm, so gründlich die Perspektive zu ver lieren, dass Nachschussforderungen ihm wieder wichtig vorkämen. Da wollte sich Buy doch lieber eine Pistole in den Mund stecken und abdrücken. Er erwog gerade die Frage, was blödsinniger wäre -- Geld für ein Mittagessen auszugeben oder es zu sparen --, als sein Telefon klin gelte. Vor lauter Überraschung hob er ab. »Ah --ja, bitte?« »Konitchiwa, guten Tag«, sagte eine Stimme. »Einen Moment bitte, ich verbinde Sie mit dem Verbindungsmann Kato Mitsui.« »Mit wem?«, fragte Buy. »Hallo, Buy!«, sagte eine andere Stimme. »Wie geht es Ihnen? Ich habe mir sagen lassen, Sie haben prächtiges Wetter.« »Wer spricht dort?« »Hier spricht Kato Mitsui,Verbindungsmann. Wenn ich mich nicht irre, arbeiten Sie für mich?« »Oh ... ja, das stimmt«, bestätigte Buy. »Hervorragend! Ich bin hocherfreut, mit Ihnen sprechen zu kön nen. Ich hoffe, Sie betrachten Ihre neue Position als echte Heraus forderung. Das tun Sie doch, nicht wahr?« »Äh, tja, also ...«, stammelte Buy. »Ausgezeichnet!« Kato lachte so herzhaft, dass Buy den Hörer auf Abstand halten musste. »Es gibt viel zu tun. Unsere Freunde im Verbrauchermarketing haben Programme entwickelt, die ein ganz außerordentliches Potenzial bieten. Wenn wir verhindern wollen, dass Mitsui ins Abseits gerät, müssen wir unsererseits mit ein paar ausgeklügelten Marketingstrategien aufwarten. Ich hoffe, Sie sind für diesen Aufgabenbereich gut gerüstet.« »Marketingstrategien? Ich verstehe überhaupt nichts von ...» »Aber ich bitte Sie, keine falsche Bescheidenheit«, unterbrach Kato. »Ich werde Ihnen zunächst einmal erzählen, was unsere Freunde bei IBM sich ausgedacht haben. Sie setzen Prämien dafür aus, dass die Kunden ein Produkt der Konkurrenz in ihr Geschäft bringen und dort von einer speziellen Abfallpresse vernichten lassen. Verstehen Sie, es wird direkt vor Ort eingestampft.« »Ich verstehe ...« »Ist das nicht eine brillante Idee, die Konkurrenz auf den Status von Müll und Abfall zu degradieren. Sie müssen wissen, für uns Japaner ist es nicht so leicht, uns in diesen knallharten Konkurrenz kampf zwischen einzelnen Unternehmen hineinzudenken. Deshalb sind uns unsere amerikanischen Freunde mit ihrer energischen Art derzeit noch einen Schritt voraus. Aber die Zeiten ändern sich, nicht wahr?« »Sicher«, stimmte Buy zu. »Sehr gut! So, und jetzt sind Sie an der Reihe.« »Bitte?« »Ich brauche all Ihren geschätzten Einfallsreichtum, Buy, um unse rem Unternehmen bei USAlliance zu einem guten Stand zu verhel fen.« »Ähm ...« Buy zögerte. »Kann ich darüber nachdenken und Sie später zurückrufen?« »Selbstverständlich! Ich verlasse mich voll und ganz auf Ihre Un terstützung, Buy. Wir sprechen uns wieder, wenn Sie sich etwas ausgedacht haben.« »Ich bin am Ball«, sagte Buy und legte den Hörer auf. Dann stutzte er. Ich bin am Ball, ich bleib an der Sache dran, ich rufe Sie zurück, sobald ich mir etwas überlegt habe ... Warum hatte er das gesagt? Weil ihn das, worüber Kato gesprochen hatte, interessierte? Weil es nach einem reizvollen Karriereschritt klang? Ich bin am Ball, dachte er. Es ging schon los. Er verachtete sich selbst. Es war zwei Uhr -- oder fast zwei. Buy packte seine Aktentasche und schloss die Bürotür hinter sich. Das Angebot in dem Waffengeschäft war riesig. Buy machte sich gar nicht erst die Mühe, sich umzusehen, sondern ging gleich auf den Mann hinter der Ladentheke zu und erklärte: »Ich will eine Pi stole. Eine, die dazu geeignet ist, dass ich sie mir in den Mund stek ke und abdrücke.« Der Mann zog die Augenbrauen hoch. »Wollen Sie jemanden um legen?« »Mich selbst.« »So, so«, sagte der Mann lächelnd. Buy brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ihm da unterstellt wurde. »Also eine Waffe, die stark genug ist, aber nichts für die Ewigkeit?« »Insofern, dass ich sie nur einmal brauche: ja.« Der Mann schloss ein Fach in der Theke auf und zog eine Pistole hervor. »Dies ist eine Vektor Z88, neun Millimeter. Stark im Nahbe reich, leicht zu handhaben, nicht sehr laut und am unteren Ende der Preisskala. Ist es das, was Sie suchen?« »Der Preis spielt keine Rolle.« Der Mann ließ die Vektor wieder verschwinden. »Dann sollten Sie mal einen Blick auf dieses Schätzchen hier werfen.« Er knallte eine Pistole auf die Ladentheke. Sie wirkte eleganter und zugleich kraft voller als die Vektor. Buy wog sie in der Hand. »Ein 45er Colt, voll automatisch. Extrem zuverlässig, amerikanisches Fabrikat, kann einem Mann aus 60 Meter Entfernung den Kopf wegpusten.« »Ich brauche keine ...« »Ich weiß, es geht Ihnen nicht um Distanzschüsse. Aber wenn Sie etwas Starkes und Zuverlässiges wollen, dann sticht dieses Baby hier alle anderen aus. Die Zielgenauigkeit ist ein Extrabonus.« »Wie viel?« »Für Sie 3000«, sagte der Mann. »Und ich leg noch eine Packung Munition und eine Reinigungslösung drauf.« Buy reichte ihm seine American Express. »Behalten Sie die Reini gungslösung.« Der Händler wickelte den Colt in weißes Papier und packte ihn in eine Schatulle. »Und falls es Sie interessiert -- dieses Modell hat keine Seriennummer.« Er zwinkerte. »Geben Sie mir einfach nur die Pistole«, sagte Buy. Er parkte den Saab in der Tiefgarage seines Wohnblocks, stieg aus und schloss den Wagen aus reiner Gewohnheit ab. Erst im Aufzug fiel ihm ein, wie unsinnig das war. Er hätte ihn mit laufendem Mo tor auf der Straße stehen lassen sollen. In der Wohnung war es still und ordentlich -- der Reinigungsser vice war da gewesen. Buy rückte einen riesigen Ledersessel an die deckenhohen Fenster, setzte sich und sah auf die Lichter der Stadt hinaus. Sie starrten ihm entgegen. Er machte sich daran, seine Pisto le auszupacken. Der Mörder musste dasselbe getan haben, schoss es ihm durch den Kopf. Wer auch immer dieses Mädchen umgebracht hatte -- er musste eine Waffe gekauft und sie geladen haben. Es kam Buy nicht richtig vor, dass das so einfach war. Er blickte den Colt an und ver spürte Ekel. Dann schob er sich den Lauf in den Mund. Ein Flugzeug war von Norden her im Landeanflug. Seine roten und weißen Lichter zwinkerten Buy zu. Er beobachtete es, bis es hinter dem AT&TGebäude verschwunden war. Dann drückte er ab. 39. Geduldsproben Jennifers Finger wurde allmählich wund vom Drücken auf die V Taste. Dieses Signal löste in der Wanze von Billy NRA den Vibrati onsalarm aus. Es wurde von ihrer Tastatur über das Modem durch die Telefonleitung an das Government Communications Center in Sydney übertragen und von da aus über einen geostationären Satel liten an die ZigarettenschachtelAttrappe in Billys Tasche gesendet. Eine Menge Technologie, für die die Regierung immer noch abzahl te, und all das war nutzlos, weil Billy NRA sich so unglaublich blö de anstellte. Sie hatte einen Plan: Billy sollte Bill überwältigen und der Regie rung vor Ort übergeben. Offenbar handelte es sich um den Mann, mit dem Billy bei der NRA verwechselt worden war. Jennifer hatte zwar keine Ahnung, warum er erst jetzt nach Neuseeland zurück kehrte, aber solche Einzelheiten waren im Augenblick unwichtig. Wichtig war vielmehr, dass sie die Gelegenheit hatte, ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen und Billy statt seiner einzuschleusen, damit er Beweise dafür sammeln konnte, dass John Nike hinter der ganzen Geschichte steckte. Aber Billy reagierte nicht auf ihr Signal. Billy befand sich in der seligen Ahnungslosigkeit eines Schwachsin nigen auf dem Weg zur NRA, und wenn er sich dort zusammen mit dem Mann meldete, für den er sich ausgab, dann war es aus mit Jennifers cleverem Plan -- und aller Wahrscheinlichkeit auch mit Billy. »Mommy?« Kate kam ins Arbeitszimmer. »Können wir jetzt zum Tierheim fahren?« »Gleich.« Jennifer nahm den Telefonhörer ab, hörte aber nur Rau schen und Fiepen. Sie hatte nicht an das Modem gedacht. »Kannst du mir mal das Handy vom Küchentisch bringen, Schatz?« »Ich dachte, wir gehen endlich!« »Kate, Mommy hat viel zu tun.« »Aber wann können wir denn ...« »Danach«, sagte sie. »Wenn ich hiermit fertig bin, okay? Bitte, hol mir das Handy. Es ist wirklich wichtig.« Kate verschwand. Jennifer wartete, den Finger auf der VTaste. Sie hatte Kopfschmerzen. »Das hier?« »Danke. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, mein Schatz. Viel leicht noch 20 Minuten, okay?« »Das hast du vor einer Stunde auch schon gesagt.« »Das ist noch keine Stunde her«, widersprach Jennifer. Oder viel leicht doch, stellte sie mit einem Blick auf die Uhr fest. »Kate, bitte geh und beschäftige dich irgendwie.« Kate ging wortlos hinaus. Jennifer wechselte die Hand auf der Ta statur -- sie war kurz davor, diese Schlinge wegzuwerfen -- und wählte mit der freien Hand. »Government Communications Center.« »Hier Field Agent Jennifer. Ich arbeite gerade mit der Marlboro Wanze und muss dem Träger eine Nachricht übermitteln.« »Ich habe Ihnen doch erklärt, wie das Vibrationssignal funktioniert? Wenn Sie in das Fenster >Senden< gehen und >V< drücken ...« »Ich drücke ja schon die ganze Zeit >V<. Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?« »Hm ... Sie könnten die Nachricht einfach auf gut Glück senden.« »Hört er das denn?« »Nur wenn er die Ohrhörer angeschlossen hat.« »Und warum sollte er sie angeschlossen haben?« »Keine Ahnung, ich meine ja nur ...« »Verdammte Scheiße!«, fluchte Jennifer. »Das Ding ist nun mal so konstruiert, dass es nicht auffällt«, erklär te er gekränkt. »Ein verdeckter Ermittler will schließlich nicht mit einer Wanze rumlaufen, die auf einmal lostönt: >Agent Grimes, bitte kommen!< Vielleicht hat Ihr Mitarbeiter ja gute Gründe, sich nicht zu melden.« »Der einzige Grund, warum mein Mitarbeiter sich nicht meldet, ist, dass er ein Vollidiot ist. Sie wollen mir also erzählen, dass es keine Möglichkeit gibt...« Ihr Handy piepte. Sie warf einen Blick auf das Display. Darauf stand: EINGEHENDER ANRUF. »Außer dem Vibrationssignal? Nein, gibt es nicht.« »Ich leg Sie jetzt in die Warteschleife, und inzwischen denken Sie sich gefälligst was aus, wie ich meinen Mitarbeiter kontaktieren kann. Verstanden?« »Es tut mir Leid, aber es gibt keine ...« Sie schaltete um. »Ja?« »Jen!« Es war Calvin. »Na, wie ist es so zu Hause? Ich habe dich doch hoffentlich nicht beim Plätzchenbacken gestört?« »Nein«, ant wortete sie. »Hast du John Nike?« »Ähm ... tja, nicht so ganz.« »Nicht?« »Bevor du dich aufregst ...« »Ich rege mich schon auf!« »Er hat sich mit dem Flugzeug nach Los Angeles abgesetzt.« »Elendes Schwein!« »Ich habe die Kollegen in L. A. bereits kontaktiert. Sie stellen ein paar Agenten ab, die die Sache in die Hand nehmen.« »Das bringt doch nichts. Herrgott noch mal! John lässt sich doch nicht von ein paar Agenten zur Strecke bringen, die überhaupt nur nach ihm suchen, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben.« »Ich schätze, dir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen«, sagte Calvin. »Ach, übrigens: Der andere John liegt im Koma.« »Was?« »Du weißt doch, es gibt zwei Johns. VicePresident John ist in L.A. Der andere liegt im Koma. Man weiß noch nicht, ob er überhaupt wieder zu sich kommt.« »So so«, sagte sie. Immerhin etwas Erfreuliches. »Willst du nicht wissen, wie ich das rausgefunden habe?« »Wie hast du ...« »Das war eine komische Geschichte«, platzte es aus Calvin heraus. »Ich bin bei Nike an diese Georgia SaintsNike geraten. Nette Frau. Sie hat mir eine Menge erzählt -- wie sie bei Maher mit dir und John zusammengearbeitet hat. Erst konnte ich mir das ja nicht so richtig vorstellen -- du im knallengen Rock und mit hohen Absätzen --, aber wenn ich so drüber nachdenke ...« »Komm zur Sache?«, unterbrach ihn Jennifer. »Ich hab noch je manden in der Leitung.« »Du hast mich belogen. Du hast gesagt, du hättest nie mit ihm zu sammengearbeitet.« »Ich sagte, ich habe nie für Nike gearbeitet.« »Raffiniert, Jen. Ganz schön raffiniert. Und? Was war damals los? Hat John dir einen safti gen Werbeetat abgejagt? Hat er dir auf der BetriebsWeihnachtsfeier in den Hintern gezwickt?« »Meine Vergangenheit scheint dich ja brennend zu interessieren. Ich hoffe nur, du findest zwischendurch auch noch Zeit, an unserem Fall zu arbeiten.« »Ich frage mich allmählich, ob das nicht auf dasselbe hinausläuft.« »Jetzt hör mal -- ich arbeite für die Regierung. Er ist ein Kriminel ler. Macht es einen Unterschied, ob ich ihn von früher kenne?« Jen nifer hörte, wie im Wohnzimmer der Fernseher eingeschaltet wurde. »Kate, mach leiser!«, rief sie. »Wenn du mit John Nike noch eine Rechnung offen hast, dann tust du der Regierung keinen Gefallen damit, das geheim zu halten. Er könnte es später zu seiner Verteidigung vorbringen und unterstellen, wir ...« »Calvin, bitte.« Das Handy erinnerte Jennifer mit einem Piepton daran, dass sie noch ein Gespräch in der Warteschleife hatte. »Nie mand weiß so gut wie ich, wozu John fähig ist. Niemand ist besser geeignet, ihn zur Strecke zu bringen. Und ich soll diesen Fall nicht bearbeiten können, nur weil ich mal beruflich mit ihm zu tun hatte? Komm schon, das ist doch Blödsinn.« »Jen ...« Ihr Handy piepte wieder. »Bleib dran, ich hab noch jemanden in der Leitung.« Sie legte Calvin in die Warteschleife und schaltete um. »Sind Sie noch da?« »Hallo? ... Spreche ich mit Jennifer Government?« Jennifer stutzte. Das war nicht der Typ, den sie in die Warteschleife gelegt hatte -- das war ein neuer Anruf. »Wer spricht da?« »Buy Mitsui. Sie haben mich am Dienstag vernommen.« »Richtig, Buy. Hören Sie, kann ich Sie zurückrufen? Ich bin gerade etwas ...« »Ich habe nur eine Frage.« »Gehts schnell?« »Ich denke schon. Ich habe hier eine Pistole -- einen Colt ... und ich weiß nicht, wie sie funktioniert. Da muss wohl irgendwo ... eine Sperre oder so was sein.« »Direkt vor dem Abzug ist eine Sicherung«, erklärte Jennifer. »Ha ben Sie das Magazin geladen?« »Ja, ich hab ein paar Patronen reingetan.« »Wenn das Magazin nicht voll ist, müssen Sie die erste Patrone von Hand durchladen. Das wissen Sie doch, oder?« »Äh« -- er lachte auf -- »nein, aber besten Dank.« »Keine Ursache.« Sie wollte wieder umschalten, als ihr bewusst wurde, worüber sie gerade gesprochen hatten. »Moment mal! Was haben Sie eigentlich vor?« »Ähm ... das möchte ich lieber nicht erzählen.« »Na los. Sagen Sie es mir.« »Hm -- also gut. Ich will mich umbringen«, erklärte Buy. »Schlechter Tag an der Börse?« Er schwieg, und Jennifer bereute sofort ihre Bemerkung. »Entschuldigen Sie, Buy. Bleiben Sie mal eine Sekunde dran, okay?« »Okay.« Sie schaltete um. »Und, ist Ihnen was eingefallen?« »Sie könnten versuchen, mit dem Vibrationssignal zu morsen«, schlug der Typ vom Communications Center vor. »Ist Ihr Mitarbei ter des Morsecodes mächtig?« Jennifer lachte unvermittelt auf. »Heißt das nein?« »Danke für Ihre Hilfe.« Sie beendete die Verbindung. »Calvin, ich komme morgen vorbei. Wir treffen uns dann im Büro.« »Jen! Nein!« »Buy?« »Ich bin noch dran.« »Wo wohnen Sie?« »Das ist... wirklich nicht nötig.« Er klang verlegen. »Bitte ...« »Es geht um dieses Mädchen -- um Hayley, nicht wahr? Sagen Sie mir, wo Sie wohnen.« Er nannte ihr die Adresse. Jennifer nahm den Finger von der V Taste, um mitzuschreiben. »Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.« »Ich ... okay. Okay.« »Haben Sie Wein da?« »Wein? Ja.« »Gut«, sagte sie und legte auf. Sie warf noch einen Blick auf den Monitor -- so viel Technik, und trotzdem hatte sie keine Möglich keit, mit Billy NRA zu sprechen --, dann schaltete sie den Rechner aus. Im Fernsehen lief gerade eine Sendung über Riesenpandas. Kate sah auf, als Jennifer vor ihr in die Hocke ging. »Die letzte Babysitterin, die war doch nett, nicht wahr?« »Nein! Du hast gesagt, wir gehen zum Tierheim!« »Kate, es tut mir wirklich Leid.« Sie setzte sich hin und legte die Arme um ihre Tochter, aber Kate sträubte sich widerspenstig. »Ich weiß, ich hatte es versprochen. Aber wir können das doch noch morgen machen. Das ist dann immer noch früher als am Wochen ende, nicht wahr?« Kate gab keine Antwort. »Es tut mir wirklich Leid, mein Schatz. Aber manchmal muss man tapfer sein und seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um jemand anderem zu helfen. Verstehst du das?« »Ich will nicht, dass du gehst!« »Schätzchen, sieh mal -- du bist für mich der wichtigste Mensch auf der Welt. Ich habe dir allerdings zu erklären versucht, dass es für mich extrem wichtig wäre, kurz zu verschwinden. Aber wenn du wirklich willst, dass ich hier bleibe, dann gehe ich natürlich nicht. Okay? Also, was sagst du?« »Du sollst hier bleiben!« »Kate!«, sagte sie entgeistert. »Ich muss nur kurz fort!« »Ich will nicht, dass du gehst!« »Als du diese neuen Videos bekommen hast, hats dir nichts aus gemacht, wenn ich weg musste. Du hast kaum gemerkt, dass ich nicht da war!« »Hab ich wohl!« »Na schön!«, schrie Jennifer. »Schön, ich gebs ja zu! Ich bin eine furchtbare Rabenmutter! Ich habe dein Leben verpfuscht! Es tut mir Leid, aber ich muss jetzt weg!« Sie presste den Handballen gegen die Stirn. Als sie die Hand sinken ließ, blickte Kate sie an. »Was ist?«, fragte Jennifer. »Du bist keine Rabenmutter, Mommy.« »Du ...«, setzte Jennifer an. »Lieb von dir, dass du das sagst.« »Gehen wir dann morgen ganz bestimmt zum Tierheim?« »Ganz sicher«, sagte Jennifer. »Ich versprechs dir, Schatz. Gleich, wenn ich dich von der Schule abgeholt habe. Und wir suchen den tollsten Hund aus, den es gibt.« »Okay«, sagte Kate. »Und ... bald musst du doch nicht mehr immer weg, nicht wahr? Ich meine, wenn du die Bösen erwischt hast.« »Das ... ja, das stimmt. Ich wünschte, ich könnte die ganze Zeit bei dir bleiben. Ich hab dich lieb, Kate. Mommy steht nur gerade ziem lich unter Druck.« Kate nickte. »Die war nett. Die letzte Babysitterin.« »Du bist ein gutes Mädchen.« Jennifer gab ihr einen Kuss. Sie war stolz und erschöpft. »He -- ich habe eine Inventarliste«, sagte er zu dem Vorarbeiter. »Dass mir ja nichts von dem Zeug wegkommt!« Der Vorarbeiter warf ihm einen Blick zu. Er war nicht so entspannt -- er bekam erheblich weniger Geld als John und musste dafür er heblich schwerer arbeiten. »Hier kommt nichts weg.« »Das will ich Ihnen auch geraten haben.« John schloss die Augen und genoss die Sonne. Allmählich wurde er hier draußen richtig braun. »Hier kommt nichts weg«, wiederholte der Vorarbeiter. Er zögerte. »Ich versteh ja nichts von Ihrem Geschäft, aber ... diese Dinger sollen nach Norden gerichtet sein, nicht wahr?« »Und?« »Na ja, nach Norden heißt Richtung Innenstadt. Also haben Sie hier nachher einen Haufen Geschütze stehen, die auf die anderen Bürotürme gerichtet sind. Wenn Sie sich Sorgen um die Sicherheit machen ...« »Sie haben völlig Recht«, fiel ihm John ins Wort. »Sie verstehen nichts von meinem Geschäft.« Nach einer Weile ging der Vorarbeiter. John faltete die Hände über der Brust und schloss die Augen. Morgen würde er sich ein paar Flaschen Bier mitbringen. 40. Neuland Je leichter die Arbeit, desto besser wurde man dafür bezahlt. John hatte das schon seit vielen Jahren geahnt, aber nun hatte er den Be weis: Er saß auf dem Dach eines Büroturms in L. A. in der Nachmit tagssonne und strich dafür 500 Piepen die Stunde ein. In Anzug und Sonnenbrille lag er in einem Liegestuhl und ließ sich die leichte Bri se aus der Bucht um die Nase wehen. John hatte das Gefühl, seinen Traumjob gefunden zu haben. Offiziell nannte er sich neuerdings USAllianceVerbindungsmann. Was das bedeutete, wusste er nicht so genau -- irgendwie hatte er wohl dafür zu sorgen, dass Nike seinen Verpflichtungen gegenüber Alliance nachkam und die ihrerseits ihre Verpflichtungen gegen über Nike erfüllten. Am Abend zuvor hatte er die Verbindungsleute von General Motors, Microsoft und Johnson & Johnson kennen ge lernt -- die Vorstellung, dass sie alle an einem Strang zogen, hatte ihn fasziniert. Eine Verbindung all dieser Marketingetats -- was das für Möglichkeiten eröffnete! Er und Gregory trafen sich jeden Abend -- oder fast jeden -- in einer Bar am Sunset Boulevard. Wenn Gregory nicht erschien, ver trieb sich John die Zeit damit, sich ein paar Scotch zu genehmigen und Frauen aufzureißen. Meistens kam Gregory. An diesem Abend war John gerade beim dritten Drink und hatte ein Auge auf ein Mädchen mit dunklen Locken geworfen, als Gregory sich zu ihm setzte. »Hallo, John.« »Hi.« »Gehts voran mit dem Aufbau?« »Halb fertig. Morgen machen wir den Rest.« »Lassen Sie das jemand anderen übernehmen. Sie fliegen nach London.« »Worum gehts da?« »Um unsere Interessen. Näheres erfahren Sie vor Ort.« »In Ordnung«, erwiderte John, aber insgeheim ärgerte er sich. In London würde er nicht bei 27 Grad und leichter Brise in der Sonne sitzen können. Und in London würde er auch nicht die Leute treffen, mit denen er Kontakte knüpfen wollte. »Sie werden mit dem ShellVerbindungsmann zusammenarbeiten. Sie tun, was er Ihnen sagt. Alles klar?« »Arbeiten wir neuerdings nach den Anweisungen von Shell?« »Man nennt das Teamwork.« »Na schön«, sagte John gedehnt. »Ich muss jetzt weiter. Holen Sie sich Ihr Ticket im Büro ab und rufen Sie mich an, wenn Sie in London sind.« Er musterte John. »Im Übrigen wäre es wohl keine schlechte Idee, wenn Sie sich in näch ster Zeit etwas bedeckt halten. Ich habe gehört, dass die Regierung nach Ihnen sucht. Wegen dieses kleinen Zwischenfalls mit den 14 toten Teenies.« »Moment mal -- Sie wissen doch, dass ich nur zehn bestellt hatte«, protestierte John. »Das können Sie ja dann der Regierung erklären«, stichelte Grego ry und warf einen Blick auf die Uhr. »Falls die Sie jemals erwi schen.« »Von wegen Regierung -- das ist alles nur diese Jennifer«, ereiferte sich John. »Die lässt einfach nicht locker.« Gregory zog die Augenbrauen hoch. »Jennifer?« »Lange Geschichte«, wich John aus. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich regele das schon.« Gregory wurde nachdenklich. »Erwarten Sie nicht, dass das Un ternehmen Ihnen aus der Patsche hilft, wenn die Regierung Sie da für ran kriegt, John. Ich lehne jede Verantwortung für kriminelle Handlungen ab.« »Dann sollte das Unternehmen vielleicht mal die 500 Millionen wieder rausrücken, die es dank meiner kriminellen Handlung kas siert hat.« Gregory schwieg. John lächelte dem Mädchen mit den Locken zu. »Macht Ihnen das zu schaffen, John? Dass Sie diese Kids auf dem Gewissen haben?« John sah ihn an. »Wie meinen Sie das?« »Vergessen Sies«, sagte Gregory. »Jetzt hören Sie mal -- es ist mein verdammter Job, den Absatz zu steigern«, sagte John aufgebracht. »Kann ich was dafür, dass das die geeignetste Maßnahme war? Wenn die Regierung in der Lage wäre, das Gesetz vernünftig zu vertreten, dann hätte diese Aktion wirt schaftlich keinen Sinn gemacht. Ist sie aber nicht, also hat die Aktion Sinn gemacht. So ist die Welt nun mal, und wer die Spielregeln nicht zu seinem eigenen Vorteil nutzt, ist ein Trottel. Es wäre mir ein Ver gnügen, bei USAlliance ein paar meiner Ideen vorzustellen, wenn ...« »Davon bin ich überzeugt«, unterbrach Gregory ihn. John stellte fest, dass er enttäuscht war. Manchen Leuten konnte man es eben nicht recht machen. Man konnte sich ein Bein ausreißen -- und sie verlangten immer noch mehr. »Kümmern Sie sich erst mal um Ihr Problem mit der Regierung. Und rufen Sie mich an, wenn Sie in London sind.« »Geht klar.« John bemühte sich, das Gespräch positiv ausklingen zu lassen. »Sie können sich auf mich verlassen.« Er sah Gregory nach, wie dieser auf die Straße hinaustrat. Das war ein Ausrutscher gewesen. Er hatte sich verplappert. Was er über Jennifer Government gesagt hatte, war ihm zum Verhängnis gewor den. Bei der Vorstellung, dass sie ihm immer noch auf den Fersen war, kroch es ihm kalt den Rücken hoch. »Noch einen?«, fragte der Barkeeper. »Nur zu«, antwortete John. Er blickte sich in der Bar um. Die Klei ne mit den Locken war noch da und unterhielt sich mit ihrer Freun din. Sie warf ihm einen Blick zu und lächelte. Er schätzte sie auf sechzehn. John erwiderte das Lächeln. Auch seinen Aufenthalt in L. A. würde er positiv ausklingen lassen. Georgia hob beim ersten Klingelton ab. John war erfreut -- in Mel bourne war es gerade acht Uhr früh, und die meisten Sekretärinnen hätten die Abwesenheit ihres Chefs ausgenutzt. John mochte Geor gia SaintsNike. Sie arbeitete schon seit MaherZeiten für ihn. Das Einzige, was ihr fehlte, waren eine umwerfende Figur und ein Hang zu gewagten Outfits. Aber die Sorte Sekretärin hatte John früher schon gehabt. Auf Dauer ging das nie gut. Andere Manager wurden eifersüchtig, der Terminplan war nie vernünftig organisiert, und wenn man sie ein paar Monate lang gevögelt hatte, wurden sie zik kig und widerspenstig. »Georgia, gutes Mädchen, immer pünktlich da. Ich habe Arbeit für Sie.« »Hallo, John. Wie ist es so in L. A.?« »Großartig.« Wegen des Lärms am Flugsteig hielt er sich mit ei nem Finger das andere Ohr zu. »Ich reise heute nach London. War jemand von der Regierung da?« »Von der Regierung?« »Sie wissen schon -- billige Anzüge, verkniffene Gesichter und immer auf Geld aus.« »Nein, nicht dass ich wüsste.« »Von Jennifer haben Sie auch nichts gehört?« »Jennifer Maher? Nein.« »Okay.« Oberflächlich betrachtet war das gut. Weniger oberfläch lich betrachtet konnte es nur bedeuten, dass Jennifer ihm auf den Fersen war, sich dabei aber bedeckt hielt, was weniger gut war. »Wenn die was von mir wollen, bin ich auf Kuba.« »Kuba?« »Oder was weiß ich wo. Denken Sie sich irgendwas aus.« »In Ordnung, John. Kann ich eine Telefonnummer haben, unter der Sie in London zu erreichen sind? Und eine Adresse?« »Ich weiß noch nicht, wo ich mich aufhalten werde. Rufen Sie mich einfach auf dem Handy an.« Die ersten Fluggäste gingen an Bord. Attraktive Frauen in kurzen Röcken fertigten Passagiere mit BusinessClassTickets ab. »Ich muss Schluss machen. Falls es Probleme geben sollte, wenden Sie sich an John.« »Der liegt noch im Koma.« John blinzelte. »Immer noch? Wie lange will der Kerl denn noch krankfeiern?« »Im Krankenhaus hieß es, das sei schwer zu sagen.« »Herrgott -- von denen kriegt man aber auch nie verbindliche Zu sagen«, stöhnte John. »Hören Sie, ich rufe Sie von London aus noch mal an.« »Bekomme ich dann eine Adresse?« »Na klar. Läuft sonst alles nach Plan?« »Ja, John.« »Gutes Mädchen. Auf Sie ist immer Verlass.« »BusinessClass?«, rief eine der Servicefrauen. »BusinessClass?« »Ja, hier.« John reichte ihr sein Ticket. Dabei sah er ihr tief in die Augen und lächelte. Zehn Stunden später schlenderte er in Heathrow durch die Warte halle und hielt nach jemandem mit einem Schild JOHN NIKE Aus schau. Nachdem er zwei Runden durch die Halle gedreht hatte, ließ er sich auf einem der billigen Plastiksitze nieder und legte seine Ak tentasche auf den Schoß. Geraume Zeit später kam ein Junge in XLargeKlamotten in die Lounge geschlendert. »Sind Sie John?« »Der bin ich.« »Tut mir Leid, Mann, bin spät dran. Aber es sind hier, ich sag mal, zwei Stunden Fahrt von der Innenstadt bis zum Flughafen.« »Tatsächlich?« sagte John. »Und wie wärs, wenn du jetzt kehrt machst und wieder zurückfährst?« »Was?«, fragte der Junge. »Siehst du die Dinger da an deinen Füßen? Das ist mein Unter nehmen. Es mag Leute geben, die du eine halbe Stunde warten las sen kannst. Ich gehöre nicht dazu. Ich lasse mich nicht von Azubis empfangen -- erst recht nicht mit einer Stunde Verspätung. Also fahr jetzt schön brav zurück nach London und sag deinem Boss, ich wäre im Hilton zu finden, wenn eine ernst zu nehmende Person mich sprechen will.« Damit stand er auf. »Immer locker bleiben, Kumpel«, sagte der Junge. »Ich bin auch Verbindungsmann.« John starrte ihn ungläubig an. »Bist du etwa der Shell Verbindungsmann?« »PepsiCo. Wir arbeiten mit Shell zusammen.« »Pepsi?« »Yep, alles easy jetzt?« »Du bist der PepsiVerbindungsmann?« »Wenn ichs doch sage.« John seufzte. Verbrauchermarketing konnte einem wirklich den letzten Nerv kosten. »Können wir vielleicht einen Zahn zulegen?«, drängte der Junge. »Mein Ferrari steht nämlich in der zweiten Reihe.« »Ich war noch nie in England«, erzählte der PepsiBoy. Er hatte seinen Namen erwähnt, aber John hatte sich nicht die Mühe ge macht, ihn sich zu merken. »Muss schon sagen, ich bin echt ent täuscht. Ich dachte, hier gäbs überall nur Bauernhäuser und Wiesen und Misthaufen. Dabei ist es bloß ne stinknormale Stadt.« »Mmm«, brummte John. Er blickte durch die Scheibe auf den Mini, an dem sie gerade vorbeirauschten. »Ich mein, ich bin ja schon froh, dass das hier nicht alles, ich sag mal, so richtig EUmäßig ist -- an jeder Ecke Polizisten und so. Aber ich hätte schon gedacht, es wär irgendwie anders.« »Woher hast du den Wagen?« »Ich hab meiner Sekretärin gesagt, sie soll mir was Nettes besor gen.« Er warf einen Seitenblick auf John. »Ist ein 550 Barchetta. Ge fällt er dir?« »Ganz nett.« Er beschloss, sich von Georgia einen Porsche organi sieren zu lassen. »Willste auch mal fahren?« »Nein.« »Zwölf Zylinder, Kumpel, das ist, als ob du mit nem Krokodil ringst.« »Wie alt bist du?« »24. Aber ich hab was drauf, kannst dich drauf verlassen.« Der Junge kurvte schwungvoll durch die Straßen. »Ich hab mal so nen alten britischen Film gesehen, da redeten die Leute ganz anders. Kaum zu verstehen. Aber hier reden sie alle Amerikanisch wie du und ich. Was sagste dazu?« »Die Welt ist kleiner geworden«, bemerkte John. »Wohin fahren wir eigentlich?« »Oh -- tschuldige, Mann. Haben sie dir das nicht gesagt? Wir fah ren direkt zur Börse. Shell kauft ExxonMobil auf. Das Gebot für die feindliche Übernahme wird in ...« -- der Junge sah auf die Uhr -- »30 Minuten abgegeben.« »Und dafür sind wir hier? Um einem Haufen Banker zuzusehen?« »Broker, Kumpel. Das ist ein echtes Ereignis. Wenns klappt, kon trolliert USAlliance zwei Drittel des Kraftstoffmarktes weltweit.« »Und was haben wir da zu tun?« »Nach dem Rechten sehen.« Der Junge grinste. John sagte: »Ich würde wirklich gern mit dem Shell Verbindungsmann sprechen.« »Wir treffen ihn da.« John erwiderte nichts. Das lief alles reichlich verquer. Er überlegte, ob er Gregory anrufen sollte. »Was ist das hier bloß für ne Beschilderung?«, meckerte der Junge. >»Motorway< -- warum denn nicht einfach >Interstatekeine Widerrede< sagst.« »Komm schon, du Schlafmütze. Heute ist doch der große Tag, hast du das vergessen? Heute abend gehts ins Tierheim.« Kate riss die Augen auf. »Wirklich?« »Wirklich. Hab ich dir doch versprochen.« Jennifer gab ihr einen Kuss auf die Wange. Nachdem Jennifer eine halbe Stunde lang vergeblich versucht hatte, jemanden bei den Kollegen in L. A. zu erreichen, mit dem sie reden konnte, checkte sie ihre EMails und fand folgende Nachricht: Von: georgiasaints@mktg.nike.com.au An: jennifer.fieldagent@melbau.government.com John ist in London. Weiß nicht wo. Jennifer schlug mit der Faust auf den Tisch, dann trat sie dagegen. Als auch das nichts half, packte sie den Monitor und rüttelte ihn. »Oha!« Calvin trat durch die Tür. »Schlechter Tag heute?« »Er hat sich nach London abgesetzt!« »Wer? John?« Er setzte sich neben sie und las selbst die Mail. »So ein Mist!« »Wie kommen wir nach London?« »Keine Ahnung. Ich frage mich ...« Er sah auf die Uhr. »Die Chiefs haben für heute früh ein Briefing anberaumt. In den Britischen Terri torien hat es einen Zwischenfall gegeben -- irgendwas mit Streitig keiten zwischen Konzernen. Vielleicht gibt es da einen Zusammen hang.« »Streitigkeiten?« »Lass uns unterwegs drüber reden. Deshalb hab ich dich auch her bestellt, damit du das Briefing nicht versäumst, klar? Nicht etwa, weil du mal wieder deinen Dickschädel durchsetzen musst.« Jennifer brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Als sie ankamen, war die Kantine bereits voller Agenten. Sie setz ten sich in eine der hinteren Reihen. Vorn standen Elise und mehr hochrangige Führungskräfte, als Jennifer je zuvor auf einmal gese hen hatte. Ihre Uniformen glänzten. »Vielleicht ist John wirklich in die Sache verwickelt«, spekulierte sie. »Vielleicht ist ihm was zugestoßen.« »Du strotzt ja schon wieder vor Zuversicht«, bemerkte Calvin. »Ich muss schon sagen -- einen Tag frei, und du bist wie ausgewech selt.« »Ich schätze, du hattest Recht. Vielleicht brauchte ich wirklich mal eine Pause«, erwiderte sie. Calvin blickte sie an. »Oder«, fuhr sie fort, »vielleicht habe ich einfach mein Glück ge funden.« Seine Augenbrauen zuckten in die Höhe. »Jen! Gute Arbeit! Kenne ich ihn?« Elise ergriff das Wort. »Lassen Sie uns anfangen. Zunächst möchte ich Ihnen unsere Gäste aus der Hauptverwaltung vorstellen ...« »Darüber schweigt die Dame«, entgegnete Jennifer. »Aber gut: Es handelt sich um Buy Mitsui.« »Gut gemacht!« »Wenn ich Sie alle um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte«, mahnte Elise. Ein paar Leute drehten sich nach ihnen um. »Entschuldigung«, sagte Calvin. Ein Mann hatte das Podium betreten. Er zeigte Dias. »Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Worauf es uns hier ankommt, ist die Tatsache, dass wir es mit einem mutwilligen, von langer Hand geplanten Gesetzesbruch zu tun haben. Diese Leute wussten, was sie taten -- das gilt sowohl für T. A. als auch für USAlliance. Sie dachten, sie kämen damit durch. Wir werden ihnen das Gegenteil beweisen. Team Advantage hat bereits zugegeben, dass ein Überfallkom mando beauftragt wurde, bei Shell einzudringen. Angeblich hat der inzwischen verstorbene Nathaniel ExxonMobil diese Maßnahme ohne Wissen und Zustimmung des Konzernvorstands angeordnet. Die Regierung hält diese Erklärung für nicht akzeptabel. USAlliance streitet dagegen jegliche Beteiligung an der anschlie ßenden Ermordung von Nathaniel ExxonMobil ab. Die Regierung hält auch diese Stellungnahme für unbefriedigend. Wir werden jetzt Schadensersatz fordern. Die Höhe der Summe wird den bisher bekannten Rahmen bei weitem übersteigen. Die Führungsspitze der Regierung, einschließlich des Präsidenten, be findet sich bereits auf dem Weg nach London, um die Verhandlun gen zu führen.« London! Jennifer hob die Hand. Der Mann machte eine Geste in ihre Richtung. »Ja, bitte?« »Mit Reden allein wird diesen Konzernbossen nicht beizukommen sein. Ich hoffe, Sie haben einen besseren Plan in petto, als artig mit dem Schwanz zu wedeln.« Elise flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Eine andere Frau tippte ihm auf die Schulter. Er besprach sich mit beiden und nickte dann. »Jennifer? Sie haben völlig Recht. Wenn wir gegen diese Burschen nicht mehr als harte Worte vorzubringen haben, werden sie weiter hin das Gesetz übertreten, wann immer es ihnen passt. Die Regie rung stellt daher mit sofortiger Wirkung 20000 Agenten ab. In zwei Tagen werden wir bei sämtlichen beteiligten Unternehmen zeit gleich Razzien durchführen. Wir werden so viele Vorstandsmitglie der wie möglich verhaften. Wenn nötig, werden wir sämtliche hoch rangigen Manager in Untersuchungshaft nehmen, bis sie sich unse ren Forderungen beugen.« Ein Raunen ging durch die Versammlung. »Meine Fresse«, brummte Calvin. »Gibts dafür überhaupt eine Rechtsgrundlage?« Jennifer meldete sich wieder zu Wort. »Entschuldigen Sie -- wer wird diese Einsätze durchführen? Wen werden Sie schicken?« Einige Kollegen in ihrer Näche kicherten spöttisch. »Sämtliche in London verfügbaren Field Agents werden den Einsatztrupps zuge teilt. Zusätzlich fliegen wir Agenten ein, die über entsprechende Erfahrung verfügen.« »Ich verfuge über entsprechende Erfahrung«, sagte sie. »Schon vor den NikeTownMorden habe ich ...« »Ich weiß, Jennifer«, unterbrach er sie. »Wir sind im Bilde. Sie flie gen nach London. Noch heute Abend.« Teil4 47. NRA [Neuseeland] Als Billy zu sich kam, saß neben ihm ein Mann, an dessen Brust eine Unmenge Orden hingen. »Ah, sehr schön«, sagte der Mann. Er war klein und stämmig, eine gepflegte Erscheinung mit grauen Schläfen und wachsamen Augen. »Billy, ich bin General Li. Ist es Ihnen recht, wenn wir uns etwas unterhalten?« »Klar doch«, sagte Billy. Er wollte sich aufsetzen, musste jedoch feststellen, dass er mit den Handgelenken an das Bett gefesselt war. »Was zum ...« »Sehr schön. Dann fangen wir hiermit an. Können Sie mir erklären, was das hier ist?« Billy blinzelte gegen die Abendsonne, die zum Fenster herein schien. Der General hielt ihm seine Zigarettenschachtel mit der Wanze hin. Billy war schlagartig auf der Hut. »Das ist ... hey, das sind doch die Kippen von diesem Billy. Und -- Mann, ich glaub sogar, er hat in das Ding reingesprochen.« »Mmm«, brummte General Li und dachte kurz nach. »Fangen wir nochmal ganz von vorne an. Billy, ich weiß, dass Sie ein Spion sind.« »Oh.« Er zerrte an seinen Fesseln. »Das Schlimme ist, wir haben einen guten Soldaten getötet. Ich weiß, wie es dazu gekommen ist, aber das macht es nicht besser. Ironie des Schicksals -- gerade ist er bei einem Einsatz gegen die Regierung mit knapper Not davongekommen, und dann bringen ihn die eigenen Kameraden um. Das muss ich jetzt irgendwie seiner Familie erklären.« General Li nahm sein Barett ab und kratzte sich am Kopf. »In der Hitze des Gefechtes kann so was schon mal passie ren.« »Das Ding da ... ich wollte das gar nicht«, sagte Billy. »Die Regie rung hat mich dazu gezwungen. Ich kann das alles erklären!« »Gut«, sagte General Li. »Dann tun Sie das doch bitte.« Und Billy erzählte -- seine ganze traurige Geschichte, von Abilene, Texas, bis Neuseeland und von NRAEinsätzen, von denen er über haupt keine Ahnung hatte, bis zur Spionage für die Regierung. Der General wirkte verständnisvoll. »Na, das ist ja eine ziemlich wilde Geschichte«, sagte er schließlich. Billy wartete. »Wir sind uns noch nicht einig, wie wir am besten mit Ihnen ver fahren. Einige Offiziere sind der Ansicht, dass Sie bis auf absehbare Zeit in einem Militärgefängnis untergebracht werden sollten. Das wäre die Lehrbuchlösung.« »Nein, bitte sperren Sie mich nicht ein!« Billy fühlte, wie es ihm die Kehle zusammenschnürte. »Ich wollte doch nur Ski laufen, weiter wollte ich doch gar nichts! Bitte nicht!« »Andere Offiziere würden es dagegen vorziehen, Sie erschießen zu lassen.« Billy verstummte. »Eins interessiert mich allerdings, Billy. Vor all diesen Verwick lungen wurden Sie doch von uns rekrutiert. Man hatte Sie angewor ben, weil Sie durch besondere Fähigkeiten aufgefallen waren.« Billy blinzelte. »Treffsicherheit«, half Li ihm auf die Sprünge. »Das ist richtig, ich kann ziemlich gut schießen. Besser als irgend wer sonst!« Billy fühlte, wie seine Handgelenke unter den Fesseln vom Schweiß glitschig wurden. »Wenn das stimmt, dann hätte ich möglicherweise Verwendung für Sie.« »Klar. Ich kann Ihnen zeigen ...« »Ich nehme an, Sie wissen, an was für eine Aufgabe ich denke.« »Klar, Mann, klar.« Billy überlegte fieberhaft. »So was Hecken schützenmäßiges?« »Hätten Sie damit ein Problem?« Darüber brauchte Billy nicht lange nachzudenken. Ja, allerdings hätte er ein Problem damit -- aber im Moment war ein anderes Pro blem viel dringender: Die NRALeute wollten ihn als Verräter er schießen. »Ach was! Geben Sie mir ein Gewehr, und ich leg jeden um, den Sie ...« »Schon gut«, unterbrach ihn General Li. »Alles zu seiner Zeit. Wenn alles glatt geht, werden wir Aufträge für Sie haben. Und zwar außerhalb der Australischen Territorien, sodass Sie der Regierung dort nicht mehr unter die Augen kommen.« »Und wenn ... wenn nicht alles glatt geht?« »Ich persönlich habe für die GefängnisLösung plädiert«, sagte General Li. »Wahrscheinlich würde es darauf hinauslaufen.« Er stand auf. »Ruhen Sie sich aus. Morgen früh werden wir sehen, wie es mit Ihren Fähigkeiten steht.« »Danke, Mann. Vielen Dank.« Gerade als der General gehen wollte, fiel Billy noch etwas ein: »Da, wo Sie mich dann hinschicken ... zu diesen Einsätzen ... gibt es da Berge? Und Schnee?« General Li lächelte. »Nein.« 48. Notwendigkeiten »Ich habe mich für Schmortopf entschieden«, verkündete Buy, als Jennifer zur Tür hereinkam. »Eigentlich hatte ich an Thunfischauf lauf gedacht, aber die Semmelbrösel, die du im Schrank hast, sind schon sechs Monate über das Haltbarkeitsdatum.« Er blickte sie vorwurfsvoll an. »Du kannst kochen?«, fragte Jennifer. »Entschuldige, aber ich musste irgendetwas tun.« Buy war wie verabredet nach Feierabend zu Jennifer gekommen, aber da musste sie gerade los, um Kate abzuholen. Also hatte sie ihn ins Haus gelas sen und ihm gesagt, er solle sich solange die Zeit vertreiben. Jetzt hatte er drei Töpfe auf dem Herd stehen, und im Backofen brutzelte etwas vor sich hin. »Ich hoffe, du hast nichts dagegen. Ich dach te ...«Er verstummte. »Was ist?« »Da hinter deinen Beinen versteckt sich ein Mädchen«, sagte Buy. Sie sah sich um. »Darf ich vorstellen, Buy: Das ist Kate. Kate, das ist Buy.« Buy winkte. »Sehr erfreut.« Kate sagte gar nichts. Sie hatte dunkle Augen wie ihre Mutter. Buy wurde plötzlich unsicher. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Kindern. »Kate, du könntest dich schon mal umziehen gehen«, schlug Jenni fer vor. Kate verschwand wortlos. Etwas war im Busch, das merkte Buy. In Kates Gesicht standen die Zeichen auf Sturm, und Jennifer wirkte müde und abgespannt. »Nettes Mädchen«, bemerkte Buy, während er in einem Topf rührte. »Ja, das ist sie.« Jennifer sah ihn an. »Hör mal, ich muss dich um etwas bitten -- um einen großen Gefallen.« »Klar.« »Ich muss dienstlich nach London. Ich weiß nicht, wie lange ich weg sein werde. Vielleicht eine Woche.« »Du musst weg? Wann denn?« »Noch heute Abend.« Buy betrachtete seinen Schmortopf. »Hast du noch Zeit zu essen?« »Leider nein.« »Tja, nur gut, dass ich ordentlich Hunger habe.« »Du kannst auch nein sagen ... aber ich brauche jemanden, der sich um Kate kümmert.« Sie sah ihn an. Buy hätte beinahe losgelacht. »Du willst, dass ich auf deine Tochter aufpasse?« »Du müsstest sie nur von der Schule oder von der Nachmittagsbe treuung abholen, ihr was zu essen machen ...« »Gibt es denn niemanden, der dafür besser geeignet wäre? Ver wandte? Ihren Vater?« »Ich frage nun mal dich«, entgegnete Jennifer. »Okay?« »Okay.« Er zögerte. »Aber du kennst mich doch noch gar nicht richtig.« »Aber sicher.« »Na gut, einverstanden«, sagte Buy. »Ich fühle mich sehr geehrt.« »Danke. Vielen, vielen Dank.« Die Erleichterung stand ihr ins Ge sicht geschrieben. »Ich dachte mir, du könntest vielleicht solange hier wohnen, damit Kate in ihrer vertrauten Umgebung bleibt. Wäre dir das recht?« »Klar.« Kate erschien wieder im Türrahmen. »Schatz, Buy wird sich um dich kümmern, solange ich unterwegs bin«, teilte Jennifer ihr mit. Kate sah ihn an. »Ist das in Ordnung? Er kocht gerade was Feines für dich.« Sie wartete. »Ich hab keinen Hunger.« »Du musst ja nicht jetzt essen. Es ist sowieso noch nicht fertig. Du kannst später essen.« Kate schwieg. »Es tut mir Leid«, sagte Jennifer. Sie presste die Hand gegen die Stirn. »Kate, es tut mir so Leid. Aber ich muss jetzt packen.« Sie verließ die Küche. Buy und Kate musterten sich gegenseitig. »Tja -- wir werden bestimmt ne Menge Spaß zusammen haben, du und ich.« Kate betrachtete den Herd. »Was kochst du da?« »Schmortopf. Magst du das?« »Was ist da drin?« »Kennst du etwa Schmortopf nicht?« Kate schüttelte den Kopf. »Was isst du denn normalerweise?« »Meistens Spaghetti.« »Na, dann lernst du jetzt mal eine echte Delikatesse kennen«, ver kündete Buy. »Du redest so komisch.« »Das kommt daher, dass ich in Frankreich geboren bin. Wenn du Lust hast, bringe ich dir ein paar Wörter in meiner Sprache bei. Dann kannst du deine Freunde mit deinen Kenntnissen in francais beeindrucken.« »In was?« »Francais«, wiederholte Buy. »So heißt Französisch auf Franzö sisch.« »Und wie heißt Kate auf Französisch?« »Kate«, sagte Buy. »Ach.« »Die meisten Wörter heißen aber anders«, versicherte er ihr. »Du wirst ungemein gebildet klingen.« »Na schön.« Sie lächelte ein wenig. »Ich glaub, jetzt hab ich Hun ger.« Kate deckte den Tisch. Beim Essen unterhielten sie sich über fran zösischen Käse. Kate wollte nicht glauben, dass es in Frankreich 500 Sorten gab, und verlangte von Buy, er solle sie aufzählen. Er kam mit Mühe und Not auf zehn, und obendrein beschuldigte sie ihn noch, den Roquefort erfunden zu haben. »Den gibt es wirklich«, bestätigte Jennifer, die gerade hereinkam. »Ich habe ihn schon mit eigenen Augen gesehen.« Sie lächelte Kate zu. Kate schwieg. Jennifer blickte Buy an. Ihm fiel wieder auf, wie erschöpft sie wirkte -- richtig gehetzt. »Vielen Dank, dass du das für mich tust. Ich rufe dich so bald wie möglich an.« »In Ordnung.« Jennifer ging neben Kate in die Hocke. Kate starrte auf ihren Teller. »Du weißt, dass ich das nicht gern tue, nicht wahr? Sobald ich wie der da bin, gehen wir beide zum Tierheim. Auf der Stelle.« »Ja, Mommy.« »Ich hab dich lieb. Ich hab dich wirklich lieb!« Buy fragte: »Soll ich dir mit dem Gepäck helfen?« Sie blickte auf. »Nein, danke. Meiner Schulter gehts schon viel besser.« Sie gab Kate einen Kuss und drückte auch ihm einen auf die Wange. »Tut mir Leid, aber ich habs wirklich eilig.« »Gute Reise.« »Danke.« Sie zog ihren Koffer hinter sich her zur Haustür hinaus. Buy spielte mit seiner Gabel herum. Kate starrte auf ihren leeren Teller. So hatte Buy sich den Abend nicht vorgestellt ... »Na, dann! Sollen wir mal im Kühlschrank nachsehen, was es zum Nachtisch gibt?«, fragte er schließlich. Kate schniefte. Buy bemerkte, dass sie weinte -- oder kurz davor stand. Panik überkam ihn. »He ...« Er stand auf und ging zu ihr hinüber. Er fühlte sich schrecklich hilflos. Was verstand er schon von Kindern? Nichts. »Pass auf, sie ist schneller wieder da, als du denkst. Bestimmt.« Kates Lippe zitterte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Buy stand ratlos da. Als sie die Arme nach ihm ausstreckte, drückte er sie an sich. Es war ein seltsames Gefühl, als sie ihre kleinen Arme um sei nen Hals legte. Seltsam und schön. Er strich ihr über das Haar. »Du bist ein tapferes Mädchen.« Er hielt sie lange im Arm. Als sie sich schließlich wieder beruhigt hatte, fragte er: »Und jetzt den Nachtisch?« Er spürte, wie sie nickte. 49. The Gap Als Hack auf dem Parkdeck ankam, waren die anderen ganz aus dem Häuschen. »Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte ihn Leisl. Leisl hatte grüne Haare und war stark geschminkt. Sie hatte sich besonders auf genmanipulierte Lebensmittel eingeschossen, war aber auch sonst immer dabei, wenn es Leuten an den Kragen ging, die Geld scheffelten. »Was für Nachrichten?«, gab Hack zurück. »Da ist einer erschossen worden! Einer vom einen Konzern hat ei nen vom anderen Konzern abgeknallt. Das ist das reinste organisier te Verbrechen. Gangstermethoden sind das!« »Davon hab ich nichts gehört«, sagte Hack und fragte sich im Stil len, ob Nike wohl etwas damit zu tun hatte. »Das macht unsere Sache hier umso wichtiger, stimmts, Hack?«, fragte Thomas. Er war der Jüngste, im Grunde noch ein Kind. Er regte sich über alle möglichen Ungerechtigkeiten auf-- zum Beispiel darüber, dass nur die Reichen im Flugzeug erster Klasse reisen konnten. »Stimmt«, bestätigte Hack. »Hi, Claire.« »Hi.« Sie lächelte. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen in der Abend luft. »Steht dein Entschluss noch?« »Klar doch«, sagte Hack. »Packen wirs an.« Er zog kurz in Erwä gung, eine kleine Rede zu halten. »Jawoll!«, rief Thomas. Er war ganz schön aufgedreht. Das waren sie irgendwie alle, dachte Hack. »Wir sind startklar«, verkündete Leisl. »Ich hab die Seile befestigt. Es kann losgehen.« »Okay.« Da Hack Leisl nicht recht über den Weg traute, überprüfte er die Seile lieber noch einmal selbst. Immerhin ging es sechs Stock werke tief hinunter. Hack hatte keine Lust, auf halber Strecke fest zustellen, dass Leisl Hanfseile oder dergleichen benutzt hatte. »Dann auf in den Kampf.« An der Außenwand des Parkhauses war eine riesige Werbetafel angebracht, auf der eine Reklame für The GapStretchhosen prangte. Das Bild des Models reichte fast sechs Stockwerke hoch, aber die Arme waren dünn wie Stöckchen. Er und Claire wollten sich absei len und mit Farbe eine Sprechblase sprühen, in der stand: LASST MICH NICHT VERHUNGERN. Sie seilten sich an und stellten sich nebeneinander auf die Brüstung. Claire hatte ganz rote Wangen -- Hack wusste nicht, ob vor Aufre gung oder vor Kälte. Sie fasste seine Hand. »Ich kann noch gar nicht glauben, was wir hier machen.« »Bereit?«, fragte Leisl. »Fertig zum Absprung«, sagte Hack und machte einen Schritt über die Kante. Plötzlich lag die Straße 18 Meter tief unter ihm. In seinem Kopf drehte sich alles. Jede Faser seines Körpers verlangte schreiend, in die Senkrechte zurückzukehren. Was machst du da? Hack, so was tust du doch sonst nicht! Doch Hack tat es. Allmählich bekam er den Bogen heraus, stieß sich von der Wand ab und ließ sich zurück schwingen. Es machte richtig Spaß. Bald seilte er sich in großen Sprüngen an der Werbetafel ab. Als er den Hals des Models erreicht hatte, hielt er inne und sah sich nach Claire um. Sie war noch beim Abstieg. »Alles klar bei dir?« »Ja!« Hack blies in seine Hände, um sie warm zu halten, und genoss die Aussicht auf die Einkaufsmeile, die sich unter ihm erstreckte. Der Verkehr strömte über die Punt Road wie ein Fluss aus Metall. Hack fragte sich, was die Autofahrer wohl denken mochten, wenn sie ihn und Claire bemerkten. Claire kam langsam näher. »Was ist denn in dich gefahren -- machst du hier den Stuntman? Hopst und springst da rum wie be kloppt.« Er grinste. »Macht Spaß.« Sie lächelte und musterte ihn aufmerksam. »Weißt du was? Ich bin richtig stolz auf dich.« »Was?« »Ich dachte, nach dieser Geschichte mit Violet würdest du dich hängen lassen und rumjammern ... Ich bin echt beeindruckt. Du machst dich großartig.« Er zuckte mit den Schultern. »Violet und ich haben nie besonders gut zusammengepasst.« Aber Claire hatte natürlich Recht -- der alte Hack wäre untröstlich gewesen, dass sie ihn abserviert hatte. Er hät te vor sich hin geschmollt, weil Violet plötzlich erfolgreich war, um die halbe Welt reiste und sich nicht mehr um ihn scherte. Aber den alten Hack gab es nicht mehr. Es gab jetzt das neue, verbesserte Mo dell. »Umso besser für dich.« Claire riss die Kappe einer Sprühdose auf und begann mit der Sprechblase. Sie arbeitete so konzentriert, dass ihr die Zungenspitze aus dem Mundwinkel ragte. Hack lächelte. Dann öffnete er den Mund und heraus purzelten die Worte: »Weißt du, zuerst war ich ja in dich verliebt.« Claire sah ihn verdutzt an. »Wie bitte?« »Ähm ...« »Was? Sag das noch mal!« Sie ließ die Sprühdose sinken. »Ich war in dich verliebt«, gestand Hack. »Noch bevor das mit Vio let anfing.« »Wirklich?« »Ja.« »Aber -- ich hatte doch ein Auge auf dich geworfen! Ich habe im mer darauf gewartet, dass du mich mal aufforderst, mit dir auszu gehen. Hast du aber nie getan.« »Ich wusste ja nicht, dass du ...« Er wurde verlegen. »... dass du mich mochtest.« »Wie ist es denn möglich, dass du das nicht gemerkt hast? Das war doch nicht zu übersehen! Ich hab dich sogar meinen Eltern vorge stellt.« »Stimmt...« Hack erinnerte sich an das Abendessen bei Claires Fa milie. Bei der Gelegenheit hatte er Violet kennen gelernt. »Ich nehme an, ich konnte es einfach nicht glauben.« Claire lächelte und begann wieder zu sprühen. »Was ist daran so schwer zu glauben?« »Naja, du ... du bist so ...« Er zögerte. Sie sah ihn an. »So was?« »So was Besonderes«, sagte Hack. Claire lachte auf, dass es durch das gesamte Parkdeck hallte. Hack fühlte sich auf einmal unendlich glücklich. »Du bist ein Trottel.« »Ich war ein Trottel.« »Was soll das heißen?« »Das soll heißen: Ich wünschte, ich hätte dich gebeten, mit mir auszugehen«, sagte er und versetzte Claire spielerisch einen Stups gegen den Arm. Dummerweise hatte er ganz vergessen, dass sie an einem Seil hing. Sie schnappte erschrocken nach Luft und griff nach ihm. Hack verlor den Halt und schwang hilflos gegen die Mauer. Der Aufprall war so heftig, dass Hack nach Luft schnappte. Dann stieß Claire von hinten gegen ihn und sie hingen beide an der frosti gen Betonwand. Hack drehte sich um und fasste nach Claire. »Ich Idiot! Alles in Ordnung mit dir?« »Willst du uns umbringen?«, japste Claire, aber dann lachte sie los, und Hack lachte mit. »Nein, Ehrenwort.« Ihre Lippen waren nur Zentimeter von seinen entfernt -- zu nah, als dass er hätte widerstehen können. Er küsste sie, und sie erwiderte den Kuss. Es war ein Gefühl, als ob ein Stau damm gebrochen wäre. Hack hörte ein leises Stöhnen, von dem er nicht wusste, ob es von ihr oder von ihm selbst kam. »Hey! Alles in Ordnung da unten?«, rief Leisl. Hack löste sich von Claire. Beide atmeten heftig, sodass Dampf wölkchen zwischen ihnen in der Luft hingen. »Ja!«, rief er zurück. »Alles bestens!« 50. Team Advantage Violet wollte zweierlei unbedingt: nach Hause und drei Millionen Dollar. Sie wusste nicht genau, was davon sie dringender wollte, aber die Frage war ohnehin müßig. Bei ExxonMobil waren nämlich eine ganze Menge Leute darauf aus, das eine wie das andere zu ver eiteln, und das mit großem Nachdruck -- einmal hatten sie sie sogar mit Spritzen ruhig gestellt. Jetzt war sie in einem fensterlosen Kran kenzimmer auf einer Büroetage eingeschlossen und hatte Mühe, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern. Sie starrte schon geraume Zeit auf ein Paar braune Schuhe, bis ihr dämmerte, dass folglich jemand anwesend war. Sie erschrak und schlug wild um sich. »Pssst. Beruhigen Sie sich.« »Wer ...« »Fangen Sie nicht wieder an zu schreien. Sonst muss ich den Arzt holen.« »Ich habe nicht geschrien«, protestierte Violet, aber sicher war sie sich nicht. »Sie wollen doch hier raus, oder?« »Ich will nach Hause. Bitte.« »Glauben Sie, dass Sie ein paar Fragen beantworten können?« Violet biss sich fest auf die Lippe und versuchte sich zu konzen trieren. Sie nickte. »Gut. Aber machen Sie keine Dummheiten.« Der Mann stand auf. Dann betraten mehrere Leute nacheinander den Raum. Unter ihnen war eine Frau mit grünen Augen und mittelblondem Bubikopf. Ein Mann brachte ihr einen Stuhl. »Hallo, Violet. Wissen Sie, wer ich bin?« Violet schüttelte den Kopf. »Ich bin Holly T. A., CEO von Team Advantage.« Die Worte ergaben keinen Sinn. Violet starrte in Hollys Augen. Sie waren wirklich sehr grün. »Sie haben einiges durchgemacht. Wie fühlen Sie sich?« »Man hat mir eine Spritze gegeben.« »Das war nur etwas zur Entspannung, meine Liebe. Wir stehen alle auf Ihrer Seite. Wir wollen Ihnen helfen.« Violet schwieg. »Ich möchte mit Ihnen über Donnerstag sprechen. Über das, was im Konferenzzimmer von ExxonMobil vorgefallen ist. Wissen Sie, was ich meine?« »Ja.« »Da war ein Mann. Und das ist jetzt sehr wichtig. Es sah ganz so aus, als ob der Mann Sie kennen würde. Wissen Sie, wer das war?« »Welcher Mann?« »Der ...« Holly unterbrach sich. »Also, meine Liebe, Sie waren vor zwei Tagen im Konferenzzimmer von ExxonMobil, und da ist ein Mann mit einer Pistole reingekommen. Erinnern Sie sich daran?« »Pistole?« »Er hat Nathaniel ExxonMobil erschossen. Wissen Sie, wer dieser Mann war?« »Er ist reingekommen ...«, sagte Violet und plötzlich waren da lau ter Männer um sie herum und hielten sie fest. Holly stand mit auf gerissenen Augen vor ihr. »Violet!«, schrie ihr einer der Männer ins Gesicht. »Violet!« Sie schloss den Mund. Dann schloss sie auch die Augen, um die Gestalten nicht mehr ertragen zu müssen. »Der Zeitpunkt ist wohl etwas ungünstig«, sagte jemand. »Was hat sie gekriegt?« »Tavor. Ich wusste ja nicht, dass jemand mit ihr reden wollte. Sie haben gesagt, ich soll sie ruhig stellen.« »Genug«, sagte Holly. Violet spürte eine Hand auf ihrer Stirn. Sie schlug die Augen auf. Holly saß neben ihr und sah sie mit ihren grünen Augen besorgt an. Violet verspürte plötzlich große Zunei gung zu ihr. »Strengen Sie sich an, meine Liebe. Versuchen Sies.« »Helfen Sie mir.« »Ganz bestimmt. Sagen Sie mir nur, wer dieser Mann war.« Der Nebel lichtete sich ein wenig. Violet erinnerte sich, wie er in ihrem Wohnzimmer gestanden und sie aus der Dunkelheit ange starrt hatte. Violet -- so heißt du doch? Wenn du das tust, wirst du es bereuen. Das garantiere ich dir. Sie sagte: »Er heißt John Nike.« »Na also.« Holly nickte erfreut. »Gutes Mädchen.« Nachdem sie die Medikamente abgesetzt hatten, ging es ihr besser. Am nächsten Morgen war ihr Kopf schon beinahe klar. Ihr Gepäck wurde aus dem Hotel gebracht, und sie konnte duschen und frische Sachen anziehen. Der Haken daran war, dass zugleich auch ihre Erinnerungen zurückkehrten. Sie musste immer wieder an John Ni ke denken. Sie wollte unbedingt aus London fort. Violet stopfte gerade die schmutzige Wäsche in ihre Tasche, als Holly erschien. »Sie sehen ja schon wieder viel besser aus.« »Das kommt daher, dass mir niemand mehr Spritzen verpasst.« Holly lächelte. »Tut mir Leid. Aber wie ich gehört habe, waren Sie einfach nicht zu bändigen.« Sie setzte sich auf die Liege. »Violet, Sie müssen etwas für mich tun.« »Und Sie müssen mir drei Millionen geben«, sagte Violet. »Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn mich jemand zum Flughafen bringt.« Holly blinzelte. »Wie bitte?« »Nathaniel ExxonMobil hat meine Software für 2,8 Millionen Dol lar gekauft. Ich habe alles getan, was er wollte. Jetzt will ich mein Geld.« »Also, das müssen Sie schon mit ExMo regeln«, sagte Holly. »T. A. hat damit nichts zu tun.« »Es ist mir egal, wer damit was zu tun hat. Ich habe einen Ver trag.« »Ich will sehen, was ich tun kann. Und im Gegenzug können Sie mir einen kleinen Gefallen tun.« »Nein. Ich tu überhaupt niemandem einen kleinen Gefallen, und schon gar nicht Leuten, die sich einen Spaß daraus machen, Spritzen in mich reinzujagen. Ich nehme mein Geld und fahre nach Hause.« »Wollen Sie sich denn nicht mal anhören, worum es geht?« Violet zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu. »Nein.« »Heute findet ein wichtiges Treffen statt -- eine Begegnung zwi schen T. A., USAlliance und der Regierung. Ich möchte, dass Sie mitkommen und mir Bescheid geben, wenn Sie diesen John Nike dort irgendwo sehen.« Violet stockte der Atem. »Kommt nicht infrage. Das mach ich nicht. Auf keinen Fall.« »Es steht eine Menge Geld für Sie auf dem Spiel.« »Sie ... Sie schulden mir Geld, ob ich Ihnen helfe oder nicht.« »Jetzt seien Sie doch vernünftig«, sagte Holly. »Nein!« Violet hörte, wie ihre Stimme bebte. »Ich gehe nirgendwo hin, wo sich dieser John Nike rumtreibt! Ist das klar?« Sie schulterte ihre Tasche. Ein Mann erschien in der Tür und versperrte ihr den Weg. Er trug die Uniform des PolizeiEinsatzkommandos. Auf sei nem Namensschild stand: EINS. »Ich habe mich wohl nicht deutlich genug ausgedrückt -- das war keine Bitte«, sagte Holly. Violet brach in Tränen aus. 51. US-Alliance John hatte 20 Minuten Zeit, um einen Haufen Werbekampagnen zu sichten und seinen Hintern ins Parlament zu bewegen. Die Agentur hatte für ihn einen Raum voller Präsentationsmaterial vorbereitet. Plakate hingen an den Wänden, Fernseher flimmerten und Radios dudelten vor sich hin. Die Werbeleute hatten sich mächtig ins Zeug gelegt -- immerhin würde John nach seinem Besuch darüber ent scheiden, ob die Agentur ein Stück vom Kuchen des internationalen USAllianceWerbebudgets abbekam. Johns Karriere war in der ver gangenen Woche abgegangen wie eine Rakete. Sie hatte in dem Moment gezündet, als er bei ExxonMobil ein Auto durch die Glas front jagte. »Was zum Teufel soll das sein?«, fragte er und deutete auf einen Fernseher. Dann sprach er in sein Handy: »Nein, Sie doch nicht, Georgia.« »Diesen Entwurf halten wir für besonders gelungen«, erklärte der Mann von der Werbeagentur. »Sehen Sie, wir haben darin Elemente aus George Orwells 1984 verarbeitet, das im Bewusstsein der Ver braucher natürlich dank Apples ...« »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst«, sagte John. »Die Regierung als allmächtig darstellen?« »Nunja ...« »Nur zu«, forderte er Georgia auf. »Sie wollten mir gerade erklären, woher Gregory Nike weiß, dass ich ein Problem mit der Regierung habe.« »Die Regierung fragt alle und jeden aus.« Georgias Stimme klang müde -- in Melbourne musste es spät sein. »Seit diesem Vorfall bei ExxonMobil lassen die nicht mehr locker. Sie wollen wissen, wo unsere Führungskräfte sich aufhalten.« »Hat Jennifer sich bei Ihnen gemeldet?« Der Mann von der Agen tur blieb vor einem Plakat stehen. Darauf stand: Reden ist Silber, Fi nanzierung ist Gold -- vergessen Sie nicht Ihre Geheimhaltungspflicht. John warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Nein, John.« Er seufzte. Es war wirklich höchste Zeit, dass John aus seinem ver dammten Koma aufwachte. John wäre der Richtige, um Probleme wie Jennifer Government aus der Welt zu schaffen. Er sah auf die Uhr. »Wenn ich das nächste Mal anrufe, dann will ich von Ihnen ganz genau wissen, wo sie steckt. Ist das klar? Den Rest erledige ich selbst.« Er wollte das Gespräch gerade beenden, als ihm noch etwas einfiel. »Sagen Sie mal, Georgia, arbeitet Hack noch bei Nike?« »Hack?« »Der MerchandisingTyp, den ich für den ... den Zwischenfall mit den Mercurys eingesetzt hatte.« »Moment, ich seh mal nach ... ja, John, der arbeitet noch bei uns.« »Aha.« Wenn man in großen Maßstäben dachte, verlor man kleine Details doch leicht aus den Augen, stellte John fest. »Schmeißen Sie ihn raus, ja?« Er steckte das Handy ein. Der Mann von der Agentur hob die Augenbrauen. »Wir nehmen die Kampagne Uncle Sam will dein Eigentum und die FreiheitGeschichte mit Nelson Mandela -- al les, was gegen T. A. ist, will ich mir für später aufheben -- und ... was war noch das andere, was ich gut fand?« »Was wäre die Welt ohne Konzerne?« »Genau. Die Höhlenmenschen gefallen mir.« »Ausgezeichnete Wahl!«, sagte der Mann von der Agentur. »Ich freue mich wirklich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, John.« »Davon gehe ich aus«, gab John zurück. Draußen stand schon die Limousine bereit. Auf den Straßen im Umkreis von 800 Metern um das Parlament ging gar nichts mehr. Jedes zweite Fahrzeug war eine Limousine -- sie säumten ganze Straßenzüge. John trommelte mit den Fingern auf dem Sitz. »Ist Ihnen klar, dass ich in drei Minuten da sein muss?« »Bei dem Verkehr -- nichts zu machen, Mann«, sagte der Fahrer. »Na schön.« John öffnete die Tür. Manche Leute setzten sich über Regeln hinweg, wenn die Situation es erforderte, und andere nicht -- so einfach war das. Für Letztere hatte John keine Verwendung. Er marschierte zügig los. Das Parlament war von Bürogebäuden umgeben. Es kam ihm vage bekannt vor -- vielleicht hatte er es mal in einem Film gesehen. Es war ein weitläufiger Prachtbau, aber John hätte wetten mögen, dass es drinnen arschkalt war. Der Regierung kam es immer mehr auf die Optik als auf die Funktionalität an. »Hey!«, schrie jemand. Der PepsiBoy lehnte sich aus einer Limou sine. »John! Warte mal!« John tippte nur auf seine Armbanduhr und marschierte weiter. Der PepsiBoy hatte einen Riecher dafür, an wen er sich halten musste -- seit dem Tag an der Börse klebte er an John wie ein Blut egel. Allmählich ging es John auf den Zeiger, wie dieser Schmarot zer versuchte, von seinem Ansehen zu profitieren. John erklomm die Treppe zum Parlamentsgebäude im Laufschritt. Die Eingangshalle war gerammelt voll mit Anzugträgern, und eine Welle menschlicher Körperwärme strömte ihm entgegen. Er rümpf te die Nase. »Mann, du hättest ruhig warten können«, japste der PepsiBoy. »Wenn du mir schon den Ferrari zu Schrott fährst, kannst du ja wohl wenigstens mal auf mich warten.« Von der Eingangshalle gingen zwei breite Durchgänge ab. Über einem stand REGIERUNGSVERTRETER, über dem anderen KONZERNVERTRETER US ALLIANCE/TEAM ADVANTAGE. John musste tief durchatmen. Es war ein großer Fehler gewesen, sich von der Regierung den Veranstaltungsort diktieren zu lassen. »Die bei der Autovermietung sind ausgeflippt. Ich hab versucht, ihnen klar zu machen, dass das gute Publicity für sie ist, weil doch die Stoßstange mit ihrem Firmenlogo in den Nachrichten zu sehen war. Aber diese Typen denken manchmal so was von kleinkariert. Die wollten mir nicht mal nen Ersatzwagen geben.« »Was willst du von mir? Soll ich die vielleicht anrufen und denen sagen, es wäre eine offizielle Aktion von USAlliance gewesen?« John bahnte sich einen Weg zum Durchgang für die Konzernvertre ter. »Würdest du das etwa machen?«, fragte der Junge. »Mann, das war echt superklasse.« »Ich denke nicht daran, bei irgendeiner beschissenen Autovermie tung anzurufen«, fuhr John ihn an. Der Durchgang führte zu einem langen Flur, in dem weniger Ge dränge herrschte. Dort entdeckte John Gregory Nike. Er seufzte. Auch für Gregory hatte er derzeit wenig Verwendung. Aber Grego ry winkte ihn schon zu sich. John setzte ein Lächeln auf und ging hinüber. »John, wir wollten gerade reingehen. Sind Sie mit den Herren hier bekannt?« Gregory befand sich in Gesellschaft einiger hoher Tiere von US Alliance. Auch Alfonse, der CEO, war dabei. »Selbstverständlich. Alfonse -- sehr erfreut, Sie wiederzusehen.« Alfonse nickte ihm zu. Er und John hatten während der letzten zwei Tage ein paar interessante Gespräche geführt. Alfonse hatte ein persönliches Interesse an ihm gezeigt. Die Beleuchtung wurde heruntergedimmt. »Wir sollten jetzt besser reingehen«, sagte Gregory. »Gutes Gelingen, Gentlemen.« Er legte John die Hand auf den Arm. »John kommt mit uns«, sagte Alfonse. »Ja, ich sitze bei Alfonse«, bestätigte John und blickte auf Gregorys Hand hinab. Gregory ließ ihn los. »Verstehe.« »Das ist wirklich eine große Ehre«, sagte John. »Ich meine, für Ni ke.« Gregory schwieg. Dann beugte er sich dicht zu John hinüber. »Sie haben eine schlechte Angewohnheit John -- Sie vergessen gern, wem Sie Loyalität schuldig sind.« »Hmm«, murmelte John. »Darüber muss ich mal nachdenken. Ent schuldigen Sie mich.« Der PepsiBoy hängte sich an seinen Arm. »Wir sitzen bei den ho hen Tieren?« »Ich sitze bei den hohen Tieren.« »Und was ist mit mir?« »Du kannst mit deinen PepsiFreunden spielen gehen -- oder hast du keine?« »Ich dachte, wir sind n Team, Mann«, schmollte der Junge. »Na, dann hast du jetzt was dazugelernt«, erwiderte John eiskalt. Als sie den großen Saal mit der altertümlichen Bezeichnung House of Commons betraten, kamen sie sich vor, als wären sie plötzlich in ein Gewitter geraten. In dem riesigen Saal saßen mindestens 500 Leute, dazu kamen Kamerateams und Computeranlagen. Kronleuchter hingen von der Decke, ringsum an den Wänden ver liefen hufeisenförmig Galerien, und in der Mitte stand ein schwerer, massiver Tisch. Noch war er leer -- wie eine Bühne vor dem Auftritt. Die meisten der USAllianceVertreter nahmen in den äußeren Sitzreihen Platz. Nur Alfonse, eine Frau und John steuerten auf den Tisch zu. Als die Menge sie erkannte, stieg der Lärmpegel noch wei ter an. John goss sich ein Glas Wasser ein. Seine Hand zitterte. »Alfonse«, sagte jemand. John blickte auf. Eine weitere Delegation war eingetroffen -- eine Frau mit zwei Untergebenen im Schlepptau. »Ich bin Holly T. A.« Der Tisch war zu breit, als dass sie sich darüber hinweg die Hände hätten schütteln können. Alfonse erhob sich andeutungsweise von seinem Stuhl, nickte und setzte sich wieder. »Guten Morgen, Holly.« Sie lächelte. Wirklich umwerfend, diese Holly T. A., fand John. »Guten Morgen, Alfonse«, erwiderte sie. Holly setzte sich, doch eine ihrer Untergebenen, eine junge Frau, blieb wie angewurzelt stehen und starrte John an. Aus ihrer Kehle drang ein seltsamer Laut, es klang fast wie ein Wimmern. »Setzen Sie sich, Violet«, sagte Holly. Das Mädchen gehorchte und wandte das Gesicht von John ab. Er begriff: Das war das Mädchen, das bei ExxonMobil dabei gewe sen war, als er Nathaniel erschossen hatte. Aber da war es ihm auch schon bekannt vorgekommen ... »Ah!« Was war er doch für ein Idiot! Es war dunkel gewesen, natürlich, und am anderen Ende der Welt, aber trotzdem. Er hätte dieses Gesicht niemals vergessen dürfen. »Jetzt erinnere ich mich. Hallo, Violet -- so sieht man sich wieder.« Er richtete den Zeigefinger wie eine Pistole auf sie. Zu seiner Belustigung sprang sie fast vom Stuhl, und der andere Lakai musste sie bändigen. Holly flüsterte den beiden etwas zu. John lehnte sich zurück. Alle Anspannung war von ihm abgefallen. Er war bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Als eine weitere Gruppe den Saal betrat, hielt John sie auf den er sten Blick für gewöhnliche Zuschauer oder Journalisten. Dabei hätte er eigentlich erkennen müssen, um wen es sich handelte -- billige Anzüge und unmoderne Krawatten waren geradezu das Marken zeichen der Regierung. Etwa 15 Leute marschierten auf den Tisch zu. John schüttelte den Kopf -- typisch Regierung, 15 Leute für eine Sache abzustellen, die man in der freien Wirtschaft zu dritt erledigte. Er erkannte erst, wer von den Leuten der Präsident war, als ein Mann aus der Gruppe vortrat und auf Holly zuging, um ihr die Hand zu schütteln. Er wirkte irgendwie ruppig -- wie ein alter Poli zist. Holly stand auf und ergriff seine Hand mit beiden Händen. Von der Galerie ertönte Applaus, und ein Blitzlichtgewitter ging los. John verkniff sich ein verächtliches Schnauben. Wenn die auf ein Bild aus waren, das den Geist dieser Zusammenkunft widerspiegel te, dann war dieses Händeschütteln jedenfalls das falsche Motiv. Der Präsident richtete ein paar Worte an Holly und umrundete dann den Tisch, um Alfonse die Hand zu schütteln. Erneut Applaus und Blitzlichtgewitter. »Danke, dass Sie gekommen sind, Alfonse«, sagte der Präsident. »Mir ist wirklich daran gelegen, diese unerfreu liche Lage zu klären.« »Mir ebenso«, sagte Alfonse. »Mir ebenso.« Was für ein Haufen Scheiße, dachte John. Der Präsident nahm am Kopfende des Tisches Platz. USAlliance und T.A. saßen einander an den Seiten gegenüber, was John ganz und gar nicht gefiel. Das ganze Szenario war so angelegt, wie es der Regierung am besten passte. Aber egal -- die Waagschale würde sich noch früh genug neigen, davon war John überzeugt. Ein paar Minuten lang rannten Techniker hin und her, bis alle mit Mikrofonen verkabelt waren. Dann stand der Präsident auf. Die Menge verstummte, und damit konnte dieses ganze elende Schla massel nun wohl endlich beginnen. 52. General Motors Jennifer hatte gehofft, nach der Landung in London etwas Leerlauf zu haben -- genug Zeit, um beispielsweise John Nike aufzustöbern und ihm das Gebiss einzuschlagen. Doch der Flug von Australien dauerte so lange, dass sie und Calvin erst mit den letzten Agenten eintrafen und direkt zu einem Lagerhaus verfrachtet wurden, das die Regierung als Sammelplatz eingerichtet hatte. Jennifer stand in einer langen Schlange vor dem Gemeinschaftswaschraum an, dusch te und traf dann wieder mit Calvin zusammen, um sich zur Stelle zu melden. »Ah ja, Jennifer -- Sie sind Truppenführerin, nicht wahr?«, emp fing sie der Verwaltungsangestellte. »Tatsächlich?«, fragte sie. »Hört sich eher nach einer Verwechslung an«, bemerkte Calvin. »Truppenführerin? Mit deinen Führungsqualitäten?« »Jennifer, holen Sie sich an der Ausgabestelle Ihre Schutzausrü stung ab und finden Sie sich dann bei Ihrem Team in Sektor D 21 ein.« Sie fand die Ausgabestelle, vor der es eine noch längere Warte schlange gab als vor dem Waschraum, und nahm die umfangreich ste Ausrüstung in Empfang, die sie seit fünf Jahren zu Gesicht be kommen hatte -- eine kugelsichere Weste, einen Schutzhelm, einen Schlagstock und sogar einen Schild. »Darf ich Ihnen vielleicht beim Anlegen behilflich sein, meine Hübsche?«, fragte der Mann an der Ausgabe. »Lecken Sie mich am Arsch«, gab ihm Jennifer unmissverständlich zu verstehen -- ihre erprobte und bewährte Reaktion auf zudringli che Regierungstypen. Dann fiel ihr Blick auf den Fernseher hinter ihm. Es lief gerade eine LiveÜbertragung von der Konferenz der Regierungs und Konzernvertreter. Die drei Repräsentanten von US Alliance kamen ins Bild. »Scheiße! Das ist ja John!« »Was?«, fragte Calvin. Jennifer zeigte auf den Bildschirm. »John Nike!« Dann wandte sie sich an den Mann von der Materialausgabe. »Wo findet das statt?« »Die Konferenz? Im Parlament.« »Calvin, ich verspüre einen plötzlichen Drang, meine Einsatzpa rameter zu modifizieren«, verkündete Jennifer. »Jen, wir haben bereits einen Einsatz!« »Aber John Nike ist da!« »Wenn er zu der Delegation von USAlliance gehört, dann wird er noch den ganzen Tag lang da sein. Wir schnappen ihn uns, wenn wir die Razzien hinter uns haben. So kriegt jeder, was er will.« Jennifer starrte auf den Fernseher. »Sieh ihn dir an. So was von selbstgefällig!« »Dem werden wir abhelfen«, versicherte ihr Calvin. »Nach dem Einsatz.« Jennifers Team bestand aus fünf Leuten, von denen der Älteste etwa 23 Jahre alt sein mochte. Während der Transporter über die Londoner Straßen holperte, saßen die fünf stumm da und warfen verstohlene Blicke auf Jennifers Tätowierung. Sie wünschte, sie hätte etwas Aufmunterndes zu sagen gewusst. Aber ihr fiel nichts ein. Sie wünschte, sie hätte Calvin mit im Team gehabt. Der Transporter hielt, und der Fahrer klopfte an die Trennwand. Jennifer machte den Mund auf und hörte sich sagen: »Dann mal los!« Sie befanden sich auf einem Parkplatz vor einem 15stöckigen Ge bäude mit schimmernder Fassade. Ein Schild wies es als Unterneh menssitz von GENERAL MOTORS aus. Sogar eine Flagge wehte über einem ausgedehnten, grünen Rasen. Es regnete leicht, als sie im Laufschritt zum Eingang trabten. Jennifer hatte ein wenig Skrupel, in voller Kampfmontur so einfach in solch einen Prachtbau zu stürmen und alle darin zu Tode zu er schrecken. Andererseits bereitete es ihr tiefe Genugtuung. Sie packte einen verschreckten Empfangssekretär am Kragen und las die Na men der Führungskräfte von ihrer Liste ab. »Wo finde ich die?« »Die sind ... auf verschiedenen Stockwerken. Viertes, Achtes und Neuntes.« »Drei Teams!«, befahl Jennifer. »Ich übernehme das Neunte. Wir treffen uns anschließend wieder hier unten.« »Sie können da nicht einfach so raufgehen!«, protestierte der Emp fangssekretär entgeistert. »Das hier ist Privateigentum! Das dürfen Sie nicht!« »Das glauben Sie vielleicht«, sagte Jennifer und stürmte die Treppe hoch. Sie fand den Gesuchten, indem sie den Flur entlangmarschier te und laut seinen Namen rief. Als ein Mann den Kopf aus einem Büro streckte, verpasste sie ihm Handschellen. Das Ganze war viel leichter, als sie gedacht hatte. »Das ist doch lächerlich! Ich bin Controller! Ich habe mit US Alliance überhaupt nichts zu tun! Sie können mich doch nicht ein fach verhaften!« Sie führte ihn die Treppe hinunter. Der Rest ihres Teams erwartete sie schon mit den festgenommenen Managern in der Eingangshalle. Doch dann bemerkte sie ein Dutzend NRASoldaten, die halbauto matische Gewehre auf sie gerichtet hielten. Plötzlich war die Sache gar nicht mehr so lustig. »Sie da! Waffe weg!« »Wir sind von der Regierung«, sagte Jennifer -- nur für den Fall, dass es sich um ein Missverständnis handelte. »Wir verhaften hier drei Personen wegen Mordverdachts.« »Nein, Maam. Sie befinden sich auf dem Gelände von General Motors, und Sie werden die Anweisungen von GM befolgen.« »Visier runter und in Schussbereitschaft, Leute«, kommandierte Jennifer mit fester Stimme. »Waffen stecken lassen!«, blaffte der NRAMann. Eine Menge Ge wehre richteten sich auf Jennifer. »Tun Sie, was ich gesagt habe«, befahl sie. Ihre Leute gehorchten -- sie hörte, wie Helmvisiere geschlossen und Holster geöffnet wurden. »Waffen weg, oder wir schießen!« »Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie sechs Bundesagenten er schießen wollen«, warnte ihn Jennifer. »Das sollten Sie sich wirklich gut überlegen.« »Letzte Warnung!« »Leute, mir nach und durch die Tür nach draußen. Niemand er öffnet das Feuer. Und dass mir keiner entkommt.« »Denken Sie, ich mache Witze, Lady? Ich hab verdammt klare Anweisungen! Wenn Sie versuchen, unsere Leute mitzunehmen, dann knallen wir Sie ab!« Der Mann drückte ihr den Gewehrlauf gegen die Stirn. Das Metall fühlte sich hart und eiskalt an. »Das hier ist keine Übung.« Jemand stöhnte ängstlich auf. Jennifer hätte sich gern eingeredet, dass es einer der NRAMänner war, aber das glaubte sie selbst nicht. Der Soldat fixierte sie ungerührt. Sie sagte ruhig: »Sie müssen schon sehr sicher sein, dass Ihr Auf traggeber Sie vor der Regierung beschützen kann.« »Ich bin sehr sicher.« Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie wandte sich an ihre Leute: »Lassen Sie sie frei.« Die NRALeute beobachteten sie, bis sie wieder bei ihrem Trans porter angekommen waren. »Was geht hier vor?«, brüllte sie. »Es ist überall das Gleiche«, berichtete Calvin über Funk. »NRA Kommandos ziehen durch die Stadt und sind auf jeden Hilferuf binnen sechs Minuten zur Stelle, im Zentrum sogar noch schneller. Bei T. A. läuft es besser, die haben nicht so eine gute Verteidigung. Mach bloß keine Dummheiten, Jen. Zwei von unseren Agenten lie gen schon im Krankenhaus.« »Das hier sollte eine Machtdemonstration werden!« »Was soll ich dazu sagen? Versuch eben, deinen nächsten Einsatz in weniger als sechs Minuten durchzuziehen.« Doch ihr nächster Einsatz war bei der NRA. Es handelte sich zwar nur um ein Verwaltungsgebäude, aber Jennifer rechnete sich trotz dem keine großen Chancen aus. Sie ließ den Transporter zwei Blocks entfernt anhalten und duckte sich mit ihren Leuten hinter eine Hecke. Während sie ihre Ausrüstung überprüften, durchweich te der Regen ihre Kleidung. »Halten Sie Ihre Visiere die ganze Zeit geschlossen. Auf keinen Fall stehen bleiben. Wenn wir auf bewaffnete Sicherheitskräfte stoßen, Aktion sofort abbrechen. Schusswaffen nur in Notwehr gebrauchen. Ist das klar?« »Ja, Maam.« »Los!«, kommandierte sie, und sie rannten geduckt auf das NRA Gebäude zu. In der Eingangshalle herrschte ziemliches Gedränge, aber von Soldaten war nichts zu sehen. Als die Agenten das Gebäu de stürmten, wich die Menge zurück. Jennifer sah sich suchend um -- erstens nach Wachpersonal und zweitens nach jemandem, der aussah, als ob er ihr sagen könnte, wo die gesuchten Führungskräfte zu finden waren. Doch stattdessen fiel ihr Blick auf einen jungen Mann, der eine Sporttasche über der Schulter trug. Er schob sich gerade zur Drehtür hinaus. »Maam! Ich habe den Empfangssekretär gefunden!« »Sekunde«, erwiderte Jennifer. Der Mann mit der Tasche sprintete bereits draußen über den Rasen. Sie hoffte, er möge sich noch ein mal umdrehen, was er auch tat. Es war Billy NRA. »Verdammt!« »Maam, was ist mit unserem Zeitlimit?«, drängte einer ihrer Agenten. »Sie übernehmen hier das Kommando. Ich stoße später wieder da zu.« »Was?«, rief er verblüfft, aber da war Jennifer schon zur Tür hin aus. 53. NRA/Boden Billy rannte. Die kalte Londoner Luft brannte ihm in der Lunge. Jennifer schrie hinter ihm her: »Billy! Bleib stehen, du kleiner Wich ser!«, doch das spornte ihn nur an, noch schneller zu rennen. Er ü berquerte die Straße, ohne nach rechts und links zu sehen. Eine Lastwagenhupe dröhnte, und Billy spürte einen mächtigen Wind stoß. Als er vor sich eine Mall erblickte, stürmte er darauf zu. Am Eingang raste er mitten durch einen Pulk von Leuten mit Einkaufs taschen. Die Taschen flogen nach allen Seiten, und Billy stürzte auf die Knie. Aber im nächsten Moment war er wieder auf den Beinen und verschwand im Inneren des Gebäudes. Er entdeckte den Ausgang am anderen Ende der Mall und drängte sich durch die Menschenmassen darauf zu. Er rannte um sein Leben -- Jennifer würde ihn sehen, sobald sie in die Mall käme. Er musste es bis zu dem Ausgang schaffen! Billy stieß eine Frau beiseite und sprang mit einem Satz über ein Kind hinweg. »Hey, passen Sie doch auf!« »Aus dem Weg!«, schrie er. »Lassen Sie mich durch!« »Stehen blei ben! Regierung! Keine Bewegung!« Billy erstarrte. Die Tür war di rekt vor ihm. Er drehte sich um. Jennifer stand 30 Meter von ihm entfernt und zielte mit einer Pistole auf ihn. Er konnte es nicht fas sen. Sie hatte es tatsächlich ernst gemeint, als sie sagte, er könne ihr nicht entkommen. »Auf die Knie!« Er war drauf und dran zu gehorchen. Aber dann wurde ihm be wusst, dass sich zwischen ihm und Jennifer eine Menge Passanten befanden und dass ein Pistolenschuss auf 30 Meter Entfernung selbst für einen geübten Scharfschützen keine Kleinigkeit war. Billy holte tief Luft und stürmte auf die Tür zu. Er zweifelte nicht daran, dass sie schießen würde. Er warf sich ge gen die Tür, sodass sie aufsprang, und hechtete mit einem Satz nach draußen. Während er sich abrollte, schrie er in Erwartung des Schusses auf. Kein Schuss! Er rappelte sich auf. Vor ihm schlängel ten sich kleine Gassen in vier verschiedene Richtungen. Die Gehwe ge standen voller Kisten und Abfälle. Er rannte in die nächstbeste Gasse hinein. 15 Minuten später, als er sicher war, dass Jennifer ihm nicht mehr folgte, ließ er sich auf die Knie fallen und rang nach Luft. Dann in spizierte er seine Tasche. Gott sei Dank -- alles noch da. Als er sich etwas erholt hatte, trat er auf die Straße und hielt ein Taxi an. »Zum Parlament«, sagte er. »Aber schnell.« Billy wäre beinahe hintenübergekippt. Niemand hatte ihm gesagt, dass es im Parlament von Regierungsleuten nur so wimmeln würde. Schlimmer noch -- die Hälfte der Agenten rannte in den gleichen blauen Schutzanzügen herum, die Jennifer getragen hatte, sodass er ständig das Gefühl hatte, sie irgendwo vor sich zu haben. Billy brach schon wieder der Schweiß aus. So langsam roch er penetrant. General Li wartete auf dem oberen Treppenabsatz. »Gutes Timing, Soldat. Fünf Minuten vor der Zeit.« »Ja, Sir.« Der General setzte sich in Bewegung, und Billy lief im Gleich schritt neben ihm her. Er wischte sich Schweiß von der Stirn. Der General würde ihn beschützen, sagte er sich. Dem General konnte niemand blöd kommen. Sie betraten die große Eingangshalle, die voller Menschen war, und gingen dann durch einen Flur in einen Nebenraum. Ein halbes Dutzend Anzugtypen hingen dort herum, rauchten und bedienten sich am Mittagsbüfett. Der General blieb bei einer Gruppe von drei Männern stehen und wartete. Niemand beachtete ihn, was Billy ziemlich unhöflich fand. »Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass sie es auf diese Tour versuchen würden«, sagte einer der Männer gerade. »Wenn ich nicht selbst Vorkehrungen getroffen hätte, dann säße jetzt verdammt noch mal die Hälfte unserer Leute bei der Regierung hinter Schloss und Rie gel.« »John hat Recht«, bekräftigte ein älterer, kleinerer Mann. »Sie schießen übers Ziel hinaus«, wandte der Dritte ein. »Na schön, die bilden sich also ein, sie könnten es mit uns aufnehmen. Aber das ist doch noch lange kein Grund, gleich so loszuschlagen. Wir kön nen nicht zu solchen Maßnahmen greifen. Das wäre illegal, und was noch wichtiger ist: Es wäre geschäftsschädigend.« »Wollen Sie vielleicht abwarten, bis es Ihnen selbst an den Kragen geht?«, erwiderte John. »Wollen Sie warten, bis die um vier Uhr morgens Ihr Haus stürmen? Wir haben uns schon viel zu viel gefal len lassen.« Der alte Mann nickte. »John Nike leitet ab sofort die weiteren Schritte.« »Alfonse!«, protestierte der dritte Mann entsetzt, doch da kehrten die anderen ihm schon den Rücken zu. John schien den General jetzt erst zu bemerken. »Wer sind Sie?« »General Li NRA, Sir. Wir haben telefoniert.« »Richtig, richtig«, sagte John. »Alfonse, entschuldigen Sie mich. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln.« Alfonse nickte und entfernte sich. John legte Li einen Arm um die Schultern und Billy den anderen. Sein Gesicht war nur Zentimeter von Billys entfernt, dem das etwas unheimlich wurde. Plötzlich be griff er, dass dies womöglich derselbe John Nike war, über den er Jennifer Informationen beschaffen sollte. »So, Li, das ist also ...« »Der Mann, den Sie angefordert haben.« Billy begriff: Dies war eine der Situationen, in denen eine Menge Sirs fällig waren. »Soldat Billy NRA, Sondereinsatzkommando, zu Befehl, Sir!« John schien amüsiert. »Billy, heute haben Sie Gelegenheit zu zei gen, dass Sie Ihr Geld wert sind.« »Ja, Sir!« »Wenn da drin etwas nicht in unserem Sinne läuft, werde ich, während ich rede, auf jemanden zeigen. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was Sie dann zu tun haben.« »Ja, Sir!« »Aber nicht im Gebäude. Sie halten den Betreffenden im Auge, warten, bis er geht, und erledigen ihn dann draußen auf der Treppe. Hier drin hätten Sie sofort 20 Regierungsfuzzis am Hals, bevor Sie auch nur einen Finger krumm machen könnten. Und wenn die Re gierung Sie erwischt, werde ich verdammt noch mal dafür sorgen, dass Sie gar nicht erst dazu kommen, denen was zu erzählen. Haben Sie mich verstanden?« »Ja, Sir!« »Der Bursche gefällt mir, Li«, bemerkte John. »Hat eine schnelle Auffassungsgabe. Okay, Billy, Abgang. Ich und der General haben was zu besprechen.« »Ja, Sir!«, sagte Billy. Er ging hinaus und wartete auf dem Flur. Die Beleuchtung auf dem Flur wurde schwächer, dann wieder hel ler. Billy dachte erst, dass mit der Elektrik etwas nicht stimmte. Doch dann sah er die Leute in den großen Saal strömen. Er nahm Haltung an. John und der General kamen zusammen mit Alfonse und einigen weiteren Anzugträgern aus dem Zimmer. Billy wartete noch ein paar Minuten, dann bahnte er sich einen Weg in den gro ßen Saal und zu den hinteren Sitzreihen. Unterwegs stieß er jeman den mit seiner Tasche an. »He! Was haben Sie denn da drin -- Eisenstangen?« »tschuldigung.« Er fand einen freien Platz und stellte die Tasche zwischen seinen Füßen ab. Bevor es losging, gab es noch ein ziemli ches Hin und Hergerenne um den Tisch. Schließlich, als offenbar alles geregelt war, stand ein Mann auf und ergriff das Wort. Billy brauchte eine Weile, ehe er begriff, dass dies der Präsident der Ver einigten Staaten war. Von der dritten Gruppe -- der mit den zwei jungen Frauen -- kannte er niemanden, aber wenn Leute von der Regierung da waren und von USAlliance, dann mussten das wohl welche von Team Advantage sein. Billy hatte nicht damit gerechnet, so viele hohe Tiere auf einem Haufen zu sehen. Der Präsident fing an, von Freiheit und Gerechtigkeit zu reden. Billy schaltete ab. Anschließend gab es eine heiße Diskussion, einer nach dem anderen laberte irgendwas daher, und Billy begann von Bergen zu träumen. London war gar nicht so weit weg von ein paar Ländern, wo man richtig gut Ski laufen konnte. Vielleicht könnte er einen Abstecher machen, wenn er das hier erledigt hatte. Dann stand John auf und rückte seine Manschetten zurecht. Billy setzte sich gerade hin. »Wir sind mit den besten Absichten hergekommen, um über eine mögliche Lösung zu sprechen.« Johns Stimme wurde über Mikrofon in den Saal übertragen, sodass es klang, als stände er direkt vor ei nem. »Nicht so die Regierung. Heute Vormittag hat sie Razzien in unseren Unternehmen durchgeführt. Und warum? Weil wir erfolg reich Produkte vermarkten. Weil die Leute unsere Waren kaufen wollen. Es hat Übergriffe auf unser Privateigentum und auf die Per sönlichkeitsrechte einiger unserer Führungskräfte gegeben.« Er legte eine Pause ein. Es war so still im Saal, dass Billy seinen Magen rumoren hörte. »Das ist nicht hinnehmbar.« John starrte den Präsidenten an. Billy rechnete fest damit, dass er gleich auf ihn zeigen würde. Doch John wandte sich wieder dem Publikum zu. »Mit dieser Aktion hat die Regierung bewiesen, dass es keine echte Freiheit geben wird, solan ge sie existiert. Regierung und Freiheit schließen einander aus. Wenn uns also die Freiheit wirklich etwas bedeutet, dann gibt es nur eine Lösung. Es ist an der Zeit, dieses Relikt der Vergangenheit, das wir Regierung nennen, abzuschaffen.« Im Saal wurde es unruhig. Einige Personen standen auf und ver sperrten Billy die Sicht. Er reckte den Hals. John sah die Frau von Team Advantage an. Billys Hände umklammerten die Tasche fester. »USAlliance hat lange genug Verfolgung erduldet -- als ob Geld erwerb ein Verbrechen wäre! Wir erkennen die Autorität der Regie rung ab sofort nicht mehr an. Die Zeit ist reif für eine schöne neue Welt. Hiermit erkläre ich das Ende der Regierung. Und Sie, Sir, sind ab sofort arbeitslos.« Er deutete auf den Präsidenten. In der Menge brach ein Tumult aus. Billy war kein bisschen überrascht. Er nahm seine Tasche und begann sich einen Weg aus dem Saal zu erkämpfen. Er überquerte im Laufschritt die Straße und betrat ein Restaurant, das aussah, als ob es zu einer Pension gehörte. Ein Mädchen polierte an der Bar Gläser. »Gibts da oben Gästezimmer?«, fragte er. »Klar. Ab 90 Dollar.« »Ich will eins mit Blick auf das Parlament«, verlangte er. »Ähm ... wegen der Aussicht.« Sie holte einen Schlüssel unter der Theke hervor. »Da ist heute ganz schön was los, wie?« »Sie sagen es«, erwiderte Billy. Das Zimmer lag auf der zweiten Etage. Es war klein und mit dik ken Vorhängen ausgestattet -- ideal für Billy. Er stellte seine Tasche auf dem Bett ab und öffnete sie. Während er den Gewehrlauf sorg fältig polierte, stemmte er einen Fuß gegen die Wand, um den Vor hang einen Spalt offen zu halten. Als der Menschenstrom auf der Treppe dichter wurde, ließ er Zielfernrohr und Magazin einrasten und zog einen Stuhl ans Fenster. Er schob das Fenster hoch und blinzelte in die frostige Luft, die ihm entgegenschlug. Menschen strömten in Scharen aus dem Gebäude, die meisten in Schlips und Kragen. Billy fürchtete schon, er würde den Präsidenten in der Menge nicht entdecken. Dann kam ihm ein anderer Gedanke: Vielleicht würde er den Präsidenten erkennen. Das bedeutete, dass Billy das Gewehr anlegen und einen Mann ins Fadenkreuz nehmen musste. Er fühlte, wie ihm frischer Schweiß den Rücken hinunterlief. Billy hatte nie ernsthaft daran geglaubt, dass es tatsächlich so weit kommen würde. Er musste sich entscheiden, ob er bereit war, einen Mann umzubringen, um sich vor der NRA zu retten. Er biss sich auf die Lippe und wartete. Der Präsident kam heraus, umringt von einem Dutzend Agenten. Dieser Pulk war selbst im dichten Getümmel nicht zu übersehen. Wie der Mittelpunkt einer Zielscheibe. Das Gewehr lag auf Billys Schoß. Manche Heckenschützen -- Di lettanten -- legten zu früh an und benutzten das Zielfernrohr zum Beobachten. Bei der NRA hatte man ihm beigebracht, dass das ris kant war -- man konnte entdeckt werden. Ein guter Heckenschütze blieb bis zum letzten Moment unsichtbar. Billy wartete. Schließlich hob er das Gewehr an die Schulter und rückte es zurecht. Er stützte sich mit dem Ellenbogen auf der Fensterbank ab und ließ den Lauf auf dem Rahmen ruhen. Die Treppe zum House of Com mons hatte etwa 30 Stufen, sodass Billy in aller Ruhe zielen konnte. Als er den Präsidenten im Fadenkreuz erblickte, drehte sich ihm der Magen um. Seine Hände zitterten ganz leicht. Es wehte ein böiger Wind. Vielleicht schieße ich vorbei, dachte Billy. Vielleicht tu ich mein Bestes und schieße trotzdem vorbei. Der Wind legte sich. Ski laufen, dachte Billy. Ich laufe nur Ski. Der Präsident blickte auf. Als sähe er es kommen. 54. Regierung »Verdammt noch mal!«, schrie Jennifer. Die Menge im Einkaufszen trum wich vor ihr zurück. Sie rannte auf den Ausgang zu, durch den Billy entkommen war, doch mit dem Helm und der Schutzausrü stung war es, als ob sie durch einen Fluss watete. Bis sie die Tür er reicht hatte, waren nicht einmal mehr Billys Schritte zu hören. Jennifer griff nach ihrem Funkgerät. »Team einsneunsechs, wie ist die Lage?« »Wir sind wieder beim Wagen. 90 Sekunden nachdem Sie weg waren, sind NRASoldaten aufgetaucht. Scharenweise. Wir hatten keine Chance.« »Gut. Wir brechen ab. Tun wir stattdessen was Sinnvolles.« »Maam? Unsere Befehle ...« »Pst!«, machte sie. Unter normalen Umständen hätte sie Billy in die Fahndung gege ben, aber heute waren 20000 Agenten für Razzien abgestellt, und niemand hatte Zeit, nach kräftigen, jungen Männern mit Sportta schen Ausschau zu halten. Im Grunde, dachte sie, gab es ohnehin nur einen Ort, zu dem ein Heckenschütze unterwegs sein konnte. Vielleicht würde sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Sie saß mit ihrem Agententrupp im Laderaum des Transporters und ignorierte die Blicke, die ihre Leute untereinander wechselten. »Da vorn ist ein Stau«, meldete der Fahrer. »Anhalten«, befahl Jennifer und versammelte ihr Team am Stra ßenrand. Das Parlament war im Laufschritt in fünf Minuten zu er reichen. Sie kam sich zwar etwas albern vor, wie sie da mit fünf A genten in Schutzausrüstung über den Gehweg trabte, aber was sein musste, musste eben sein. Vor dem Parlamentsgebäude war nicht viel los. Ein gutes Zeichen -- offenbar war die Sitzung noch nicht zu Ende. »Zweiergruppen«, kommandierte sie. »Halten Sie nach der Tasche Ausschau. Grau mit dunkelroten Riemen.« Sie selbst hetzte die Treppe hoch und betrat den Durchgang für die Regierungsvertreter. Ein junger Bursche mit Ziegenbart wollte sie am Eingang zum Saal aufhalten. Jennifer hielt ihre Marke hoch und marschierte einfach weiter. Er verfolgte sie nicht. Von wegen Securi ty -- das war ein Witz. Der Saal war voll, viele Leute schrien und gestikulierten durchein ander. Jennifer sah John Nike. Er stand da, die Arme vor der Brust verschränkt, und lächelte. Jennifer musste sich mühsam zurückhal ten, um nicht quer durch den Saal zu stürmen, ihn mit dem Gesicht auf den Tisch zu knallen und ihm ein paar Handschellen zu verpas sen. Vielleicht hatte dieser Psychodoktor doch nicht ganz Unrecht gehabt. Sie zwängte sich zu den Leibwächtern der Regierungsvertreter durch. John bemerkte sie nicht. Jennifer war froh, eine Waffe bei sich zu haben. Sie versuchte zu erraten, welcher der Agenten das Kommando führte. Diese Typen sahen einfach lächerlich aus -- Knopf im Ohr, Sonnenbrille, das volle Programm. »Entschuldigung.« »Pst!«, zischte der Agent, ohne sich umzudrehen. »Die Diskussion ist beendet«, verkündete John Nike an das Publi kum gewandt. »Es gibt nichts weiter zu besprechen.« »Die Diskussion ist noch längst nicht beendet!«, widersprach der Präsident. Jennifer sah seine Schläfenader pulsieren, was wohl für den Stand der Verhandlung kein gutes Zeichen war. »Niemand ver lässt den Saal, ehe wir nicht zu einer sinnvollen Lösung gekommen sind!« »Hey!« Als der Agent noch immer nicht reagierte, stieß Jennifer ihn mit den Ellenbogen in die Rippen. »Hallo?« »Was soll das, lassen Sie mich in Ruhe!« »Ich glaube, dass hier ein Scharfschütze ist, der den Präsidenten erschießen will.« Der Agent warf ihr einen kurzen Blick zu und starrte dann wieder in die Menge. »Von wo?« »Das weiß ich nicht, aber ...« »Agentin, wir gehen immer davon aus, dass irgendwo irgendwer sein könnte, der vorhat, auf den Präsidenten zu schießen. Dafür sind wir da. Bitte entfernen Sie sich.« Am Tisch wurde es lauter. »Das wars«, sagte John Nike. »Leute wie Sie wissen einfach nicht, wann Schluss ist.« Er wandte sich zum Gehen. Die übrigen USAllianceVertreter standen auf und folgten ihm. »Warten Sie!«, rief der Präsident, aber da war nichts mehr zu ma chen -- das erkannte selbst Jennifer. Sie blickte John Nike nach. »Hören Sie, ich muss jetzt gehen. Bringen Sie den Präsidenten durch den Hinterausgang raus, okay?« »Wir haben auf dem Weg von hier bis zu seinem Wagen 20 Agen ten postiert. Und wir werden der Presse bestimmt keine Bilder lie fern, wie er durch den Hinterausgang flüchtet.« » Was?« Das Getümmel im Saal war so dicht, dass Jennifer sich ständig einbildete, irgendwo Billys zu sehen. John war schon fast am Ausgang für die Konzernvertreter. »Mr. President!«, rief sie. Der Agent packte sie und drehte ihr den verletzten Arm um. Ein Schmerz durchzuckte sie und vor ihren Augen tanzten Sterne. Der Mann stieß sie gegen die Wand, doch sie bemerkte es erst, als sie mit der Stirn dagegen prallte. »Wir beschützen hier den Präsidenten -- halten Sie sich da raus, Agentin. Verstanden?« »Lassen Sie mich ...« Über die Schulter sah sie, wie mehrere Agen ten den Präsidenten in die Mitte nahmen und mit ihm auf den Aus gang zusteuerten. »Herrgott!« Der Agent sprach in sein Mikro: »Ich habe 22 im großen Saal -- bitte übernehmen Sie ...« Jennifer spannte die Beine an und versuchte, ihm die Füße wegzu treten. Normalerweise endete dieses Manöver damit, dass der Geg ner am Boden lag und Jennifer mit überlegenem Gesichtsausdruck auf ihn herabblickte. Aber hier hatte sie es mit einem durchtrainier ten Agenten zu tun, der sich nicht so leicht zu Fall bringen ließ. Er geriet nur etwas aus dem Gleichgewicht. Als sie fühlte, wie sein Ge sicht ihr Haar streifte, warf sie mit einem Ruck den Kopf zurück. Etwas Weiches, vermutlich Nasenartiges knirschte unter dem Auf prall ihres Schädels. Der Agent ging stöhnend zu Boden. Jennifer schrie: »Das war meine verletzte Schulter!« Der Präsident war bereits außer Sicht, was Jennifer vor ein echtes Problem stellte: Sollte sie ihm das Leben retten oder John Nike fest nehmen? Ihr wurde klar, dass es der reine Wahnsinn wäre, wenn sie versuchte, den Präsidenten zu schützen. Damit würde sie nur seine Leibwächter ablenken. Also musste sie wohl oder übel auf die Män ner mit Knopf im Ohr und Sonnenbrille vertrauen. Sie rannte zum Ausgang für die Konzernvertreter. Im Durchgang drängten sich scharenweise aufgebrachte Teilneh mer, die durcheinander redeten und gestikulierten. Jennifer schob sich durch die Menge. Diese Männer sahen sich alle so entsetzlich ähnlich -- ständig packte sie jemanden am Arm, nur weil er die gleiche Frisur trug wie John. Die Leute starrten sie an. Ein Mann fragte: »Jennifer Maher?«, und sie hörte, wie andere es aufgriffen: »Da, das ist doch Jennifer Maher.« Dann entdeckte sie John. Er stand mit dem Gesicht zu ihr, knappe fünf Meter entfernt, und war von einem Hofstaat aus einem Dut zend weiterer Wichtigtuer umringt. Jennifer schob unauffällig eine Hand in die Tasche und griff nach ihrer Pistole. Aus ihrem Funkgerät ertönte eine Stimme: »Jen? Wir haben den Burschen gesichtet.« Jennifer erstarrte. »Was?« »Er ist gerade in dem Haus direkt gegenüber verschwunden. Ein Typ mit Segeltuchtasche, nicht wahr?« Eine Frau links von ihr lachte schrill auf. Ein Redner sagte: »... aber dann haben sie ihren Kapitalanteil natürlich erhöht ...« »Jen?« Ihr wurde schlecht. »Ich komme.« Jennifer stürmte mit gezogener Pistole durch die Restauranttür. Drinnen herrschte schummrige Beleuchtung, sodass sie einen Au genblick lang innehalten musste, bis ihre Augen sich an das Däm merlicht gewöhnt hatten. Ihr Team folgte nach. Sie kam sich wie eine Vollidiotin vor, blindlings in einen dunklen Raum hineinzu rennen -- genau so musste man es anstellen, damit ein ganzer Trupp Agenten in einem Hinterhalt umkam. Jennifer musste fest stellen, dass sie überstürzt und planlos handelte. Das Restaurant war leer bis auf ein Mädchen hinter der Bar. »Vor ein paar Minuten ist hier ein Mann mit einer Tasche reingekommen«, sagte Jennifer. »Wo ist er hin?« »Ach, der -- der hat sich ein Zimmer genommen.« »Welches?« »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen soll ...« Jennifer richtete ihre .45er auf das Mädchen. »Raus mit der Spra che.« »Zimmer achtundzwanzig.« Sie rannten die Treppe hoch, dann den Flur entlang, wo sie im Halbdunkel die Zimmernummern entzifferten. Zimmer 28 war ganz am Ende. Jennifer blieb kurz stehen, um zu lauschen. Nichts. Sie ging einen Schritt zurück und trat zu. Die Tür flog auf. Das Geräusch war eigenartig -- es klang wie eine Mischung aus einem Krachen und einem Knall. Dann sah sie Billy NRA am Fenster. Von seinem Gewehr stieg ein dünner Rauchkrin gel auf. Jennifer begriff: Es war gar nicht ein einziges Geräusch ge wesen. Es waren zwei. »Keine Bewegung! Runter mit dem Gewehr, sofort!« »Oh, Scheiße!«, fluchte Billy. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!« Sein Blick huschte zwischen ihr und dem Fenster hin und her. »Fallen lassen!« »Da, sehen Sie, was ich gemacht habe -- bloß Ihretwegen«, jam merte er. »Verfluchte Scheiße, sehen Sie sich das nur an!« Jennifers Pistole zitterte in ihrer Hand. »Billy, wenn du gerade den Präsidenten erschossen hast, wirst du dieses Zimmer durch das Fen ster verlassen.« Sie durchquerte den Raum und riss ihm das Gewehr aus der Hand. Draußen unter dem Fenster rannten Leute hektisch durcheinander. Ein Mann lag blutend auf der Treppe. Ein Trupp Agenten schob den Präsidenten hastig in ein Auto. »Warum hast du geschossen?« »Ich wollte doch vorbeischießen! Sie haben mich erschreckt! Ich wollte gar nicht treffen!« »Du hast aus Versehen jemanden erschossen?« »Tun Sie mir nichts! Bitte!« »Das hättest du dir früher überlegen sollen«, fauchte Jennifer. 55. US-Alliance John schritt zwischen dem General und Alfonse zum Ausgang. Er stellte sich innerlich bereits darauf ein, Erschütterung und Empö rung auf sein Gesicht zu zaubern, denn es wimmelte nur so von Fernsehkameras, von denen zweifellos schon welche auf ihn gerich tet wurden. Kaum war er ins Tageslicht hinausgetreten, als ein Mann ihn am Arm packte. »Sir, gerade wurde auf jemanden geschossen! Gehen Sie besser nicht weiter!« »Es wurde auf jemanden geschossen?«, wiederholte John. Erschüt terung, Empörung. Er eilte zum Treppenabsatz. Auf den Stufen lag ein Mann in dunklem Anzug, der gerade von Sanitätern versorgt wurde. Er war leichenblass im Gesicht, hatte eine dicke Kompresse auf der Brust -- und war eindeutig nicht der Präsident. John sah Rot. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er realisierte, dass die Presseleute sich um ihn geschart hatten. »John! John Nike! Kommt dieser Anschlag für Sie überraschend? Kennen Sie diesen Mann? Was sagen Sie zu diesem Vorfall?« Er musste zweimal schlucken, bevor er sprechen konnte. Dann erblickte er Billy NRA, der von zwei Regierungsagenten abgeführt wurde. Den einen davon hatte John noch nie gesehen. Die andere war Jennifer Government. »Ich bin erschüttert und empört«, sagte John. Seine Stimme bebte. Er sprang in die erstbeste USAllianceLimousine. Zufällig er wischte er die von General Li -- eine glückliche Fügung, denn John hatte ein Wörtchen mit ihm zu reden. Er wartete, bis der General eingestiegen, die Tür geschlossen und der Wagen abgefahren war. Als das Parlament weit genug hinter ihnen lag und er nicht mehr ernsthaft damit rechnen musste, dass Jennifer Government den Wa gen stoppen und ihm eine Pistole unter die Nase halten würde, schlug er mit der Faust gegen die Scheibe und rammte seinen Ab satz in den Autofernseher. »Ich kann Ihre Verärgerung verstehen«, sagte General Li. »Ich bestelle einen Heckenschützen, um einen Mann auszuschalten! Und der bringt es nicht nur fertig, sich verhaften zu lassen, sondern erschießt vorher auch noch den Falschen! Können Sie mir das erklä ren?« »Billy ist ein hervorragender Scharfschütze. Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte.« »Sie halten das hier wohl für eine Übung, wie? Ich sage Ihnen, Li, es ist keine. Ich hab die Regierung am Arsch! Und Jennifer ...« Das Telefon neben ihm klingelte. Er war versucht, es aus der Hal terung zu reißen und zum Fenster hinauszuwerfen, aber das hätte ein Fehler sein können. Es gab Leute, die er zusammenbrüllen konn te, und andere, bei denen er sich das besser nicht erlaubte -- und es war durchaus wahrscheinlich, dass der Anrufer zur zweiten Katego rie gehörte. John schaltete auf Lautsprecher. »Ja?« »John.« Es war Alfonse. »Was für eine Rede!« »Freut mich, dass sie Ihnen gefallen hat.« »Das habe ich nicht gesagt.« »Aber Alfonse -- Sie wollten doch, dass ich unserer Entrüstung Ausdruck verleihe«, protestierte John. »Okay, vielleicht bin ich in der Hitze des Gefechtes ein wenig ...« »Sie haben USAlliance zu einer kriminellen Vereinigung erklärt.« »Kriminell -- was heißt das schon? Im Grunde doch nichts weiter, als dass man mit der Regierung nicht auf einer Linie ist«, konterte John. »Treiben Sie keine Spielchen mit mir, John. Das Ziel unserer Orga nisation ist es, Team Advantage aus dem Markt zu drängen. Das Thema Regierung ist peripher.« »Wie können wir den Kampf gegen Team Advantage führen, so lange die Regierung den Schiedsrichter spielt? Die Regierung ist für uns das größte Hindernis. Wir können sie nicht einfach ignorieren, Alfonse. Die haben es auf uns abgesehen. Wir mussten ein Zeichen setzen.« »Wenn ich nicht selbst glauben würde, dass da etwas Wahres dran ist, wären Sie Ihren Job schon lange los«, sagte Alfonse. »Aber be trachten Sie dies als Abmahnung.« »Danke, Sir!«, sagte John, aber die Verbindung war schon unter brochen. Er atmete zittrig aus. General Li bemerkte vorsichtig: »Vielleicht ist es ja gar nicht das Schlechteste, dass unser Heckenschütze versagt hat.« John warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Sie können den Prä sidenten noch auf dem Weg zum Flughafen abfangen. Oder Sie könnten ihn in der Luft erledigen. Haben Sie Düsenjäger?« Li räusperte sich. »Verzeihen Sie, aber was ich da gerade mit ange hört habe ... das hat auf mich den Eindruck gemacht, als wäre Al fonse nicht für einen direkten Angriff auf die Regierung.« »Tatsächlich? Wie merkwürdig«, erwiderte John. »Ich mag mich ja irren ... aber war Alfonse womöglich über unsere Operation mit dem Soldaten Billy nicht im Bilde?« »Ich denke, Sie irren sich tatsächlich, Li«, entgegnete John. »US Alliance zieht in dieser Angelegenheit voll und ganz an einem Strang. Der Regierung muss Einhalt geboten werden. Wenn wir nicht als Erste zuschlagen, haben Sie die früher oder später auch noch am Hals.« Li schwieg. John beugte sich vor. »Wenn es zum Krieg kommt -- welches Un ternehmen wird dann mehr als jedes andere an Bedeutung gewin nen? Welches Unternehmen wird das mächtigste des Planeten wer den? Nicht McDonalds. Und auch nicht Nike.« Li blickte ihn lange an. Schließlich sagte er: »Wir haben Düsenjä ger.« »Gut«, sagte John. Allmählich wurde ihm etwas wohler. Als er in seinem Hotelzimmer ankam, blieb ihm noch eine halbe Stunde bis zur Nachbesprechung der Konferenz. Er lockerte seine Krawatte, schenkte sich an der Zimmerbar einen Scotch ein und trat auf den Balkon hinaus. Es war kalt, inzwischen dunkel und etwas windig, aber die Aussicht war überwältigend. Er nippte an seinem Drink, starrte auf die London Bridge und beobachtete, wie die Lich ter vom Parlamentsgebäude auf den Wellen der Themse tanzten. Als er sich endlich beruhigt hatte, zog er sein Handy hervor und wählte. »Georgia SaintsNike, guten Tag.« »Raten Sie mal, wen ich heute getroffen habe!« »Ach, John ...« Sie klang verunsichert. »Ähm ...« »Ich gebe Ihnen einen Tipp: Es fängt mit Jennifer an und endet mit mir im Knast.« »Ach! Es tut mir Leid, John, aber ich habe alles so gemacht, wie Sie gesagt haben.« Man kann sich doch wirklich auf niemanden verlassen, dachte er. Alles muss man selbst machen. »Georgia, Sie haben hinter meinem Rücken was ausgeplaudert, stimmts?« »Nein, John!« »Ständig haben Sie gefragt, wo ich bin. Und dann taucht urplötz lich Jennifer auf. Sie haben ihr einen Tipp gegeben, wo sie mich fin det.« Schweigen. Nach einer Pause erklang Georgias Stimme: »Ich habe versucht, Sie von dieser MercuryKampagne abzubringen, John. Ich habe Ihnen gesagt, dass das ...« »Sie sind gefeuert. Und ich gebe Ihnen einen guten Rat: Ver schwinden Sie möglichst weit weg. Denn wenn Sie mir noch einmal über den Weg laufen, dann nehme ich Sie auseinander.« Er klappte angewidert das Handy zu. Georgia SaintsNike. Er hät te es wissen müssen. Seit sie diese ehrenamtliche Arbeit angefangen hatte, war sie nicht mehr dieselbe gewesen. Er ging wieder hinein und fuhr sein Notebook hoch. Mit der ersten EMail, die er abschickte, beendete er Georgias Arbeitsverhältnis und mit der zweiten veranlasste er, dass die Security sie aus dem Gebäude entfernte. Nur schade, dass er nicht auch noch John beauf tragen konnte, dafür zu sorgen, dass sie niemals zu Hause ankam. Er seufzte. Nun würde er sich nach einer neuen Sekretärin umsehen müssen. Er hatte eine EMail von Hack Nike. Während er sie las, staunte er immer mehr darüber, was sich dieser Kerl einbildete. Er tippte eine kurze Antwort, dann warf er einen Blick auf die Uhr -- Zeit zu ge hen. Der Festsaal des Hotels, den USAlliance für die Nachbesprechung der Konferenz reserviert hatte, war bereits voller Teilnehmer. Als John eintrat, drehten sich die Leute nach ihm um. Gespräche ver stummten. Er nahm am oberen Ende des Tisches Platz. Der Pepsi Boy setzte sich neben ihn. »Du hast die ganz schön aufgemischt mit deiner Rede, John. Und diesen Regierungsfuzzis hast du mal so rich tig gezeigt, wos langgeht.« John senkte die Stimme. »Wie denken die anderen Verbindungs leute darüber?« »Ein paar finden dich genial. Und ein paar andere denken, dass du völlig durchgeknallt bist und die Regierung uns alle einbuchten wird.« »Tja -- warten wir erst mal ab, wozu die Regierung nach dem heu tigen Abend überhaupt noch fähig ist«, bemerkte John. Der PepsiBoy riss die Augen auf. »Du hast wieder was am Start! Was ist es denn diesmal?« »Psst.« Alfonse eröffnete die Sitzung. Während er über die verän derten Wettbewerbsbedingungen sprach, kreisten Johns Gedanken um Jennifer Government. Solange sie hinter ihm her war, würde er nie sicher sein, das war klar. Er musste sie loswerden, koste es, was es wolle. Ein Grinsen ging über sein Gesicht. »Hey, was ist denn da so komisch?«, flüsterte der PepsiBoy. »Nichts«, sagte John. »Ich hatte nur gerade eine Idee.« »ne gute?« »ne richtig gute.« Kate -- so hieß sie. Jennifers Tochter. John fragte sich nur, warum er nicht schon eher darauf gekommen war, sie zu benutzen. 56. NRA/Luft Manche Piloten flogen nicht gern in Neumondnächten. Natürlich hätte es keiner zugegeben, aber Nachtflüge waren etwas völlig an deres, als den blauen Himmel zu durchkreuzen und die Erde unter sich hegen zu sehen. Wenn die Nacht richtig dunkel war, sah man außerhalb des Cockpits rein gar nichts -- nur das Spiegelbild des eigenen Helms, von der Instrumentenbeleuchtung angestrahlt, blickte einem aus der Scheibe entgegen. Jeder gute Pilot konnte blind fliegen, ohne Schweißausbrüche zu bekommen, aber es war eben doch eine Sache für sich, eine Blechdose mit 800 Stundenkilo meter durch den Himmel zu jagen, wenn man nichts sehen konnte. Jackpot war seit zweieinhalb Stunden in der Luft. Laut seinen In strumenten flog 250 Meter rechts von ihm eine zweite F/A18. Man hatte sie viel zu früh in Marsch gesetzt, und sie warteten mittlerwei le seit 90 Minuten kreisend auf ihr Ziel. Allmählich ging ihr Treib stoff zur Neige. »Jackpot an Kontrollraum, erbitte Änderung der Einsatzparameter.« »Jackpot, kommen.« »Das Ziel bewegt sich sehr langsam. Erbitte Erlaubnis, vorzeitig anzugreifen.« »Negativ, Jackpot. Nicht bevor es über dem Meer ist.« Daran hatte er zu knacken. »Dann schaffen wir es nicht mehr bis nach Luton zurück.« »Roger, Jackpot. Wir weisen Ihnen einen anderen Landeplatz zu. Ende.« Da hingen er und sein Zwilling in der Luft -- 20 Kilometer hinter einer Boeing 737, die Kurs nach Westen hielt. 20 Minuten später überflogen sie die Küste, dann die ZweiMeilen Sperrzone. Die Kampfjets flogen ihr Ziel an. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die 737 sie auf dem Schirm hatte, aber darüber machte sich Jackpot keine Sorgen. Ein Linienflugzeug hatte kaum eine Möglichkeit auszuweichen. Er schirmte die Instrumentenbeleuchtung mit dem Arm ab und hielt Ausschau. Vor sich sah er die Positionslicher der Boeing wie bunte Sterne funkeln. »Jackpot an Liontamer, haben Sie Sichtkontakt?« »Roger Jackpot.« »Abschuss«, kommandierte er und legte den Schalter um. Zu spü ren war kaum etwas, aber die piependen und pfeifenden Instrumen te verrieten ihm genau, was vor sich ging. »Abschuss erfolgt.« »Abschuss erfolgt.« Die beiden Lenkraketen brauchten acht Sekunden bis zum Ziel, dann schlugen sie ein und rissen die Boeing auseinander. Der Him mel flammte gelb auf, und Jackpot sah, wie eine Tragfläche abbrach und das Flugzeug sich zur Seite neigte. Dann jagten die beiden F/A 18 an ihm vorbei. Als sie beidrehten, sahen sie gerade noch, wie das Wrack auf dem Meer aufschlug. Sie kreisten, bis auch die letzten brennenden Trümmer versunken waren, dann gaben sie vollen Schub auf die Triebwerke und nahmen Kurs auf die Heimat. Als sie wieder das englische Festland erreichten, fragte Jackpot über Funk: »Haben Sie so was schon mal gemacht, Liontamer?« Am anderen Ende blieb es einen Moment lang still. Dann antwor tete Liontamer: »Negativ, Jackpot.« Er klang emotionslos und pro fessionell. Jackpot verstand und hielt den Mund. Teil5 57. Hack Hack fuhr neuerdings auf dem Weg zur Arbeit verschiedene Um wege und achtete unterwegs auf Plakatwände. Das hatte zum Teil praktische Gründe --je eher er bemerkte, dass ein Unternehmen ein Plakat ausgetauscht hatte, desto schneller konnte er wieder zuschla gen. Aber teilweise machte er die Umwege auch aus Stolz. Er liebte es, seine eigene Arbeit zu bewundern. Das GapPlakat, das sie eine Woche zuvor aufs Korn genommen hatten, hing noch immer -- erstaunlich, denn dieses fünf Stockwer ke hohe Monstrum war die größte Werbefläche überhaupt. Dann gab es da noch ein NikePlakat am Freeway, auf dem gestanden hatte: Ich kann den Mond vom Himmel schießen. Jetzt lautete der Text: Ich kann 14 Kids erschießen. Darunter stand noch die Zeile: Nike bringt seine Kunden um. Hack war nicht sonderlich erbaut über diesen Zu satz. Thomas hatte ihn geschrieben. Hack fand das allzu plakativ und billig. Er fuhr an dem Werbeplakat einer Krankenversicherung vorbei, dessen Slogan neuerdings lautete: Ihre Brieftasche liegt uns am Herzen. An der Ecke zur Springvale Road verkündete eine CokeReklame: Magenkrebs -- Genuss pur. Eine Reifenfirma warb mit 25% mehr Koh lenmonoxid und Autos -- Tod. Schon wieder Thomas! Hack würde mal ein Wörtchen mit ihm reden müssen. Er parkte sein Auto, betrat das NikeGebäude und nickte der Emp fangssekretärin zu. In letzter Zeit fühlte er sich selbstbewusster. Er unterhielt sich nett mit Leuten, mit denen er früher kein Wort ge wechselt hätte. Das Komische war, dass sein Vorgesetzter fand, Hack sei neuerdings dynamischer und leistungsfähiger, obwohl Hack eigentlich weniger tat als je zuvor. Im Grunde tat er fast gar nichts. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, ließ den Computer hochfah ren und sah seine Post durch. Darunter war auch ein dicker, an ihn persönlich adressierter Brief von der Personalabteilung. Während er ihn aufriss, klingelte das Telefon. »Hack Nike, Merchandise Distri bution Officer.« Claire sagte: »Hi! Ich bins.« »Hi!« Er faltete den Brief auseinander. »Wie gehts dir?« »Gut. Ich hab dich vermisst.« »Wirklich?« »Kommst du heute Abend gleich nach Hause? Ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen ausgehen. Ich meine, etwas essen ge hen.« Hack las die erste Zeile des Briefes. Dann las er sie noch einmal. »Hä ...« »Was ist?« »Ich glaube, ich bin gerade gefeuert worden.« »Was?« »Nike hat mich gefeuert.« Er überflog die Seite. »>Allgemeiner Personalabbau!< Was für ein Scheiß!« »Hack, alles in Ordnung?« »Nein«, antwortete er. »Ich muss Schluss machen.« Er ging in die Personalabteilung und fragte nach Lillian, die den Brief unterschrieben hatte. »Ich bin Lillian«, sagte eine Frau. Hack fand, dass sie aussah, als ob sie Haare auf den Zähnen hätte. Alle Mitarbeiter der Personalabtei lung sahen aus, als ob sie Haare auf den Zähnen hätten. »Ich bin Hack, Merchandise Distribution Officer. Haben Sie das hier geschrieben?« »Lassen Sie mal sehen.« Sie studierte den Brief bedeutend länger, als Hack es für nötig hielt. »Ich habe das ausgestellt, ja.« »Warum?« »Wenn in den Abteilungen Personal abgebaut wird, regeln wir hier die Formalitäten.« »Und wer hat mich eigentlich gefeuert?« »Das sollten Sie doch wohl besser wissen. Das korrekte Prozedere ist, dass der Vorgesetzte seine Mitarbeiter über die anstehenden Veränderungen informiert, bevor wir die offiziellen Schreiben aus stellen.« »Mich hat aber niemand informiert.« Lillian seufzte. »Er hätte das wirklich vorher mit Ihnen besprechen sollen. Es ist nicht unser Job, die schlechten Nachrichten zu über bringen.« »Wer?«, fragte Hack wieder. Er musste sich sehr zusammenreißen, um noch dynamisch und leistungsfähig zu wirken. Lillian durchbohrte ihn mit Blicken, aber Hack war so aufgebracht, dass sie es bald aufgab. »Verbindungsmann John.« »Danke«, sagte Hack. Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und begann eine EMail zu tippen. Hallo John, offenbar hast du beschlossen, mich zu feuern. Das ist ein GROSSER FEHLER, da ich alles über dich und die VORFÄLLE in den Nike Towns weiß. Du bildest dir vielleicht ein, ich würde den Mund hal ten, aber das solltest du dir noch mal GUT ÜBERLEGEN. Ich werde nämlich alles, was ich weiß, an die Regierung und die MEDIEN wei tergeben. Versuche also nicht, mich weiterhin herumzuschubsen!!! Hack Den Rest des Tages brachte er damit zu, im Internet nach neuen Plakatwänden zu suchen, die man aufs Korn nehmen konnte. Es gab sechs gute Webcams in der Stadt, die ideal für die Planung waren. Über eine war gerade zu sehen, wie ein neues Plakat Stück für Stück angeklebt wurde. Es zeigte einen finster dreinblickenden Uncle Sam mit ausgestrecktem Zeigefinger, und der Text lautete: UNCLE SAM WILL DEIN EIGENTUM. Hack pfiff durch die Zähne. Das Ding hat te auf jeden Fall eine Sonderbehandlung verdient. Später am Tag kam eine EMail von John. Hack klickte sie an. Er war erfreut über die prompte Antwort -- anscheinend nahm selbst John ihn endlich ernst. Die Mail lautete: Fuck off. John. Von da an sah Hack Rot. 58. John John kam zwanzig Minuten zu früh bei USAlliance an und fuhr zur 29. Etage hoch. Er erwartete, direkt zu Alfonse vorgelassen zu wer den, doch stattdessen ließ ihn eine junge Frau mit schwarzer Pagen frisur und flotter Brille auf dem Flur Platz nehmen. John kam sich vor wie ein unartiger Schuljunge, der zum Direktor zitiert wurde. Nach einer Weile ging er noch einmal zu der Frau an den Schreib tisch. »Ich weiß nicht, ob ich das erwähnt habe -- ich bin John Nike«, sagte er. »Ja, Sir. Sie möchten bitte hier draußen warten.« John setzte sich wieder. Er war offenbar tatsächlich zum Direktor zitiert worden. Allerdings war er wohl auch wirklich sehr unartig gewesen. Nach dem die NRA den Regierungsjet abgeschossen hatte, waren sämtli che hochrangigen USAllianceFührungskräfte Hals über Kopf aus London abgereist. Die meisten hatten sich hierher nach L. A. abge setzt, wo sich der internationale Hauptsitz von USAlliance befand. Niemand wollte länger als unbedingt nötig in einer Stadt bleiben, in der 20000 Regierungsagenten hinter ihnen her waren. Nach zwanzig Minuten sagte die Frau: »Sie können jetzt reingehen, John.« Er stand auf, strich seinen Anzug glatt und öffnete die Eichenholz tür. Der Saal war ein möbliertes Stück Himmel. 40 oder 50 Anzug träger saßen an Tischen, die aussahen, als wären sie aus 300Meter Bäumen geschnitzt. Auf den goldenen Tischschildern stand MCDONALDS und MONSANTO und IBM. John war noch nie von so vielen edlen Schuhen umgeben gewesen. »Wow -- das ist ja hier wie bei den Vereinten Nationen«, sagte er. »Setzen Sie sich, John«, forderte Alfonse ihn auf. Er sah sich nach einem NIKETischschild um. Alfonse räusperte sich und wies auf einen Plastikstuhl, der vor einer Glaswand gegen über den Tischen stand. »Dahin?« »Ja.« John setzte sich mit so viel Würde, wie er eben aufbringen konnte -- was nicht sonderlich viel war. Der Plastikstuhl quietschte. John warf einen raschen Blick über seine Schulter. Immerhin hatte er von hier aus eine prächtige Aussicht über Los Angeles. Sekundenlang sagte niemand etwas. Es war nervenaufreibend -- John hatte noch nie eine Konferenz erlebt, bei der nicht alle um Re dezeit kämpften. Im Hintergrund entdeckte er den PepsiBoy. Zu erst kam John nicht darauf, was er an ihm merkwürdig fand, bis ihm auffiel, dass er den Jungen noch nie im Anzug gesehen hatte. »Okay, die Sache mit dem Flugzeug kam also für alle etwas überraschend.« Empörtes Schnauben. Der McDonaldsVerbindungsmann sah aus, als wollte er gleich über den Tisch springen und John eine runter hauen. Alfonse ergriff das Wort. »John, falls es Ihnen noch nicht klar sein sollte -- wir sind hier zusammengekommen, um über Ihren Aus schluss aus USAlliance abzustimmen. Wenn die Entscheidung da für ausfällt, werden UA und die beteiligten Konzerne jegliche Ver antwortung für Ihre Handlungen ablehnen. Wir werden Sie der Re gierung ausliefern und über Schadenersatz für das, was Sie ange richtet haben, verhandeln.« »Dann hatte ich doch Recht«, sagte John. »Das hier sind die Verein ten Nationen.« »Er sieht noch nicht mal ein, dass er einen Fehler begangen hat«, ereiferte sich der IBMVerbindungsmann, ein älterer Herr mit wei ßem Haar und dunkelblauem Anzug. John war ihm noch nie begeg net. »Sehen Sie ihn sich an! Er hat die renommiertesten Konzerne der Welt zu Verbrechern degradiert und findet das wohl auch noch lustig!« »Sie haben völlig Recht: Ich finde nicht, dass ich etwas falsch ge macht habe.« »Dann will ich Ihnen mal ein bisschen auf die Sprünge helfen, Sie Schwachkopf. Punkt eins: Die Regierung wird uns verhaften. Uns alle. Punkt zwei: Wenn nicht, dann wird die Öffentlichkeit uns in der Luft zerreißen. Wissen Sie, was das für einen Umsatzeinbruch gibt? Wir haben den Präsidenten der Vereinigten Staaten ermordet. Mal sehen, wie sich das auf den Absatz auswirkt, hm? Punkt drei: Sie haben Menschen umgebracht. Ich weiß ja nicht, ob das für Sie ein Problem ist, John, oder für Nike, aber für IBM ist es ein verdammt großes Problem, ebenso wie für mich persönlich und überhaupt für uns alle, die wir hier versammelt sind. Können Sie mir folgen? Wird Ihnen die Situation dadurch vielleicht klarer?« Stille. »Also gut.« John begriff, dass seine Karriere auf dem Spiel stand. Er musste alle Register ziehen. »Okay. Drei Punkte.« Er rieb sich die Handflächen an der Hose trocken. »Punkt eins: Die Regierung wird uns nicht verhaften. Das hat sie schon in London vergeblich versucht. Sie können sich darauf verlassen, dass diese Leute danach nicht freiwillig ihr Spielzeug eingepackt haben und abgezogen sind. Sie hätten es wieder versucht -- und wieder und wieder, bis sie uns gekriegt hätten. Aber jetzt hat die Regierung -- dank mir -- die Hälfte ihrer wichtigsten Leute verloren. Sie ist -- wenigstens für einige Zeit -- handlungsunfähig. Die Regierung wird uns nicht verhaften, weil die Regierung dazu nicht mehr in der Lage ist.« Eine Wand versteinerter Gesichter blickte ihm entgegen. Er ent deckte zur Linken das Tischschild der NRA, doch der Platz war leer. Anscheinend steckte die NRA ebenfalls in der Klemme. »Punkt zwei: Es wird keine Boykotte geben. Die Verbraucher werden nicht plötz lich Whoppers statt Big Macs oder AppleComputer statt IBM kau fen. Glauben Sie mir -- ich bin von Nike. Niemand wechselt die Marke, nur weil er von irgendwelchen Machenschaften des Unter nehmens gehört hat. Die Leute kaufen weiterhin, was ihnen gefällt, zu dem Preis, der ihnen gefällt. Ja, die Medien werden über uns her ziehen -- aber Umsatzeinbrüche wird es nicht geben. Punkt drei.« Das war der heikelste. John erhob sich. Gnädigerweise quietschte der Stuhl dabei nicht. Es war totenstill im Raum. »Ja, es sind Men schen zu Tode gekommen. Aber machen wir uns doch nichts vor -- das war nicht das erste Mal, dass kommerzielle Interessen Todesop fer gefordert haben. Seien wir ehrlich -- es gibt in diesem Raum nicht ein einziges Unternehmen, das nicht irgendwann schon mal den eigenen Profit höher bewertet hat als das Leben anderer Men schen. Wir bauen Autos, von denen wir wissen, dass Menschen dar in umkommen werden. Wir stellen Medikamente her, die tödliche Nebenwirkungen haben können. Wir produzieren Waffen. Ich mei ne, wenn Sie hier jemanden wegen Mordes ausschließen wollen, dann fangen wir doch mit dem Verbindungsmann von Philip Mor ris an. Wir haben alle schon irgendwann einmal den Verlust von Menschenleben mit einkalkuliert, wenn nur unterm Strich genug dabei heraussprang. Niemand in diesem Raum hat das Recht, dazu sitzen und so zu tun, als wären meine Maßnahmen aus heiterem Himmel gekommen.« Er riskierte eine effektvolle Pause. Wenn der IBM Verbindungsmann ihm eine Moralpredigt halten wollte, dann hatte er jetzt die Gelegenheit. Doch er blieb sitzen und schwieg. Du Wei chet, dachte John. »Hören Sie, es geht mir hier um mehr als um eine neue Werbe kampagne. Es geht mir darum, die Regierung loszuwerden -- das größte Hindernis in der Geschichte der Wirtschaft. Natürlich hat die Sache auch eine Kehrseite -- anders ist es eben nicht möglich. Ja, es sind ein paar Menschen dabei umgekommen. Aber betrachten Sie einmal den Vorteil! Führen Sie eine KostenNutzenAnalyse durch! Mir scheint, einige von Ihnen haben vergessen, worum es uns als Unternehmen eigentlich geht. Ich möchte Sie daran erinnern: Wir wollen Geld erwirtschaften, und zwar so viel wie möglich. Sonst laufen uns nämlich die Investoren weg. So einfach ist das. Wir alle sind Rädchen im Getriebe der großen WohlstandsErzeugungs Maschinerie, nichts weiter. Ich biete Ihnen eine Welt, in der keine Regierung sich mehr ein mischt. Nichts ist mehr unmöglich -- keine Werbekampagne, keine internen Absprachen, keine Promotionaktion. Sie wollen Kids dafür bezahlen, sich den NikeSwoosh auf die Stirn tätowieren zu lassen? Nur zu, wer sollte Sie daran hindern! Sie wollen Computer herstel len, die nach drei Monaten die ersten Reparaturen brauchen? Wer sollte Sie hindern? Sie wollen Prämien dafür aussetzen, dass Kun den in den Medien schlecht über Ihre Konkurrenten reden? Sie wol len sie dafür bezahlen, dass sie ihre jüngeren Geschwister auf Ihre Zigarettenmarke einschwören? Sie wollen NRALeute anheuern, Ihnen die Konkurrenz aus dem Weg zu räumen? Nur zu -- tun Sie es!« Ihre Gesichter -- oh, diese Gesichter! John konnte grenzenlose Verblüffung darin lesen. Er öffnete ihnen die Tür zu einer schönen neuen Welt des Kommerzes, und sie standen wie gebannt vor dem reinen, goldenen Licht des Profits, das ihnen entgegenstrahlte. »Ich bin Geschäftsmann. Ganz einfach. Ich will nur Geschäfte ma chen.« Er breitete die Hände aus. Eine ganze Weile lang sagte niemand ein Wort. Aber es war ein viel besseres Schweigen als das zuvor. John genoss jede Sekunde. Schließlich ergriff Alfonse das Wort. »Wir werden darüber beraten müssen ...« »Scheiß drauf!«, rief der PepsiBoy. »Los, wir stimmen ab!« Überall im Raum nickten Köpfe. »Also gut. Wer ist dafür, John Nike aus USAlliance auszuschließen?« Vier Hände gingen hoch -- nein, fünf. John spürte, wie Wärme seinen Körper durchströmte. »Es sieht ganz so aus, als ob Sie bei uns bleiben können, John.« »Ich bin erfreut und beschämt«, sagte John. Er konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Während der folgenden drei Stunden ging es in der Versammlung heiß her. Die Verbindungsleute waren völlig elektrisiert von den Möglichkeiten, die sich plötzlich auftaten. Es war herrlich anzuse hen. Sie warfen mit den unglaublichsten Plänen nur so um sich -- Marketingideen, Absprachen, um einander die Kunden zuzuspielen, Marktsegmentierung und Hebelwirkung. Am Ende hing selbst John das Thema Geld zum Hals heraus. Als es vorbei war, flüchtete er in die Eingangshalle, versteckte sich hinter einer Bronzestatue von John D. Rockefeller und klappte sein Handy auf. »General Li NRA.« »Ich bins.« »Ah, John ... Ich glaube nicht, dass wir dieses Gespräch über ...« »Vergessen Sies. Das geht schon klar.« »Wie Sie meinen.« John bekam allmählich Respekt vor General Li. Er war geradeher aus, kein bisschen aufgeblasen, strikt ergebnisorientiert. »Sie bekommen bald die Bestätigung. Bis dahin habe ich einen anderen Auftrag für Sie.« Jemand legte eine Hand auf seine Schulter -- Alfonse. »John. Sie überraschen mich immer wieder.« »Zu freundlich.« »Nur eines -- es kam mir in den Sinn, dass Sie versucht sein könn ten, Ihren gegenwärtigen Vorteil auszunutzen«, sagte Alfonse. »Vielleicht denken Sie, wenn Sie einmal mit einem Alleingang durchgekommen sind, könnten Sie so weitermachen.« »Nein, Alfonse, selbstverständlich nicht.« »Nichts geschieht ohne die Zustimmung der angeschlossenen Konzerne. Ist das klar, John?« »Vollkommen.« Alfonse nickte. »Dann will ich Sie nicht länger beim Telefonieren stören.« John sah ihm nach. Er ging davon. »Li, sind Sie noch dran?« »Ja.« »Wie viel können Sie binnen drei Tagen in den größten Städten zusammenziehen?« »Sie meinen ...« »Sie wissen schon, was ich meine.« »Nun ja -- eine ganze Menge«, sagte Li. »Tun Sie es«, befahl ihm John. »Ich habe Konkurrenz, um die man sich kümmern muss.« 59. Buy Auf dem Weg zu Kates Schule verfuhr er sich, und der Verkehr war grauenhaft -- einfach mörderisch. Er trommelte unruhig auf dem Lenkrad herum. »Hattest du nicht gesagt, es wären nur zehn Minu ten?« »Sind es ja auch -- normalerweise.« »Und was ...« Da sah er ein Stück voraus an der Northland Mall ein vier Stockwerke hohes Plakat: HEUTE BIS ZU 50% PREISNACHLASS FÜR MITGLIEDER VON US ALLIANCE! Die Autos standen vierspurig in der Warteschlange, um einen Parkplatz zu ergattern. »Machen die Ausverkauf?« »Schaust du kein Fernsehen?«, fragte Kate. »Hmm«, sagte Buy. Anscheinend nicht genug. In der Schlange neben ihm tat sich eine Lücke auf. Buy trat kräftig aufs Gas. Als hin ter ihm jemand hupte, zeigte er ihm einen Vogel. Dann wurde ihm bewusst, dass Kate ihn beobachtete. »Das tut man nicht.« »Ich weiß«, sagte er leicht beschämt. »Tut mir Leid.« »Schon gut. Da vorne ist meine Schule.« »Und iss den Kuchen nicht vor dem Mittagessen. Weißt du noch, was wir ausgemacht haben?« »Ja, Buy.« Er lächelte sie an. »Braves Mädchen.« Sie schlug verlegen die Augen nieder. Er konnte nicht widerstehen, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. »Dann lauf mal.« Kate sprang aus dem Jeep, winkte und ging auf das Schultor zu. Statt auf den Verkehr zu achten, sah Buy ihr nach. Erneut hupte je mand. »Ja, ja.« Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Als er vom Mittagessen zurückkam, blinkte an seinem Telefon die rote VoicemailAnzeige. Das überraschte ihn. Er hatte schon fast eine Woche lang keine Nachricht mehr erhalten. Er hob den Hörer ab. »Buy! Hier spricht Verbindungsmann Kato Mitsui. Bitte rufen Sie mich bei Gelegenheit zurück.« Buy legte den Hörer auf. Kato wollte offenbar wissen, was für irr witzige Marketingpläne er ausgeheckt hatte. Nun, die Antwort lau tete: keine. Er beschloss, Kato trotzdem zurückzurufen. Allmählich war er es leid, untätig an seinem Schreibtisch zu sitzen. Er wurde nacheinander an drei Sekretärinnen weiterverbunden, die allesamt besser Amerikanisch sprachen als er selbst. Schließlich wurde er zu Kato durchgestellt. Kato saß wohl gerade im Auto oder vielleicht im Flugzeug -- Buy hörte Fahrgeräusche. »Buy! Es freut mich außerordentlich, von Ihnen zu hören.« »Ganz meinerseits, Kato. Ich habe allerdings nicht viel vorzuwei sen. Marketing ist im Grunde gar nicht mein ...« »Ach, das war gar nicht der Grund meines Anrufs. Ich habe einen dringenderen Auftrag für Sie.« »Oh.« Kato lachte. »Ich strapaziere Sie sicherlich sehr. Sagen Sie, haben Sie schon von John Nike gehört?« »John Nike? Nein.« »Ich muss gestehen, das überrascht mich ein wenig, denn es war in den Nachrichten das Thema Nummer eins«, sagte Kato. »Er be stimmt maßgeblich das strategische Vorgehen von USAlliance. Und er stammt aus den Australischen Territorien, ebenso wie Sie. Ich dachte mir, was für ein überaus glücklicher Zufall, dass Sie und John so vieles gemein haben. Ich wünsche daher, dass Sie Kontakt zu ihm aufnehmen und sich ihm nützlich erweisen.« Buy überlegte. »Was genau soll ich tun?« »Die Einzelheiten überlasse ich Ihnen, Buy. Ich wünsche einfach, dass Sie mit ihm vertraut werden. Sie sollen John Nike durch Ihre Hilfsbereitschaft für den MitsuiKonzern gewinnen. Später wird John Nikes Erkenntlichkeit dann natürlich dem MitsuiKonzern zu gute kommen.« »Oder Kato«, ergänzte Buy. Kato lachte so laut, dass es Buy im Ohr wehtat. »Meine Kollegen werfen mir mitunter vor, dass ich zu viel von den Amerikanern ü bernehme. Sie lernen ebenfalls schnell, muss ich sagen. Zusammen werden wir ein exzellentes Team abgeben.« Buy wuss te nicht recht, was er sagen sollte. »Danke.« »Rufen Sie mich an, wenn Sie mit John angebändelt haben«, sagte Kato. Er rief bei Nike in Melbourne an und erreichte Johns Sekretärin. Sie klang hektisch und gestresst und erklärte ihm, sie arbeite erst seit einem Tag dort. Buy hatte den Verdacht, dass seine Nachricht nur eine von massenhaft Nachrichten war, die sie entgegennahm. Er sagte: »Richten Sie ihm aus, die Nachricht ist von dem Typen, der Ihnen einen Blumenstrauß geschickt hat.« »Pardon, wie bitte?« »Es hört sich so an, als ob Sie bis über beide Ohren in Arbeit stek ken«, sagte Buy. »Ich möchte mir deshalb erlauben, Ihnen einen großen Blumenstrauß zu schicken -- wenn ich darf.« »Meinen Sie das ernst?« »Vollkommen.« »Das ist ja ... wie war der Name, Buy Mitsui? Ich werde dafür sor gen, dass er Ihre Nachricht auf jeden Fall bekommt.« »Vielen Dank.« Buy legte zufrieden auf. Da er bis zu Johns Rückruf nichts weiter zu tun hatte, beschloss er, die Blumen selbst auszusu chen. Er nahm seine Jacke und fuhr mit dem Aufzug nach unten. In der Eingangshalle lief er Cameron über den Weg. Cameron wirkte so müde und abgespannt, dass Buy sich fragte, ob er ein Pro blem hatte. Aber vielleicht sahen einfach alle im Maklergeschäft so aus, und es war ihm früher bloß nicht aufgefallen. »Hi, Cameron.« »Buy? Wo wollen Sie hin?« »Blumen kaufen.« »Blumen? Wozu brauchen Sie Blumen?« »Um sie einer Sekretärin zu schicken.« »Jetzt hören Sie mir mal gut zu«, begann Cameron. »Was glauben Sie wohl, warum ich mir ein Bein ausgerissen habe, um Ihnen diese Stelle als Assistent des Verbindungsmannes zu besorgen? Bestimmt nicht, damit Sie sich auf der achten Etage verkriechen können. Ich habe Ihnen geholfen, wo ich konnte. Jetzt ist es verdammt noch mal an der Zeit, dass Sie selbst ein bisschen Motivation aufbringen.« »Cameron, warten Sie mal«, sagte Buy, »ich ...« »Alle anderen schuften sich krumm für das Unternehmen, Buy. Das interessiert Sie wohl nicht sonderlich. Aber wir werden Sie nicht ewig mit durchziehen. Wenn Sie nicht endlich anfangen, Ergebnisse zu liefern, kriegt eben jemand anderes Ihren Posten. Also, wenn Sie sonst nichts zu tun haben, dann beschäftigen Sie sich mal damit.« »Aber ich habe zu tun ... », sagte Buy. »Wirklich.« Er sah verstoh len auf die Uhr. In ein paar Stunden hatte Kate Schulschluss. Er hat te versprochen, sie abzuholen. 60. Jennifer Eigentlich hätte sie mit Billy NRA in den Regierungsjet steigen sol len, der den Präsidenten nach Washington D. C. zurückbrachte. A ber Jennifer hatte ihre Zweifel, ob es besonders geschickt wäre, Billy in dasselbe Flugzeug zu setzen wie den Mann, auf den er einen Mordanschlag verübt hatte. Daraufhin bekam sie Anweisung, in London den nächsten Flug abzuwarten. Wenig später stürzte der Jet mit zwei Dritteln der Führungsspitze der Regierung in den Atlantik, und das Chaos war perfekt. Ihr Flug wurde verschoben oder gecancelt -- was von beidem, erfuhr sie nicht. An jedem Telefon standen 20 Agenten Schlange, und nachdem sie zwei Stunden lang gewartet hatte, konnte sie fünf Minuten mit Kate sprechen, ehe ein Dienststellenleiter das Telefon zurückforderte. Als sie anschließend zu ihrem Quartier zurückkehr te, fand sie dort einen Trupp Agenten aus Japan vor, die gerade mit Sack und Pack in die Baracke einzogen. »Wollten Sie nicht abreisen«, sagten sie. »Mein Flieger ist nicht gestartet.« »Pech für Sie!«, sagte einer der Japaner. Jennifer machte sich auf die Suche nach jemandem, der die Sache regeln könnte. »Ein paar Japaner haben sich in meiner Baracke breit gemacht«, beklagte sie sich beim Stabschef. »Hätten Sie nicht längst nach Washington fliegen sollen?« »Ja. Aber es geht kein Flieger.« »Na also, dann wäre diese Baracke doch eigentlich frei.« »Ist sie aber nicht.« »Hören Sie Jennifer; ich habe das ganze Gelände voller Agenten, die nicht wissen, was sie zu tun haben. Ich habe andere Sorgen, als mich um Ihre Unterbringung zu kümmern.« »Heißt das, ich bin befugt, das Problem in Eigeninitiative zu lö sen?« »Glänzende Idee«, antwortete der Stabschef. »Danke, Sir!« Jennifer machte auf dem Absatz kehrt. Das kam ihr äußerst gelegen. »Tut mir Leid, aber John ist nicht mehr hier«, teilte ihr der Mann bei USAlliance mit. »Die meisten führenden Manager sind schon gestern nach L. A. zurückgeflogen. Was sagten Sie, von welcher Zei tung Sie sind?« »Nach L. A.? Sind Sie sicher?« »Absolut. Wenn Sie möchten, kann ich versuchen, ein telefonisches Interview für Sie zu arrangieren.« »Schon gut«, sagte Jennifer. »Ich nehme das selbst in die Hand.« »Aufwachen«, sagte sie und knipste das Licht an. »Es geht los.« Billy NRA hob benommen den Kopf von der Pritsche. »Los? Wo hin denn?« »Wir müssen zum Flughafen.« »Sie können nicht mit mir da rausgehen! Die NRA bringt mich um!« »Keine Sorge. So was ist meine Spezialität.« Am Flughafen trafen sie mit Calvin zusammen. Er war auf einem anderen Gelände untergebracht und kam zwanzig Minuten zu spät. »Tut mir Leid. Die Straßen sind hier so unübersichtlich, dass man buchstäblich im Kreis fährt. Ich wäre um ein Haar wieder da raus gekommen, wo ich losgefahren bin.« »Können wir bitte reingehen?«, drängte Billy. »Ich finde wirklich, wir sollten jetzt reingehen.« »Was hat er denn?« »Er denkt, USAlliance wolle ihn umbringen.« »Und?« »Das ist schon gut möglich«, sagte sie. Die Angestellte am AmericanAirwaysSchalter sagte: »Tut mir Leid, Maam, aber mit dieser Maschine können Sie nicht fliegen. Wir dürfen bis heute Mittag keine Tickets an Mitarbeiter der Regierung abgeben.« »Wie bitte?« »Unsere Flüge sind nur für Inhaber von USAllianceKarten.« »Ich habe eine USAllianceKarte«, sagte Calvin und klopfte seine Taschen ab. »Wie heißen Sie, Sir?« »Calvin ... McDonalds.« »Können Sie sich ausweisen?« »Ähm ... nein«, antwortete Calvin. »Dann tut es mir Leid, Sir. Keine Tickets für Mitarbeiter der Regie rung.« Sie gingen beiseite. Billy fragte: »Was ist los?« »Billy, du musst uns drei Tickets besorgen«, sagte Jennifer. »Ganz allein?« »Du wirst doch wohl eine USAllianceKarte haben«, sagte sie. »Wahrscheinlich mit AttentäterSternchen.« »Die NRA wird mich abknallen! Und das nennt ihr Personen schutz?« »Ich bin sicher, dass dich niemand abknallt«, sagte Jennifer. »Los, geh schon.« Billy blickte sie an wie einen Verräter, dann machte er sich auf den Weg. Zuerst dachte sie, er würde an denselben Schalter gehen, aber dann steuerte er auf einen anderen zu. Sie beobachtete wachsam, ob jemand in seiner Umgebung den Kopf hob oder mit der Hand in die Tasche fuhr. »Jetzt können wir nicht mal mehr einen Flug buchen«, sagte Calvin. »Was geht hier nur vor?« »Keine Ahnung.« »Warum schickt uns die Regierung dann überhaupt nach L. A.? Ich dachte, wir sollten nach Washington.« »Ich habe Anweisung, in Eigeninitiative zu handeln.« Calvin sah sie an. »Was?« »John ist in L. A.« »Jen!«, rief er. »Wir sollen nach Washington!« »Ja, ja -- später.« »Da stürzt also ein Jet ab«, sagte sie, während sie sich das Kissen im Rücken zurechtrückte, »und schon ist die Regierung handlungs unfähig. Wie konnte es bloß dazu kommen, dass wir derart zentrali siert sind? Wir sind eine Demokratie! Die Handlungsfähigkeit einer Regierung sollte niemals von Einzelpersonen abhängen.« »Früher hat man die Spitzenleute getrennt in verschiedenen Flug zeugen befördert«, sagte Calvin. »Und warum macht man das jetzt nicht mehr so?« »Sparmaßnahmen, schätze ich.« »Weißt du was? Das alles hat angefangen, als die Steuern abge schafft wurden. Von da an haben sich alle aus der Gesellschaft frei gekauft. Als es noch Steuern gab, hatten wir so etwas wie eine Ge meinschaft.« »Müsst ihr die ganze Zeit quasseln? Ich bin todmüde«, beschwerte sich Billy. »Halt die Klappe«, erwiderte Jennifer. »Dann setzt euch wenigstens nebeneinander. Ich hör das hier in Stereo.« »Schnauze«, befahl Calvin. »Du würdest also wieder Steuern ein führen? Und wie würdest du das anstellen?« »Keine Ahnung«, murmelte Jennifer. »Aber irgendwie ist dieser Freiheitswahn völlig aus dem Ruder gelaufen.« »Wenn wir John Nike erst mal hinter Schloss und Riegel haben, gehts dir bestimmt gleich viel besser«, tröstete Calvin sie. »Allerdings.« Sie schloss die Augen. 61 . Hack McDonalds hatte lange gebraucht, um in der Melbourne Central Mall Fuß zu fassen. Bis dahin bekam man fettige Burger nur bei Aussie Burgers, einem kleinen Imbiss, von dem Hack mal irgendwo gelesen hatte, dass er verbissen gegen den Einzug der Golden Ar ches kämpfte. Aber eines Tages stellte Hack im Vorbeigehen fest, dass Aussie Burgers verschwunden war. Gegenüber dem leeren Lokal befand sich jetzt das größte McDonalds, das Hack je gesehen hatte -- drei Stockwerke hoch und vier Ladenfronten breit. Es war rappelvoll. Hack hatte nie bei Aussie Burgers gegessen, was ihm im Nachhi nein Leid tat. Er war froh, das jetzt in gewisser Weise wieder gutma chen zu können. Er packte seinen Seesack und betrat das McDo nalds. Es war gerammelt voll mit Geschäftsleuten, Müttern mit Kleinkin dern und jugendlichen Schulschwänzern. Hack sah sich um und entdeckte Claire, die auf der anderen Seite des Raumes an der Theke lehnte. Als sie seinen Blick auffing, lächelte sie. Hack lächelte zurück. »Hack! Hey!« Er drehte sich um und erblickte Thomas, der immer diese dämli chen Slogans auf die von Hack nachbearbeiteten Plakate sprühte. »Mann, ist das cool. Alles klar?« »Wo ist Leisl?« Thomas machte ein betretenes Gesicht. »Ich glaub, die kommt nicht.« »Was?« »Ich glaub, das hier ist nicht ihr Ding. Sie will sich keinen Arger einhandeln.« Auch gut, dann würden sie es eben zu dritt durchziehen. Er nickte Claire zu. Sie war schon dabei, auf die Theke zu klettern. Claire war extrem sportlich -- sie war mit ihren langen Beinen bereits oben, während Hack noch versuchte, sich an der Kasse hochzuziehen. »Was ... was machen Sie da?«, rief ein McDonaldsAngestellter. Hack blickte auf ihn herab. »Keine Sorge, niemandem passiert et was.« Er holte ein Paar dicke Handschuhe aus seinem Beutel und wandte sich an die Menge. »McDonalds beutet die Umwelt aus! Der Konzern plündert die natürlichen Ressourcen von DritteWelt Ländern, um uns fettiges, ungesundes Essen vorzusetzen. McDo nalds gehört zu USAlliance, und USAlliance ist für den Mord in London verantwortlich! Die McDonaldsNiederlassungen machen sich in unseren Stadtvierteln breit und verdrängen kleinere Geschäf te! Und sie richten ihre Werbung an Kinder!« »Babymörder!«, schrie Thomas und versetzte der Kasse einen Tritt. Hack unterdrückte einen Seufzer. Die Kunden grinsten ihn an. Claire ergriff das Wort: »McDonalds vergiftet mit seiner Profitgier unser Leben! Und deshalb vergiften wir jetzt McDonalds!« Hack zog eine große Dose aus seinem Seesack hervor und sprang hinter die Theke. Der Angestellte wich erschrocken zurück. »Ent schuldigen Sie«, sagte Hack. »Alles raus hier!«, schrie Claire. »Wir setzen gefährliche Chemika lien frei! Verschwinden Sie, und kommen Sie nie wieder! Hier wird man nie mehr gefahrlos essen können!« Als sie ihre Gasmasken anlegten, brach Panik aus. Hack konnte sich vorstellen, dass es kein schönes Gefühl war, schutzlos vor sei nem Burger und Milchshake zu sitzen und zuzusehen, wie jemand sich so ein Ding umschnallte. Die Kunden flüchteten zum Ausgang. Ihr Geschrei tat ihm in den Ohren weh. Hack wandte sich der Küche zu. Die Angestellten blieben seltsa merweise wie angewurzelt stehen -- selbst als er die Dose öffnete und schrie: »Raus hier!« Die Gasmaske dämpfte seine Worte. »Ver giftungsgefahr!« Er griff in die Dose und holte einen Handschuh voll grünen Pulvers hervor. Da erst liefen sie los. Hack warf mit dem Pulver um sich. Es ver teilte sich über den Grill, die Arbeitsplatten, den Dunstabzug -- einfach überall. Wo es auf heiße Flächen fiel, knisterte und brutzelte es und erzeugte einen dichten, giftig grünen Rauch. Hack war faszi niert. Es hätte wirklich nicht giftiger aussehen können. Jemand fasste ihn an der Schulter. Er konnte Claires Augen durch die Maske kaum sehen. Sie tippte auf ihr Handgelenk. Er nickte und verstreute das restliche Pulver mit einem Schwung, ließ dann die Dose fallen und kletterte wieder über die Theke. Hand in Hand rannten sie zum Ausgang. Die Kunden hatten sich vor dem Restaurant versammelt, aber als die drei herausstürmten, wichen sie zurück. Hacks Hochgefühl wuchs. In diesem Getümmel würde die Security sie garantiert nicht erwischen. Er riss sich die Gasmaske vom Gesicht und stopfte sie in seinen Beutel. Sie rannten drei Stockwerke runter und durch einen langen Wartungsgang. Schließlich traten sie auf die belebte Bourke Street hinaus. »Scheiße, Mann, war das cool!«, japste Thomas. »Das war einfach so was von cooll« »Wie das gebrutzelt hat -- nicht zu glauben«, sagte Claire. »Und das war wirklich nur Mehl?« »Mehl und Lebensmittelfarbe.« »Da geht garantiert keiner mehr essen. In hundert Jahren nicht!« »Du warst echt gut«, sagte Hack zu Claire und gab ihr einen Kuss. »Deine Rede hat mir gefallen.« »Danke.« Sie wurde verlegen. »Mann! Wie sollen wir das denn noch toppen?«, rief Thomas. »Ich weiß, wie«, sagte Hack. Auf diese Frage hatte er gewartet. »Wir schlagen bei Nike zu.« 62. Violet Holly T.A. sprach auf dem Rückweg vom Parlament ununterbro chen in ihr Handy. Violet saß ihr gegenüber, sodass ihre Knie sich beinahe berührten. Der Dritte in der Limousine war der Soldat na mens EINS, der reglos neben Violet saß. »Wir müssen uns die Situation zu Nutze machen«, sagte Holly gerade. »USAlliance hat nichts als die Regierung im Kopf. Bis mor gen früh will ich einen Plan ausgearbeitet haben.« Sie klappte ihr Handy zu und wandte sich an Violet. »Na, kommen Sie schon. So schlimm wars doch gar nicht, oder?« Violet schwieg. »Sie haben mir heute sehr genutzt. Ich weiß das zu schätzen. Sie haben mitgeholfen, einen wichtigen Gegner zu identifizieren.« »Er ist ... er ist ein Teufel.« Die Art, wie John mit seiner imaginären Pistole auf sie gezielt hatte ... Violet schauderte. »Alle unsere Konkurrenten sind Teufel«, sagte Holly und lächelte. Violet wusste nicht, ob das ein Scherz sein sollte. »Ich will nach Hause.« »Wie Sie wünschen.« »Ich will mein Geld, und dann will ich nach Hause.« »Soweit ich mich erinnere, habe ich Ihnen bereits gesagt, dass Sie sich wegen Ihres Honorars an ExxonMobil halten müssen«, sagte Holly und klappte ihr Handy wieder auf. »Nein, Sie ...« »Schätzchen, ich habe damit überhaupt nichts zu tun.« Sie tippte auf ein paar Tasten. »Moment mal!« Violet beugte sich vor und ergriff Hollys Handge lenk. Im Nu hatte EINS sie an der Kehle gepackt und in ihren Sitz zurückgestoßen. Violet rang nach Luft. »Was sind Sie doch für ein drolliges Mädchen, Violet«, sagte Holly und blickte sie amüsiert an. »Sie müssen noch viel lernen, wie es auf dieser Welt zugeht.« Schlampe, wollte Violet sagen, aber sie bekam keine Luft. Holly klopfte an die Trennscheibe, und die Limousine hielt am Straßen rand. EINS öffnete die Tür und versetzte Violet einen Stoß. Sie lan dete auf allen vieren auf dem Gehweg. Bis sie sich aufgerappelt hat te, war die Limousine schon wieder angefahren. »Miese Schlampe!«, schrie sie hinterher. »Du ... du Miststück!« Sie stand auf einer Brücke. Der Verkehr strömte in beide Richtun gen. Es war schon dunkel. Dichter Nebel hing in der Luft. Nach ei ner Weile machte sie sich auf den Weg. Das Rückflugticket, das sie von ExxonMobil bekommen hatte, war noch gültig, und Violet bekam noch am selben Tag einen Flug nach Melbourne. 20 Stunden später stieg sie vor Claires Haus aus dem Taxi. Es war acht Uhr früh, aber ihrem Gefühl nach war es zehn Uhr abends. Sie war völlig aus dem Takt geraten. Hack würde inzwischen wieder zu Hause wohnen. Das war ganz gut so, denn auf diese Art konnte sich Violet vor ihrem Wiedersehen noch etwas frisch machen. Ihr war mittlerweile klar geworden, dass sie nicht sonderlich nett zu ihm gewesen war -- sie hatte ein paar unschöne Dinge gesagt, die er womöglich in den falschen Hals be kommen hatte. Hack konnte ja so empfindlich sein. Sie würde es behutsam angehen müssen, wenn er ihr helfen sollte, an die drei Millionen Dollar zu kommen. Da sie noch einen Schlüssel hatte, schloss sie die Haustür auf und ging hinein. »Hallo?« Keine Antwort, aber sie hörte das Rauschen von fließendem Wasser in der Dusche. Und eine Stimme -- viel leicht sang Claire. Violet klopfte an die Badezimmertür. »Hallo?« Stille. »Violet?« »Ja.« Sie lehnte den Kopf gegen die Tür und schloss die Augen. »Ich bin zurück.« »Oh ... äh ... wie wars denn?« Das Wasser wurde abgedreht. »Nicht so toll.« Sie war plötzlich den Tränen nahe. »Gar nicht toll, überhaupt nicht.« »Was ist passiert?« »Kann ich reinkommen?« »Äh ... Sekunde noch!« »Ich brauche wirklich dringend jemanden zum Reden«, sagte Vio let und stieß die Tür auf. Claire hatte ein Handtuch um. Hack hatte gar nichts an. Violet starrte die beiden an wie eine Erscheinung. Claire sagte: »Violet, bevor du jetzt irgendwas sagst ...« »Was zum Teufel ist hier los?«, schrie sie. »Violet, bitte, lass mich erklären ...« »Wie kannst du nur? Wie kannst du mir das antun?« »Violet -- du bist gegangen«, sagte Hack. »Du bist einfach ver schwunden und hast gesagt, du willst mich nicht wiedersehen.« »Das war doch bloß so hingegesagt! Ich ... ich kanns einfach nicht glauben. Du hast eine Affäre!« »Eine Affäre?«, schrie Hack. Er war erstaunlich gefasst für einen Mann, der nichts anhatte. Überhaupt war er für seine Verhältnisse bemerkenswert selbstsicher. »Du und ich, wir sind nicht mehr zu sammen!« »Wie kannst du es wagen, das zu sagen! Natürlich sind wir zu sammen!« »Du hast mit mir Schluss gemacht!« »Alle meinen, sie könnten mich abzocken!«, schrie Violet. Sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen schössen. »Alle meinen, sie könnten mich aufs Kreuz legen!« Claire sagte: »Violet, es tut mir wirklich Leid ...« Violet knallte die Tür hinter sich zu. Das Taxi war gerade noch in Sicht. Sie rannte hinterher und winkte mit den Armen. Die Brems lichter leuchteten auf. Als Violet beim Wagen ankam, musterte der Taxifahrer sie. »Keiner zu Hause?« »Nein«, sagte Violet. Die Wohnung war viel sauberer, als sie sie in Erinnerung hatte. In der Küche deutete nichts mehr auf ihren Kampf mit John hin. Der Toaster war verschwunden. Violet hatte plötzlich das Gefühl, die ganze Geschichte nur geträumt zu haben. Wenn sie jetzt noch ein mal zu Claire ginge -- vielleicht wären sie und Hack dann nicht ... Nein, das war Unsinn. Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach hemmungslos in Tränen aus. Sie konnte es nicht fassen. Sie kauerte sich auf den Küchenfliesen zusammen, schlang die Arme um sich und zitterte unkontrolliert. Violet wusste selbst nicht, ob sie wegen Hack weinte, wegen der drei Millionen Dollar, die sie verloren hatte, aus Übermüdung oder vielleicht aus allen drei Gründen zusammen --jedenfalls konnte sie nicht mehr aufhören zu heulen. Es war wie ein Strom, der alles mit sich riss, was ihr noch geblieben war. Doch während sie weinte, hasste sie sich gleichzeitig selbst dafür. Da hockte sie nun -- ein niedergeschlagenes kleines Mädchen statt der erfolgreichen Geschäftsfrau, die sie hatte sein wollen. Die ande ren hatten ihr alles zunichte gemacht. Schließlich stand sie auf, wischte sich die Augen und ging ins Wohnzimmer. Sie griff zum Telefon. Holly T. A. hatte gesagt, Violet hätte noch eine Menge zu lernen, wie es auf dieser Welt zuging -- nun, das wollte sie doch mal sehen. Sie würde Holly schon zeigen, wie schnell sie lernte. Es dauerte lange, bis jemand ans Telefon ging, und dieser Jemand -- eine Frau -- klang, als nähme sie Violet nicht ernst. »Richten Sie ihm aus, Violet will ihn sprechen«, sagte sie. »Sagen Sie ihm, ich bin die, die dabei war, als er in London den Mord begangen hat. Haben Sie mich verstanden?« »Augenblick mal«, sagte die Frau. »Haben Sie gerade gesagt ...« »Genau«, unterbrach Violet. »Ich werde dafür sorgen, dass John Ihre Nachricht bekommt«, sag te die Frau. Violet legte auf. Sie biss auf ihren Nägeln herum. Es war richtig, was sie da tat. Sie wusste, dass es richtig war. 63. John John hatte einen großen Tisch in Beschlag genommen und einen Stadtplan von Los Angeles darauf ausgebreitet. Die Karte war über und über mit Notizen wie »1. Inf.« und »3. Arm.« übersät. Allmäh lich wünschte sich John, er hätte einen Bleistift verwendet statt roter Tinte -- die Sache begann unübersichtlich zu werden. »Du bist echt der Wahnsinn!«, sagte der PepsiBoy, der um ihn herumschwirrte. »Das ist so was von cool -- ich kann dir gar nicht sagen, wie cool das ist.« »Sag mir lieber, wie es bei den anderen Verbindungsleuten aus sieht.« »Die meisten sind mit Volldampf dabei. Was für Kampagnen die aushecken -- das ist echt der Hammer.« Der PepsiBoy studierte die Karte. »Das hier, ist das Artillerie? Willst du gegen Reebok Artillerie auffahren?« »Die meisten?« »IBM hält immer noch nichts von der Sache, nichts Neues also. Und heute Morgen ist in den Australischen Territorien ein McDo nalds überfallen worden. Protest von der Basis, hieß es.« »Protest? Wogegen?« Der PepsiBoy zuckte die Schultern. »Schätze, gegen das ganze Konsumdenken und so.« »Konsumdenken? Seit wann ist Hamburger essen denn ein Verbrechen?« »Was weiß ich, Mann.« »Find raus, wer dahinter steckt. Ich will nicht, dass IBM oder McDonalds oder irgendwer sonst einen Grund hat, wegen Umsatz einbrüchen rumzuzicken.« Die Sprechanlage summte. John zuckte zusammen. »Schnell, versteck den Plan«, befahl er. »John? General Li ist da.« Er atmete auf. »Schicken Sie ihn rein.« Der PepsiBoy strich die Karte wieder glatt -- entlang der 110. hat te sie einen Knick abbekommen. »Kann ich dabeibleiben? Ich hab gute strategische Tipps auf Lager.« »Nein«, sagte John schroff. General Li betrat das Büro. »Och, komm schon.« General Li warf einen Blick auf den PepsiBoy. »General Li, das ist ...«, begann John, ehe ihm auffiel, dass er gar nicht wusste, wie der Junge hieß. »... der Verbindungsmann von PepsiCo.« »Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen«, sagte General Li. Der Junge schüttelte ihm begeistert die Hand. »Ganz meinerseits. Ich fahr voll auf diesen ganzen Kriegsscheiß ab.« »Schon gut, und jetzt verpiss dich«, befahl ihm John. »Ich bin auch ganz still.« »Raus!« »Schon gut, schon gut.« Der Junge warf John einen gekränkten Blick zu. Dann schloss er heftig die Tür hinter sich. »Stressig heute?«, fragte General Li. John seufzte. »Nur ein paar Verbindungsleute, die Ärger machen. Alles war viel einfacher, als ich mich noch nicht darum scheren musste, was die anderen sagen. Demokratie ist ein einziger Schwachsinn, Li.« Li setzte sich. »Wir beim Militär haben schon immer die Demokra tie abgelehnt.« »Sehr vernünftig«, sagte John. »Also gut, reden wir über Panzer.« »Da ist noch etwas, wovon ich Sie vorab in Kenntnis setzen sollte«, sagte der General. »Sie erinnern sich an unseren gescheiterten Scharfschützen, Billy NRA?« »Ist er endlich tot?« »Ich fürchte, nein. Billy wurde mehrere Tage lang an einem Regie rungsstützpunkt festgehalten. Wir haben ihn gerade erst wieder lokalisiert. Er befindet sich auf einem UnitedAirlinesFlug nach L. A.« »Na, dann bringen Sie den kleinen Scheißer endlich um die Ecke«, sagte John. Dann stutzte er. »L. A.? Was will er denn hier?« »Ich weiß es nicht.« »Wenn die Regierung ihn irgendwohin bringen würde, dann doch wohl nach Washington ...« John schnippte mit den Fingern. »Er ist ihnen abgehauen. Billy ist auf der Flucht!« Li räusperte sich. »Das glaube ich nicht. Nach den Angaben von United Airlines reist er in Begleitung von Jennifer und Calvin NRA. Wir gehen davon aus, dass diese Namen falsch sind.« Für einen Moment war John sprachlos. »Jennifer ist hierher unter wegs?« »Pardon?« »Lassen Sie mich allein«, sagte John. »Ich muss nachdenken.« Li warf einen Blick auf den Stadtplan. »Sir, wenn Sie einen Militär einsatz gegen Team Advantage organisieren wollen, dann müssen wir ...« »Raus!« General Li trat den Rückzug an. John presste die Finger gegen die Schläfen. Wie war es möglich, dass sie ihm immer noch auf den Fer sen war? Die Regierung brauchte sonst Monate, um auch nur einen Wohltätigkeitsbasar auf die Beine zu stellen. Nachdem ihre Füh rungsspitze außerplanmäßig im Atlantik baden gegangen waren, hätte völliges Chaos herrschen müssen. Wie hatten sie es fertig ge bracht, zwei Agenten in einen Flieger von London nach L. A. zu kriegen? John kannte die Antwort: Jennifer steckte dahinter. Es war naiv von ihm gewesen, sich in Sicherheit zu wiegen. Jennifer würde ihn bis ans Ende der Welt verfolgen. Auf seinem Schreibtisch lag ein Zettel mit einer Telefonnummer. Er hob ihn auf. »Violet ExxonMobil«, sagte er leise vor sich hin. »Was willst du von mir?« Er fand, es könnte sich lohnen, das in Er fahrung zu bringen. Er kam nicht vor elf aus dem Büro weg, und dann war er so aufge kratzt, dass er erst einmal einen Zwischenstopp an der Hotelbar einlegte, um etwas zu relaxen. Er starrte in seinen Scotch. Da setzte sich jemand neben ihn und streifte dabei seinen Arm. Verärgert sah er auf. Ein Mädchen mit dünnen Armen lächelte ihn verlegen an. »Sie sind doch John, nicht wahr? John Nike?« »Und wer sind Sie?« Die junge Frau zögerte kurz und streckte ihm dann die Hand ent gegen. »Vanessa FashionWarehouse.com. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.« Er war drauf und dran, sie zum Teufel zu jagen. Aber sie war jung und nervös, und es bestand die Möglichkeit, dass sie ihm gleich das Angebot machen würde, mit ihm ins Bett zu steigen. »Keineswegs.« »Ich nehme an ... Sie haben wahrscheinlich noch nie von Fashion Warehouse.com gehört. Wir sind als Contentprovider und Zwi schenhändler für mehrere große Marken tätig.« Sie sah ihm fragend in die Augen. »Aha.« »Ich ... wir haben vor ein paar Monaten bei USAlliance einen Auf nahmeantrag gestellt, aber wir wurden abgelehnt. Es hieß, dass nur Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über hundert Millionen aufgenommen werden. Aber wir sind noch neu am Markt, wir ex pandieren schnell, und da hatte ich gehofft, Sie könnten ... eine Aus nahme machen.« John fand die Vorstellung amüsant. Dieses PissUnternehmen, das die Kleine von ihrem Schlafzimmer aus aufgezogen hatte -- Fa shion.com oder wie immer es heißen mochte -- würde unter keinen Umständen bei USAlliance aufgenommen werden. »Sie müssten schon ziemlich gute Argumente vorbringen.« Sie lächelte so künstlich, dass es beim Zusehen fast wehtat. »Das könnte ich vielleicht tun.« Sie schmiegte sich unbeholfen an seine Seite. Er fühlte eine kleine Brust an der Schulter. »Entschuldigen Sie, Sir«, sagte der Barkeeper. »Telefon für Sie.« John blinzelte. »Warum kommen denn Anrufe für mich hier an?« »Die Rezeption hat bemerkt, dass Sie sich in der Bar aufhalten, Sir.« »Ach.« Bei Sofitel wurde Kundenkomfort ganz großgeschrieben -- manchmal konnte es einem richtig unheimlich werden. »Wer ist dran?« »Violet ExxonMobil.« Er seufzte. »Ich nehme das Gespräch in meinem Zimmer entge gen.« Er stand auf. »Kommen Sie danach wieder?«, fragte Vanessa. Er warf ihr einen Blick zu. »Tut mir Leid, ich habe zu tun.« »Aber ...« »Tut mir Leid.« Er fühlte sich betrogen. Jennifer machte ihm wirk lich alles kaputt. Was immer er erreichte -- sie sorgte dafür, dass er nicht dazu kam, seine Triumphe zu genießen. Was war der ganze Erfolg wert, wenn man nicht mal mehr Zeit hatte, so ein Mädchen zu vögeln? Im Aufzug starrte er in den Spiegel. »Was wird nur aus mir?«, fragte er sich. Sein Spiegelbild starrte ihm entgegen. »Violet?« »Hallo, John.« »Jetzt wollen wir mal eins klarstellen.« Er ging mit dem Telefon ans Fenster, wo er die HollywoodLeuchtschrift sehen konnte. Co lumbia hatte sie vor ein paar Jahren gekauft. Jetzt prangte darüber ein gigantischer Pegasus -- eine echte Verbesserung, wie John fand. »Wenn Sie sich einbilden, Sie könnten mich wegen eines toten Ex xonMobilCEO erpressen, dann vergessen Sies einfach.« »Das ist nicht der Grund meines Anrufs.« »Dann wollen Sie sich vielleicht dafür entschuldigen, dass Sie mir eine Pistole unter die Nase gehalten und meinen Freund ins Koma befördert haben -- ist es das?« »Ich wusste, dass es richtig war, Sie anzurufen.« Sie klang aufge regt. Entweder hatte sie eine Schraube locker, oder sie gehörte zu denen, die nicht wussten, wann Schluss war. So oder so -- John war interessiert. Für solche Leute hatte er Verwendung. »Wir haben ei nen gemeinsamen Feind. Holly T. A. Wir können uns gegenseitig helfen.« »Als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, saßen Sie neben Holly T. A.« »Sie ... sie ...«Violets Stimme klang plötzlich gepresst. »Sie schuldet mir eine Menge Geld. Sie schuldet mir eine ganze Menge.« Aha, dachte er. Er war drauf und dran, Violet zu fragen, ob sie durchgedreht sei. Aber erstens wäre das riskant gewesen, und zwei tens war die Frage im Grunde überflüssig. »Sie wollen, dass ich für Sie die Schulden eintreibe?« »Ich kann Ihnen Informationen über Holly liefern. Ich kann Ihnen sagen ...« »Vergessen Sies. Wegen Holly brauche ich keine Hilfe. Ich brauche Hilfe wegen Jennifer Government.« Sein Leben war voller dominan ter Frauen, fiel ihm plötzlich auf: Wenn es nicht Jennifer war, dann war es Holly. »Wegen wem?« »Verscheißern Sie mich nicht, Violet, das würde unserer Beziehung gar nicht gut tun. Wenn Hack nicht mit Jennifer geredet hat, dann bin ich Ralph Nader. Fragen Sie ihn nach ihr. Und dann schnappen Sie sich ihre Tochter.« Pause. »Sie wollen, dass ich jemanden entführe?« »Sie habens erfasst. Sie beschaffen mir das Kind, und wir kommen ins Geschäft.« »Das habe ich nicht ... so war das nicht ... Ich dachte, ich kann Ih nen schnell mit ein paar Informationen ...« »Wie viel schuldet Holly Ihnen?« »Drei Millionen. Sie schuldet mir drei Millionen Dollar.« »Das ist allerdings eine Menge Geld«, sagte John und legte eine Pause ein, als müsse er ernsthaft darüber nachdenken. »Also gut. Beschaffen Sie mir das Kind, und ich beschaffe Ihnen das Geld.« »Und ... würden Sie Holly dann auch sagen, dass ich dahinter stek ke? Geht das?« »Klar«, sagte John. »Ich werds ihr gründlich unter die Nase rei ben.« »Okay«, sagte Violet. »Ich glaube, das lässt sich machen. Ich muss dem Mädchen aber doch nichts antun oder so?« »Wie? -- Nein, natürlich nicht«, sagte John. Klarer Fall: Die hatte eine Schraube locker. Er sah auf die Uhr. »Und noch was: Kommen Sie nicht auf die Idee, mich aufs Kreuz zu legen.« Er wusste selbst nicht, warum er sich überhaupt die Mühe machte, das zu sagen -- wahrscheinlich hatten sie beide vor, einander aufs Kreuz zu legen, und die Frage war nur, wer zuerst zum Zug käme. »Sie haben meine Nummer.« Er legte auf. Kein Zweifel -- Violet war durchgeknallt, und zwar gründlich. Aber manchmal waren gerade solche Leute besonders nützlich. Selbst ein gescheiterter Versuch, Jennifers Kind zu entführen, wäre ein klares Signal. Vielleicht würde das schon reichen. Wenn er nur genug Zeit gewinnen konnte, dann würde es nachher keine Rolle mehr spielen, wie verbissen Jennifer hinter ihm her war. Li und die NRA würden sie arbeitslos machen. 64. Buy Zwei Tage waren vergangen, und immer noch keine Antwort von John Nike. Buy rief ein weiteres Mal bei der Sekretärin an. »Ach, Sie sind das!«, sagte sie. »Die Blumen sind wunderschön, vielen Dank! Hat John sich bei Ihnen gemeldet?« »Nein, leider nicht.« »Verflixt. Wissen Sie was ... na ja, eigentlich darf ich das ja nicht, aber ... soll ich Ihnen seine Handynummer geben?« »Das wäre großartig.« Buy notierte die Nummer. »Nochmals vie len Dank.« Er wählte. Während er wartete, surfte er im Internet nach Virtual Animalz. Er wusste nicht genau, was es damit auf sich hatte, nur dass Kate ganz verrückt danach war. Sie wollte Downloads. »Ja?« »John Nike? Hier spricht Buy Mitsui, der Assistent des Mitsui Verbindungsmannes. Ich weiß nicht, ob Sie meine Nachricht be kommen haben, aber ...« »Woher zum Teufel haben Sie diese Nummer?« »Ihre Sekretärin hat sie mir gegeben.« »Dieses Miststück!« Buy hatte das Gefühl, dass er John Nike nicht besonders mögen würde. »Wie auch immer ... Ich rufe an, weil Kato Mitsui, unser Verbindungsmann, mir aufgetragen hat, Ihnen zu Diensten zu sein.« Pause. »Was wollen Sie?« »Nichts, gar nichts«, beteuerte Buy. »Ich will Ihnen nur meine Dienste anbieten.« »Dienste wobei?« »Ich weiß nicht. Das kommt ganz darauf an, was ich für Sie tun kann.« »Hmm, Scheiße, äh ... wo sind Sie überhaupt?«, fragte John. »Melbourne, Australische Territorien.« Pause. »Okay, gut. Gut. Setzen Sie sich mit McDonalds in Mel bourne in Verbindung und finden Sie raus, wer da für den Giftmüll anschlag verantwortlich war.« »Sie wollen, dass ich McDonalds helfe?« Die Sache wurde allmäh lich kompliziert. »Wir bei USAlliance sind alle eine große, glückliche Familie, wussten Sie das etwa noch nicht?« »Sicher«, sagte Buy. »Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, ich will nicht, dass Sie McDonalds helfen. Ich will, dass Sie mir sagen, ob die krumme Spielchen treiben. Finden Sie raus, wer hinter dem Anschlag steckt. Ich will Namen, ich will wissen, was die vorhaben, überhaupt alles. Diesen McÄrschen traue ich glatt zu, dass sie das Ganze selbst in szeniert haben.« »Okay.« Auch noch paranoid, dachte Buy. »Und rufen Sie mich gefälligst nie wieder um diese Zeit an. Es ist fünf Uhr früh, verdammt noch mal.« »Oh, tut mir Leid ...«, aber da hatte John ihn schon abgewürgt. Buy verabredete sich für drei Uhr mit Lucia McDonalds, der dor tigen Marketingleiterin, sodass er anschließend noch Zeit hatte, Kate von der Schule abzuholen. McDonalds hatte seinen Hauptsitz zwar in Sydney, aber Lucia war zwecks Krisenmanagement nach Mel bourne gekommen. Sie wollte sich mit Buy am Ort des Anschlags treffen. Buy kam über die Swanston Street und fuhr dann mit der Rolltreppe nach oben. Das McDonaldsRestaurant war nicht mehr mit Plastikfolie verhüllt -- zu Buys Erstaunen saßen drinnen schon wieder Leute beim Essen. Er trat ein und sah sich suchend nach Lu cia um. »Buy Mitsui?« Er wandte sich um. Eine Frau, die er irrtümlich für eine Kundin gehalten hatte, sah ihm lächelnd entgegen. Sie bedeckte ihr Handy mit einer Hand. Vor ihr standen ein angebissener Cheeseburger und Pommes frites. »Ich bin Lucia. Setzen Sie sich doch. Ich bin gleich fertig.« Buy setzte sich und beäugte misstrauisch Lucias Cheeseburger. Er hoffte nur, dass sie ihn nicht auffordern würde, auch etwas zu essen. Er hatte in den Nachrichten gesehen, wie Leute mit Schläuchen grü nes Zeug von den Grills spritzten. Eher hätte er seine Aktentasche verspeist. »Das Essen wird nicht hier zubereitet«, sagte Lucia, die seinen Blick bemerkt hatte. Sie klappte ihr Handy zu. »Wir wissen zwar inzwischen mit Sicherheit, dass keine Kontamination stattgefunden hat, aber wir wollen unseren Kunden zusätzliche Sicherheit bieten. Das Essen wird mit Warmhaltewagen über die Swanston Street an geliefert.« »Keine Kontamination?« »Der Anschlag war nur Show -- das Zeug war eine Mischung aus Mehl und Lebensmittelfarbe.« »Ach, das wusste ich nicht«, sagte Buy. Er hatte trotzdem keine Lust auf Cheeseburger. »Leider weiß das kaum jemand. Wir haben unglaubliche Öffent lichkeitsarbeit zu leisten. Ich habe meine halbe Belegschaft hierher abkommandiert, damit sie sich mit Happy Meals voll stopfen.« Buy sah sich um. Jetzt, da Lucia es erwähnt hatte, fiel ihm tatsäch lich auf, dass die Kunden alle ziemlich gleich aussahen. Die meisten hielten Handys am Ohr. Manche hatten Notebooks dabei. »Wissen Sie schon etwas über die Täter?« »Seit heute Morgen, ja. Sie sind auf der Flucht draußen auf der Straße von Uberwachungskameras aufgenommen worden. Ein paar Geschäfte an der Bourke Street haben uns ihre Aufzeichnungen ü berlassen, und darauf war zu sehen, auf welchen Parkplatz die Täter geflüchtet sind. Einer von ihnen hat mit einer Visa Card bezahlt. Visa ist Mitglied bei USAlliance, und -- voilà -- schon hatten wir die Adresse von einem gewissen Mr. Hack Nike.« Buy zog die Augenbrauen hoch. Er fragte sich, ob es Zufall war, dass der Täter für dasselbe Unternehmen arbeitete wie John Nike. Hinter dieser Sache schien mehr zu stecken, als ihm bewusst war. »Haben Sie das der Regierung gemeldet?« Lucia lächelte. »Das ist nicht unsere Art, Buy. Zu viel Aufsehen. Wir unterhalten uns lieber selbst mit diesem Hack Nike.« >»Unterhalten< soll heißen ...« Sie beugte sich vor. »Das soll heißen, dass wir ihm sehr überzeu gend darlegen werden, warum er so etwas nie wieder versuchen sollte.« »Verstehe«, sagte Buy. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern zuerst mit ihm reden. John Nike will wissen, was diese Leute im Schilde fuhren.« »Ach ja, John«, sagte Lucia mit glänzenden Augen. »Das ist ja toll, dass er sich persönlich für diese Angelegenheit interessiert. Woher kennen Sie ihn?« »Das ist schwer zu erklären.« »Ich hoffe, Sie lassen ihn wissen, wie dankbar ich für seine Unter stützung bin. Wenn er jemals in die Stadt kommen sollte, wäre es mir ein großes Vergnügen, ihn zum Essen einzuladen.« »Ich werds ihm ausrichten«, versprach Buy. »Kann ich also ...« »Warten Sie, ich schreibe Ihnen alles auf.« Auf dem Bechtel Eastern Freeway unterwegs zu Kates Schule wählte Buy die Nummer, die Lucia ihm gegeben hatte. Eine junge Frau meldete sich. »Ja?« »Guten Tag. Könnte ich bitte mit Hack Nike sprechen?«, fragte Buy. »Der ist nicht da«, antwortete sie -- leicht gereizt, wie es Buy schien. »Der wohnt hier nicht mehr, verstanden?« »Ach. Wissen Sie, wo ...« »Versuchen Sies mal bei Claire Sears, Verkaufsassistentin. Da er reichen Sie Hack bestimmt.« »Aha. Vielen Dank«, sagte Buy und unterbrach die Verbindung. Merkwürdig. Er ließ sich von der Auskunft die Nummer von Claire Sears geben, erreichte aber nur deren Anrufbeantworter. Buy sprach auf das Band: »Hallo, hier spricht Buy Mitsui ... Ich habe von Ihrer Gruppe gehört und von Ihren Aktionen ... und da würde ich gern mitma chen. Rufen Sie mich doch bitte so bald wie möglich zurück.« Anschließend war ihm gar nicht wohl dabei, jemanden so in die Falle zu locken. Lucia hatte ihm vorhin bei McDonalds noch das Band von dem Überfall gezeigt, und Buy war erstaunt gewesen, wie dilettantisch das alles zugegangen war. In den Nachrichten hatte es sich nach einem strategischen Anschlag mit chemischen Waffen an gehört. »Das sind ja die reinsten Kinder«, hatte er zu Lucia gesagt. »Sie brauchen kein Mitleid mit denen zu haben -- der Imagescha den kostet uns 20 Millionen«, hatte Lucia geantwortet. Buy war zu früh dran. Er parkte den Jeep und stahl sich ins Schul gebäude in der Hoffnung, einen Blick in Kates Klassenzimmer wer fen zu können. Überall hingen Bilder von Barbiepuppen und Hot WheelsAutos. Offenbar handelte es sich um eine MattelSchule. Plötzlich wurde Buy auch klar, warum Kate eine Barbie Butterbrotdose hatte. Ein Mann vom Sicherheitsdienst versperrte ihm den Weg. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?« »Ich hole nur meine Tochter ab«, stammelte Buy überrascht. »Die Schüler können am Tor abgeholt werden, Sir«, sagte der Wachmann. »Warten Sie bitte draußen.« »Hm, ja, sicher.« Er machte kehrt. Eigentlich schade -- aber solche Sicherheitsvorkehrungen mussten wohl sein. Man konnte ja nie wis sen, ob nicht ein Verrückter auf die Idee käme, ein Kind zu entfuh ren. Kate kam als eine der Ersten heraus. Sie rannte stürmisch auf Buy zu. »Buy! Hast du meine Virtual Animalz?« Er öffnete ihr die Tür. »Ich glaube, du musst mir das noch mal gründlich erklären.« »Aber Buy! Das ist so einfach!« Er ließ den Motor an. »Für ein schlaues Mädchen wie dich viel leicht.« »Heute war ein Mann in der Klasse und hat uns was erzählt«, be richtete Kate. »Er hat gesagt, es gibt auch böse Unternehmen. Arbei test du bei einem bösen Unternehmen?« »Wie?« »Er hat gesagt, die Bösen haben sich gegen die Guten zusammen getan, und die beiden Seiten bekämpfen sich.« »USAlliance und Team Advantage?« »Ja, genau!« »Und das lernt ihr in der Schule?« »Die Guten sind ... ach, hab ich vergessen.« »Ich auch«, sagte Buy. »Mattel gehört jedenfalls zu den Guten, das weiß ich.« »Ach, Kate -- in Wirklichkeit gibt es nicht einfach gut und böse. Das ist alles viel komplizierter.« »Aber Mattel sorgt für die Schulkinder. Da war mal ein Kind krank, dem haben sie haufenweise Spielsachen geschenkt. Die anderen Unternehmen sind gemein und habgierig.« »Irgendwie sind alle Unternehmen habgierig. Deshalb stellen sie Sachen für uns her. So funktioniert nun mal das System.« »Kaufst du mir was? Weil du doch keine Animalz runtergeladen hast?« Buy lächelte. »Was möchtest du denn?« »Ein Bouncing Beanie Ba by.« »Wundert mich, dass es die nicht bei euch in der Schule zu kaufen gibt«, bemerkte Buy. »Wundert mich, dass es nicht Pflicht ist, welche zu kaufen.« »Mattel hat keine Bouncing Beanie Babys. Aber ich mag sie trotz dem.« »Du kleiner Rebell.« »Krieg ich eins?« »Na gut, warum nicht.« »Danke! Wir kommen an der Chadstone Mall vorbei.« »Lass uns woanders hingehen.« »Aber du hast gesagt ...« »Ich kauf dir ja eins. Nur nicht in Chadstone«, sagte Buy. »Bitte. Da will ich nicht hin.« Sie fuhren eine Weile lang schweigend. Dann fragte Kate: »Meinst du, dass Mommy noch mal anruft?« Buy sah sie an. »Ganz bestimmt. Sobald sie auch nur eine Sekunde Zeit hat.« »Das hat sich nicht gut angehört, wo sie war. So laut.« »Es passiert ihr schon nichts. Ganz bestimmt nicht.« »Hoffentlich ruft sie wieder an.« Kate inspizierte ihre Fingernägel und biss daran herum. »Wie wärs mit Sears? Da gibts auch welche. Krieg ich bei Sears ein Boun cing Beanie Baby?« »Gut, gehen wir zu Sears«, willigte Buy ein. 65. Billy Billy wachte davon auf, dass Jennifer ihm den Ellenbogen in die Rippen bohrte! »He. Ich versuch gerade zu schlafen.« »Wir sind gelandet.« »Oh.« Er trat hinter Calvin auf den Gang, streckte und dehnte sich und ließ seine Fingerknöchel krachen. »Lass das«, wies Calvin ihn zurecht. »tschuldigung.« Calvin wirkte müde und zerknittert, was Billy sehr entgegenkam -- so würde er ihm leichter entwischen können. Billy war nämlich entschlossen, sich bei der erstbesten Gelegenheit davonzumachen. Nachdem er reichlich Zeit zum Nachdenken ge habt hatte, fand er, dass zu fliehen entschieden besser war als die Alternative -- rumzusitzen und darauf zu warten, dass die NRA ihn abknallte. Dieser John Nike hatte ganz schön überzeugend geklun gen. Jennifer und Calvin nahmen ihn in die Mitte und brachten ihn vom Flugzeug. Eine Neonleuchtschrift verkündete: WILLKOMMEN IN LOS ANGELES, DER HEIMAT VON U. S. ALLIANCE! »Mann, ist das ein Gefühl, wieder zu Hause zu sein!«, sagte Billy und atmete tief ein. »Riecht mal, diese Luft -- wow!« »Das ist die Klimaanlage«, sagte Jennifer. Billy entdeckte ein Hin weisschild. »Hey, da ist ein Klo. Ich muss mal pissen.« »Warte, bis wir im Hotel sind.« »Kommt schon, ich bin gerade aufgewacht. Ich muss wirklich.« Jennifer blickte Calvin an. Der sagte: »Na, dann komm.« »Danke«, sagte Billy. Jennifer fasste ihn am Arm. »Sei vorsichtig. Womöglich weiß die NRA, dass wir hier sind.« »Hey, Mann, na klar.« Billy gab sich Mühe, ernsthaft auszusehen. Jennifer war doch völlig verrückt, wenn sie glaubte, Billy sei in Ge sellschaft von ein paar übernächtigten Bundesagenten sicherer als allein. Auf der Toilette inspizierte Calvin zuerst die Kabinen. Das gab Billy einen gewissen Vorsprung. Als Calvin seinen Reißverschluss öffnete, schüttelte Billy schon die letzten Tropfen ab. »Sag mal, ar beitest du schon lange mit Jen zusammen?« »Ungefähr ein Jahr.« »Wie hältst du das nur aus? Die treibt mich schon nach fünf Minu ten zum Wahnsinn.« »Sie hat ihre guten Seiten«, sagte Calvin. Im selben Moment schmetterte Billy ihn mit dem Gesicht voran gegen die Wand. Es gab ein lautes Knacken, Calvin taumelte zurück und brach auf den Flie sen zusammen. Billy rannte zum Ausgang. Als Jennifer ihn sah, klappte ihr die Kinnlade runter. Sie sah so überrascht aus, dass Billy fast lachen musste. Sie stand etwa zwölf Meter entfernt. Er schlug die entgegengesetzte Richtung ein. »Halt! Billy!« Er sprang über eine Reihe Topfpflanzen hinweg und sprintete an den LeihwagenSchaltern vorbei. Der Haupteingang lag vor ihm, und davor warteten geduldig ein paar Taxis. Billy wollte gerade in eins hineinspringen, als ein Mann in schwarzer FLUGHAFENTRANSFERUniform ihn an der Schulter packte. »Ein Taxi, Sir?« »Ja, klar!« Der Mann warf einen Blick auf sein Klemmbrett, dann sah er Billy an. »Billy NRA?« Billy stutzte. »Mhm, und wer sind Sie?« »Würden Sie das mal kurz halten?« Der Mann drückte ihm das Klemmbrett in die Hand. Billy war verwirrt. In der rechten oberen Ecke war ein Foto von ihm befestigt. Er verstand nicht, warum die ser Mann ein Foto von ihm hatte und warum er es Billy zeigen woll te. Als der Mann eine Pistole aus der Tasche zog, wurde ihm schlag artig einiges klarer. »Nein!« Billy stolperte über den Bordstein und landete der Länge nach auf dem Asphalt. »Nein, bitte nicht!« »Tut mir Leid«, sagte der Mann. Billy konnte sein Auge über dem Lauf sehen. Er konnte sehen, wie seine Finger den Abzug drückten. Zwei Schüsse ertönten, scharf und laut. Billy fühlte, wie es ihm den Körper aufriss, fühlte, wie das Blut spritzte. Er konnte nicht glauben, dass das alles wirklich geschah. Er hatte doch nur Ski laufen wollen, und jetzt wurde er auf einem Flughafen in L. A. erschossen. Er schrie und schrie. »Krieg dich mal ein«, sagte Jennifer Government. »Los, steh auf.« Er schlug die Augen auf. Ein toter Mann lehnte zusammengesun ken am Taxi. »Ich bin verletzt! Das Blut ... das Blut!« »Das ist nicht von dir. Beeilung!« Billy tastete seinen Bauch ab, dann seine Beine. »Siehst du?«, sagte sie. »Und jetzt beweg deinen Arsch. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass hier nicht noch mehr von der Sorte rumlaufen.« Sie zog ihn hoch und schob ihn vor sich in das Taxi. Calvin stieg von der anderen Seite ein. Die Beule über seinem rechten Auge sah aus, als ob sich ein Ei durch seine Schädeldecke bohrte. »Ich glaube, da ist eine Entschuldigung fällig«, bemerkte Jennifer. »Äh ... tut mir Leid, Calvin«, sagte Billy. Calvin antwortete nicht. Billy hegte den Verdacht, dass er Calvin Governments Gutmütigkeit überstrapaziert hatte. »Und ... danke, dass du mir das Leben gerettet hast, Jen.« »Wenn du das noch einmal versuchst, knall ich dich ab«, erwiderte sie. »Ich versuchs nicht noch mal«, beteuerte Billy. Was selbstver ständlich gelogen war. 66. Jennifer Sie war nicht begeistert darüber, dass sie den Toten auf dem Geh weg liegen lassen musste, aber sie hatte keine andere Wahl -- wenn sie geblieben wäre, hätte sie womöglich wer weiß wie viele andere NRALeute am Hals gehabt, die sich auch dort herumtrieben. Der Taxifahrer sprach während der ganzen Fahrt bis zu ihrem Hotel in Santa Monica kein Wort -- verständlich, fand sie, in Anbetracht des sen, was er gerade mit angesehen hatte. Da war wohl ein ordentli ches Trinkgeld fällig. »Sieh dir diese Menschenmassen an«, sagte Calvin, der durch die Scheibe spähte. »Sieht aus, als ob alle Geschäfte dieser Stadt Aus verkauf machen.« »Da, seht mal, das USAlliancePlakat da«, sagte Billy. »>ZUWANDERER RAUS<. Mann, ist das komisch. Woher kommt Team Advantage eigentlich?« »Aus New York«, sagte Jennifer. Das Taxi setzte sie vor dem Hotel ab. Es war ein klarer, sonniger Morgen, und Jennifer meinte das Meer riechen zu können. Sie war lange nicht mehr in L. A. gewesen. Sie wimmelte ein paar Männer ab, die ihr unbedingt die Tasche tragen wollten, und trat an die Rezeption. Ein Mann in Lakaienuni form fragte: »Sind Sie Mitglied bei USAlliance?« »Billy«, sagte sie im Befehlston. Billy zückte seine Karte. »Sind Sie auch Mitglied, Maam?« »Ich habe vor, beizutreten«, sagte sie. »Demnächst.« Er schob zwei Klemmbretter über die Theke. »Das müssen Sie ausfül len, bevor Sie einchecken. Es ist wirklich ein ausgezeichnetes Pro gramm. Sie sparen damit ...« »Jennifer?«, sagte jemand. »Meine Fresse --Jennifer Maher?« Sie drehte sich um. Ein dunkelhaariger Schönling mit glänzenden Schuhen starrte sie an. Sie durchforstete ihr Gedächtnis nach einem Namen. »Max?« »Ich dachte, du wärst am Ende der Welt verschollen, Barbiepüpp chen! Was treibt dich denn hierher?« »Ich bin ... geschäftlich hier.« Sie spürte, wie Calvins Blick auf ihr ruhte. »Kümmere du dich um dein Formular«, befahl sie ihm. »Bist du noch in der Werbung?« »Ich hab mich selbstständig ge macht.« »Wow, Mensch!«, rief Max. »Wenn du Interesse an nem Job hast, sollten wir uns mal unterhalten.« Er drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand. Darauf stand: MAX SYNERGY, CEO, SYNERGY CAMPAIGNS. »Ich habe inzwischen meine eigene Agentur. Wir arbeiten für USAlliance. Hast du die Werbung gesehen? Ich würde mich echt freuen, dich mit im Boot zu haben. Wir denken immer noch an dich.« »Das ist ... nett. Aber im Augenblick suche ich keinen Job.« »Mhm. Überleg dirs halt mal. Vielleicht später, wie wärs? Wir könnten ...« »Ich ruf dich an, okay?« »Okay!«, sagte Max. »War toll, dir über den Weg zu laufen. Ganz toll.« Calvin sagte kein Wort, bis sie im Aufzug waren. Schließlich wur de das Schweigen so drückend, dass Jennifer es nicht länger aushielt. »Na los. Sags schon.« »Was soll ich sagen?« Sie warf ihm einen Blick zu. »Du hast in L. A. gearbeitet?« »Maher ist hier ansässig.« »Aha«, machte Calvin. »Dann ist das so eine Art Heimkehr für dich.« »Nein, ist es nicht.« Aber Calvin hatte Recht. Sie spürte es in den Knochen. Sie rief Kate an. Es war wunderbar, mit ihr zu telefonieren. Kate sprudelte über vor Geschichten, was sie und Buy gemeinsam unter nommen hatten. Als Jennifer ihre Stimme hörte, hatte sie gleich viel weniger das Gefühl, die gesamte letzte Woche in einem Economy ClassFlugzeugsitz verbracht zu haben. Sie fühlte sich beinahe wie der wie ein Mensch. »Ich vermisse dich so, mein Schatz«, sagte sie. Calvin und Billy warfen sich Blicke zu. Anschließend nahm sie sich das Telefonbuch vor und zog ihre JournalistenMasche ab. Sie rief bei USAlliance an, gab sich als MSNBCReporterin aus und bat um ein Interview mit John Nike. Sie wurde an eine Assistentin durchgestellt, die erklärte, John sei gerade in einer wichtigen Besprechung und gebe Sendern, die nicht zu US Alliance gehörten, ohnehin keine Interviews. »Danke trotzdem«, sagte Jennifer und legte auf. Jetzt hatte sie die Gewissheit, dass er in der Stadt war. Es gab ein Problem mit Billy: Er wollte nicht mit Handschellen an den Handtuchhalter gekettet werden, während sie unterwegs waren. »Wir sind doch in ein paar Stunden zurück«, sagte sie. »Was ist denn schon dabei?« »Und wenn die NRA hier reinkommt?« »Ach, jetzt sollen wir dich auf einmal beschützen? Ich dachte, du kämst allein viel besser zu recht. Dann kette ich dich eben an die Minibar«, entschied Jennifer. »Da kannst du ein bisschen naschen. Was hältst du davon?« »Muss das sein?«, maulte Billy. In der Hoffnung, dass niemand vom Reinigungspersonal über ihn stolpern würde, ließen sie ihn zurück. Die Innenstadt war so über füllt, dass das Taxi bis zum Bürohochhaus von USAlliance an der Ecke Main Street/Central 40 Minuten brauchte. »Was ist denn hier los -- gibts Krawalle?«, fragte Jennifer den Fahrer. »So ähnlich. Das ist wegen den Angebotsaktionen.« »Was für Aktionen?« »Na, die von USAlliance und Team Advantage natürlich. Wenn Sie da noch nicht Mitglied sind, wirds jetzt aber höchste Zeit. Die bieten echt sagenhafte Schnäppchen an.« »Hmm«, brummte Jennifer. Sie sah im Schaufenster von Sears zwei Männer um einen Videorekorder kämpfen. Die KaufhausSecurity versuchte, sie zu trennen. Quer über die Türen eines KMart war der Spruch >KEIN T.A. IN L.A.< gesprüht. »Können Sie uns hier raus lassen?« Die letzten zwei Blocks bis zum USAllianceGebäude kämpften sie sich zu Fuß durch die Käuferscharen. »Wow,Jen -- hier gibts aber wirklich unglaubliche Angebote«, sagte Calvin, der vor einem Schaufenster stehen geblieben war. »Ein GroßbildschirmFernseher für 200 Dollar! Das gibts doch gar nicht?« Jennifer ging stur weiter. Eine Minute später holte Calvin sie wie der ein. »Das ist natürlich alles ganz furchtbar, aber wo wir schon mal hier sind ... du könntest dir doch auch was Hübsches kaufen.« Jennifer blieb stehen. Das USAllianceGebäude auf der anderen Straßenseite war von NRASoldaten umstellt. Sie sah Helme, Sturmgewehre, Schilde. »Was ist?«, fragte Calvin. Dann erblickte auch er die Soldaten. »Ach, du große Scheiße!« »Was meinst du -- gilt das uns oder Team Advantage?« »Ich schätze sowohl als auch.« Sie runzelte die Stirn. »Und was machen wir jetzt?« »Ich glaube, ich rufe Max an«, sagte sie. 67. Hack Hack schlief, als das Telefon klingelte. Es war erstaunlich, wie gut er schlafen konnte, seit er arbeitslos war. Allmählich taten ihm alle Leid, die sich morgens früh aus dem Bett quälen und um neun zur Arbeit erscheinen mussten. Sie wussten gar nicht, was ihnen entging. Claire war auch bereits zur Arbeit gegangen. Hack stolperte in die Küche. »Hallo?« »Hi, ich bins. Thomas.« »Oh, hi.« »Hör mal, Hack ... ich hab nachgedacht ... ich will bei der Nike TownAktion nicht mitmachen.« »Was?« »Naja, weißt du ... nach der Sache mit McDonalds wärs vielleicht besser, wenn wir uns eine Weile bedeckt halten.« Der Anschlag auf McDonalds war groß durch die Nachrichten gegangen. Zwei Tage lang waren im Fernsehen ständig Bilder von Leuten zu sehen gewesen, die vermummt wie Astronauten durch das Lokal stapften. Die gesamte Front war mit Plastikfolie verhüllt gewesen -- es sah aus wie in einem ScienceFictionFilm. Später versicherten ernst dreinblickende Konzernsprecher der Öffentlich keit, es würden alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen und es bestände keinerlei Gefahr, nicht die geringste. »So so -- du willst keinen Stress?«, fragte Hack. »Genau.« Hack sah Rot. Wenn sie nach McDonalds Schluss machten, war alles umsonst gewesen -- der eigentliche Sinn der Übung war schließlich Nike. »Find ich echt schade, Mensch. Ich dachte, wir tun das alles für die gute Sache. Ich dachte, wir zeigen Konzernen wie McDonalds mal, dass es einfach höchste Zeit ist, etwas gegen sie zu unternehmen. Ich wusste nicht, dass es dabei nur um unsere eige nen Interessen geht.« »Hm, ich meine ja nur ...«, stammelte Thomas. »Hey, weißt du was? Lass uns doch Uniformen mit Sponsoren werbung anziehen! Wir könnten uns sponsern lassen und damit fett Kohle machen ...« »Aber darum gehts mir doch gar nicht ...« »... und dann ziehen wir unsere Aktionen nur noch gegen die Konkurrenten unserer Sponsoren durch und lassen uns dafür reich lich bezahlen und entwerfen ein Logo und machen Werbung und werden genau wie die!« Am anderen Ende der Leitung blieb es lange still. Dann sagte Thomas: »Tut mir Leid, Hack.« »Dann scher dich doch zum Teufel, du Kapitalistenschwein.« Er legte auf. Erst Leisl, jetzt Thomas. Hack liefen die Leute weg. Es war nicht zu fassen, dachte er -- alle zogen über die Konzerne her, aber kein Mensch traute sich, ihnen mal richtig ans Bein zu pinkeln. Hack fand die Moral der Protestbewegung zutiefst enttäuschend. Er hob eine Notiz vom Tisch auf. Es war die Nachricht von diesem Buy Mitsui. Hack hatte eigentlich nicht vorgehabt, ihn zurückzuru fen, aber nachdem Thomas abgesprungen war. Er konnte jede zu sätzliche Unterstützung gut brauchen. Immerhin ging es hier um Nike. Da durfte nichts schief gehen. In der Innenstadt traf er sich mit Claire zum Mittagessen. Sie saßen bei Johnny Rockets nebeneinander in einer Nische. Claire hatte bei Sears nur 20 Minuten Pause, sodass diese Treffen immer etwas ge hetzt verliefen. Seit er seinen Job verloren hatte, waren sie in Anbe tracht seiner finanziellen Lage im Grunde der pure Luxus. Aber das Zusammensein mit Claire war es ihm wert. Außer der geplanten Aktion gegen Nike war der Kontakt mit Claire das Einzige, bei dem Hack das Gefühl hatte, etwas richtig zu machen. »Thomas ist abgesprungen. Was sagst du dazu?« Claire erwiderte nichts. »Ist das nicht unglaublich?« »Reg dich nicht auf ...« »Worüber?« »Vielleicht sollten wir das mit der Nike Town bleiben lassen.« Hack war wie vor den Kopf gestoßen. Jetzt auch noch Claire? »Nein, Claire! Wir ziehen das durch. Es ist wichtig für mich.« Sie schwieg. Hack trank von seinem Milchshake. »Hack, ich glaube nicht, dass dich die ganze Sache zu einem besseren Menschen macht.« Er fiel aus allen Wolken. »Wie meinst du das?« »Du warst mal ... netter. Gutmütiger.« »Als ich netter war, haben mich alle aufs Kreuz gelegt«, protestierte er und hörte selbst, wie sehr das nach Violet klang. Er ergriff Claires Hände. »Komm schon, nur noch die Nike Town, und dann ist Schluss. Aber das mit Nike muss ich einfach durchziehen.« Sie nickte. »Versprochen«, sagte Hack. »Ehrlich, Claire, ich versprechs dir.« Sie lächelte schwach, und schon wurde ihm wohler. »Ich muss los.« »Okay.« Er stand auf, um sie durchzulassen. »War schön, dich zu sehen.« Claire ging. Hack setzte sich wieder in die Nische und stocherte in seinem Essen herum. Was meinte sie nur damit -- es würde ihn zu keinem besseren Menschen machen? Hack hatte sein Leben in die Hand genommen. Er war dynamisch und voller Tatendrang. Er fühlte sich großartig! Er ging zur Bushaltestelle. Am Wartehäuschen hing ein Werbepla kat für Nike Plutoniums, eine Neuentwicklung, die in drei Jahren auf den Markt kommen sollte. Hack schnaubte. Am Vortag hatte er auf einem Wühltisch Nike Mercurys für 99,95 Dollar gesehen. Der Bus kam, und Hack stieg ein. »85 Cent«, verlangte der Fahrer. Hack kramte in seinen Taschen. Die Ausbeute war nicht eben viel versprechend. Er bereute, dass er sich den Eisbecher geleistet hatte. »Ich habe leider nur 50 Cent.« »Sie können auch mit Karte zahlen.« »Das kostet Gebühren«, sagte Hack. »Kommen Sie schon -- es feh len doch nur 35 Cent.« »Entweder Sie zahlen den vollen Fahrpreis, oder Sie nehmen einen anderen Bus«, sagte der Fahrer. »Was ist denn mit Ihnen -- haben Sie etwa keinen Job?« »Also schön.« Hack zog wütend seine Karte durch das Lesegerät. Er setzte sich ganz nach hinten und schäumte vor sich hin. Beförde rung war ein Grundbedürfnis -- so etwas sollte es kostenlos geben. Vielleicht konnte er in der Nike Town ein paar Schuhe mitgehen lassen. Das wäre noch nicht mal Diebstahl -- schließlich hatte Nike ihn jahrelang unterbezahlt. Die schuldeten ihm eine Menge mehr als nur ein paar Turnschuhe. Ja, beschloss er. Das würde er tun. Als er zur Tür hereinkam, klingelte das Telefon. »Ja, bitte?« »Leg nicht auf.« »Violet?« »Nur eine Frage. Als dich diese Regierungsleute verhört haben -- wo war das?« »Wozu willst du das wissen?« »Es ist wichtig, Hack! Wo arbeitet diese Jennifer Government?« »In der Innenstadt, in der Spring Street. Warum?« »Danke«, sagte sie. Etwas an ihrem Tonfall war Hack nicht ganz geheuer. »Ich will dich nicht von Claire fern halten. Machs gut.« »Warte«, sagte er. »Woher weißt du von Jennifer Government?« Aber Violet hatte schon aufgelegt. 68. Violet Violet lief die Nase. Da sie kein Taschentuch hatte, nahm sie statt dessen den Ärmel, aber ihre Nase hörte nicht auf zu tropfen. Als der Rezeptionist der Regierung aufblickte, setzte sie ein Lächeln auf, das allerdings ziemlich verkrampft und verzweifelt ausfiel. Sie musste sich zusammenreißen. »Jennifer Government ist nicht im Hause«, sagte der Rezeptionist. Er trug eine gelbe Krawatte. Neben ihm saß ein Wachmann. Violet konnte sein Holster sehen. »Aber Sie können das Päckchen gerne hier lassen. Ich werde dafür sorgen, dass sie es bekommt.« »Kommt nicht infrage«, sagte Violet energisch. »Jennifer Govern ment muss den Empfang persönlich bestätigen.« »Sie ist außer Landes.« »Ach«, sagte Violet und wischte sich die Nase. Sie trug eine dicke, flauschige Jacke mit einem KURIERAufnäher. Dummerweise rea gierte sie allergisch auf den Stoff. »Dann liefere ich die Sendung am besten bei ihr zu Hause ab. Wo wohnt sie denn?« »Ich darf keine Privatadressen herausgeben.« »Aber ...«Violet wischte sich die Nase. »Kann ich vielleicht mit jemandem von der Personalabteilung sprechen?« »Ich könnte jemanden rufen. Aber die werden Ihnen auch keine Privatadresse geben.« Violet merkte, wie ihre rechte Hand zu zittern begann. Sie steckte sie hastig in die Tasche. »Ich muss dieses Päckchen wirklich drin gend zustellen.« »Also schön«, seufzte der Rezeptionist. Er telefonierte kurz, und nach ein paar Minuten erschien eine Frau, die eine blaue Strickjacke trug. »Wo ist der Kurier?« »Hier«, meldete sich Violet. »Ich muss mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen.« »Na gut, kommen Sie mit.« Sie führte Violet einen langen, schäbi gen Flur entlang in ein Büro. Violet traute ihren Augen nicht -- die ganze Szenerie erinnerte sie an einen alten Fernsehkrimi. »Nehmen Sie Platz.« »Danke. Ich habe ein Päckchen für Jennifer Government und brau che ihre Privatadresse.« »Tut mir Leid, aber diese Information kann ich Ihnen nicht geben.« »Ganz bestimmt nicht?«, fragte Violet. Der Computer der Frau stand direkt in Reichweite -- es war wirklich frustrierend. »Es ist ein überaus wichtiges Päckchen.« »Das mag schon sein.« Violet warf einen Blick auf das Namensschild der Frau. Darauf stand: Wendy, Personalabteilung. »Tja, da lässt sich wohl nichts ma chen. Dürfte ich wohl noch die Toilette benutzen?« »Selbstverständlich. Vor der Rezeption die letzte Tür rechts.« Violet fand die Tür und stieß sie auf. Drinnen zog sie die Jacke aus, krempelte sie auf links und zog sie wieder an. Dann ging sie wieder hinaus und klopfte aufs Geratewohl an eine Bürotür. »Herein.« Sie trat ein. Hinter einem unordentlichen Schreibtisch saß ein Mann mit buschigen Augenbrauen. An der Wand des fensterlosen Büros hing ein Poster von einem Regenwald. »Tag, ich bin von der EDV. Es geht um Ihren Computer.« »Mein EMailProblem?« »N... ja.« »Na, endlich. Ich beschwere mich schon seit Wochen.« »Tut mir Leid, wir sind völlig überlastet.« Der Mann stand auf und überließ Violet seinen Platz. Als sie vor dem Bildschirm saß und die Strahlung sie wie ein warmes Bad umfing, wurde sie ruhiger. Sie brauchte fünf Sekunden, um festzustellen, dass dieser Mann nicht zur Personalabteilung gehörte, und weitere zehn Sekunden, um Wendys Computer im Netzwerk zu finden. Sie zog eine Diskette aus der Tasche und schob sie ins Laufwerk. »Was ist das?« »Neue Treiber«, erklärte Violet. In Wirklichkeit handelte es sich um ein Wörterbuch mit 600 000 Einträgen, das Wendys Passwort (humanitär) in ungefähr zwei Sekunden knackte. Sie rief die Perso naldatenbank auf und gab JENNIFER ein. »Das ist aber gar nicht meine EMail. Das Problem ist, wenn ich ...« »Hmm.« Violet stand auf. »Ich muss das Betriebssystem neu auf spielen. Ich hol mal eben die CD -- bin gleich zurück.« »Sie haben sich meine EMail ja nicht mal angesehen. Sie wissen doch gar nicht, wo der Fehler liegt!« »Dauert nur zwei Minuten«, sagte Violet und ging. Als sie an der Rezeption vorbeikam, zwang sie sich, stur geradeaus zu blicken. Sie hatte schon eine Hand am Türgriff, als der Rezeptionist rief: »He, Sie!« Violet blieb stehen. »Sie haben Ihre Jacke andersherum an.« »Sie hat mich gejuckt«, sagte Violet und stieß die Tür auf. Jennifers Adresse war in ihre Hirnrinde eingebrannt. Zu Hause warf sie die Jacke in eine Ecke und ging in die Küche. Ihr Laptop stand auf der Anrichte bereit. Der Rest war Formsache. Wenn Jennifer Government verreist war, wohnte ihre Tochter viel leicht in der Zeit woanders. Aber sie musste zur Schule gehen, und Violet würde herausfinden, wo. Manche Leute achteten darauf, dass nichts über ihr Privatleben im Netz stand -- Regierungsleute gehör ten nicht dazu. Sie glaubten nicht an Privatsphäre. Violet gab pro beweise JENNIFER + GOVERNMENT + KATE + NORTH MELBOURNE + SCHULE als Suchbegriffe ein und bekam 800 Tref fer angezeigt. Fast alle bezogen sich auf Schulen -- Unterrichtsprojekte, Werbe seiten, Klassenlisten. Violet reduzierte die Treffer, indem sie den Ort weiter eingrenzte, bis nur noch zwei übrig waren. Violet klickte den ersten an. Auf der Startseite stand: »Mattel Grundschule (North Melbourne, Australische Territorien): Klasse 3 a.« Darunter gab es ein Gruppenfoto, geplante Unterrichtsaktivitäten und Projekte des laufenden Jahres sowie Links zu den persönlichen Seiten der einzel nen Kinder. Violet verstand nicht, warum Schulen so etwas immer noch machten. Es war geradezu eine Einladung an Pädophile. Sie las die Liste. Es gab eine Kate Mattel (StarbucksGeneral Mo tors) und eine Kate Mattel (Government).Violet klickte. Kate hatte sich wirklich Mühe gegeben. Ihre Seite enthielt eine lan ge Geschichte, ein paar eingescannte Zeichnungen und eine kleine Animation mit einem rennenden Hund. Violet war beeindruckt. Darunter hatte Kate geschrieben: »Ich heiße Kate Mattel und wohne mit meiner Mutter Jennifer in North Melbourne. Sie ist Bundesagen tin. Ich habe keine Geschwister. Wenn ich erwachsen bin, will ich Tierärztin werden.« Violet notierte sich die Adresse der Schule, fuhr das Notebook herunter und warf einen Blick auf die Uhr. Vielleicht würde sie es noch rechtzeitig zum Schulschluss schaffen. Nachdenklich kaute sie an ihren Fingernägeln. Als sie sie betrachtete, sah sie, dass die Nägel eingerissen waren, darunter klebten Blut und Hautfetzen. Warum musste das Mädchen vom Kurierdienst sich auch so anstellen -- Violet hatte doch nur seine blöde Jacke haben wollen. Dauernd leg ten ihr die Leute Steine in den Weg. Alle wollten sie nur aufs Kreuz legen. 69. Buy Um kurz vor drei rief Hack bei Buy an. Er war erstaunlich vertrau ensvoll -- Buy brauchte die Geschichten, die er sich vorsorglich zu rechtgelegt hatte, gar nicht vorzubringen. »Kommen Sie einfach am Freitag um sechs zur Nike Town in Chadstone«, sagte Hack. »Sie können mir mit den Dosen helfen.« »Okay, geht klar«, sagte Buy. Er legte auf und sah auf seinen No tizblock. Nike Town. Wenn er den Namen nur geschrieben sah, wur de ihm schon schlecht. Er sollte es wohl am besten gleich hinter sich bringen. Nachdem er sich ausgerechnet hatte, wie spät es jetzt in L. A. war, rief er John Nike an, erreichte aber nur eine Sekretärin. »John wollte ein paar Informationen von mir haben«, sagte Buy und nannte die Einzelhei ten. »Es ist wichtig, bitte sorgen Sie dafür, dass er die Nachricht schnellstmöglich bekommt.« »Das werde ich, Sir«, versprach ihm die Sekretärin. Buy legte auf. Anschließend rief er Kato Mitsui an. Kato war hocherfreut, von ihm zu hören. »Das ist ja großartig, Buy! Sie haben hochwertige Arbeit geleistet. Ich werde mich umgehend persönlich mit John Nike in Verbindung setzen! Der Pfad zum Glück ist eingeschlagen.« »Wollen wirs hoffen«, sagte Buy. »Ich sehe Großes für Sie voraus, mein Freund. Ich werde mich demnächst wieder bei Ihnen melden.« »Danke«, sagte Buy. Als er auflegte, fühlte er sich richtig gut. Solch einen erfolgreichen Arbeitstag hatte er seit dem Vorfall in der Mall nicht mehr erlebt. Er wartete im Jeep vor dem Schultor, bis die ersten Kinder heraus strömten. Kate kam angerannt und kletterte auf den Beifahrersitz. »Hallo«, begrüßte sie Buy. »Buy! Rate mal, was heute in der Schule los war!« »Habt ihr vielleicht quadratische Gleichungen gelernt?«, riet er, während er losfuhr. »Oder gab es etwa eine neue Barbie?« »Es gibt eine neue Barbie! Woher wusstest du das? Das meine ich aber nicht. Wir haben bald Elterntag.« »Was habt ihr?« »Da erzählen die Mütter oder Väter vor der Klasse, was sie machen. Das ist ... nächste Woche, glaube ich. Ich habe einen Zettel mit.« »Deine Mom ist bis dahin ganz bestimmt wieder zurück.« »Hoffentlich«, sagte Kate. »Wenn nicht -- kommst du dann hin?« Er sah sie überrascht an. »Ich?« »Du könntest doch ... na ja, für mich kommen. Würdest du das machen?« »Natürlich«, sagte Buy. Er hatte einen Kloß im Hals. »Es wäre mir eine Ehre.« Sie setzten sich gerade zum Abendessen, als das Telefon klingelte. Kate sprang auf. Buy zuckte innerlich zusammen. Sie war schon so oft vergeblich ans Telefon gerannt, weil sie dachte, es wäre Jennifer. »Mach schnell«, sagte er, breitete sich die Serviette über den Schoß und griff zur Gabel. »Mommy!«, rief Kate. »Mommy, Mommy!« Buy horchte auf. Kate stand in der Küche, hielt den Hörer ans Ohr gepresst und strahlte über das ganze Gesicht. Buy fiel ein Stein vom Herzen. Gott sei Dank, dachte er. Er ließ die Gabel sinken und hörte zu, wie Kate erzählte -- wer was gesagt hatte, welche Filme sie gesehen und was Buy gekocht hatte. Als sie fertig war, kam sie ins Esszimmer gehüpft und reichte ihm das Telefon. »Mom ist dran!« »Danke«, sagte er. »Du bist ein gutes Mädchen. Und jetzt iss dei nen Teller auf.« Er nahm den Hörer. »Hallo?« »Hi!« Jennifers Stimme klang erstaunlich klar -- als ob sie direkt neben ihm stünde. »Wie gehts meinem Babysitter?« Er fühlte, wie sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht legte. »Es freut mich, von dir zu hören. Ich habe mir Sorgen gemacht.« »Ich bin gerade in L. A. gelandet.« »In L. A.? Warum das denn?« »Ich nehme morgen einen Verbrecher fest. Jemanden, hinter dem ich schon lange her bin. Wir sind ganz nah dran, Buy. Anschließend komme ich nach Hause. Und wie gehts dir?« »Mir?« Plötzlich wurde ihm klar, dass die Antwort lautete: prächtig. »Hier läuft alles bestens. Wirklich, ganz prima.« »Was macht die Arbeit?« »Ist interessant. Ich habe auf einmal mit lauter wichtigen Typen von allen möglichen Konzernen zu tun ... Ich glaube, die Sache ge fällt mir.« »Klingt gut, Buy!« »Ich kanns trotzdem kaum erwarten, dich wiederzusehen.« »Hm«, murmelte Jennifer. Buy hatte den Eindruck, dass sie nicht allein war. »Dito.« Er lächelte. »Du kommst also bald nach Hause?« »Bin im Nu wieder da.« »Ich freu mich drauf«, sagte er. »Ich muss Schluss machen«, sagte Jennifer. Er konnte förmlich hö ren, wie sie lächelte. »Ich meld mich bald wieder, okay?« »Okay. Du fehlst mir.« »Du mir auch«, sagte sie. Er legte auf. »Das war Mommy!«, sagte Kate. »Ja, das war sie«, bestätigte Buy, und dann grinsten sie beide wie Honigkuchenpferde. Am nächsten Morgen waren sie früh dran. Buy parkte das Auto und begleitete Kate noch bis ans Schultor. Dort hing eine Ankündi gung für den Elterntag. Buy blieb stehen, um sie zu lesen. Eine junge Frau -- fast noch ein Mädchen -- stand am Tor und lächelte ihm zu. Buy lächelte zurück. »Hi«, grüßte sie ihn. »Gehen Sie auch zum El terntag?« »Hm, ja, ich denke schon.« »Ich auch.« Buy war überrascht. Sie sah eigentlich zu jung aus, um die Mutter eines Schulkindes zu sein. »Ich bin Tierärztin.« »Oh!«, rief Kate. »Ich will auch mal Tierärztin werden!« »Ehrlich?« Die junge Frau ging in die Hocke, um mit Kate auf glei cher Höhe zu sein. »Na, so was!« »Geben Sie den Tieren auch besondere Medizin?« »Klar.« »Jetzt lauf, Kate«, sagte Buy. »Marsch, auf in die Klasse.« »Ooch«, machte Kate. Sie sahen ihr nach. »Süßes Mädchen«, sagte die junge Frau. »Wie alt ist sie? Sieben?« »Acht.« »Ein herrliches Alter! Ich wünschte, wir könnten immer so jung bleiben. Dann brauchten wir nie zu erkennen, was die Menschen in Wahrheit für Schweine sind.« »Hm ... ja«, sagte Buy. »Ich dachte immer, ich hätte einfach eine allzu zynische Einstel lung den Menschen gegenüber. Aber inzwischen ist mir klar gewor den, dass man gar nicht zynisch genug sein kann. Menschen tun alles, um weiterzukommen. Die schrecklichsten Sachen.« Er sah die junge Frau an. »Das ist wohl wahr.« Dann streckte er ihr die Hand entgegen. »Ich bin Buy.« Sie schlug lächelnd ein. »Violet. Scheint, dass wir was gemeinsam haben.« »Sieht so aus«, sagte er und lachte. 70. John John erwachte in einem dunklen Hotelzimmer. Es war fünf Uhr früh, als das Telefon klingelte. Wenn das wieder dieser verdammte Bro ker aus Australien war, würde John ihn umbringen. »John Nike.« »Hallo, John.« »Wer ist da?« »Lass den Quatsch, John. Du weißt, wer ich bin.« Kein Wunder, dass es eine Weile dauerte, ehe John begriff -- der Mann redete, als ob er den Mund voller Kieselsteine hätte. Aber was war auch anderes zu erwarten gewesen? Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. »John?«, fragte er. »Bist dus, Kumpel?« Als John zur Arbeit erschien, ging es ihm prächtig -- daran konnte auch eine Frau mit knöchellangem Rock und brauner Brille nichts ändern. Er ging absichtlich schnell, sodass sie Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Während er die Eingangshalle durchquerte, sah er, wie sich die Leute nach ihm umdrehten. Da, John Nike! Da drüben ist John Nike!« »Wenn Sie nur einen Blick auf den Bericht werfen würden«, sagte die Johnson & JohnsonVerbindungsfrau. »Bitte, John, sehen Sie ihn sich an! Die Öffentlichkeit ist gegen jegliche aggressiven Maßnah men. Strikt dagegen!« Er blieb vor dem Aufzug stehen und drückte den Knopf nach oben. »Das liegt nur daran, dass unsere Werbung noch nicht eingeschla gen hat.« »Nein, John, daran liegt es nicht. Die Leute wollen nicht, dass wir Waffengewalt einsetzen -- weder gegen die Regierung noch gegen unsere Konkurrenten. Sie sagen, wir dürfen keine Offensive star ten.« »Wer sagt denn hier, dass ich eine Offensive plane?«, konterte John und dachte im Stillen: Dieser PepsiBoy! Eine langbeinige junge Frau mit einem USAllianceNamensschild kam angerannt und bat ihn um ein Autogramm. John tat ihr den Gefallen und schenkte ihr dabei ein strahlendes Lächeln. Ihr Gesicht glühte vor Bewunderung. Die Frau mit der braunen Brille folgte ihm in den Aufzug. Sie ließ nicht locker. »John, wenn Sie so weitermachen, wird es Rücktritte geben! Nie mand will, dass diese Angelegenheit zu einer militärischen Ausein andersetzung eskaliert.« »Wissen Sie was -- es ist zu spät«, sagte John. »Soll doch zurück treten, wer will. Ich habe die NRA auf meiner Seite, und ich werde sie verdammt noch mal einsetzen, wenn ich es für richtig halte.« »Aber ...« »So -- und jetzt gehe ich in mein Büro, und Sie verpissen sich«, sagte er und schlug ihr die Glastür vor der Nase zu. Seine Sekretärin überreichte ihm einen Stapel Nachrichten. »Ich werde mich an Alfonse wenden!«, rief die Frau, doch John hörte sie schon nicht mehr. »Guten Morgen, John«, begrüßte ihn seine Sekretärin. »Stimmt, es ist ein guter Morgen«, erwiderte er. Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch ging er die Nachrichten durch. Die oberste war von einem gewissen Buy Mitsui. John erinnerte sich vage an irgend einen kleinen Manager, der angerufen und ihm seine Hilfe angebo ten hatte -- aber das traf auf ungefähr 20 Leute zu, mit denen John in letzter Zeit zu tun gehabt hatte. Seit er diese Rede gehalten und damit seine Karriere gerettet hatte, überschlugen sich sämtliche ge schniegelten Verbindungsleute bei USAlliance, um sich mit ihm gut zu stellen. Er las Buy Mitsuis Nachricht. Plötzlich fiel es ihm wieder ein: Buy war dieser verdammte Broker in Australien. John hatte ihm aufge tragen herauszufinden, wer hinter dem Anschlag bei McDonalds steckte. Er las die Worte: HACK NIKE. John brüllte vor Lachen. Seine Sekretärin warf ihm einen verstoh lenen Blick zu. John lachte weiter, bis ihm der Bauch wehtat. Er telefonierte ein wenig herum, um Hebel in Bewegung zu setzen -- wichtige Hebel, sehr wichtige. Dann war er mit General Li verab redet -- der erste einer langen Reihe von Terminen, die John an die sem Tag hatte. Später stand noch der Verbindungsmann von News Corporation auf dem Plan. In letzter Zeit hatten die Zeitungen ein paar Artikel gedruckt, die John nicht NRAfreundlich genug waren. »Guten Morgen.« »Herrgott!« Li hatte eine Art, sich anzuschleichen! John sagte ab schließend ins Telefon: »Seien Sie um sechs dort.« Dann legte er auf. »Gute Arbeit, wie Sie das Gebäude abgeriegelt haben, Li. Wie viele Leute haben Sie da draußen?« »An der Vorderfront? 15.« »Die Eskorte gestern Abend war auch klasse. Drei Wagen, nicht wahr?« »Vier. Und ein Hubschrauber.« »Ich wünsche mir schon fast, dass die Regierung versucht, mich festzunehmen.« »Es freut mich, dass Sie zufrieden sind«, sagte Li. »Es gibt nämlich noch eine weniger erfreuliche Sache, die ich Ihnen mitteilen muss. Ich fürchte, Sie werden es nicht gern hören.« »Aha?« »Wir haben versucht, Billy NRA gleich nach der Landung in L. A. abzufangen. Leider ist es uns so kurzfristig nicht gelungen ...« »Er ist entkommen?« »Ja.« »Sind dabei Agenten getötet worden?« Li blickte ihn unsicher an. »Leute von der Regierung? Nein.« »Mhm«, brummte John. »Schade. Sie haben Glück, Li. Ich bin heu te guter Stimmung.« »Das freut mich zu hören, Sir.« »Und ich habe meinerseits ein paar Vorkehrungen getroffen. Sor gen Sie dafür, dass niemand von der Regierung einen Fuß in dieses Gebäude setzt, und wir bleiben gute Freunde.« »Verstanden, Sir.« Die Sprechanlage summte. »John? Denken Sie an Ihren Termin um elf? Den wegen der Werbekampagnen.« »Ich spreche gerade mit Li. Sagen Sie denen, ich kann nicht.« »Aber ... Sie waren schon letztes Mal nicht dort, erinnern Sie sich? Sie sagten, die Kampagne, die abgesegnet wurde, sei die schlechte ste seit AOL gewesen, und ich sollte dafür sorgen, dass Sie nie wie der ...« »Ja, ja«, unterbrach John sie. »Schon gut -- ich gehe hin.« »Und was ist mit unserer Aufrüstung?«, fragte Li. »Wir haben die Gefechtsregeln noch nicht zu Ende besprochen.« John legte dem General beide Hände auf die Schultern. »Sie wissen, worum es mir geht. Sie haben die militärischen Mittel. Hauen Sie richtig auf die Kacke.« »John, T. A. rüstet womöglich schneller auf, als wir dachten! Für den Fall, dass die uns mit Waffengewalt begegnen, muss ich wissen, ob ich autorisiert bin ...« »Li, Sie sind doch ein cleverer Bursche. Handeln Sie einfach nach Ihrem eigenen Ermessen. Okay?« Li nahm Haltung an. »Verstanden, Sir.« »Guter Mann.« John hetzte zu seinem nächsten Termin. Es kam wirklich alles auf einmal. 71. Jennifer Max hatte seit Maher wirklich einiges auf die Beine gestellt. Der Firmensitz von Synergy war ein großes Gebäude in guter Geschäfts lage, in unmittelbarer Nähe zu den Studios der Medienkonzerne, sodass man häufig dieselben Restaurants besuchte. Die Eingangs halle war geräumig und modern. Jennifer setzte zur Begrüßung an: »Hi, ich bin ...« »Ich weiß, wer Sie sind«, fiel ihr die Empfangsdame lächelnd ins Wort. »Oh«, sagte sie. Max war binnen anderthalb Minuten unten und küsste sie auf bei de Wangen. »Ist das schön, dich wiederzusehen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass du angerufen hast -- ein fach wunderbar!« Er grinste über das ganze Gesicht und wollte ihre Hände gar nicht mehr loslassen. »Naja -- wer einmal in der Werbung war ...«, sagte sie, und beide lachten. Schließlich eroberte sie ihre Hände zurück. »Das Briefing mit USAlliance ist um elf. Ich will dich zu nichts drängen, aber es wäre wirklich fantastisch, wenn du mitkommen könntest.« »Wird mir ein Vergnügen sein.« »Du bist einfach umwerfend«, sagte er. »Ich könnte dich küssen.« »Nur nicht gleich so stürmisch«, sagte sie, und beide lachten wie der. »Warte erst mal ab, bis unsere Kunden dich sehen. Die werden ausflippen!« »Gut möglich«, bemerkte Jennifer. »Unsere Kampagne spielt den Heimvorteil aus, den USAlliance hier hat«, erklärte Max im Taxi. »Wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, liegt die Quote von US AllianceKunden in L. A. höher als in sämtlichen anderen großen Märkten.« »Wow«, gab Jennifer von sich. Und wer kommt zu diesem Mee ting?« »Ein paar Vertreter von USAlliance, ein paar von den Verbin dungsleuten.« Das Taxi hielt. Die Silhouetten von NRAMännern verdunkelten die Scheiben. »Die Hauptperson ist John Nike -- du hast sicher schon von ihm gehört.« Die Türen des Wagens wurden aufgerissen. »Ausweise«, schrie einer der Soldaten, ein anderer sagte: »Steigen Sie aus und spreizen Sie Arme und Beine.« »Morgen, Leute«, sagte Max. »Wir sind angemeldet. Wir haben um elf einen Termin.« Jennifers Ausweis war noch druckfrisch. Darauf stand: Jennifer Synergy. Ein NRAMann musterte den Ausweis und seine Besitzerin mit versteinerter Miene. Ein anderer Soldat begann sie rasch und mit professionellem Griff abzutasten. »Pass bloß auf«, drohte sie ihm. »Waffe!«, schrie er. Augenblicklich waren eine Unmenge NRA Gewehre auf Jennifer gerichtet. In letzter Zeit waren entschieden zu viele NRAGewehre auf sie gerichtet worden. »Die nehmen es bei USAlliance aber ganz schön genau mit der Security, Jen«, sagte Max. »Gib ihnen deine Pistole.« »Schon gut, kein Problem.« Sie händigte den Sicherheitsleuten ihre Waffe aus. Die NRATypen sahen nicht gerade begeistert aus, aber sie ließen ihre Gewehre sinken. Als sie mit Max die Eingangshalle betrat, legte er ihr die Hand auf den Arm. »Ich hätte das vorher erwähnen sollen«, sagte er. »Aber ich wusste ja nicht, dass du eine Waffe trägst.« »Tut das nicht jeder?« »Bei geschäftlichen Besprechungen eigentlich nicht, Süße.« Er lach te. »Hab ich wohl vergessen«, antwortete sie. Eine Assistentin führte sie in einen Konferenzraum. Max schlug sich zehn Minuten mit seinem Laptop herum, um eine Projektion zum Laufen zu bringen. Als die USAllianceLeute nach und nach eintrudelten, musste Jennifer Konversation betreiben. Man sprach über Verkaufsrenner und Spitzengewinne. Es war einfacher, als Jen nifer gedacht hatte: Fast jeder hatte schon von ihr oder wenigstens von ihren Kampagnen gehört. Sie hatte ein etwas unwirkliches Ge fühl. Es war, als ob sie nie aus der Werbebranche ausgestiegen wäre. »Die 96er Pepsi, ja klar!«, sagte eine Frau andächtig und mit gro ßen Augen. »Das war eine absolut einmalige Kampagne. Und die haben Sie gemacht? Kaum zu glauben!« »Nur das Beste für meine Kunden«, bemerkte Max. Einer der Anzugtypen musterte sie schweigend. Noch ehe er den Mund aufmachte, wusste sie, was jetzt kommen würde. »Dann müssen Sie John Nike kennen. Er hat doch, soweit ich weiß, etwa um dieselbe Zeit bei Maher gearbeitet.« Alle Blicke ruhten auf ihr. »John ...«, sagte sie. »Ja, wir waren Kol legen.« »Wow -- der fällt tot um, wenn er Sie sieht«, sagte die Frau. Sie sah auf die Uhr. »Er müsste jeden Moment hier sein.« »Dann können wir ja von alten Zeiten reden«, sagte Jennifer. Alle lachten -- bis auf Max, der nicht sonderlich glücklich aussah. »Jennifer ... könntest du mir hier mal kurz zur Hand gehen?« »Sicher.« Er wartete, bis sie sich mit ihm über den Computer beugte. »Das wusste ich nicht. Ich habe nie mit ihm gearbeitet. John Nike ist also John Maher?« »Mhm.« »Aber ... ist dieser John nicht ...« »Mein Ex?«, fragte sie. »Ja. Ist er.« »Okay«, ertönte eine Stimme von der Tür her. »Dann wollen wir mal sehen, wie viel Geld ihr Komiker diese Woche wieder verpul vert habt.« Jennifer drehte sich um. Er sah noch genauso aus wie vor acht Jah ren -- sie hatte den Verdacht, dass da ein Schönheitschirurg die Finger im Spiel hatte. Sein Blick wanderte durch den Raum und blieb abrupt bei ihr hängen. Seine Kinnlade klappte herunter. »Hi, Schatz«, sagte sie. Teil6 72. Heißes Pflaster Billy kam allmählich der Verdacht, dass das, was Jennifer und Cal vin mit ihm machten -- was immer sie auch vorhaben mochten -- nicht ganz sauber war. Er hatte reichlich Zeit gehabt, darüber nach zudenken, nachdem sie ihn allein im Hotelzimmer zurückgelassen hatten, und je länger er dort herumsaß, desto überzeugter war er, dass die Dienstvorschriften von Bundesagenten nicht vorsahen, dass Verdächtige an Kühlschränke gekettet wurden. Jennifer war frühmorgens aufgebrochen. Sie hatte einen Hosenan zug und hochhackige Schuhe getragen und ganz und gar nicht wie eine Bundesagentin ausgesehen. Billy hatte keine Ahnung, was das bedeuten mochte. Calvin blieb bis neun, dann wollte er sich eine Zeitung holen. »Komm schon, Kumpel -- bitte nicht wieder an die Minibar«, bettelte Billy. »Lass mich doch mitgehen.« Calvin zückte die Handschellen. »Hände auf das Küchenmöbel.« Als er weg war, verpasste Billy dem Gerät aus Frust ein paar Tritte. Dabei machte er eine interessante Entdeckung: Es war nirgendwo befestigt, sondern ließ sich einfach von der Wand wegrücken. Es war zwar schwer, aber Billy schaffte es, damit auf die Beine zu kommen und durch das Hotelzimmer zu stolpern. In der Minibar klirrten die Flaschen gegeneinander. Billy begann sie auszuräumen, aber dann überlegte er es sich anders. Vielleicht würde er für den Inhalt später noch Verwendung haben. So gut es ging, legte er seine Jacke darüber, und betrachtete sich prüfend im Spiegel. Er sah immer noch aus wie jemand, der ver zweifelt zu kaschieren versuchte, dass er einen kleinen Kühlschrank mit sich herumschleppte. Egal, er musste es eben darauf ankommen lassen. Billy stapfte schwerfällig zur Tür hinaus in Richtung Aufzug. Nach reiflicher Überlegung fuhr er bis zum Parkdeck hinunter. So wie er aussah, würde er es auf keinen Fall durch die Lobby bis nach draußen schaffen. Er beglückwünschte sich gerade selbst zu seiner Genialität, als er den Parkhauswächter sah. Billy blieb stehen. Er wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Als der Wachmann ihn bemerkte, sprach er etwas in sein Funkgerät. Billy setzte sich stolpernd in Trab. Zwei Burschen von der HotelSecurity holten ihn ein, ehe er auch nur einen halben Block weit gekommen war. Billy war schweißge badet. Seine Beine fühlten sich an wie Pudding. Er rang nach Luft. Die SecurityLeute starrten ihn an. Schließlich sagte der eine: »Ich dachte, George macht Witze.« »Ich hab ja schon einiges erlebt, was die Leute so alles mitgehen lassen«, sagte der andere. »Aber das hier ist wirklich die Krönung.« »Ich bin dran gefesselt«, erklärte Billy. Dann wurde ihm klar, dass er besser den Mund hielt. Die Securitymänner setzten ihn in die Lobby. Dort sollte er warten, bis Calvin zurückkam. Billy hatte das dumpfe Gefühl, dass Calvin von seinem Ausflug wenig erbaut sein würde. Wenigstens in diesem Punkt hatte er einmal Recht. »Hör mal -- es war ein großes Privileg, dass ich dich an die Mini bar gefesselt habe«, erklärte Calvin. »Ich hätte dich auch ins Bad sperren können.« »Ich weiß«, sagte Billy. »Tut mir Leid.« »Man hat uns nahe gelegt, das Hotel zu verlassen. Hörst du?« Cal vin setzte sich aufs Bett und starrte Billy an. »Es tut mir wirklich Leid.« »Jetzt muss ich dich den ganzen Tag mit rumschleppen.« »Ja? Wohin gehen wir denn?« Calvin antwortete nicht, was Billy für kein gutes Zeichen hielt. Allmählich kam er zu der Überzeugung, dass er besser im Zimmer geblieben wäre. Sie fuhren mit dem Taxi in die Innenstadt und stiegen an einer großen, offenen Einkaufspassage aus. Direkt gegenüber stand ein USAllianceHochhaus, das von Scharen von NRASoldaten mit Helmen und Maschinengewehren bewacht wurde. »Äh ... Calvin -- das ist wohl keine gute Idee«, wandte Billy ein. »Bleib einfach dicht bei mir«, entgegnete Calvin. Er führte Billy an einen Plastiktisch zwischen mehreren FastfoodRestaurants -- unter anderem McDonalds und Burger King. »Willst du was zum Essen?« »Klar. Wie wärs mit ...« »Wie ich sehe, brauchen die Gentlemen eine kleine Stärkung!«, sagte ein Mann. »Möchten Sie vielleicht Gutscheine von McDonalds? Wenn Sie einen kaufen, gibt es einen zweiten gratis dazu!« »Okay«, sagte Billy. »Halt, warten Sie mal«, sagte jemand anders. Billy sah ein Mäd chen, das ebenfalls mit Couponheften beladen war. »Sie werden doch wohl nicht bei McDonalds essen wollen -- die beuten unsere Umwelt aus, wussten Sie das nicht? Hier, nehmen Sie einen Gut schein von Burger King.« »Prima. Danke.« Billy lächelte das Mädchen an. »Ich will ja keine Gerüchte in die Welt setzen«, sagte der Mann, »aber ich weiß, wie die Küche von diesem Burger King aussieht -- ganz schön verdreckt. Ich würde da nicht essen wollen.« »Völliger Schwachsinn!«, protestierte das Mädchen. »Außerdem finden Sie bei Burger King keine Spuren von Hundefleisch in den Burgern.« »Das war in einem Lokal! In New York!« »Wissen Sie was -- wir haben Ihre Gutscheine, und jetzt ver schwinden Sie, alle beide«, unterbrach Calvin die beiden. Der Mann und das Mädchen entfernten sich. »Ich kann abends nicht mehr ans Telefon gehen, ohne dass ir gendwer versucht, mir was zu verkaufen«, schimpfte Calvin. »Jetzt lassen sie einen nicht mal mehr in Ruhe zu Mittag essen!« »Die haben doch nur Gutscheine verschenkt.« »Na schön -- dann hol uns mal was von McDonalds«, sagte Cal vin. Billy sah dem BurgerKingMädchen nach, das gerade einem älte ren Ehepaar einen Gutschein aushändigte. Als es seinen Blick be merkte, zwinkerte es ihm zu. »Warum nicht von Burger King?« »Ich habe eine USAllianceKarte. Bei McDonalds kriege ich Punk te.« »Ich dachte, ihr Regierungsfuzzis seid gegen diesen ganzen Scheiß«, sagte Billy. »Von mir aus, dann geh eben zu Burger King!«, fauchte Calvin. »Nun bleib mal locker.« Billy hielt die Hand auf. Calvin kramte in seinen Taschen. »Jennifer hat sich heute Morgen ja in Schale ge schmissen! Mir war noch gar nicht aufgefallen, was die für Beine hat. Was hatte sie vor?« »Geht dich nichts an«, entgegnete Calvin, aber als sein Blick zu dem USAllianceGebäude hinüberhuschte, wusste Billy Bescheid. »Geh und hol uns was zu essen. Ich behalte dich im Auge.« Billy schlenderte zu Burger King hinüber und stellte sich in die Schlange. Das Gutscheinmädchen drehte seine Runden auf dem Platz und verteilte Coupons. Billy hoffte, dass sie ihn bemerkte. »Was soll das denn hier?«, fragte eine laute Stimme. Fünf oder sechs Jungs in XLargeKlamotten und mit Tätowierungen kamen auf das Lokal zu. »Was ist los mit euch, Leute -- wisst ihr eigentlich, wo ihr hier seid? Diese Stadt gehört USAlliance. Wir können hier keine T.A.Unternehmen brauchen.« Niemand sagte ein Wort. Billy bemerkte, dass die Jungs nicht ein fach irgendwelche Tätowierungen trugen -- das waren Firmenlogos. Er sah NikeSwooshes und NRAZeichen. Der Anführer hatte ein US AllianceLogo auf seinem kahlrasierten Schädel. »Na los, macht, dass ihr wegkommt! Gebt euer Geld bei einem anständigen Unternehmen aus, nicht bei diesen Einwanderern!« »Hey, hey!«, rief das Gutscheinmädchen und ging auf den Skin head zu. »Macht woanders Randale, klar? Wir wollen hier auch über die Runden kommen.« »Verdient euer Geld gefälligst woanders«, sagte der Junge und rempelte sie an. Sie taumelte gegen Billy, dem das sehr gelegen kam. Er fing sie auf und stellte sie wieder auf die Beine. Dann richtete er sich auf, um dem Glatzkopf etwas Passendes zu sagen, aber da ging der Junge schon auf ihn los. »Hast du mir was zu sagen, Schwachkopf?«, fragte er ihn. Die an deren Schlägertypen scharten sich um ihn. Mehrere Kunden traten schweigend den Rückzug an. »Wenn du hier schon die Schnauze aufreißen willst, dann will ich nur eins von dir hören: dass du für USAlliance bist.« »Lass bloß die Finger von ihr!« »Also, was jetzt -- auf welcher Seite stehst du, Mann? McDonalds oder Burger King? Für eins musst du dich entscheiden. Na, wirds bald?« »Ich kauf bloß ein paar Burger«, wich Billy aus. »Du brauchst nicht gleich zu ...« »USAlliance -- das sind doch alles Weicheier!«, mischte sich das Gutscheinmädchen ein, und dann brach die Hölle los. 73. Schachzüge Violet hatte sich vom Schultor entfernt, bis Buy weggefahren war. Dann machte sie kehrt. Kate war inzwischen schon an der Eingangs tür und wollte gerade hineingehen. Violet rief ihr nach: »He, Kate!«, aber das Mädchen drehte sich nicht um. »Mist«, fluchte Violet. Sie trat durch das Tor. Die anderen Kinder sahen sich neugierig nach ihr um. Violet lächelte ihnen zu. Als sie das Gebäude betrat, hielt der Wachmann sie auf. »Maam? Ich muss Sie bitten, das Schulgelände zu verlassen.« »Oh.« Violet erschrak. »Hi. Ich wollte nur ...« Sie reckte den Hals. »Meine Tochter hat ihr Essensgeld vergessen.« »Tut mir Leid, Maam, aber der Aufenthalt auf dem Gelände ist nicht gestattet.« »Aber sie ist doch da drüben! Ich gebe ihr nur schnell das Geld und bin sofort wieder weg.« Der Wachmann war ein ganzes Stück größer als sie. Violet lächelte und bemühte sich, harmlos auszusehen. »In Ordnung, aber beeilen Sie sich«, sagte der Wachmann. Violet schlüpfte hastig an ihm vorbei. Kate war allein im Klassenzimmer. Sie packte gerade ihre Tasche aus. Als Violet eintrat, blickte sie auf. »Hi, Kate.« »Hi.« »Du musst mal schnell mitkommen. Es ist sehr wichtig. Okay?« »Wohin denn?« »Zu ... zur Tierklinik. Du willst mir doch bestimmt bei den kranken Tieren helfen, nicht wahr?« »Hm ...« Kate zögerte. »Nein, danke.« »Aber natürlich willst du das«, beharrte Violet. »Ich weiß doch, dass du Tiere magst. Komm, wir gehen.« »Ich will aber hier bleiben.« »Du kommst jetzt mit.« Violet packte Kate am Arm. »Lassen Sie mich los!« Violet zog an ihr. Kate schrie. Violet versuchte, ihr den Mund zu zuhalten. Kate biss sie in die Hand. Violet schrie auf. Sie befreite ihre Hand und schlug Kate ins Gesicht. Kate fiel hin und versuchte, auf allen vieren zu entwischen, doch Violet packte sie an den Fußknö cheln und zerrte sie zurück. »Hier geblieben!« Sie hörte, wie die Tür aufging -- der Wachmann. »Was geht hier vor?« »Sie ... sie hat einen Anfall!«, rief Violet. »Helfen Sie mir, schnell!« Der Wachmann ging neben ihr in die Hocke. Kate kreischte und wand sich wie eine Wildkatze. »Woher kommt denn das Blut?«, fragte der Wachmann. Violet zog ihre Pistole -- eigentlich war es Johns Pistole -- und drückte ihm den Lauf an den Kopf. »Okay -- Sie legen sich jetzt hin und rühren sich nicht von der Stelle.« Dann wandte sie sich an Kate. »Bist du jetzt ein braves Mäd chen und tust, was ich sage?« Kate nickte. Ihre Zähne klapperten. »Gut. Wenn du versuchst wegzulaufen, muss ich dir wehtun. Ver standen?« Kate wimmerte. »Ich nehme an, das heißt ja«, sagte Violet. Sie zog Kate hinter sich her. Der Wachmann gab keinen Laut von sich. Violet atmete auf-- den schwierigsten Teil hatte sie damit geschafft. Jetzt musste sie sich nur noch ihr Geld holen. Violet brachte Kate mit dem Taxi zu sich nach Hause und führte sie in die Küche. »Hast du Hunger? Möchtest du was essen?« Das Telefon klingelte. Violet nahm ab. »Hallo?« »Violet, sind Sie das?« »John!«, rief sie erfreut. »Ich wollte Sie gerade anrufen.« »Haben Sie Kate?« »Ich hab sie! Wollen Sie mit ihr sprechen?« »Ich ... nein, nicht nötig.« »Okay«, sagte Violet. »Es wird Sie freuen zu hören, dass ich meinen Teil der Vereinba rung erfüllt habe. Ich habe Ihr Geld.« Violets Herz machte einen Sprung. »Schon? Wie das denn? Was haben Sie mit Holly angestellt?« »Ich bin sehr überzeugend aufgetreten«, erwiderte John. Violets Herz schlug Trommelwirbel. Sie wollte am liebsten sämtliche Ein zelheiten hören, sie wollte alles ganz genau wissen. »Haben Sie was zu schreiben? Ich sage Ihnen jetzt, wo die Übergabe stattfindet.« Sie notierte die Adresse. »Eine Nike Town?« »Immer schön in aller Öffentlichkeit -- damit keiner irgendwelche krummen Touren versucht.« »Okay, ich verstehe.« »Herrgott!«, rief John plötzlich, aber damit meinte er wohl jemand anderen. »Seien Sie um sechs dort.« Es knackte in der Leitung. Violet ließ in Hochstimmung den Hörer sinken. Sie hatte es geschafft! Das triumphale Gefühl machte sie ganz benommen. Sie dachte daran, wie Holly im Wagen zu ihr ge sagt hatte: Sie haben noch eine Menge zu lernen, wie es auf dieser Welt zugeht. Tja, da konnte man mal sehen, wie viel Holly selbst noch zu lernen hatte. Ständig wurde Violet unterschätzt. Sie griff erneut zum Telefon. Jetzt wollte sie ihren Triumph ein wenig auskosten. Holly war mit Sicherheit in New York. Violet rief zuerst bei der Auskunft an und ließ sich die Nummer von T. A. geben. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es dort war, aber die Telefonzentrale war immerhin besetzt, und Violet wurde durchgestellt. »Sekretariat Hol ly T. A., was kann ich für Sie tun?« »Hier ist Violet ExxonMobil. Ich möchte Holly sprechen.« »Einen Augenblick bitte, Maam.« Violet wartete. Sie bebte vor Spannung. »Holly ist leider nicht zu sprechen. Wenn Sie wünschen, kann ich ihr etwas ausrichten.« Violet stutzte. »Haben Sie ihr gesagt, wer ich bin?« »Ich fürchte, Holly erinnert sich nicht an Sie, Maam.« »Wie bitte?« »Ms. Holly hat mit einer Menge Leuten zu tun, Maam. Bitte neh men Sie es nicht persönlich ...« »Sie holen mir diese Dreckschlampe jetzt ans Telefon«, sagte Violet unmissverständlich. »Ich habe bei der Konferenz in London neben ihr gesessen. Ich habe gerade drei Millionen Dollar aus ihr rausge quetscht. Und jetzt holen Sie sie ans Telefon!« »Bitte beruhigen Sie sich, Maam.« »Ich bin ruhig!«, brüllte Violet. »Für meine Verhältnisse bin ich sogar verdammt ruhig!« »Ich ... eine Sekunde, bitte.« Es knackte in der Leitung, dann wurde Violet mit Musik berieselt. Holly ließ sich verleugnen, ganz klar. Bestimmt wurmte sie die gan ze Sache so sehr, dass sie nicht mit Violet reden wollte. Es knackte wieder in der Leitung, dann war Holly dran. »Okay, was gibts?« »Ich bins,Violet.« »Ja, ja, Violet mit der DreiMillionenDollarRechnung. Und?« Das lief anders als erwartet. »Ich habe es. Ich habe mein Geld.« »Tatsächlich? Schön für Sie«, bemerkte Holly. Violet wollte schon sagen: Ich habe es von Ihnen -- aber dann ging ihr auf, dass das womöglich gar nicht stimmte. Holly trieb keine Spielchen. John Nike hatte sich überhaupt nicht an Holly gehalten. Violet legte auf. Kate schniefte immer noch. Sie warf Violet immer wieder verstoh lene Blicke zu. »Da ist was faul«, sagte Violet langsam. »Da will mich schon wie der jemand aufs Kreuz legen.« Vielleicht wollte John ihr die drei Millionen aus seiner eigenen Tasche zahlen. Das war eine Möglichkeit. Aber eine andere Mög lichkeit war, dass er in der Nike Town eine böse Überraschung für sie bereithielt. Das war sogar sehr wahrscheinlich. Sie vergewisserte sich, dass die Pistole noch in ihrer Tasche steckte. »Krumme Touren«, murmelte sie vor sich hin -- offenbar versuchte da jemand eine krumme Tour. Na schön. Sie griff nach Kates Arm. Es war Zeit für einen Einkaufsbummel. 74. Überfall Hack war seit Jahren nicht mehr im Chadstone WalMart gewesen. Das Einkaufszentrum schien in der Zwischenzeit regelrecht gewu chert zu sein -- neue Geschäfte und Imbisse waren überall aus dem Boden geschossen. Vor dem Parkhaus standen die Autos Schlange, und der Bus brauchte geraume Zeit um durchzukommen. Hack sah ungeduldig auf die Uhr. Claire wartete bestimmt schon auf ihn. Endlich kam der Bus zischend zum Stehen. Hack stieg aus und war sofort von Scharen einkaufswütiger Passanten umgeben, die durcheinander riefen und drängelnd vorwärts zu kommen versuch ten. Es herrschte ein Chaos, wie Hack es seit dem Winterschlussver kauf nicht mehr erlebt hatte. Er bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Am Ein gang zur Mall fand er einen Plan, auf dem stand, dass die Nike Town sich auf der vierten Etage befand. Hack ging an einem BMW Kabrio vorbei, das gerade verlost wurde, und fuhr mit der Rolltrep pe nach oben. Seine Tasche war diesmal noch schwerer als bei McDonalds. Er nutzte die Gelegenheit, sie einen Moment abzustel len. Claire stand vor dem BordersGeschäft. Sie trug eine JackieO Sonnenbrille. Als sie Hack sah, lächelte sie. Hack ergriff ihre Hände. »Wie gehts dir?« »Letzte Aktion, Hack.« »Ja, letzte Aktion«, bestätigte er. Gemeinsam betraten sie das Ge schäft. Reihen effektvoll beleuchteter Schuhe zierten die Wände. In der Mitte standen Stühle, weiter hinten war die Verkaufstheke. Aus den Lautsprechern dröhnte Rockmusik. Hack stellte seine Tasche auf einen der Stühle und zog den Reißverschluss auf. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ein Verkäufer. »Ja«, sagte Claire. Sie zog eine Pistole unter dem Mantel hervor und richtete sie auf den Mann. Eigentlich hatten sie Attrappen ver wenden wollen, aber als sich herausstellte, dass die nicht so leicht zu beschaffen waren, hatten sie einfach echte Pistolen genommen und sie nicht geladen. »Sie können hier verschwinden.« »Alles raus aus dem Laden!«, brüllte Hack. »Nichts wie weg hier, jetzt gehts Nike ans Leder!« Er zog eine Farbdose aus seiner Tasche und hebelte den Deckel mit einem Schraubenzieher auf. Der Ge stank war entsetzlich. »Nike bringt Kinder um!«, verkündete Claire. Hack hatte die Rede für sie geschrieben und war recht zufrieden damit. »Der Konzern lässt in Billiglohnländern produzieren und verkauft die Schuhe dann hier zu überhöhten Preisen! In China sind bei einem Brand in einer NikeFabrik 58 Arbeiter ums Leben gekommen! Für die Mer curyKampagne wurden 14 Kinder ermordet, darunter auch ein Mädchen hier in diesem Geschäft!« Die Kunden blieben einfach stehen. Es war noch schlimmer als bei McDonalds. Hack begriff: Die Leute waren schlichtweg zu dumm. Man konnte es einfach nicht simpel genug für sie machen. Also legte er los. Der Inhalt seiner Dosen -- Blut und Schlachterei abfälle, die er am selben Morgen beim Metzger besorgt hatte -- klatschte gegen die Wand. Es sah fast schon zu echt aus. Über einem Paar Turnschuhe explodierte eine Glühbirne, dass die Funken sprühten. »Menschen gehen über Profite!«, rief Hack. Der Verkäufer hatte das Weite gesucht, aber die Kunden standen immer noch regungslos herum. »Was ist los mit euch, Leute?« »Ist das hier so was Promotionmäßiges?«, fragte ein Junge. »Nein!«, rief Hack. »Das hier ist eine Protestaktion! Nike mordet!« Während er die nächste Dose aus seiner Tasche zog, glitt sie ihm aus der Hand. Sie knallte auf den Boden, der Deckel sprang auf und Schlachtereiabfälle verteilten sich über Hacks Hose. »Verdammter Mist!« »Verschenkt ihr nachher Schuhe?«, fragte der Junge. »Das ist bestimmt eine neue Produktlinie«, vermutete ein anderer. Seine Augen weiteten sich. »So was wie zum Beispiel >Nike Murde rers< -- stimmts?« »Mann, das war echt megacool«, kommentierte der erste. »Nein!«, rief Hack zornig. »Wir machen hier keine Promotion!« »Schmeiß noch ein bisschen mehr von dem Blut rum«, verlangte der Junge. »Hab ich etwa einen NikeTrainingsanzug an?«, fragte Hack. »Sehr ihr irgendwelche Logos an mir?« »Ey, Mann, er hat Recht«, stellte der andere Junge fest. »Er hat kei ne Logos an den Klamotten.« Sie musterten Hack verunsichert. »Raus!«, brüllte Hack. Da rannten sie endlich los. Einer ließ noch schnell ein Paar Turnschuhe mitgehen. Hack war außer sich, bis ihm einfiel, dass er im Grunde dasselbe vorgehabt hatte. »Ich helf dir mit den Dosen«, rief Claire. »Bringen wirs hinter uns und verschwinden.« »Okay.« Beide griffen gleichzeitig nach derselben Dose. Ihre Hän de berührten sich, und sie lächelten sich an. »Hey, was ist denn hier los?«, fragte jemand. »Herrgott«, stöhnte Hack. Manche Leute waren wirklich schwer von Begriff. Er drehte sich um. Aber es war keiner von den Jugend lichen.» Violet?« »Hack! Was machst du denn hier?« »Ich ...« Sie hielt ein Kind am Arm fest, ein Mädchen von etwa acht oder neun Jahren. »Dasselbe könnte ich dich fragen.« »Machst du die Übergabe?« »Übergabe? Violet, wenn du mir nachspionierst ...« »Blödsinn«, unterbrach sie ihn. »Bist du jetzt John Nikes Kontakt mann oder was?« Hack wollte gerade antworten, als hinter Violet ein Mann den La den betrat. Sein Gesicht war entstellt wie eine angeschmolzene Wachsmaske. Eine Reihe dicker, schwarzer Stiche zog sich von ei nem Ohr bis zur Mitte der Stirn. Sein Kopf war kahl rasiert. Aber Hack erkannte ihn trotzdem. »Nein«, sagte der andere John. Sein Stimme klang wie ein Reibei sen. »Ich bin der Kontaktmann.« 75. Drohung »Was denn -- freust du dich gar nicht, mich zu sehen?«, fragte Jen nifer. John machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Sie nahm die Verfolgung auf. Max Synergy und die USAllianceTypen blieben wie angewurzelt stehen. Dasselbe Bild bot sich Jennifer in den fol genden viereinhalb Minuten noch öfter -- Angestellte, die herum standen und gafften, während John vorbeihetzte und sie ihm auf den Fersen blieb. John schrie nach der NRA, der Security oder nach sonst wem mit einer Waffe, aber niemand entwickelte nennenswerte Aktivitäten. Dabei tönten die Konzerne immer so großartig von Handlungsfähigkeit und Flexibilität, dachte Jennifer. In Wirklichkeit brauchte man nur einmal einen schreienden Mann durch ihre Büros zu jagen, um festzustellen, dass nichts dahintersteckte. John versuchte, mit dem Aufzug zu entkommen, aber sie hatte ihn schon beinahe eingeholt. Ihm blieb nur noch die Flucht durch das Treppenhaus. Auf dem Weg nach oben gewann er ein wenig Vor sprung, indem er eine Frau mit einem Stapel Akten ins Straucheln brachte, sodass sie Jennifer den Weg versperrte. Aber der Abstand war nicht groß, und je mehr Stockwerke sie erklommen, desto deut licher machten sich Jennifers regelmäßiges Fitnesstraining und Johns regelmäßige üppige Mahlzeiten bemerkbar. Auf der 29. Etage, als er bereits keuchend nach Luft rang, bekam sie ihn am Jackett zu fassen. Er wand sich los und stürmte durch die Etagentür. Sie folgte ihm und fand sich in einem riesigen Vorstandssaal wieder. Zwei Wände waren komplett aus Glas. Die Aussicht über L. A. war um werfend. John stand gegen eine Scheibe gepresst, als wolle er sich durch das Glas zwängen. Jennifer musste an einen sehr ähnlichen Saal denken -- den, in dem sie John damals eröffnet hatte, dass sie schwanger war, damals vor acht Jahren, als sie beide noch bei Ma her arbeiteten. Sie hoffte, dass auch ihm die Situation bekannt vor kam. »Komm mir nicht zu nahe! Bleib, wo du bist!« »Tut mir Leid, mein Lieber -- kommt nicht infrage«, sagte sie. »Wo bleibt die verfluchte NRA?«, schrie er. Darauf hatte sie keine Antwort. »Halt, warte mal. Moment!« »So so.« »Stop! Sonst wird Kate dafür büßen!« Jennifer blieb auf der Stelle stehen. »Was?« »Hast du heute schon was von deiner Tochter gehört?« »John, du brauchst dir wirklich keine Mühe mehr zu geben«, sagte sie. »Du hast gründlich verschissen.« »Ruf doch mal zu Hause an. Deine Tochter ist nämlich seit heute Morgen verschwunden.« »Du verlogenes Stück Scheiße.« Jennifers Stimme bebte. »Wie kannst du es wagen, so was zu sagen.« »Denkst du, ich mache Witze?« John sabberte atemlos. »Denkst du, ich drehe Däumchen, während du mir auf den Fersen bist? Denkst du, ich hätte nicht vorgesorgt? Denkst du, ich hätte geglaubt, dass du es jemals aufgibst?« Sie wurde unsicher. Er bemerkte es, und seine Augen blitzten auf. »Du kennst mich, Jen. Bin ich etwa ein Typ, der halbe Sachen macht?« Auf dem Tisch nahe der Tür stand ein Telefon. »Na los, ruf zu Hause an. Überzeug dich selbst.« Jennifer atmete tief durch und rang um Fassung. »Wenn das eine Lüge ist, schlag ich dich zu Brei.« »Sehe ich aus, als ob ich mich fürchte?« Sie ging zum Telefon hinüber und wählte Buys Handynummer. »Und wenn es keine Lüge ist, dann bring ich dich um.« Sein Lächeln verschwand. Buy war nach dem ersten Klingeln dran. Er klang gestresst und verängstigt. »Ja?« »Ich bins.« »Oh, Jen ... Jen, es tut mir so Leid ...« Sie ließ den Hörer sinken. »Aha, verstehen wir uns jetzt?«, sagte John. Sie trat auf ihn zu. »Äh ... das ist gar keine gute Idee, Jen. Ganz ungeschickt. Du bleibst jetzt genau da stehen.« Jennifer hielt inne. Ihre Hände zitterten. »Sie ist deine Tochter!« »Ich bitte dich«, sagte John. »Ich habe vor acht Jahren doch wohl verdammt klargestellt, dass ich kein Kind will. Du wolltest es, und ich konnte nichts dagegen machen, verdammt noch mal! Also schön, du hast dein Kind gekriegt. Aber glaub nicht, du könntest mich plötzlich zum Vater machen. Für mich ist sie nicht meine Tochter.« Bing, der Aufzug hinter Jennifer öffnete sich. »Endlich!«, rief John. »Was braucht ihr so lange, ihr lahmen Är sche?« Jennifer fühlte, wie sie an den Armen gepackt wurde. »Entschuldi gen Sie, Sir! Vorn gibt es Krawall. Wir sind gekommen, so schnell es ...« »Nicht schnell genug. Ich werde mit Li sprechen.« »Sir, was sollen wir mit ...« »Nehmt sie mit«, befahl John, »und jagt ihr eine Kugel in den Kopf.« Der Soldat schwieg. »Haben Sie damit ein Problem?« »Sir, ich weiß nicht, ob Sie zu diesem Befehl autorisiert sind.« »Ich bin sogar ganz verflucht autorisiert!«, brüllte John. »Und wenn ihr jetzt nicht spurt, dann kriegt ihrs mit Li zu tun!« »Ja, Sir«, sagte der Soldat. Die beiden NRASoldaten führten Jennifer durchs Treppenhaus nach unten. Sie hatte das Gefühl, innerlich zu zerreißen. Einerseits wollte sie den nächstbesten Flug zurück nach Melbourne nehmen, andererseits wollte sie John umbringen -- am liebsten beides zu gleich. Aber das war unmöglich. Jedes für sich war schon unmöglich. Auf halbem Weg nach unten empfing einer der Soldaten einen Funkspruch. Er murmelt etwas in sein Funkgerät, dann wandte er sich an seinen Kameraden. »Da draußen wirds brenzlig. Die brau chen uns.« »Und was machen wir mit ihr?« »Keine Ahnung.« Einen Moment lang schwiegen alle drei. Jennifer wartete teil nahmslos darauf, dass die Soldaten entschieden, ob sie sie umbrin gen sollten. »Ich meine, wenn wir da draußen gebraucht werden, dann ist das ein NRABefehl. Der hat Vorrang vor denen von Nike.« »Sicher?« »Scheiße, keine Ahnung«, sagte der Soldat. »Aber ich sag dir gleich, ich hab keine Lust, dieser Frau eine Kugel in den Kopf zu jagen. Es ist einfach nicht richtig.« In diesem Moment klingelte Jennifers Handy. Sie war derart mit den Nerven am Ende, dass sie zusammenzuckte. »Was ist das?« »Mein Handy«, murmelte sie. »Dann gehen Sie halt dran«, gab ihr der Soldat zu verstehen. »Wir müssen uns sowieso erst mal beraten.« Jennifer nahm den Anruf an. Es war Buy in Melbourne. Sie hörte den Schmerz in seiner Stimme. Das Gespräch war kurz, aber ergiebig. Dann musste Buy Schluss machen. Jennifer klappte das Handy zu und sah die Soldaten an. »Okay -- wir leisten am Haupteingang Verstärkung«, erklärte der erste. »Sie kommen mit. Was Sie dann machen, überlassen wir Ih nen.« »Danke«, sagte sie. Ihre Stimme versagte. »Freuen Sie sich nicht zu früh«, entgegnete er. »Sie wissen ja nicht, was da draußen los ist.« 76. Entführt Buy machte spät Feierabend, aber es herrschte kein dichter Verkehr, sodass er noch rechtzeitig bei der MattelGrundschule ankam. Bis her hatte er seinen Wagen immer in der zweiten Reihe oder in einer Seitenstraße parken müssen, doch an diesem Tag war die Straße nahezu leer. Das war seltsam -- normalerweise kamen um diese Zeit schon Kinder heraus, und die wartenden Eltern blockierten mit ihren Autos die Straße. Buy stieg aus und ging durch das Tor. Im Verwaltungsgebäude standen sechs Leute hinter der Anmel dung. Sie waren in ein Gespräch vertieft. Buy registrierte ihre Dienstmarken. Sie waren von der Regierung. »Ja, bitte?«, fragte eine Frau. »Ich möchte Kate abholen«, erklärte Buy. »Was ist hier los?« Die Frau schlug die Hand vor den Mund. Plötzlich starrten ihn alle an. »Was ist?«, wiederholte Buy. »Wollen Sie sich nicht setzen, Sir?«, fragte eine Agentin. »Wo ist Kate?« »An unserem Securitypersonal hat es nicht gelegen, das möchte ich gleich klarstellen«, sagte die Frau. »Ein Wachmann hat sie aufzuhal ten versucht. Niemand kann uns mangelnde Sicherheitsvorkehrun gen vorwerfen.« »Wen aufzuhalten versucht?«, fragte Buy, aber im Grunde kannte er die Antwort schon. »Sir, wir haben es mit einer Entführung zu tun.« »Aber ... wer ist entführt worden?« Dann erfüllte ein lautes Summen seinen Kopf, und strahlende Lichter huschten wie verschwommene Kometen vor seinen Augen vorbei. Sie brachten ihm einen Kaffee, aber seine Hände hörten einfach nicht auf zu zittern. Die Agenten telefonierten mit ihren Handys und stellten Buy allerlei Fragen. Bei jeder Frage fühlte er sich tiefer in eine neue Realität hineinge drängt, in der Kate verschwunden und er an allem Schuld war. »Es wird bereits gegen Sie ermittelt«, bemerkte einer der Agenten, wobei er sein Handy zuhielt. »Wegen der NikeTownMorde, nicht wahr? Sie wurden von den Field Agents Jennifer und Calvin ver nommen.« »Ich ... ich war an dem Abend in der Mall, weiter nichts«, sagte Buy. »Ich habe versucht, dem Mädchen, auf das geschossen wurde, zu helfen. Hayley McDonalds.« Die Agenten wechselten einen Blick. »War sie mit Ihnen verwandt? Oder befreundet?« »Was spielt das für eine Rolle? Ich wollte ihr bloß helfen.« »Und jetzt ist ein Mädchen verschwunden, mit dem Sie ebenfalls zu tun hatten«, sagte ein Agent. »Ja ... und?« »Sir, können Sie uns sagen, wo Sie heute Vormittag waren?« »Ich habe Kate zur Schule gebracht und bin dann zur Arbeit gefah ren.« »Kann irgendjemand bestätigen, dass Sie das Schulgelände verlas sen haben?« »Aber warum ... Denken Sie etwa, ich hätte sie entführt?« »Beruhigen Sie sich, Mr. Mitsui«, sagte ein Agent. »Kann irgend jemand bestätigen, dass Sie das Schulgelände verlassen haben?« »Ich ... ja! Ich habe mit einer Mutter gesprochen -- die muss gese hen haben, wie ich gegangen bin. Sie hieß ... Violet. Den Nachnamen weiß ich nicht. Sie arbeitet als Tierärztin.« »Können Sie diese Frau beschreiben?« »Jung, klein, dunkles Haar ... und sie hatte einen grünen Parka an.« Die Agenten wechselten einen Blick. »Sir, das passt zu der Be schreibung der Entführerin.« »Was? Wie kann das ...« »Wir müssen Sie bitten, mit uns zu kommen.« »Nein!« Buy sprang auf. »Ich muss Kate suchen!« »Setzen Sie sich. Sofort.« Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. »Sie müssen ganz schön wütend auf die Regierung gewesen sein«, sagte der andere Agent, »nachdem dieses Mädchen in Chadstone umgebracht wurde und unsere Leute das nicht verhindert haben. Vielleicht wollten Sie sich rächen, indem Sie das Kind einer Agentin entführen.« »Nein!« »Aber Sie geben zu, dass Sie mit der Täterin vorher Kontakt hat ten.« Sein Handy klingelte. Alle horchten auf. »Gehen Sie dran«, sagte ein Agent. »Vielleicht ist es Ihre kleine Freundin.« Buy holte das Handy hervor. Die Nummer auf dem Display sagte ihm nichts. »Ja?« »Ich bins«, sagte Jennifer »Oh, Jen.« Er wusste nicht, was er sagen sollte. »Jen -- es tut mir so Leid.« Ihm versagte die Stimme. »Ist das Jennifer Government?«, fragte der Agent. »Geben Sie her.« Er nahm Buy das Telefon aus der Hand. »Hallo? Hallo?« Er sah Buy ungläubig an. »Da ist niemand dran.« »Sie war es aber. Sie müssen irgendeine Taste gedrückt haben.« »Ich habe überhaupt nichts gedrückt.« »Ruf doch die Nummer zurück«, schlug der andere Kollege vor. »Gute Idee.« Der Agent drückte ein paar Tasten. Plötzlich verän derte sich sein Gesichtsausdruck. Er gab Buy das Telefon zurück. »Was ist?«, fragte Buy. Er hielt es ans Ohr. »Jennifer?« Aus dem Telefon ertönte eine Stimme: »Sir? USAlliance, Telefon zentrale. Was kann ich für Sie tun?« »Aber ... das macht doch keinen Sinn.« »Von wegen Jennifer Government«, sagte der Agent. Er löste die Handschellen von seinem Gürtel und griff nach Buys Handgelenken. »Bitte machen Sie keine Schwierigkeiten.« Buy traf keine bewusste Entscheidung -- es geschah einfach. Er machte auf dem Absatz kehrt und war schon drei Schritte weit ge rannt, ehe er begriff: Ich flüchte vor der Regierung. Die Bürotür be stand größtenteils aus Glas -- und in dem Moment traf Buy eine Entscheidung. Er hatte als Kind mal einen Unfall mit seiner jüngeren Schwester erlebt und wusste daher, was passieren würde. Er knallte die Tür hinter sich zu und hörte, wie ein Agent durch die Scheibe fiel. Als sie aus dem Schultor gerannt kamen, saß Buy schon in sei nem Jeep. Er sah Gewehre. Er glaubte nicht, dass Bundesagenten befugt wä ren, ihn zu erschießen, nur um ihn an der Flucht zu hindern. Doch bei ihrem Anblick war er sich dessen nicht mehr so sicher. Also trat er kräftig aufs Gas und schoss mitten in den Verkehr hinein. Hupen ertönten und Reifen quietschten. Eine Limousine schleuderte so haarscharf an seiner Tür vorbei, dass Buy es gar nicht fassen konnte, dass sie nicht zusammenstießen. Dann ließ er Kates Schule mit heu lendem Motor hinter sich. In einer ruhigen Seitenstraße hielt er an. Er hatte Jennifers Handy nummer. Es klingelte ewig. Endlich ging sie dran. »Ich bins.« »Wie ist das passiert?« Als er ihre Stimme hörte, brach es ihm das Herz. Sie klang, als sei sie am Boden zerstört. »Ich weiß es nicht. Es tut mir so Leid, aber ich ... ich weiß es ein fach nicht.« »Hör mir zu. Jetzt hängt alles von dir ab. Ich kann mir John Nike nicht schnappen, solange er Kate hat. Ich brauche dich jetzt.« »Moment mal«, sagte er. »John Nike?« »John Nike ist der Typ, hinter dem ich her bin. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Worauf es jetzt ankommt ...« »Nein«, flüsterte er heiser. »Ich ... ich arbeite für John.« »Was?« »Er ist unser Verbindungsmann bei USAlliance. Und ich ... ich bin der Assistent eines anderen Verbindungsmannes.« »Oh, Scheiße«, sagte sie. »Oh, mein Gott. Was hast du für ihn ge tan?« »Er hat mir aufgetragen, hier in Melbourne ein paar Leute für ihn ausfindig zu machen. Wegen einer Protestaktion.« »Wer sind diese Leute?« »Ein gewisser Hack Nike ... und ein Mädchen ... ich glaube, sie hieß ...« »Hack -- genau! Der ist es!« »Nein, das kann nicht sein. Es war eine Täterin, ein Mädchen. Vio let.« »Das ist Hacks Freundin! Ich kann rausfinden, wo Hack wohnt ...« »Nein, lass nur.« Buy wurde ganz flau. »Ich weiß, wo Hack ist.« 77. Schlussstrich »Hey, Sie sind ja wieder auf den Beinen«, sagte Violet. »Da bin ich aber froh.« »Erst hast du mich so zugerichtet, und dann hast du mich in deiner Küche auf dem Boden liegen lassen«, sagte John. Violet hatte Mühe zu erkennen, was für eine Gefühlsregung es war, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete. »Du bist Schuld, dass ich so aussehe.« »Aber Sie sehen doch ganz passabel aus -- ich weiß gar nicht, wo von Sie reden.« Violet wich zurück und zerrte Kate mit sich, bis sie mit den Fersen gegen die Wand stieß. John packte sie mit einer Hand an der Kehle. Allmählich dämmerte es Violet, dass er nicht gekommen war, um ihr die drei Millionen Dollar zu übergeben. »Zeit für die Abrechnung, wie?« »He!«, rief Claire. Violet sah, dass sie auch eine Pistole hatte, und diese war jetzt auf John gerichtet. Violet war noch nie so erleichtert gewesen -- auch wenn das der Claire, die sie bisher gekannt hatte, gar nicht ähnlich sah. Während Violets Abwesenheit hatte sich man ches verändert. »Schluss damit!« »Knall ihn ab!«, sagte Violet. »Los, Claire!« John ließ Violet nicht aus den Augen. »Wie wärs, wenn ihr von hier verschwindet?« »In Ordnung«, sagte Hack. Er griff nach Claires Hand. »Du nicht, Arschloch«, sagte John. »Mit dir hab ich noch was zu regeln.« »Wir gehen jetzt«, sagte Claire. Ihre Stimme zitterte ebenso wie die Pistole in ihrer Hand. »Und Violet kommt mit uns.« John sagte: »Mein kleines Fräulein, du hast ganz schön ...« Für einen kurzen Moment wandte er den Blick von Violet ab. Sie nutzte die Gelegenheit und rammte ihm das rechte Knie in seine Weichteile. John klappte auf der Stelle zusammen. »Ha! Der war für dich!« Sie wollte auf ihn eintreten, doch da pack te er sie plötzlich am Hosenbein. Violet schrie auf -- es war genau wie damals in der Wohnung. Sie kratzte und schlug um sich. John verlor den Halt, und Violet konnte sich losreißen und zu Hack flüchten. Dabei ließ sie Kate zurück -- Pech für Kate, aber Violet hatte jetzt andere Sorgen. An der Rückwand des Ladens befand sich eine Tür mit der Aufschrift NUR FÜR PERSONAL. Violet riss sie auf. »Hack, komm schnell!« Hack rannte los und zog Claire hinter sich her. Sobald sie drinnen waren, schlug Violet die Tür zu. Es war stockfinster. Sie tastete ver geblich nach etwas, das sich wie ein Riegel anfühlte. »Was ist los?«, fragte Hack. »Halt die Türklinke fest.« »Was?« »Du sollst die Türklinke fest halten. Ich finde den Riegel nicht!« »Oh, Scheiße«, sagte Hack. John warf sich von draußen gegen die Tür. Jemand schrie auf -- vielleicht war sie es selbst. »Wo ist der Riegel?« »Ich weiß nicht, ich kann nichts sehen!« Die Tür wackelte. »Ich kann sie nicht mehr halten -- mach schon, schnell!« »Mach den Riegel zu, verdammt!«, schrie Claire. Violet bekam den Riegel endlich zu fassen und schob ihn vor. Im nächsten Moment warf John sich wieder gegen die Tür. Violet sank erleichtert in sich zusammen. »Du hast es geschafft.« Hacks Stimme klang warm. »Gott sei Dank.« »Tja -- das nennt man Rettung in letzter Sekunde«, sagte Violet. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Ob Hack wieder was von ihr wollte? Hack hatte ein bisschen mit der stillen, schüch ternen Claire angebändelt, aber Hack brauchte jemanden wie Violet -- jemanden, der ihm Halt gab. Das hatte sie ihm tausendmal gesagt. »Ist das nicht komisch, wie wir uns wieder über den Weg laufen? Wie ein Wink des Schicksals.« »Hm, na ja, irgendwie schon«, sagte Hack. Violet tastete in der Dunkelheit nach seinem Arm und drückte ihn. »Lass uns irgendwo hingehen und über alles reden.« Das Licht ging an. Claire stand neben dem Lichtschalter. Der Raum war voller Regale und Kisten. »Hey -- gut gemacht, Bohnenstange«, sagte Violet. »Violet? Hörst du mich?«, fragte John durch die Tür. »Ich glaube, das war gerade ein großes Missverständnis. Ich bin wegen der Übergabe gekommen. Ich habe dein Geld. Ich lass es hier auf der Theke liegen, okay?« Sie biss sich auf die Lippe. »Ob er wirklich das Geld hat.« Hack sagte: »Violet, dieser Kerl ist nicht hergekommen, um dir was Gutes zu tun.« »Hmm -- du hast wahrscheinlich Recht«, sagte sie. »Machen wir, dass wir hier wegkommen.« Nach hinten führte ein Durchgang in ein dunkles Treppenhaus. Auf halbem Weg nach unten fragte Hack: »Violet?« »Ja?« »Wer war das kleine Mädchen, das du dabeihattest?« »Ach ... niemand«, sagte sie. Im Erdgeschoss kamen sie zwischen einem DisneyLaden und ei nem Starbucks heraus. Die Mall war rappelvoll, und es war so heiß und stickig, dass man kaum Luft bekam. Violets Gehirn arbeitete fieberhaft. Dieses Wiedersehen mit Hack war ein echter Glücksfall. Sie wollte Kapital daraus schlagen. »Weißt du was? Wir gehen noch mal rauf und knöpfen uns John vor«, sagte sie und zog ihre Pistole aus der Tasche. »Violet -- ich glaube, wir sollten besser zusehen, dass wir hier wegkommen«, widersprach Hack. »Ich hätte ihn durch die Tür abknallen sollen«, sagte sie. Sie kam sich wie eine Vollidiotin vor. »Warum hab ich ihn nicht einfach durch die Tür abgeknallt?« Hack und Claire starrten sie an. »Was ist?« »Bist du übergeschnappt?« »Ihr habt ja keine Ahnung, was ich durchgemacht habe«, prote stierte Violet. »Ich will nur haben, was mir zusteht. Auch wenn ich dafür jemanden abknallen muss.« Hack warf ihr einen verständnis losen Blick zu. Claire stand dabei, ohne sich einzumischen. Violet begriff, dass sie zu weit gegangen war. Sie entschied sich, auf die Tränendrüse zu drücken. »Hack ... es war alles so furchtbar!« Sie klammerte sich an ihn. »Ich wollte doch bloß vorankommen, aber alle haben mich nur abgezockt. Es tut mir Leid, wenn ich jemandem wehgetan habe. Verzeih mir?« »Fass mich nicht an! Du brauchst Hilfe! Dringend!« »Du mieser, kleiner Scheißer«, fauchte sie, aber weiter kam sie nicht. Sie entdeckte im Getümmel einen Mann, der sie unverwandt anstarrte. Er kam ihr bekannt vor. Als sich sein Gesicht verfinsterte und er auf sie zukam, erinnerte sie sich. Sie hatte ihn am Morgen vor Kates Schule getroffen. Er hieß Buy. 78. Hybris Nachdem die NRA mit Jennifer verschwunden war, sank John auf den Teppich. Er schloss die Augen und presste das Gesicht gegen die Scheibe. Dann begann er zu lachen. Zuerst war es nur ein hämi sches Kichern, doch allmählich steigerte es sich, bis es völlig außer Kontrolle geriet. Er brüllte vor Lachen. Er fühlte, wie ihm die Tränen hinunterliefen. Was für ein Gesicht Jennifer gemacht hatte -- wirklich zum Schrei en. Sie hatte wohl gedacht, sie hätte ihn im Sack. Sie hatte gedacht, sie könnte Vergeltung üben. Und dann -- schwupp! -- hatte er sie. Das klassische Spiel. Das war der Grund, warum Leute wie John es im Leben zu etwas brachten und Leute wie Jennifer bei der Regie rung landeten. Er blieb lange so sitzen und kostete seinen Sieg aus. Zu lange. Plötzlich vibrierte die Glasscheibe, an der er lehnte. Erschrocken richtete er sich auf. Das ganze Gebäude bebte. Dann hörte es wieder auf. John wartete. Ein tiefes, donnerndes Krachen ertönte. Wieder bebte das Gebäude, diesmal heftiger. John biss sich auf die Lippe. Er glaubte zu wissen, was das gewe sen sein könnte: General Li, der nach seinem eigenen Ermessen handelte. Der Aufzug machte hing. »John?« Er wandte sich um. Der Pepsi Boy erschien mit düsterer Miene. »John, du musst mitkommen. Es ist wichtig.« »Hast du das gerade mitbekommen?« »Komm mit. Die Lage ist ernst.« »Ist das ein Angriff? Etwa von Team Advantage? Ich muss mit General Li sprechen.« Sie betraten den Aufzug. »Dahin bring ich dich ja gerade.« »Guter Junge«, sagte John. »Du hast von Anfang an zu mir gehal ten. Das werde ich dir nicht vergessen.« »Danke«, sagte der Junge. »Hier oben hats wohl Probleme gege ben?« »Nur eine interne Streiterei.« John grinste. Dann sah er, zu welcher Etage der Aufzug fuhr. »Wo willst du denn hin? Das ist doch Alfon ses Etage.« »Da ist Li.« »Moment mal -- was geht hier vor?«, fragte John in plötzlicher Panik. »Was hat ...« Die Aufzugtüren glitten auseinander. Die Etage war voller Ver bindungsleute. Gesichter drehten sich ihnen zu. Gespräche ver stummten. Mitten im Saal stand Alfonse, neben ihm General Li, der sein Barett in beiden Händen hielt. »Was zum Teufel soll das?«, fragte John. »John«, begann Alfonse, »ist Ihnen bewusst, was da draußen vor sich geht?« »Was ist los?« Alfonse blickte Li an. Li sagte: »John hat mich ausdrücklich autorisiert, feindlichen An griffen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu begegnen.« »Was ist los, verdammt?« »Sie haben genau das getan, was ich Ihnen untersagt hatte«, sagte Alfonse. »Sie haben uns in weitere Militäraktionen verwickelt. Das muss aufhören. Sofort! Es ist geschäftsschädigend.« »Moment mal, okay.« John begriff. Hier war wieder eine Rede fäl lig. »Also gut. Es wird ein paar Tote geben. Große Veränderungen sind immer mit Turbulenzen verbunden. Aber eins will ich klarstel len: Wir werden die Sieger sein in dieser neuen Welt. Wenn wir die Regierung los sind, können wir Team Advantage ausschalten. Wenn wir Team Advantage los sind, haben wir keine Konkurrenz mehr. Das ist doch wohl ein paar Reibereien wert, oder? Das Ganze ist nichts weiter als aggressiver Wettbewerb in der freien Marktwirt schaft.« Er blickte in die Runde. Es waren nicht viele nickende Köpfe zu sehen. »Das hat mit Freiheit nichts zu tun, John -- das ist Anarchie.« »Wie Sie meinen«, sagte John, »wenn Sie jetzt Haarspalterei betrei ben wollen ...« »Wir haben abgestimmt.« John erstarrte. »Wie bitte?« »Die beteiligten Unternehmen haben entschieden, dass es nicht in unserem Interesse hegt, jegliche Regulierung des Marktes abzu schaffen. Wir sind bereits mit der Regierung in Dialog getreten.« »Wer hat das beschlossen? Welche Unternehmen? Gut, sollen die doch gehen! Auf solche Weicheier können wir getrost verzichten.« »Die Mehrheit.« John schluckte. »Verstehe.« »Wir werden natürlich jegliche Verantwortung für die Schäden, die durch Ihre Aktionen entstanden sind, ablehnen«, fuhr Alfonse fort. »Natürlich.« John merkte, dass er hysterisch wurde. »Na klar, nur zu, stellen Sie ruhig mich als den Bösewicht hin.« »Das Sicherheitspersonal wird Sie hinausbegleiten.« »Ich habe ein Recht darauf, hier zu sein! Ich bin der Nike Verbindungsmann, verdammt noch mal!« »Nein John, das sind Sie nicht.« Er fuhr herum. An der Wand lehnte Gregory Nike. John hatte ihn gar nicht bemerkt. »Ja, ist es denn zu glauben?«, fragte John. Dann wandte er sich an die übrigen Verbindungsleute. »Wer ist auf mei ner Seite? Wer will den Kampf weiterführen? Wir können ein eige nes Treueprogramm aufziehen! Wir können die Sache zu Ende brin gen! Wer ist auf meiner Seite?« Plötzlich starrten unzählige Verbin dungsleute angestrengt auf den Fußboden oder betrachteten die Bilder an der Wand. »Ihr Flachwichser«, sagte er. Ein NRASoldat packte ihn am Arm. Es war einer von denen, die Jennifer hinausgeworfen hatten -- natürlich, auch das noch. »Gehen wir.« »Li! Lassen Sie das nicht zu!« Doch Li schwieg. Er wusste, wer am längeren Hebel saß. Der Soldat stieß John in Richtung Treppenhaus. Als sie es erreichten, entdeckte John den PepsiBoy. »Und du?« John klammerte sich am Türrahmen fest. Der Soldat zerrte an seinen Ar men. »Du kleiner Scheißer! Du warst schon immer ein Schmarotzer ohne Rückgrat, du PepsiSchwuchtel!« »Machen Sie keine Schwierigkeiten«, sagte der Soldat. John verlor den Halt. Die Tür schlug zu. Dann wurde sie wieder geöffnet, und auf dem Treppenabsatz erschien der PepsiBoy. »Hey, John«, sagte er. »Ich heiße übrigens Theo.« »Was?« »Ich heiße Theodore.« »Denkst du, das interessiert mich einen Scheißdreck?« »Wollts nur mal so sagen«, erwiderte der Junge. Dann zerrte der Soldat John zum nächsten Treppenabsatz hinunter, sodass er den Jungen aus den Augen verlor. »Moment mal, warten Sie«, sagte er. »Sie brauchen mich doch nicht sofort nach draußen zu bringen. Lassen Sie mich wenigstens noch ein paar Sachen aus meinem Büro holen und ein paar Telefo nate fuhren.« »Ich habe klare Anweisungen, Sir.« »Diese Agentin -- die haben Sie doch erschossen, nicht wahr? Die treibt sich nicht etwa noch irgendwo hier rum?« Der Soldat warf ihm einen Blick zu. »Es wurde entschieden, sie aus dem Gebäude zu entfernen.« »Ihr Arschlöcher! Und so was redet von Befehlen -- was ist denn mit meinen verfluchten Befehlen?« Der Soldat erwiderte nichts. »Okay, warten Sie. Tut mir Leid. Sie tun nur Ihren Job. Aber Sie brauchen mich doch nicht zum Haupteingang rauszubringen. Las sen Sie mich durch das Parkdeck rausgehen.« »Ich bringe Sie zum Haupteingang.« »Ich bin mit General Li befreundet! Eng befreundet! Sie sollten es sich nicht mit mir verderben!« »Das Risiko nehme ich in Kauf, Sir.« »Ich habe 200 Dollar bei mir«, sagte John. »Hier in meiner Tasche. Na los, nehmen Sie sie.« Sie hatten die Eingangshalle erreicht, nur noch ein paar Schritte bis zu den großen Glastüren. John sträubte sich mit Händen und Füßen, aber seine eleganten Schuhe fanden auf dem blank gebohnerten Fußboden keinen Halt. »Bitte, Sir«, sagte der Soldat. Die Automatiktür glitt auseinander, und dann standen sie im Sonnenschein -- vor einer Menschenmasse. »Sie machen nicht nur sich selbst Schande, sondern auch US Alliance.« »Ach, halt doch die Fresse, verdammt«, erwiderte John. 79. Rückschlag Die NRASoldaten führten Jennifer auf die Straße hinaus. In ihrem Schock über Kates Entführung nahm sie die Situation zuerst gar nicht wahr. Der NRAMann stieß sie an und sagte: »Maam? Sie soll ten jetzt besser gehen.« Sie blickte auf und schüttelte sich, um zur Besinnung zu kommen. Sie fühlte sich schwach und begriffsstutzig. Sie fühlte sich geschla gen. »Maam? Bitte.« »Schon gut«, sagte sie. Dem Gebäude gegenüber lag eine Mall mit einem McDonalds auf der einen Seite und einem Burger King auf der anderen. Dazwischen gab es Krawall. Eine Horde Jugendlicher in XLargeKlamotten war bei Burger King eingefallen, riss Plakate von den Wänden und zertrümmerte Kassen. Jennifer entdeckte in der Menge Calvin, der gerade versuchte, eine Schlägerei zu beenden. Dann verlor sie ihn wieder aus den Augen. Sie ging los, ohne nach rechts und links zu sehen. Irgendwo hupte ein Auto, aber bis ihr klar wurde, dass das Hupen ihr galt, hatte der Fahrer schon abgebremst und schrie sie an. Jennifer ging einfach weiter. Als sie die andere Straßenseite erreichte, holperten gerade zwei schwarze Lieferwagen auf den Bordstein. Die Türen wurden aufgerissen, und Polizisten sprangen heraus. Sie stürmten an ihr vorbei auf die Randalierer zu. »Jen!« Da war Calvin wieder. Sie versuchte, sich einen Weg zu ihm zu bahnen. Calvin würde ihr helfen. »Räumen Sie das Lokal!«, rief einer der Polizisten, und dann feuer te jemand eine Pistole ab -- ob ein Randalierer oder ein Polizist, jemand von USAlliance oder von Team Advantage, das wusste Jennifer nicht, und es war ihr auch egal. Menschen gingen in Dek kung, sodass sie Calvin besser sehen konnte. Sie schlängelte sich zwischen roten und gelben Plastiktischen und stühlen hindurch. »Verdammt noch mal, runter mit dir!«, brüllte Calvin, als sie ihn erreicht hatte. Er zerrte sie in den Eingang eines Schreibwarenladens. Über der Tür hing ein Schild: UNABHÄNGIG UND STOLZ DARAUF, darunter ein weiteres Schild: RÄUMUNGSVERKAUF WEGEN GESCHÄFTSAUFGABE! »Was ist los mit dir?« »Er hat Kate entführt.« »Was?« Es knallte wieder -- diesmal war es ein längerer Schusswechsel. Die Polizei hatte Burger King umstellt. Die Randalierer zogen sich in Richtung McDonalds zurück. NRASoldaten kamen ihnen zur Hilfe und bezogen hinter der Theke und den Kassen Position. Es gab Ge brüll, dann fielen erneut Schüsse. Eine Kugel prallte von einer Bur gerKingKasse ab. »Kate, er hat meine Tochter entführt«, wiederholte Jennifer. Calvin starrte sie an. »Kate ist hier?« Sie schüttelte den Kopf. »In Melbourne. Er sagt, wenn ich ihn nicht in Ruhe lasse, bringt er sie um. Ich weiß nicht, was ich machen soll, Calvin.« »Schon gut«, sagte er. »Alles wird gut, Jen. Wir ... wir werden ihn festnehmen. Wir werden ihn zwingen, sie freizulassen. Wir kön nen ...« Seine Worte gingen in einem Getöse unter, wie Jennifer es noch nie gehört hatte. Die Polizei hatte ein Maschinengewehr auf der Theke von Burger King in Stellung gebracht und schoss damit das McDo naldsLokal kurz und klein. Rote und gelbe Plastikfetzen wirbelten wie Konfetti durch die Luft. »Ich geh wieder rein.« »Jen, das geht nicht! Duck dich! Wir müssen uns einen Plan über legen!« »Ich hätte ihn erschießen sollen, als ich die Gelegenheit hatte«, sag te sie. »Jen, warte! Hast du Billy gesehen?« »Was? Billy ist hier?« »Ich musste ihn mitnehmen. Und dann hab ich ihn aus den Augen verloren. Um Himmels willen, duck dich!« »Ich muss gehen.« Sie stand auf. Jennifer war zehn Schritte weit gekommen, als sie es hörte: ein Zischen, als ob Luft aus einem Reifen entwich. Sie bemerkte oben auf dem USAllianceHochhaus ein Fleckchen weißen Rauch -- wie eine Miniaturwolke. Dann zog etwas metallisch Glänzendes eine weiße Spur von der Wolke zu Burger King, Jennifer erhielt einen Schlag vor die Brust und war taub. Sie wusste nicht, ob sie ohnmächtig geworden war. Calvin stand über ihr und schrie ihr etwas ins Gesicht. Rakete, las sie von seinen Lippen ab. Burger King stand in Flammen. Alles war in schwarzen Rauch gehüllt. Jennifer sah sich um. Sie erkannte undeutlich das Erdgeschoss des USAllianceGebäudes. Sie erkannte undeutlich, wie sich die Glastür am Haupteingang öffnete. Sie erkannte undeut lich, wie John Nike herauskam. »Calvin? Kann ich bitte deine Pistole haben?«, fragte sie. Seine Lippen formten: Was? »Nur ...«, begann sie, doch da hatte John sie durch den Rauch hin durch bereits erkannt. Jennifer riss Calvin die Pistole aus dem Holster und rannte los. Sie kämpfte sich durch die Trümmer des ehemaligen Burger King und schlüpfte zwischen verblüfften Polizisten hindurch. Rauch zog in Schwaden durch die Luft, hüllte John zeitweise ein und ließ ihn dann wieder sichtbar werden. John trat auf die Straße und hob die Hände. Jennifer glaubte, er wolle sich ergeben. Zu spät, dachte sie. Dann sah sie das Taxi. John riss die Tür auf und sprang hinein. Er musste etwas höchst Motivie rendes gesagt haben, denn das Taxi schoss mit qualmenden Reifen davon. Jennifer konnte es nicht aufhalten, sie war zu weit entfernt. Viel zu weit. »Nein!«, schrie sie. »Nein! Nein!« Dann schrie sie nur noch. 80. Seelenverwandtschaft Billy und das Gutscheinmädchen kauerten in einem Ladeneingang ein paar Schaufenster neben McDonalds. Billy fand das gar nicht so übel -- es war eine gute Gelegenheit, sich dicht aneinander zu schmiegen. Andererseits flogen eine Menge Kugeln umher. Das be hagte Billy weniger. »So eine Scheiße passiert in Colorado nie«, sagte das Gutschein mädchen. »Nie!« »In Texas auch nicht oft.« Sie waren etwa zehn Meter von der Stra ße entfernt, gegenüber ragte das USAllianceHochhaus in den Himmel. Billy wog ihre Chancen ab, es bis dorthin zu schaffen, ohne unterwegs eine Kugel abzubekommen. Die Aussichten schienen ihm nicht besonders günstig zu sein. Die Polizei hielt den gesamten Ab schnitt der Mall mit einem Maschinengewehr unter Beschuss, und Billy nahm nicht an, dass sich einer von denen für die berufliche Vergangenheit des Gutscheinmädchens interessierte. »Diese verfluchte Stadt!«, schimpfte das Mädchen. »Eigentlich ist das ja alles deine Schuld. Warum hast du nicht ein fach gesagt, dass McDonalds die besseren Burger macht?« Sie funkelte ihn zornig an. »Warum soll ich mich von denen ein schüchtern lassen? Wenn man sich von allen rumschubsen lässt, dann bringt man am Ende sein Leben nur noch damit zu, es jedem recht machen zu wollen.« »Wo du Recht hast, hast du Recht«, sagte Billy. »Mir gehts seit Wochen so.« »Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass dich jemand rumschubst«, sagte sie, und ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Billy lächelte zurück. Gleich darauf schlug eine Gewehrsalve über ihren Köpfen in die Hauswand ein, und das Schaufenster zerbarst. Billy beugte sich über das Gutscheinmädchen, um es vor den Glassplittern zu schützen. »Danke«, sagte es. Er blickte auf. »Wir sollten wirklich zusehen, dass wir hier weg kommen.« »Mach keinen Scheiß«, sagte das Mädchen. Dann war ein Zischen zu hören, und der Burger King auf der anderen Seite der Mall ex plodierte. Es fühlte sich an wie ein Erdbeben. »Jetzt!«, schrie Billy und zog sie hoch. »Komm!« Er fasste sie an der Hand, und beide rannten blindlings durch den schwarzen Rauch. Als das Gutscheinmädchen über einen Trümmer brocken stolperte, fing Billy es auf -- es war genau wie im Film. Bald hatten sie den Rauch hinter sich gelassen. Überall wimmelte es von NRASoldaten, die Billy jedoch kaum beachteten. Dann kam eine vertraute Gestalt aus dem USAllianceGebäude zum Vorschein. Billy blieb verblüfft stehen. Es war John Nike -- der Kerl, der ihm in London den Befehl gegeben hatte, den Präsidenten zu erschießen. Billy war eine Sekunde lang versucht, hinzugehen und den Typen zusammenzuschlagen. Aber er hatte jetzt Dringenderes zu erledigen, und so rannte er weiter. John hielt ein Taxi an und stieg ein. Als Billy einen Schrei hörte, drehte er sich um. Im ersten Moment erkannte er die Gestalt nicht, die da stolpernd aus dem Rauch zum Vorschein kam. Dann begriff er: Es war Jennifer Government. »Billy! Halt ihn auf!« Er blickte dem Taxi nach und fand, dass es dafür jetzt ein bisschen spät war. Er wandte sich wieder Jennifer zu. »Bitte!« »Mist, ich brauch ein Gewehr!« Er sah sich um. »Okay, wart mal -- hier, nimm den.« Das Gutscheinmädchen hob einen Trümmerbrocken von der Straße auf. »Nein, ein Gewehr! Zum Schießen!« Aber sie lief schon auf einen NRASoldaten zu. Billy betrachtete den Trümmerbrocken verständ nislos. Das Gutscheinmädchen packte den Soldaten an der Schulter und schrie ihm ins Gesicht: »Hilfe! Helfen Sie mir!« »Immer mit der Ruhe, Miss!« »Bitte, bitte!« Sie zog ihn halb herum, sodass er mit dem Rücken zu Billy stand. Billy hatte begriffen. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei dem Soldaten und schlug ihm den Steinbrocken auf den Schädel. Der Mann schrie auf und hielt sich den Kopf. Billy entriss ihm das Gewehr. »Ich dachte schon, du kapierst es nie«, stöhnte das Gutscheinmäd chen. »Psst.« Billy stellte sich breitbeinig hin, sodass er einen festen Stand hatte, und nahm das davonfahrende Taxi ins Visier. Es war im Grunde ein lächerlicher Versuch -- das Auto war schon anderthalb Blocks entfernt, und ständig rannten ihm ungefähr eine Million Leu te durch die Schusslinie. »Sei mal still ...« Das Mädchen verstummte. Billy atmete tief ein. Man musste schie ßen, während man langsam und kontrolliert ausatmete -- dann war der Körper am ruhigsten. Man musste zwischen zwei Herzschlägen abdrücken. Die Welt um ihn herum verschwand. Er schoss. »Heilige Scheiße!«, japste das Mädchen. Der Reifen zerplatzte. Billy sah, wie die Gummifetzen umherflogen. Das Taxi schleuderte, machte eine Vierteldrehung um die eigene Achse, wurde von einem Lieferwagen gestreift und krachte schließ lich in ein Schaufenster. Billy ließ das Gewehr sinken. Das Mädchen starrte ihn an. »Und was hast du so drauf?« Er sah sich nach Jennifer um, aber sie war wieder von Rauch ein gehüllt. »Lass uns von hier verschwinden.« »Gute Idee.« Das Mädchen nahm seine Hand. »Wohin?« Er lächelte. »Kannst du Skilaufen?« »Machst du Witze?« »Warum?« »Ich komme aus Aspen«, sagte es. »Aspen, Colorado. Im Winter arbeite ich als Skilehrerin.« Sie trat von einem Fuß auf den anderen. »Was hast du? Ist doch nichts dabei.« Er fand seine Stimme wieder. »Ich ...« »Fährst du denn gern Ski?« »Ja«, sagte Billy. »Und wie.« »Cool«, sagte sie. »Komm, nichts wie weg hier.« 81. Größe Heute ist ein großartiger Tag, dachte Buy. Komisch -- noch vor einem oder zwei Monaten war er drauf und dran gewesen, sich umzubringen. Dass er überhaupt noch am Leben war, lag bloß daran, dass er nicht genug von Waffen verstand, um einen .45er Colt zu entsichern. Seither war alles gewissermaßen ge borgte Zeit. Ich bin ein großartiger Mensch. Als er die Chadstone Mall betrat, zitterten ihm die Knie, und er hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Auch das war komisch. Er hatte keine Angst vor dem Tod, aber die Vor stellung, mit der Rolltreppe zur vierten Etage hochzufahren, ver setzte ihn in Panik. Er wurde die Vorstellung nicht los, dort auf dem Boden ein Mädchen in einer größer werdenden Blutlache vorzufin den. »Ist Ihnen nicht gut?« Er merkte, dass er schwankte und beinahe umgekippt wäre. Ein Mädchen in Schuluniform sah ihn mit großen Augen an. Buy wandte sich ab. »Doch, doch ... alles in Ordnung.« »Sicher?« »Ja«, sagte er. Es klang atemlos. Er bekam keine Luft. Während er sich durch die Menge schob, fühlte er den Blick des Mädchens im Rücken. Die Rolltreppen ragten vor ihm auf-- riesige Gebilde aus Stahl und Menschen mit Einkaufstaschen. Jedes Hindernis ist eine Chance. Er hatte nicht damit gerechnet, Violet auf dieser Etage zu treffen. Vor Überraschung starrte er sie sekundenlang an, ehe ihm klar wurde, wen er da vor sich hatte. Dann ging er auf sie zu. Sie bemerkte ihn und zog eine Pistole. Buy hätte beinahe losgelacht. »Okay, Sie bleiben jetzt schön da stehen.« »Eine Pistole!«, schrie jemand. Die Leute flüchteten nach allen Sei ten. Buy ging einfach weiter. »Ich meins ernst. Hören Sie, es tut mir Leid, das mit Ihrer Kleinen und so ... hey! Stop! Oder soll ich Sie erschießen?« »Wo ist Kate?« »Stehen bleiben!«, schrie sie, und er sah, wie ihre Finger zitterten. Blitzartig wurde ihm klar: Wenn er tot war, konnte er Kate nicht mehr retten. Also blieb er stehen. Die Pistole war noch gut einen halben Meter von seiner Brust entfernt. »Violet?«, sagte ein junger Mann neben ihr. Buy nahm an, dass es sich um Hack Nike handelte. »Komm schon, steck die Waffe weg.« »Halt die Klappe! Das geht dich nichts an!« »Wo ist Kate?«, wie derholte Buy. »Sie ist oben«, sagte Hack. »John hat sie. Auf der vierten Etage, im Ni...« »Halt die Klappe!«, schrie Violet. »Violet«, sagte Hack ruhig. »Die MallSecurity ist bestimmt schon unterwegs. Mach die Sache nicht noch schlimmer.« »Ich hab euch alle durchschaut. Alle kriegen, was sie wollen, nur ich nicht! Ich werd immer nur aufs Kreuz gelegt!« »Niemand wird hier aufs Kreuz gelegt.« »Bitte, ich muss Kate finden«, flehte Buy sie an. »Was springt dabei für mich raus?«, sagte Violet. »Bitte!« »Ich wollte mich doch nur selbstständig machen. Ich wollte meine Software verkaufen und ein bisschen Geld verdienen. Ist das so falsch?« »Violet, du hast eine Pistole in der Hand!«, sagte Hack. »Du hast ein Kind entführt! Wenn du wissen willst, was bei dir schief gelau fen ist, dann fang mal damit an!« Es trat eine lange Pause ein. Schließlich sagte Violet: »Es gibt keine Gerechtigkeit.« Buy erkannte in letzter Sekunde, was sie vorhatte. Er versuchte noch auszuweichen, doch die Kugel erwischte ihn. Als Nächstes lag er auf dem Rücken und starrte in die Neonleuchten der Mall. Buy hörte Schreie und nahm neben seinem Kopf Schritte wahr. Da ihm nichts Besseres einfiel, blieb er reglos liegen. Sein Bizeps pochte. Er betastete ihn vorsichtig und sah dann seine Finger an. Wie es schien, hatte sie ihn tatsächlich getroffen. Hacks Gesicht tauchte über ihm auf. »Alles in Ordnung?« »Ich ... ich weiß nicht«, antwortete Buy. »Hm ... sieht nicht so aus. Bleiben Sie am besten ruhig liegen. Keine Sorge, Violet ist weg.« Buy setzte sich auf. Es tat gar nicht so weh, wie er vermutet hatte. Vielleicht war das der Schock. »Ich heiße Buy Mitsui. Ich brauche Ihre Hilfe -- wir müssen Kate finden. Sie ist Jennifer Governments Tochter.« »Ach du Scheiße ...« Hack warf Claire einen raschen Blick zu. »Hö ren Sie, wir müssen wirklich schnellstens von hier verschwinden. Wir werden gewissermaßen gesucht. Tut mir Leid.« »O... okay«, sagte Buy. Er versuchte aufzustehen. Hack half ihm auf die Beine. »Es tut mir wirklich Leid«, sagte Hack. »Es ist bloß so, wenn Nike mich erwischt ...« Buy sah wie durch einen weißen Schleier, aber er konnte die Auf züge erkennen. Er ging darauf zu. Sein Arm begann zu schmerzen. Als er auf der zweiten Etage angekommen war, stießen Hack und Claire wieder zu ihm. »Ich habs mir überlegt«, sagte Hack. »Ich hel fe Ihnen.« »Danke.« »Was sollen wir machen?« »Lenken Sie ihn ab«, sagte Buy. 82. Schatten der Vergangenheit Während Jennifer in die eine Richtung rannte, kamen ihr ungefähr 10000 Leute entgegen. Sie strömten aus einer Einkaufspassage her vor. Es gab wohl kein effektiveres Mittel, einen Bereich zu räumen, als einen Raketenangriff, dachte Jennifer. Als sie in der Mall ankam, waren fast keine Kunden mehr zu sehen. Es war ein seltsam vertrauter Anblick -- die Mall war genauso auf geteilt wie die in Chadstone. Es gab sogar eine Verlosung, bei der zwei Sportwagen zu gewinnen waren. Wahrscheinlich wurden diese Einkaufszentren alle nach dem gleichen Muster gebaut -- völlig standardisiert. Sie entdeckte John genau in dem Moment, als er zwei NRA Soldaten erreichte. »Helfen Sie mir!«, keuchte er. »Ich bin ein US AllianceVerbindungsmann, und ich werde von einer Frau mit einer Pistole verfolgt!« Er zeigte auf sie. Die beiden zogen ihre Waffen. »Bleiben Sie stehen, Maam.« Jennifer verlangsamte ihr Schritttempo. Dabei hielt sie ihre Pistole senkrecht nach oben gerichtet. »Erschießt sie!«, schrie John. »Lassen Sie die Waffe fallen, Maam. Sofort.« Sie ging weiter. »Maam ...« »Die lässt sich nicht aufhalten, ihr blöden Wichser! Erschießt die Schlampe!« John wollte sich langsam wegschleichen. »Wir meinen es ernst! Letzte Warnung!« »Also gut.« Sie steckte ihre Pistole ein. Ein Soldat griff nach ihr. Sie packte zu und drehte ihm den Arm um. Während er noch über rascht nach Luft schnappte, rammte sie seinen Kopf dem zweiten Soldaten ins Gesicht. Die beiden gingen zu Boden, und sie stieß ihre Waffen mit dem Fuß weg. »Ihr Schwachköpfe!«, brüllte John. Er rannte auf die Rolltreppen zu. Er war erstaunlich schnell -- offenbar hatte er bei dem Autounfall keinen Schaden genommen. Jennifer zielte sorgfältig. Die Kugel prallte von der Stahlwand der Rolltreppe ab. John blieb stehen und beugte sich über das Geländer. »Bist du verrückt?« Seine Stimme hallte durch die menschenleere Mall. »Willst du, dass Kate was zustößt?« Jennifer zielte wieder, aber er duckte sich rechtzeitig. Schon wieder daneben. Sie lief zur Rolltreppe. »Wenn der Mann nichts von mir hört, bringt er sie um!«, schrie John. Aber Jennifer glaubte ihm kein Wort. Seine Stimme verriet aufsteigende Panik. Im Übrigen war John nicht der Typ, der Vor kehrungen für den Fall seines eigenen Ablebens traf. Sie sah flüchtig, wie er über das Geländer auf die nächste Rolltreppe kletterte. »Ich rate dir, lass mich in Ruhe, und zwar auf der Stelle!« Auf der fünften Etage versuchte er ihr zu entkommen, indem er sich hinter einer Säule versteckte, aber sie sah sein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe. Er hantierte mit etwas herum. Sie hob die Pistole und näherte sich vorsichtig. John hörte sie kommen. »Jen! Mach keine Dummheiten!« »Komm raus, John.« »Ich hab ihn am Telefon!«, schrie er. »Verdammt noch mal, ich hab ihn am Telefon -- willst du, dass ich sie umbringe?« Sie blieb stehen. »Gut so. Ich habe ihn jetzt in der Leitung. Überleg dir gut, was du tust.« John trat hinter der Säule hervor, das Handy ans linke Ohr gepresst. Seine Stirn schimmerte feucht. Sein teures Hemd war durchgeschwitzt. »Lass die Pistole fallen.« »Kommt nicht infrage.« »Willst du, dass ich ihm sage, er soll ihr wehtun?« Jennifer betrachtete ihre Pistole. Sie brachte es nicht übers Herz. »Mach schon!« Sie legte die Waffe auf den Boden. »Schalt das Handy ab.« »Erst schiebst du mir mit dem Fuß die Pistole her.« »Die kriegst du, wenn du das Gespräch beendet hast.« »Du kannst es dir nicht leisten, hier Bedingungen zu stellen, Jen. Ganz und gar nicht.« Jennifer dachte nach. John ihre Pistole zu geben, wäre dumm -- ganz dumm. Sie zweifelte nicht daran, dass er sie auf der Stelle er schießen würde. Sie setzte den Fuß auf die Waffe. »Vorsichtig, hübsch langsam.« »Ich nehme an, du hast keins von den ermordeten Kindern gese hen«, sagte sie. »Ich schon. Die Mall sah genauso aus wie diese hier.« »Ich bitte dich«, stöhnte John. »Fang jetzt bloß nicht an, den Moral apostel zu spielen. Das hängt mir langsam zum Hals raus. Und jetzt gib mir endlich die verdammte Pistole.« Sie gab der Waffe mit dem Fuß einen Tritt. Die Pistole schlitterte kreiselnd über den Boden und beschrieb mit dem Lauf träge Ellip sen, bis sie über die Kante der Galerie glitt. Jennifer hörte, wie sie scheppernd auf einem der Autos im Erdgeschoss aufschlug. John traten die Augen hervor. »Hab ich mich nicht klar genug aus gedrückt?« »Schalt das Handy aus.« »Du konntest einfach nicht von mir ablassen, wie? Du musstest mich um die halbe Welt verfolgen. Das ist doch krankhaft, Jen! Du bist besessen. Du denkst, du hast dich verändert, seit du von Maher weg bist? Du denkst wohl, du hast dir ein Gewissen gezüchtet, als du schwanger warst? Schwachsinn. Du warst damals bei Maher ein Konzernflittchen, und du hast dich seitdem kein Stück verändert -- genau so wenig wie deine Tätowierung. Diese Teenager bei Nike kümmern dich doch einen Scheißdreck. Du bist bloß hinter mir her -- weil du vor acht Jahren nicht das von mir gekriegt hast, was du wolltest. Das ist persönliche Rachel« Jennifer wollte zur verbalen Gegenattacke ansetzen, da klingelte ihr Handy. 83. Rettung Viele Menschen hatten es sehr eilig, die Mall zu verlassen, was Vio lets Schusswaffengebrauch zu verdanken war. Die Nike Town lag direkt vor Buy, und er sah, wie ein Mann den Kopf herausstreckte und die vorbeirennenden Leute beobachtete. Kein Kopf, auf den man neidisch gewesen wäre. Er sah so aus, wie Buy sich fühlte. Von hinten schrie Hack: »Hey, du Arschloch!« Der Kopf des Man nes fuhr herum. Hack und Claire standen an der Rolltreppe und winkten mit beiden Armen. »John, du hässlicher Wichser!« Der andere John kam aus dem Geschäft hervor. Er zerrte Kate hin ter sich her. Buys Herz raste. Kates Gesicht war voller Tränenspuren. Halt durch, Schatz, gleich ist es vorbei, dachte er. »Was?«, schrie John. »Ich versteh euch nicht!« Er griff mit der frei en Hand unter seine Jacke. Buy stolperte auf ihn zu. Sein Arm blutete heftig. »Entschuldigen Sie.« »Was zum Teufel wollen Sie denn?« John verzog das Gesicht. »Vergebung«, sagte Buy und umklammerte ihn mit beiden Armen. »Kate, lauf!« »Verdammte Scheiße, was soll das?«, fluchte John. Kate starrte ihn wie gelähmt an. Dann lief sie los. Buy sah ihren Rücken und ihr we hendes Haar. »Lassen Sie mich los!« »Tut mir Leid -- geht nicht«, keuchte Buy. »Loslassen!« John schmetterte Buy mit voller Wucht gegen die Ladentür, sodass ihm die Luft wegblieb. Dann nahm John Anlauf für einen zweiten Stoß. Buy bemerkte in letzter Sekunde die großen, metallenen Türgriffe in Form des NikeSwoosh, die an den Enden spitz zuliefen. Nicht ungefährlich, dachte er. Daran könnte sich je mand verletzen. John stieß ihn erneut rückwärts. Buy warf sich nach links und ver suchte, John herumzureißen. Als dieser gegen die Tür prallte, verlor Buy den Halt. Er stürzte zu Boden und blieb hustend liegen. Buy rechnete instinktiv damit, dass Johns polierte Schuhe jeden Moment Kontakt mit seinen Rippen aufnehmen würden. Aber er glaubte nicht wirklich daran. Dieser letzte Griff, mit dem er John herumgerissen hatte, war schon gelungen gewesen -- äußerst ge lungen. »Buy?« »Jedes Hindernis ist eine Chance«, sagte Buy. Er versuchte zu la chen, doch es kam nur ein trockenes Husten heraus. Verschwommene Gesichter tauchten über ihm auf. »Jemand muss 911 anrufen! Schnell, einen Krankenwagen!« »Nehmen Sie meine AmericanExpressKarte«, sagte Buy. Es kam einfach so heraus -- er konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. »Bleiben Sie liegen, Buy. Nicht bewegen.« »Kate -- wo ist ...« »Vielleicht sollten wir Kate diesen Anblick lieber ersparen«, sagte Hack. »John ist ... er hängt am Türgriff.« »Ich muss sie aber sehen. Bitte.« Hack wollte schon gehen, als Buy ihn mit seiner unverletzten Hand zurückhielt. »Hack -- danke.« Hack machte ein verlegenes Gesicht. »Keine Ursache.« Buy schloss die Augen. Er stand kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, und das war nicht gut. Vorher gab es noch etwas zu re geln. Er musste durchhalten. »Buy! Buy!« Er schlug die Augen auf. Alles war verschwommen. Er sah Kate nur undeutlich, wie durch einen Nebel. Etwas fiel auf sein Gesicht, und er erkannte, dass sie weinte. »Hey, ich werd schon wieder gesund, keine Sorge.« »Ganz bestimmt?« »Ganz bestimmt.« »Okay.« »Und jetzt, Kate ...« Jemand wickelte etwas um Buys Arm. Er war einerseits dankbar dafür, andererseits fing es jetzt erst richtig an wehzutun. »Du musst etwas für mich tun. Es ist sehr wichtig. Du musst es sofort machen. In Ordnung?« »Was denn?« »Ruf deine Mutter an«, sagte er und wurde ohnmächtig. 84. Gefasst Jennifer blickte auf ihre Tasche hinunter. Das Handy klingelte wie der. »Geh nicht dran«, sagte John. »Schieb es mir rüber. Los, mach schon.« Sie zog das Telefon hervor. »Lass das Handy fallen! Ich meine es ernst, Jen! Mach keinen Scheiß, oder ich tus!« Sie zögerte kurz, dann klappte sie das Handy auf. »Ja?« »Mommy?« Der Ansturm der Gefühle überwältigte sie so sehr, dass sie im er sten Moment keinen Ton herausbrachte. Sie sah John an. »Hallo, mein Schatz.« John ließ sein Handy fallen, hob die Hände und trat langsam den Rückzug an. »Okay, Jen, lass uns jetzt nichts Unüberlegtes tun.« Sein Blick huschte panisch hin und her. »Ich glaube, es hat da wohl ein kleines Missverständnis gegeben ...« Sie trat auf ihn zu. »Jen ... Jen! Hör mir zu. Lass uns nichts überstürzen! Lass uns nicht vorschnell urteilen!« Er rannte los. Jennifer holte ihn mit wenigen Sätzen ein, packte ihn am Kragen seines Jacketts und schleuderte ihn gegen das Geländer der Galerie. Der Aufprall ließ alle Luft aus seiner Lunge entweichen. Dann hing er über dem Geländer und starrte auf die Autos in der Tiefe. »Ich wollte ihr nichts tun! Ehrenwort!« Sie flüsterte: »Lieber soll sie überhaupt keinen Vater haben als ei nen wie dich.« »Nein! Jen, bitte!« »Gefällt dir die Aussicht? Willst du mal sehen, was ich in einer Mall wie dieser gesehen habe, als du vierzehn Menschen umge bracht hast?« »Nein!« »Du hast mich unterschätzt«, sagte sie. Es war ein überraschend befriedigendes Gefühl -- besser, als sie gedacht hätte. »John Nike, ich verhafte Sie wegen Mordes an Hayley McDonalds und bis zu vierzehn weiteren Personen.« »Was? Was?« »Die Regierung wird Sie in Gewahrsam halten, bis die Familien der Opfer ein Strafverfahren gegen Sie einleiten können.« Jennifer riss ihn hoch und rührte ihn in Richtung Rolltreppe ab. Er machte eine jämmerliche Figur. Ständig knickten ihm die Beine weg, als wäre er betrunken. »Du verhaftest mich? Ist das dein Ernst? Ich gehöre doch nicht ins Gefängnis!« »Keine Widerrede«, sagte sie. 85. Heimkehr Der Flug schien endlos zu dauern, sodass es Jennifer kaum mehr aushielt. Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her und warf dem Flugpersonal finstere Blicke zu. »Psst. Ganz ruhig«, sagte Calvin. »Ein Zwischenstopp in Auckland!«, schimpfte sie. »Nicht zu fas sen.« »Lies Zeitung«, schlug Calvin vor. »Oder sieh dir den Film an. Vi deospiele gibts auch, wie wärs damit?« »Ich will nach Hause!« »Soll ich mal fragen, ob du zum Piloten rein darfst, um dir die In strumente anzusehen?« Sie warf ihm einen viel sagenden Blick zu. »Nur noch 35 Minuten«, sagte er. »Schon gut«, grummelte sie. »Schon gut.« Calvin blätterte ein biss chen in seiner Zeitschrift. Nach einer Weile sagte Jennifer: »Übri gens ...« Er blickte auf. »Hmm?« »Es ist die Malibu Barbie. Meine Tätowierung. Es ist der Artikel kode von der Malibu Barbie.« Calvin blinzelte ungläubig. »Tatsächlich?« »Ich war als Kundenbetreuerin für Mattel zuständig. Und ich wohnte in Malibu. Daher die Tätowierung. Findest du das albern?« »Nein, nein. Keineswegs.« »Das war damals richtig hip.« »Kann ich mir vorstellen.« Jennifer beäugte ihn. »Du erzählst das doch nicht weiter? Es ist schon ein bisschen peinlich.« »Natürlich nicht«, sagte er. »Dein Geheimnis ist bei mir in guten Händen, Barbiepüppchen.« »Und nenn mich ja nicht Barbiepüppchen«, sagte sie. Als Jennifer aus dem Flugzeug stieg, fühlte sie sich völlig erschla gen. Sie lief durch einen langen, weißen Flur, dann durch eine Au tomatiktür, hinter der dichtes Gedränge herrschte. Im ersten Mo ment nahm Jennifer nichts als ein Gewimmel von Farben wahr. Dann sah sie Kate auf sich zurennen. Ihre Knie wurden weich. »Mom!« Sie kniete nieder, und Kate riss sie fast um. Jennifer fühlte, wie die kleinen Arme sich um ihren Hals schlangen. »Oh, Kate!« »Ich hab dich so vermisst!« »Ich hab dich auch vermisst, mein Schatz.« Jennifer schloss die Augen. »Ich hab dich lieb!« »Ich hab dich auch Heb!« »Sei vorsichtig mit Mommys Schulter! Lass dich anschauen. Wow! Ich sehe schon, Buy hat gut für dich gesorgt.« Sie blickte zu ihm auf. Er wirkte verlegen, lächelte und schien sich angestrengt zurückzu halten. »Hi.« »Komm her«, sagte sie. »Da runter?« »Genau.« Buy ging in die Hocke, und sie umarmte ihn ebenfalls. »Autsch«, sagte er. »Sei vorsichtig mit Buys Arm.« »Oh! Entschuldige.« »Schon gut.« Jennifer berührte sein Gesicht. Er sah aus, als warte er auf einen Kuss. Also beugte sie sich zu ihm hinüber, und sie küssten sich. »Danke für alles«, flüsterte sie. »Vielen Dank ...« »Schon gut«, wehrte er beschämt ab. »Ich ... ich bin froh, dass du wieder zu Hause bist.« »Ich auch«, flüsterte sie. Sie umarmte die beiden so fest, wie sie konnte. Kates kleine Finger schlossen sich um ihre Hand. Jennifer drückte ihr Gesicht an Kates Haar, und als ihr der vertraute Geruch in die Nase stieg, konnte sie plötzlich das Schluchzen nicht unter drücken. So verharrten sie alle drei eine Weile lang reglos. »Hallo?« »Jim GE?« »Wer spricht dort?« »Jennifer Government.« »Oh ...« »Jim, ich rufe Sie an, um Ihnen mitzuteilen, dass die Regierung die Schuldigen in Ihrem Fall ermittelt und festgenommen hat. Ich werde Ihnen die Akte in den nächsten Tagen zuschicken. Sie sollten sich an eine Anwaltskanzlei wenden, damit Sie ein Strafverfahren einleiten können.« »Sie haben ... Sie haben rausgefunden, wer Hayley ermordet hat?« »Ja.« »Mein Gott! Ich danke Ihnen ... vielen, vielen Dank ...« »Nichts zu danken. Auf Wiedersehen,Jim.« Sie legte auf. Buy sah sie an. »Alles erledigt?« »Ja«, sagte sie. Epilog 86. Rehabilitation Die Frau blätterte die Seiten von Johns Lebenslauf vorwärts und zurück, wieder und wieder. Er zwang sich zur Geduld. Diesmal würde er nicht die Nerven verlieren, mochte sie auch noch so eine herablassende, streng frisierte, elegant bebrillte Zicke sein. Sie sah auf. »Sie waren NikeVerbindungsmann?« »Ja.« Er trommelte mit den Fingern auf seinem Oberschenkel. »Gab es da nicht irgendwelche Probleme ... gehörte Nike nicht zu den Hauptverantwortlichen in dieser ...« »Ach, das ist alles ziemlich aufgeputscht worden!« John lächelte. »Ein paar Leute haben da wohl tatsächlich etwas über die Stränge geschlagen, aber wir anderen waren eher zurückhaltend.« »Aber Sie haben für USAlliance gearbeitet?« »Nicht in dem Bereich«, sagte John. »Ich war mehr für die Kun denwerbung zuständig, Promotion und so.« »Verstehe«, sagte sie. »Und das war ... vor zwölf Jahren?« Er lächelte immer noch. »Ganz recht.« »Und seither haben Sie ...« »Sonderprojekte bearbeitet.« »Verstehe ...« Sie stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Also dann danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, John. Sie hören von uns.« »Das war schon alles?« »Ja.« Er zwang sich zu sagen: »Danke, dass Sie mir die Gelegenheit zu einem Gespräch gegeben haben. Ich weiß das wirklich zu schätzen.« Die Frau lächelte. Während er hinausging, sagte sie: »Einen schö nen Tag noch.« Seine Hand krampfte sich um die Türklinke. Vor seinen Augen verschwamm alles. Er schloss die Tür behutsam und ging. Für eine Stadt, die dem Automobil verschrieben war, hatte Los Angeles John nicht viel zu bieten, was Taxis anging. Genau genom men hatte Los Angeles ihm überhaupt nichts zu bieten. Er bereute, hierher zurückgekehrt zu sein. Er hatte diese Stadt wesentlich reiz voller in Erinnerung. John wanderte anderthalb Blocks weit am Wilshire Boulevard ent lang, ehe es ihm gelang, ein Taxi auf sich aufmerksam zu machen. Als er darauf zuging, kam ein Typ im feinen Anzug aus einem Re staurant und wollte ihm den Wagen wegschnappen. »Hey, du Arsch! Das ist mein Taxi!«, rief John. Der Schicki drehte sich um. Es war der PepsiBoy. »Ach du meine Fresse«, sagte John. Der PepsiBoy war inzwischen kein Junge mehr, sondern in etwa so alt, wie John damals gewesen war. Er ergriff Johns Hand und schüttelte sie. »John! Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt! Was ma chen Sie denn hier? Mann, wie lange ist das jetzt her?« »Hey, wow«, sagte John, während er sich fragte: Wie hieß er noch mal? »Tut mir Leid, ich wollte Ihnen nicht das Taxi klauen.« »Ach ...« John winkte ab. Dass er hier dem PepsiBoy über den Weg lief, war die Chance für ihn -- eine gigantische Chance. »Wie ist es Ihnen so ergangen?« »Klasse, echt klasse. Ich bin jetzt Vice President Sales bei PepsiCo -- schon gehört?« »Nein.« »Mann, echt klasse, dass Sie wieder draußen sind! So einer wie Sie gehört einfach nicht in den Knast. Wann haben sie Sie rausgelas sen?« »Vor zwei Wochen.« »Echt ne Sauerei. Ich kanns immer noch nicht glauben, dass Nike Sie so hat hängen lassen. Ich meine, ich weiß ja schon, warum, aber ...« »Diese Arschlöcher ...«, setzte John an, brach dann aber ab. »Ach übrigens, ich suche gerade einen Job.« »Hey! Wenns drauf ankommt, können Sie jederzeit bei Pepsi an fangen. Ganz im Ernst.« »Wirklich?« »Sie sind unser Mann, John. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen.« John fühlte echte Dankbarkeit. Der PepsiBoy war ein guter Freund gewesen -- nur ganz am Schluss nicht mehr, aber das war ja schließ lich verzeihlich, nicht wahr? In Anbetracht der Umstände ... »Kum pel, ich nehm alles mit >Marketing< und Managen im Titel. Hier draußen geh ich vor die Hunde.« Dem Jungen klappte die Kinnlade herunter. »Hm, John, im Marke ting können wir Sie allerdings nicht gebrauchen.« »Was?« »Na ja, wir können Sie ja wohl schlecht im Kundenkontakt einset zen, nachdem ... Sie wissen schon.« »Und von was für einem Job redest du dann?« »Wir haben in der Kreditabteilung was frei, und ich glaube in der Auftragsbearbeitung ...« »Kreditabteilung? Denkst du, ich mach bei euch den Buchhalter?« »War ja nur n Angebot, Kumpel.« »Hey!«, rief der Taxifahrer. »Was ist jetzt, steigt bald mal jemand ein?« John schlug dem Jungen hart vor die Brust. »Ich bin Marketingma nager! Ich stand ganz knapp vor dem größten verdammten Geschäfts coup aller Zeiten!« »Das mag schon sein«, sagte der Junge. »Aber nehmen Sies mir nicht übel -- knapp daneben ist halt auch vorbei, verstehen Sie?« »Du kleiner Wichser«, zischte John. »Ich muss weiter. Wenn Sie einen Job brauchen, rufen Sie mich an.« »Eines Tages werden wir die Sache zu Ende bringen!«, schrie John. »Ich sag dir, es hat sich nichts geändert! Eines Tages werden wir es wieder versuchen, und dann werden wir es schaffen!.« »Kann schon sein«, sagte der Junge, während er ins Taxi stieg. »A ber dann ohne Sie, John.« Danksagung Der Alltag eines Schriftstellers besteht die meiste Zeit darin, dass man vor einem Computer sitzt und gegen die Versuchung ankämpft, Minesweeper zu spielen. Das geht einige Jahre lang so, bis tatsäch lich ein Buch verlegt wird und sich auf einmal alle Welt darum reißt, mit einem zu reden. Aber ein paar Menschen sind von Anfang an für einen da. Das sind diejenigen, auf die es wirklich ankommt. Kassy Humphreys, Gregory Lister und Roxanne Jones haben die erste Rohfassung gelesen und hervorragendes, dringend benötigtes Feedback geliefert. Dasselbe gilt für Wil Anderson und Charles Thiesen, die für ihre unglaublich detaillierte und hilfreiche Kritik viel zu viel von ihrer Zeit geopfert haben. Geoff Wong hat die allzu abenteuerlichen Theorien über Computerviren ausgemerzt, die in einigen Kapiteln vorkamen. Carolyn Carlson überzeugte mich, ei nen wichtigen Charakter ganz zu streichen, was ebenso schmerzlich wie schwierig, letztendlich aber eine gute Entscheidung war. Todd Keithley, mein ehemaliger Literaturagent, unterstützte mich wäh rend der gesamten Entstehungsphase des Buches ungemein. Als er seinen Job aufgab, war ich völlig aufgeschmissen und überzeugt, dass nie mehr ein Buch von mir veröffentlicht werden würde. Luke Janklow, mein umwerfender neuer Agent, sorgte dafür, dass wieder ein Buch von mir veröffentlicht wurde. Ihm habe ich auch den Kon takt zu einem Verleger zu verdanken, der mehr Scharfblick und En gagement aufbrachte, als ich mir jemals hätte träumen lassen -- Bill Thomas, der das Kunststück fertig brachte, fünf Seiten mit Ände rungsvorschlägen zu verfassen, mit denen ich voll und ganz einver standen war. Und Jen, meine wunderbare Frau, machte mir immer wieder Mut, wenn die Wörter nicht kamen, fieberte mit mir, wenn sie kamen, und war und ist das Glück meines Lebens.